Deutschland: Der Wanderzirkus und die Farbe Lila

Zwei Frauen, ein Plüschsofa. Getränke auf dem Nierentisch. Dahinter Bordürentapete mit Landschaftsbild. Eine befranste Stofflampe wirft heimeliges Licht auf die Szenerie im Salon Schmück. Ein reizendes Café mit charmanter Atmosphäre. Zwei Attribute, die auch die Geschichte einer Schnapsidee und ihrer Protagonistinnen treffend beschreiben.

„Was wir gemacht haben, war ja total Punkrock. Wir haben uns alles ausgedacht und sind drauf losmarschiert“, erzählt Ulrike Kabyl über ihr erstes Mal. „Sagst du zu, kommst du“, ergänzt Harriet Udroiu. So seien sie damals gewesen. Hemdsärmlich und ein Stück weit blauäugig. Im Herbst 2004, als beide ins Café Moskau reinstolzierten und auf den damaligen Betreiber Wolfgang Höcherl trafen. Der fand die Idee immerhin dufte, wollte jedoch Unmengen Geld für die Raummiete. Mehr jedenfalls als die angehenden Unternehmerinnen für zwei Tage geschweige denn für einen Tag kalkuliert hatten. Eine Unsumme aus damaliger Sicht, von der sie heute sagen, dass es ein fairer Preis war, zumal Wolfgang mit ins Risiko ging.„Vielleicht kommt keiner und plötzlich haben wir Schulden“, ein Gedanke, der Harriet durch den Kopf schoss, bevor sich an einem Dezemberwochenende die Türen des Café Moskau öffneten. Und die Leute scharenweise hereinströmten. Zum ersten Holy.Shit.Shopping.

Shoppen, chillen, loungen. So das Credo der Veranstaltung. Ein Edel-Jahrmarkt. Nicht im Himmel, sondern in hipper Location. Wo lässige DJs den Sound der Großstadt auf Laissez-faire dimmen. Eine Plattform für junge Kreative, die jenseits kratziger Stricksocken denken. Die aus Ideen Farben und Formen entwickeln. Schöne Dinge also für die Gabentische einer urbanen Käuferschar. Ein Design-Eldorado, das den guten alten Weihnachtsmarkt revolutionieren sollte.

Entstanden war die Idee in Ulrikes Kopf. Umgesetzt werden konnte sie nur mit einer Partnerin. Einer, auf die man sich 100%ig verlassen kann. Mit einer wie Harriet, die so korrekt und geerdet ist. Diplomatisch, abwägend. Ein Fels in der Brandung. Aber auch ängstlicher und vorsichtiger. „Du hast uns vor vielen Katastrophen bewahrt.“ Ein Satz, den UIrike ohne Zögern ausspricht. Wie es ihrem Naturell entspricht. Direkt, schnell. Wenn es sein muss, auch mal aufbrausend. Mit dem Kopf durch die Wand. Mit einem Bein in der Luft. Zwei Frauen, die wie Feuer und Wasser sein könnten, wären sie nicht zwei Puzzleteile, die perfekt zusammen passen und eine Einheit bilden. .

Beide verließen ihre Heimat. DDR und Rumänien. Magdeburg und Targu-Jiu. Ulrike wachte im Mai 1989 in Berlin-Kreuzberg auf und fand, dass es keinen besseren Ort auf der Welt geben könne als diesen. Ein Ort, wo alles möglich schien: Reisen, leben, jobben, studieren. Kommunikationswissenschaften beispielsweise, der Renner der 90er Jahre. Brotlose Kunst im neuen Jahrtausend, als die Blase platzte und Festanstellungen Mangelware wurden. Ulrike verdingte sich freiberuflich. Arbeiten auf Zuruf. Aber auch das war es irgendwie nicht. „Ich wusste nicht, was ich wollte. Nur, was ich nicht wollte – früh aufstehen und mich mit hässlichen Dingen umgeben müssen!“ Damit waren die Weichen gestellt.

Da wo Kreuzberg aufhört und Neukölln anfängt, in der „Ankerklause“ am Kottbuser Damm, wurde aus der Schnapsidee eine Alternative. Shit Shopping statt Kellnern, fand auch Harriet die zweisprachig aufwuchs und seit der Kindheit in der Kleinen Walachei einige Lektionen gelernt hat. „Die Hauptschule ist da drüben“, war ihr im süddeutschen Besigheim geraten worden. Das Abitur hat sie trotzdem gemacht. Zwei Jahre Mathematik in Köln studiert. Danach Kommunikationswissenschaften und französische Literatur in Berlin, wo es sich endlich nach Heimat anfühlte. Schmutziger, offener. Nicht so schwäbisch-geradlinig.

Ebenso wenig geradlinig verlief die Organisation des Edel-Jahrmarktes. Nachdem Wolfgang die Damen unter seine Fittiche genommen hatte, gab es einen Ort, der Designer und Künstler begeisterte. „Wir sind einfach überall rumgerannt und haben es allen erzählt.“ Allen, die schöne Sachen herstellen. Läden in Kreuzberg, Friedrichshain, Prenzlauer Berg. Musikern, nicht zuletzt Sponsoren und Presseleuten. Viel Überzeugungsarbeit. Handarbeit per Handschlag. 50 Aussteller kamen zum ersten Event. Am Nachmittag schneite es. Durch die Flocken konnte man den Fernsehturm sehen. Alle fanden’s gut. Die DJs waren super. Kein Minus in der Kasse.

„Wir waren einfach nur glücklich“, sagt Ulrike, streicht eine dunkelblonde Haarsträhne aus der Stirn und lehnt sich zurück in die weichen Polster der großmütterlichen Couch. Kein Erbstück, sondern von Ebay. Wie vieles im Salon Schmück. Auch so eine Schnapsidee von Ulrike, die als Design Pension entstand und schließlich ein Café wurde. „Du spinnst“, hatte Vater gesagt und das Vorhaben dennoch unterstützt. Wie auch einige Aktionäre. Richtige Aktionäre mit Anteilsscheinen und Mitspracherechten bei der Namensgebung. „Ich wollte immer einen Salon“, sagt Ulrike. „Nenn ihn Schmück. Die Amerikaner lieben Umlaute“, hatte die Chefin der Ankerklause geraten. Das war 2005.

Jahre später sind aus Schnapsideen gut etablierte Unternehmungen geworden. Aus der Revolutionierung des Weihnachtsmarktes ein professioneller Pop-up Concept Store. Einer der weiter denkt, atmet und wächst. Regional, als es 2006 nach Hamburg, später Köln und Stuttgart ging. Inhaltlich, als der saisonale Ableger, Summer.Pop.Shopping geboren wurde. In Berlin zog das Event nach vier Jahren Café Moskau zur Alten Münze, durch die Arena über Locations am Alexanderplatz in den Postbahnhof. Im Schlepptau eine wachsende Schar Aussteller. Rund 150 sind es mittlerweile pro Standort, von denen etwa die Hälfte bundesweit mitreist. „Wir sind ein Wanderzirkus geworden“, fasst Ulrike zusammen. Eine große Familie, die gemeinsam gewachsen ist und viel dazu gelernt hat.

Learning by doing. Wie man eine GmbH gründet und viele Aufgaben verteilt. Etwa ein Dutzend freiberufliche Mitarbeiter gibt es, die bei Vorbereitung und Aufbau unterstützen. „Orga, Konzept und Locations machen wir zusammen“, erläutert Harriet. „Uli macht Presse, Sponsoren und Gastro. Ich kümmere mich um die Aussteller.“ Aber auch das sei nicht geplant gewesen, weil viele Dinge von Anfang an unausgesprochen klar waren. Weil sich zwei gefunden haben, die sich ergänzen ohne viel dafür tun zu müssen. „Was ich denke, sage und bei Harriet ablege, das passiert dann auch.“ Dabei geht es um die Sache und manchmal um das Ausfechten von Nebensächlichkeiten. „Ich hab schon mehr Macken also du“, findet Ulrike. „Du hasst Lila, mir gefällt Lila“.

Was gefällt? Die spannendste Frage, wenn Schönheit das Maß aller Dinge sein soll. Welcher Dinge? Wer oder was muss schön sein? Und was bedeutet Schönheit, wenn diese bekanntlich im Auge des Betrachters liegt? Ulrike und Harriet beantworten solche Fragen mit dem, was sie selbst sind. Eine Einheit, ihr größtes Kapital. Nicht, was der Einzelne mag, ist entscheidend, sondern das, was aus dem Ganzen mehr macht als die Summe seiner Puzzleteile. Location, Sound und Musik. Ambiente und Produkte. Aussteller und Kunden. Menschen mit Interesse an Mode, Kunst und Design. Hedonistisch, international, urban. Offen für Alternatives. All das muss ineinander gefügt werden. Mit oder ohne Lila.

Auch in diesem Jahr geht der Wanderzirkus auf Tournee. In Hamburg, Köln, Berlin und Stuttgart wird es dann wieder heißen: Manege frei für den Jahrmarkt der schönen Dinge. Für Betten aus Karton. Leuchten unlimited. Taschen aus alten Sofas. Tragbare Graphik. Schmuck aus Wolle. Für Produkte mit Witz und Seele, die die Welt nicht unbedingt brauchen mag, die sie jedoch umso schöner machen. Ein Jahrmarkt, der das bietet, was von Anfang an sein Credo war: Shoppen, chillen, loungen.

01. + 02. Dezember: Hamburg – Messe
08. + 09. Dezember: Köln – Sartory Säle
15. + 16. Dezember: Berlin – Postbahnhof
22. + 23. Dezember: Stuttgart – Phönixhalle

Über Sarah Paulus

Ich bin freie Autorin mit Fokus auf Reportagen und aktuelle Themen rund um Reise, Politik, Menschen und Kultur. Meine Artikel und Reportagen wurden u.a. in der FAZ, der Süddeutschen Zeitung, der Morgenpost, dem Tagesspiegel, der Welt/Welt am Sonntag, bei Spiegel Online sowie in diversen Magazinen veröffentlicht. Sarah Paulus
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