Zum 80. Geburtstag!

Vor wenigen Tagen wurde „der letzte Journalist“ 80 Jahre alt. FAZ, Tagesspiegel und Neues Deutschland hatten Zeilen für ihn übrig. Seymour Hersh ist, wie ich fürchte, der Öffentlichkeit kaum bekannt. Meine Jubiläumsworte daher auch all jenen, die sich für Querdenker und Troublemaker interessieren.

Hersh ist US-Amerikaner. Der investigative Journalist stammt aus einer Familie mit jüdisch-osteuropäischen Wurzeln. 1963 fand er Anstellung bei Associated Press (AP). Neben Reuters und Agence France-Press (AFP) gehört AP zu den drei Agenturen, die einen Großteil aller globalen Nachrichten produzieren und an Abnehmer wie ARD, ZDF, FAZ & Co. verschicken. Salopp gesagt: Was uns Konsumenten mitgeteilt wird, stammt im Wesentlichen aus dem Kochtopf dieser Medienküche.

Nach nur wenigen Jahren kündigte er, wollte Kürzungen und Abschwächungen seiner Artikel nicht hinnehmen, beispielsweise bei einem Text über die Lagerung von Giftgas im Ausland durch die US-Armee.

Hersh war danach beinahe ausschließlich als freier Journalist und Buchautor tätig. Er schrieb über das My-Lai-Massaker vom März 1968 in Vietnam, bei dem US-amerikanische Soldaten mehr als 500 Personen getötet haben sollen. Die Nixon-Administration wie auch regierungsnahe Medien verunglimpften ihn daraufhin als unpatriotischen Verräter und Kommunisten.

Heute würden sie von Fake News und Verschwörungstheorien sprechen. Sympathisanten wären dem Vorwurf der Kontaktschuld ausgesetzt. Immer dann, damals wie heute, wenn die Grundfesten des von Mainstream-Medien propagierten Meinungsbilds massiv ins Wanken geraten.

Leider war das My-Lai-Massaker ab 1970 nicht mehr unter den Teppich zu kehren. Der Wind drehte. Hersh erhielt den Pulitzer-Preis. Sein internationaler Durchbruch.

Seitdem hat er fleißig Bücher und Reportagen veröffentlicht, über illegale Aktionen, politische wie auch militärische, vorrangig das US-amerikanische Establishment betreffend. Darunter Recherchen über den Watergate-Skandal, die geheimen Bombardierungen Kambodschas, den Regierungsumsturz in Chile sowie das Atomwaffenprogramm von Israel. Zu seinen jüngeren Arbeiten zählen die Entlarvung der Bush-Lügen über vermeintliche Massenvernichtungswaffen im Irak, die Aufdeckung des Abu-Ghraib-Folterskandals sowie die Thematisierung politischer Morde unter Bush und Obama.

Enthüllungsjournalisten können irren, auch Hersh. Zudem können sie sich schnell dem Antisemitismus-Verdacht aussetzen, worüber unser Jubilar, selbst ja Spross einer jüdischen Einwandererfamilie, ein Liedchen singen kann.

Vor allem aber riskieren sie, in die Verschwörungsschublade gesteckt zu werden, wenn ihre Erkenntnisse dem politischen und medialen Mainstream widersprechen. Und Hersh steckt immer mal wieder genau da drin. So widersprach er im Dezember 2013 in zwei Artikeln, „Whose Sarin“ und „The Red Line and the Rat Line“, der offiziellen Darstellung über die Urheberschaft des Giftgasangriffs in Gouta bei Damaskus als auch der Herkunft des dabei verwendeten Sarins. 2015 nahm er in „The Killing of Osama Bin Laden“ die von der Obama-Regierung verbreitete Geschichte aufs Korn. Ein Jahr später widmete er sich in „Military to Military“ dem Ursprung des Syrien-Konflikts und mit ihm den Zielen verschiedener Akteure mit Sitz in Washington, Ankara, Damaskus, Moskau und Peking. Allesamt Recherchen, die unser Urvertrauen in das transatlantische Bündnis zu erschüttern vermögen.

Der Tenor der eingangs erwähnten Geburtstagsgrüße in der FAZ ist entsprechend. Zwar werden jene Recherchen gewürdigt, deren Lauf der Zeit attestierte, dass Lügen halt doch recht kurzbeinig sind. Andererseits tun sie sich mit seinen jüngeren Enthüllungen äußerst schwer. „Ist er etwa verrückt geworden? Verschwörungstheorien anheimgefallen“, fragt die FAZ. Immerhin räumt sie vorsichtig ein, dass er uns vielleicht doch „etwas Wahres über den neuerlichen Giftgasangriff in Syrien“ erzählen könnte.

Es ist an der Zeit, sich intensiv mit Hershs Arbeiten auseinanderzusetzen. Wie entstand der Syrien-Krieg? Wer ist für die Giftgasanschläge verantwortlich? Woher kam das Gas? Dabei besteht kein Zwang, Hershs Denk- und Diskussionsanstößen blind zu folgen. In der Laudatio des Tagesspiegels finden sie allerdings nicht einmal Erwähnung. Dort wird zwar gewürdigt, dass er in einem Interview mit The Intercept Trumps Presse-Attacken kritisiert und Vergleiche zum Nationalsozialismus zieht. Erwähnt wird nicht, dass das Interview einer ganz anderen Storyline folgt. Unter der Überschrift „Seymour Hersh Blasts Media for Uncritically Promoting Russian Hacking Story“ echauffiert sich der Journalist über die Leichtgläubigkeit der Medien und bezeichnet deren Umgang mit dieser Thematik als „outrageous“. Annahmen würden als Fakten verkauft: „An assessment is simply an opinion. If they had a fact, they’d give it to you.“ Die Trump-Kritik kommt verhältnismäßig kurz am Artikel-Ende.

Bleibt das Neue Deutschland: „Die Beiträge ‚Whose Sarin‘ und ‚The Red Line And the Rat Line‘ erschüttern das westliche Lügengebäude zum Krieg gegen Syrien in den Grundfesten – auch weil Hersh über mehr journalistische Glaubwürdigkeit verfügt als die gesamte Redaktion des Spiegel zusammen.“

Darauf ein ‚Happy Birthday, old man‘!

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Text: Sarah Paulus
Grafik: Rolf G. Wackenberg

 

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Über Sarah Paulus

Ich bin freie Autorin mit Fokus auf Reportagen und aktuelle Themen rund um Reise, Politik, Menschen und Kultur. Meine Artikel und Reportagen wurden u.a. in der FAZ, der Süddeutschen Zeitung, der Morgenpost, dem Tagesspiegel, der Welt/Welt am Sonntag, bei Spiegel Online sowie in diversen Magazinen veröffentlicht. Sarah Paulus
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