Deutschland: Sterben mit der ARD

Ich gestehe: Seit Jahrzehnten zahle ich GEZ. Freiwillig! Ebenso freiwillig schaue ich öffentliche Programme. Nicht weil sie grundsätzlich besser sind, sondern weil die Werbepausen der Privaten nerven. Doch leider gerät diese Gleichung immer öfter aus den Fugen.

Denn wer das Spielfilmangebot der Öffentlich-Rechtlichen durchforstet, muss seit geraumer Zeit den Eindruck gewinnen, dass die deutsche Schauspielerschaft nur aus einer kleinen Handvoll Gesichter besteht, die exklusiv aus der Mattscheibe gucken dürfen. Kaum ein Moment ohne Ferres, Wepper, Neubauer & Co. – Untote, die durch das ewige Program-Line-up geistern. Endlosschleifen, serienmäßig. Per Dauerauftrag, wie es scheint. Täglich wie das Murmeltier. „Merkt eh keiner“, kichern sie in Mainz und anderswo. So als sei Demenz ein Alleinstellungsmerkmal ihres Stammpublikums. Eine echte Beleidigung.

Staatsfernsehen ist ein bisschen wie Sterben. Konzepte veraltet, Inhalte meist altbacken. Und als wollten sie noch einen draufsetzen, bringt es die ARD dieser Tage auf den Punkt: „Leben mit dem Tod“ so die aktuelle Themenwoche.

Die Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland, kurz ARD, ist ein 1950 gegründeter Zusammenschluss von neun selbständigen, staatsunabhängigen Landesrundfunkanstalten, die ihre Aufgabe in der Veranstaltung und Verbreitung von Hör- und Fernsehsendungen für die Allgemeinheit verstehen. Im Jahresrhythmus wird jeweils eine der Landesrundfunkanstalten von der Mitgliederversammlung der ARD mit deren Geschäftsführung betraut. Somit ist der Intendant der geschäftsführenden Anstalt zugleich Vorsitzender der ARD. Diese Aufgabe nimmt bis Ende 2012 der WDR mit seiner Intendantin Monika Piel wahr. Sie, 61, ist somit verantwortlich für die öffentliche Sterbewoche. Das Durchschnittsalter der Intendanten der Landesrundfunkanstalten liegt nur unwesentlich darunter. Bei 58 Jahren, nur lediglich zwei unter dem der öffentlichen Zuschauer. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Seit letztem Samstag sendet es nun auf allen Kanälen über Krankes, Altes und den Tod. Günther Jauch muss mit Unheilbaren talken. Die hörbare Rust bearbeitet das „Leben mit dem Tod zu Gast“. Fritzens Blue Moon Anrufer sollen Musikwünsche zur eigenen Beerdigung nennen. Frank Plasberg diskutiert Sterbehilfe, Frau Will Altsein an sich. Haus + Garten beratschlagt Friedhofsbepflanzung. Die Tragikomödie „Blaubeerblau“ findet in einem Hospiz statt. Zusätzlich gibt es zehn kurze Filme übers Sterben. Der gute Dieter Nuhr versucht es sogar mit Humor.

Und im RBB haben sie den tatsächlich. „Sterben für Anfänger“ heißt die Komödie über eine verkorkste Beerdigung. Wenig verwunderlich bei einer Intendantin, die, wie in einschlägigen Medien zu hören und lesen war, privat und themenwochenunabhängig Todesanzeigen sammelt. „Was muss im Leben alles schiefgelaufen sein, wenn jemand Todesanzeigen sammelt?“, fragt die Berliner Zeitung, um leider vorauseilend zu parieren: „In dem von RBB-Intendantin Dagmar Reim nicht besonders viel.“ Hm, da bin ich mir aber nicht so sicher.

Sicher hingegen ist, dass ich irgendwann sterben werde. Mit Pech und Unvernunft eher früher als später. Mir ist bewusst, dass Leben keine Insel der Glückseligkeit ist. Dass Schicksalsschläge meine Liebsten treffen können. Und Einsamkeit kein guter Partner ist. Aber muss ich mir den Katalog der Grausamkeiten eine ganze Woche lang vor Augen und Ohren führen lassen? Ohnehin wird im Fernsehen ständig gestorben, sind zwei ganze Sonntage im Jahr der Andacht gewidmet. Volkstrauertag. Totensonntag.

Wöchentlich füllt der Tagesspiegel eine ganze Seite mit Friedhöfen und Grabsteinen nebst Geschichten jüngst Verstorbener. Ich lese das nie, weil ich verdränge und weil ich nicht weiß, was an Verdrängung falsch sein soll. Schon gar nicht mag ich von diesen Jauchs und Wills auf das Unvermeidliche eingestimmt werden.

Und was Frau Piel mit der Todeswoche bezweckt, ist mir ganz und gar schleierhaft. Aufklären? Enttabuisieren? Unterhalten? Tatsächlich glaube ich, dass Frau Piel nicht nur aber vor allem ihr Stammpublikum verängstigt. Und ein klein wenig deprimiert. Muss das denn sein? Mitten im tristen November?

„Lernen kann man da wenig, im besseren Fall leidet man eben ein bisschen mit“, schreibt die Süddeutsche in ihrem Fazit. Mein Fazit lautet: Wenn ich leiden will, gucke ich „Jenseits von Afrika“. Oder wenn es ganz schlimm kommt, Andreas Dresens Tumorepos. Die medial verordnete Todeswoche hingegen macht mich krank. Sterben mit der Maus ist ohnehin nicht so mein Ding. Dann lieber so richtig – mit „Die Hard“ 1-5.

Über Sarah Paulus

Ich bin freie Autorin mit Fokus auf Reportagen und aktuelle Themen rund um Reise, Politik, Menschen und Kultur. Meine Artikel und Reportagen wurden u.a. in der FAZ, der Süddeutschen Zeitung, der Morgenpost, dem Tagesspiegel, der Welt/Welt am Sonntag, bei Spiegel Online sowie in diversen Magazinen veröffentlicht. Sarah Paulus
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