Trommeln für den Frieden

Entlang des Boulevards Lotf Ali Khan herrscht geschäftiges Treiben. Händler bieten lautstark ihre Waren feil. Jung und Alt sind auf den Beinen. Wie jeden Abend in Schiraz. Und doch ist etwas anders als sonst in der südiranischen Metropole. An Gebäuden und über den Straßen weht ein Meer aus schwarzen Fahnen. Dazwischen rote und grüne Farbtupfer. Vor dem wichtigsten Heiligtum der Stadt ist ein Polizeiaufgebaut in Stellung gegangen. In der Ferne wummern Trommeln.

Die Stadt der Rosen und Nachtigallen hat ihre orientalische Leichtigkeit abgelegt, umgibt sich mit düsterer Schwermut. Die zahlreichen Besucher des Schreins von Seyed Mir Ahmad ibn Musa, der als Schāh Tscherāgh, König des Lichts, verehrt wird, lassen das Einlassprozedere klaglos über sich ergehen.

Leibesvisitation und Taschenkontrolle. Den strengen Blicken der Wächterinnen entgeht nichts. Zu dick aufgetragener Lippenstift? Schnell wird eine Packung Kleenex gereicht. Unverhüllte Körperteile? Leih-Tschadore hängen bereit. Zigaretten? Hm.

„Where are you from?“

„Germany.“

„Ah… Welcome to Iran.“

Während meine iranischen Schwestern mürrisch ihr Make-up entfernen, darf ich passieren. Mit knallrot lackierten Fußnägeln und dicken Fluppen in der Tasche.

Auf dem weitläufigen Areal wird ausländischen Besuchern eine besondere Art persönlicher Betreuung zu Teil. Männer oder Frauen bieten ihre Begleitung an. Sie tragen Schärpen mit der Aufschrift „International Affairs“ und weichen dem Besucher keinen Moment von der Seite. Wem es mit etwas Glück gelingt, seinen Schatten abzuschütteln, ist nicht lang allein. Nur Sekunden später nimmt ein neuer Begleiter deren Position ein.

Die Fluchtversuche enden schließlich in den Armen von Adel Salahi, einem überaus freundlichen Theologen, der als Mausoleumswächter arbeitet. Er trägt keine Schärpe, dafür einen neonfarbigen Staubwedel, um Besuchern der heiligen Stätte die Richtung zu weisen, wie wir später erfahren.

„Welcome to Shiraz. The ceremony is about to start right now.” In diesem Moment bricht ohrenbetäubender Lärm aus, die Erde scheint zu beben. Adel lächelt mild.

Eine Hundertschaft schwarz gekleideter Männer betritt langsam den Platz. Würdevoll schreitend, im Takt der Trommeln. Viele schwingen Metallketten, schlagen sich damit abwechselnd rechts und links auf die Schultern. Ein Gefühl von Zeitreise macht sich breit. Zurück in ein anderes Jahrhundert, weit weg vom Hier und Jetzt.

Das mittelalterlich anmutende Ritual der Selbstgeißelung, Zanjeer zani, wird alljährlich im ersten Monat des islamischen Kalenders begangen. Muharram, der zweitheiligste Monat nach Ramadan, ist im schiitischen Glaubenskreis vor allem ein Trauermonat. Der Auftakt der Trauerfeierlichkeiten findet traditionell in der im heutigen Irak liegenden Stadt Kerbala statt. Gedacht wird des Todes von Imam al-Hussain ibn Ali. Der Enkel des Propheten Mohammeds wurde 680 n.Ch. in der Schlacht bei Kerbala von den Truppen des Umayyaden-Kalifen Yazid I. getötet. Am Vorabend seines Todes soll al-Hussain angesichts der feindlichen Übermacht seine Gefolgsleute zusammengerufen und verkündet haben: „Ich werde nun das Licht löschen. Wer mich verlassen will, kann gehen. Niemand wird sein Gesicht verlieren.“ Die meisten suchten daraufhin das Weite. Ganze 72 hielten ihm die Treue. Keiner von ihnen überlebte die Schlacht.

„Die Prozessionen ziehen nun jeden Abend durch die Stadt“, erklärt Adel. „Bis Ashura, dem Todestag des Imams am 10. Muharram.“

Auch der Boulevard Lotf Ali Khan ist nicht  wiederzuerkennen. Der Autoverkehr wurde gestoppt. Die Straße gehört allein den unzähligen Abgesandten verschiedener Moscheen und Gemeinden. Auf Handkarren oder Pick-ups werden Teppiche und Bilder mit Hussain-Abbildungen, neonbeleutete Nachbauten seines Schreins durch die Stadt gefahren. Im Schlepptau rollen Lautsprecher und Dieselaggregate. Jugendliche Helden balancieren auf ihren Handballen meterhohe Pylone unter den tiefhängenden Stromleitungen hindurch. Zwischen ihnen immer wieder Gruppen von Geißlern aller Altersgruppen mit ernsten Gesichtern, die im Takt der Trommeln und ihrer Prediger den Boulevard entlangprozessieren.

Die Straßenränder sind von Frauen, Kindern, ganzen Familien gesäumt. Nur selten wirken sie traurig. Die Szenerie hat eher etwas von Volksfest. Ein Karneval der schiitischen Kultur, dessen Tradition auf eine blutige Schlacht zurückgeht.

„Muharram ist Ausdruck unserer Kultur, Religiosität und Identität. Somit auch der Abgrenzung gegenüber den Sunniten“, sagt Hotelmanager Parviz. An ihrem Verrat an al-Hussain ibn Ali würden die Schiiten bis heute leiden. Daher die Selbstgeißelungen, die schwarz-rot-grünen Fahnen stünden für Tod, Blut und Islam. Doch der Iran sei ein friedliches Land. „Wir haben aus der Hussain-Geschichte gelernt.“

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Text: Sarah Paulus
Foto: Rolf G. Wackenberg

 

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Über Sarah Paulus

Ich bin freie Autorin mit Fokus auf Reportagen und aktuelle Themen rund um Reise, Politik, Menschen und Kultur. Meine Artikel und Reportagen wurden u.a. in der FAZ, der Süddeutschen Zeitung, der Morgenpost, dem Tagesspiegel, der Welt/Welt am Sonntag, bei Spiegel Online sowie in diversen Magazinen veröffentlicht. Sarah Paulus
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