Mit Bahn, LKW und Bus durch den Iran (Teil 3)

Tags darauf in Na’in. Am Ende des Motahhari Boulevards, einem Verkehrsknotenpunkt am Ortsausgang, haben sich Reisende versammelt, die auf den nächsten Bus in Richtung Kashan und Teheran warten. Viele dösen in der heißen Sonne auf den staubigen Bordsteinen des Kreisverkehrs, bis ein Scania mit der Ausschrift RUNIRAN direkt vor ihnen zum Halten kommt. Sich nur halbherzig nach Geschlechtern sortierend, verteilen sich die neuen Passagiere auf den freien Plätzen. Der Bus besticht mit mehr Beinfreiheit, als deutsche ICE-Abteile der ersten 1. Klasse. Ein Assistent des Fahrers verteilt Snackboxen und Getränke. Gute drei Stunden soll die Fahrt bis Kashan dauern, weitere drei nach Teheran. Zeit zum Reden.

Do you like the hijab? „Of course not“, antwortet Sadaf, die mit ihrem auffallend schicken Kopftuch wirkt, als sei sie aus einem Modekatalog gefallen. Die 28jährige studiert in Teheran Business Management und spricht fließend Englisch. Vor allem junge Leute seien gegen das Kopftuch. Schutzfunktion hin oder her. Verletzend sei es vor allem gegenüber Männern. „Es unterstellt, dass alle Männer Tiere sind, was nun wirklich nicht zutrifft.“ Frauen seien zuweilen schlimmer. Im Parlament gebe es einige, die konservativer auftreten würden als ihre männlichen Mitstreiter.

Wird das Kopftuch irgendwann passé sein? „Nicht solange ich lebe“, glaubt Sadaf. Die Aufhebung des Kopftuchzwangs könnte Unruhe im Land auslösen. Niemand wisse, was danach kommt. Die Iraner seien kriegs- und revolutionsmüde. Deshalb habe sich das Volk mit seiner Regierung auf eine Art Burgfrieden verständigt. „Wenn ich zuhause bin, trage ich kurze Hosen, Spaghetti-Shirts, Kleider mit Ausschnitt. Egal, wer zu Besuch ist. Wir gehen zu Partys, hören Life-Musik, trinken Alkohol. Man muss nur wissen, wie und wo. Wer bei Facebook sein oder über Amazon einkaufen will, registriert sich über Proxy-Server. Wir können BBC empfangen, selbst ZDF.“ Das Privatleben der iranischen Zivilgesellschaft finde in einem Paralleluniversum statt. „Die Regierung weiß und akzeptiert das.“

Der Bus erreicht Kashan, wieder trennen sich Reisewege. Einmal mehr sind Konzentration und Geschick gefragt, um das nächste Reiseziel zu erreichen. Überall auf der Welt gilt: Wer individuell auf Straßen und Schienen reist, noch dazu ohne ausreichende Sprachkenntnisse, wird täglich auf die Probe gestellt, erlebt Irrungen und Wirrungen. Doch der Iran gilt derzeit als eines der sichersten Reiseländer. Chancen für persönliche Begegnungen, die weit mehr in Erinnerung bleiben als manch weltbekannte Sehenswürdigkeit, liegen sprichwörtlich auf der Straße. Iraner sind die wohl kontaktfreudigsten und hilfsbereitesten Menschen der Welt. Perfekte Gastgeber obendrein.

Daran scheint auch Mohammad gedacht zu haben. Beim Abschied verschenkte er seinen Ring, eine Telefonkarte sowie ein Stück Papier mit seiner Handy-Nummer. Er selbst werde wahrscheinlich nie nach Deutschland kommen. Liebe Gäste seien in seinem Haus aber jederzeit herzlich willkommen.

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Text: Sarah Paulus
Fotos: Rolf G. Wackenberg

 

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Über Sarah Paulus

Ich bin freie Autorin mit Fokus auf Reportagen und aktuelle Themen rund um Reise, Politik, Menschen und Kultur. Meine Artikel und Reportagen wurden u.a. in der FAZ, der Süddeutschen Zeitung, der Morgenpost, dem Tagesspiegel, der Welt/Welt am Sonntag, bei Spiegel Online sowie in diversen Magazinen veröffentlicht. Sarah Paulus
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