Mind the gap

Gestern wurde ein weiterer Meilenstein medialer Realness erreicht. Aktuelle Studien, so das ZDF, würden belegen, dass Qualitätsmedien keineswegs in einer Vertrauenskrise steckten und Nachrichten der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender höchste Glaubwürdigkeit genössen. Sichtlich erleichterte Moderatoren stützten ihre Erkenntnis auf Umfrageergebnisse der Forschungsgruppe Wahlen e.V., kurz FGW. Also lasst uns froh und glücklich sein.

Denn in diesen Tagen lassen solche Meldungen aufhorchen. Der geneigte Konsument ist gern bereit, derlei Freude zu teilen. Doch schon bald lichtet sich der sinnestrunkene Nebel, riecht der Braten einmal mehr nach lückenhafter Berichterstattung.

So gehen die Jubilare mit keinem Wort darauf ein, um wen es sich bei der FGW eigentlich handelt: Das Institut für Wahlanalysen und Gesellschaftsbeobachtung existiert seit 1974. Die Hauptaufgabe der Forschungsgruppe ist die wissenschaftliche Beratung und Betreuung von Sendungen des ZDF. Ferner wird die Arbeit der Non-Profit-Organisation ausschließlich durch finanzielle Mittel des ZDF getragen. Honi soit qui mal y pense.

Weiterhin erklärt das ZDF: „Die Befragten sprechen den Nachrichten von ARD und ZDF im Vergleich zu anderen Medien die höchste Glaubwürdigkeit zu. Gefolgt von regionalen und überregionalen Tageszeitungen.“ Doch auch hier scheint der Staatssender zu sehr von eigenen Wünschen geblendet.

Denn ein Blick in besagte Studie macht deutlich, dass die öffentlich-rechtlichen Sender in diesem Punkt lediglich Platz 4 von 7 belegen, sich also klar im Mittelmaß bewegen. Nur bei der Bewertung der Glaubwürdigkeit von Nachrichtensendungen liegt das ZDF auf Platz 2, nach der ARD. Das bessere Ergebnis zweier separat gestellter Fragen scheint versehentlich in den Vordergrund gerückt worden zu sein, was im ermüdenden Kampf um Daseinsrechte durchaus passieren kann.

Stellen wir uns abschließend die Feierlichkeiten in den Redaktionsräumen des ZDF vor. Hatte dort anfangs niemand einen derart positiven Bericht der FGW-Vasallen auch nur im Entferntesten erwartet, konnten nun Korken an die Decke knallen. Und die Objektivität das Weite suchen. Denn Umfrage wie auch Berichterstattung unterscheiden wie selbstverständlich in „seriöse Qualitätsmedien“ auf der einen und „Boulevardmedien sowie Social Media“ auf der anderen Seite. Völlig unvoreingenommen, versteht sich.

Schön, dass es euch gibt. Kommt gesund ins neue Jahr.

Alle anderen seien gewarnt: Mind the gap.

Eure Sarah Paulus

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Text: Sarah Paulus
Grafik: Rolf G. Wackenberg

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Über Sarah Paulus

Ich bin freie Autorin mit Fokus auf Reportagen und aktuelle Themen rund um Reise, Politik, Menschen und Kultur. Meine Artikel und Reportagen wurden u.a. in der FAZ, der Süddeutschen Zeitung, der Morgenpost, dem Tagesspiegel, der Welt/Welt am Sonntag, bei Spiegel Online sowie in diversen Magazinen veröffentlicht. Sarah Paulus
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