Böhmermann nervt

Ja, er nervt. Spätestens seit Ende März, als sich der Neo-Royalist entschloss, beim populären Erdogan-Bash ganz weit vorn mitspielen zu wollen und damit mediale Hysterie, nicht zuletzt eine Staatsaffäre auslöste. Auf den ersten Blick kann er nichts dafür. War ja nur Spaß. Zudem stammen all die Artikel, Kommentare und Einlassungen nicht aus seiner Feder. Er gibt nicht einmal Interviews, außer fiktive, und blieb der Grimme-Preis-Verleihung fern. So der Eindruck auf den ersten Blick. Doch mit dem Zweiten sieht man bekanntlich besser.

Die Debatte um den neuerdings so medienscheuen Böhmermann nervt vor allem deshalb, weil die Analyse der Vorkommnisse trotz Unmengen mündlicher oder schriftlicher Analysen in weiten Teilen nur an der Oberfläche kratzt und oft wesentliche Aspekte schlicht unterschlägt.

Denn welches Motiv hat Böhmermann geleitet? Wollte er dem Publikum tatsächlich nur eine Lektion über die Grenzen der Pressefreiheit erteilen? Oder wollte er mit aller Macht auf den vorbeirasenden Extra3-Zug aufzuspringen, um die eigene, schwer erkämpfte Satirehoheit zurückzugewinnen. Koste es, was es wolle.

Glückwunsch, letzteres wurde mit einem Arsenal an „brutalstmöglichem“ Spott erreicht. Sein Polter-Reim kommt im Vergleich zum einfältigen Extra3-Liedchen daher, als habe der Dichter aus wirklich dicken Bertas geschossen. Doch warum all die Aufrüstung? Weil Böhmermann endlich weltberühmt und nicht mehr nur im zwangsfinanzierten ZDF-Spartensender präsent sein will?

Erneut Glückwunsch. Auch das hat er erreicht. Auf Kosten außenpolitischer Diplomatie. Als hätten Merkel und Steinmeier nichts Wichtigeres zu tun, als sich um Leichtgewichte kümmern zu müssen. „Be careful what you wish, you might get it“, wäre dem Jan ein guter Rat und nicht mal so teuer gewesen. Doch die Hiflestellung kommt zu spät, was den GEZ-Emporkömmling in einem fragilen Gemütszustand zwischen Euphorie und ganz gehörig viel Schiss oszillieren lässt. Zum Glück hat er Polizei.

Beinahe hatte uns der Böhmermann mit der feinsinnigen Eloquenz seiner früheren Sendungen eingefangen. Anders als die Kollegen bei Extra3 oder der heute-show, deren dämlich gebrüllter Ballermann-Humor dann doch nie so recht zu zünden weiß. Doch seit Ende März wissen wir: Es geht weitaus platter, dümmer, niveauloser. Ein direkter Angriff auf unsere im Artikel 1 Grundgesetz gesichert geglaubte Menschenwürde.

Von Erdogan mag man halten, was man will. Witzlos Draufhauen hat allerdings mit Anstand, Intelligenz und guter Kinderstube nichts zu tun. Schon gar nicht mit Satire, auch wenn die alles darf. Dass sich deutsche Prominentenschaft kritiklos hinter den Hampelmann stellt, erscheint wie ein Spiegelbild egozentrischer Eindimensionalitäten. Schließlich ist die Hautevolee nicht selbst Zielscheibe der Beleidigung geworden. Man stelle sich die Reaktion einer Diva Riemann vor, wäre sie in gleicher Weise aufs Korn genommen worden.

Wie hätte unsere Gesellschaft reagiert, wenn vergleichbare Zeilen Erdogans Amtskollegen Obama oder Netanjahu gegolten hätten? Würde unsere hochgelobte Pressefreiheit noch immer gelten? Oder wäre Böhmermann klammheimlich von der Bildfläche verschwunden. So, wie einst auch andere Medienleute?

Das vermeintlich „Edukative“, mit dem Böhmermann den Tatbestand der Beleidigung umgibt, darf nicht als Schutzschild herhalten. Wo kämen wir hin, wenn beispielsweise Rassismus unter dem Deckmantel der Weiterbildung stattfinden darf? Wenn demnächst Mörder und Diebe freigesprochen würden, weil sie uns lediglich zeigen wollten, was man gemäß deutschem Strafrecht darf und was nicht.

Was künftig sein wird, obliegt nun der Entscheidungsgewalt unserer Judikative, die mit dem zweiten Auge hoffentlich ebenfalls näher hinsieht, während sie auf eine entschlossene ZDF-Sendeanstalt trifft, die durch unsere Überweisungen bestens finanziert mit Böhmermann durch alle Instanzen ziehen möchte.

Zur Erinnerung: Dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen wurde ein klarer Bildungsauftrag in die Wiege gelegt. Bei richtiger Ausübung zahlen wir dann gern auch Geld dafür.

Sarah Paulus

.

Text: Sarah Paulus (www.sarahpaulus.de)
Grafik: Rolf G. Wackenberg (www.wackenberg.com)

.

Über Sarah Paulus

Ich bin freie Autorin mit Fokus auf Reportagen und aktuelle Themen rund um Reise, Politik, Menschen und Kultur. Meine Artikel und Reportagen wurden u.a. in der FAZ, der Süddeutschen Zeitung, der Morgenpost, dem Tagesspiegel, der Welt/Welt am Sonntag, bei Spiegel Online sowie in diversen Magazinen veröffentlicht. Sarah Paulus
Galerie | Dieser Beitrag wurde unter Deutschland abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s