Forty Shades of Ireland

Wasser, wohin das Auge schaut, nicht selten vom Himmel. Darunter Traumstrände. Landschaften aus Stein. Moor und Torf. Nicht zuletzt Schafe. Wiesen und Weiden in „Forty Shades of Green“, wie kein geringerer als Johnny Cash das irische Eiland in einem Song lobpreiste, den er 1959 schrieb. Angeblich soll die Textzeile auf ein altes Volkslied zurückgehen. Aber so genau weiß das keiner. Bekannt ist hingegen, dass Cash ein gläubiger Mensch war. Auf die Iren trifft das auch zu. 80% der Insulaner sind katholisch. Kürzlich hat eine Mehrheit der Bevölkerung für die Zulassung gleichgeschlechtlicher Ehen gestimmt. Forty shades of Ireland? Unser nordwestlicher Inselnachbar ist ein bemerkenswertes Land mit überaus liebenswerten Menschen. Auf der Beliebtheitsskala der Deutschen stehen Land und Leute ganz weit oben. Warum? Vierzig Gründe für eine Liebeserklärung an das grüne Schmuckstück im Atlantik ließen sich problemlos finden. Hier meine ganz persönlichen zehn:

1 Irischer Humor: Entdeckt auf einer Gedenktafel gegenüber von „Joyce’s Craft Shop and Art Gallery“, an der Galway Road, die durch Connemara führt: „On this site in 1897 nothing happened“. Eine Parodie auf steinerne Erinnerungskultur – vermutlich im Joyce’schen Sinne. Wer Lust auf mehr irischen Humor verspürt, mag Flann O’Brian lesen. Der irische Schriftsteller wurde 1911 als Flann O’Nolan geboren und schrieb ab 1940 als Myles na gCopaleen (Myles von den Pferdchen) in der Irish Times Kolumnen. In Deutsch erschienen unter dem Titel „Trost und Rat“. Der Literat starb am 1. April 1966. Dazu Übersetzer Harry Rowohlt: „Man kann also nicht ganz sicher sein, dass er wirklich tot ist.“

2 Irish Pubs: Sind eine Art Exportprodukt, besonders beliebt in Deutschland. Auf der Insel spricht man hingegen von Bars, die in jedem noch so kleinen Dorf überleben. Sie sind eine Mischung aus Omas guter Stube und Heimatmuseum. Im Kamin brennen Holz oder Torf. Beim Klang von Fiddle und Whistle schwappt „Whiskey in the Jar“. Mehr Gemütlichkeit ist kaum denkbar. Kein Wunder, dass die Bar für manchen Iren eine Art zweites Wohnzimmer ist. Eines davon: Die Classroom Bar in Lismore. Hier wurde früher Mathe und Geschichte gelehrt. Heute leeren die Gäste Biergläser. Um einen Tisch herum musizieren mehrere Generationen. Unter ihnen der 85jährige Fiddler Sham Power. Für ihn ist die Classroom Bar der schönste Ort im Städtchen. Zumal gerade sein Haus abgebrannt ist, das leider nicht versichert war. In der Classroom Bar fällt kein Apfel zu Boden. Es ist 23.30 an einem Donnerstag. Eiskaltes Tennet fließt Pint auf Pint. Die Anwohner sammeln Geld für den alten Sham. Es gibt eine Tombola und natürlich viel Musik.

3 Irisches Bier: Der Gegenentwurf zum deutschen Schaumkronen-Pils. Dementsprechend scheiden sich die Geister. Irlandliebhaber trinken das irische Pint für durchschnittlich 3,50 Euro lässig weg. Ob Ale oder Stout. Beamish, Murphy’s, Hop House Lager oder Smithwick’s, das außerhalb Irlands unter dem Namen Kilkenny vermarktet wird. Nicht zu vergessen, Guinness. Die Iren vergöttern ihren Platzhirsch. „Es lohnt sich nicht, über verschüttetes Guinness zu weinen“, sagt man auf der Insel, was wohl damit zu tun hat, dass das braune Gebräu, früher zumindest, preiswert gewesen sein soll. Wer sich vom Alltagsbier differenzieren will, trinkt GNÉAS, ein Pale Ale aus Dingle. „Gnéas bedeutet Sex“, klärt Musiker Frankie Mulcahy auf, der in den Sommermonaten häufig im „Mighty Session“ spielt. Ob viel trinken hilft?

4 Irische Städte: Oder doch eher Dörfer? Sie sind weder schön noch schick. Nicht so herausgeputzt wie in Süddeutschland oder Österreich. Eher rau und spröde. Hier gibt es sie noch, die andernorts ausgestorbenen Tante Emma Läden: Den Fleischer, den Bäcker, das Lebensmittelgeschäft, den Metallwarenhändler. Nostalgiker mögen das Althergebrachte. So auch in Clifden. Hier unbedingt das Castle anschauen, das Stadtgründer John d’Arcy 1818 errichten ließ, empfiehlt Feuerwehrmann Michael Carey, dessen Familie das Anwesen seit einigen Jahrzehnten gehört. „Du wohnst in einem Schloss?“ Michael lacht. „Nicht doch. Das Castle ist eine Ruine. Fahrt einfach die Sky Road lang, dann könnt ihr sie besichtigen.“

5 Irische Musik: Ob Sinéad O’Connor, The Dubliners, Thin Lizzy, Rory Gallagher, die unvermeidlichen U2 – Irland steht für Musik. Doch die musikalische Tradition des Landes wird auch im Alltag gelebt. Auf Straßen und Plätzen, natürlich in den Bars, wo fast jeden Abend Live-Musik angeboten wird. In der Fußgängerzone von Galway musiziert Multitalent Tom Portmann, der Gitarre, Dobro, Violine, Banjo spielt und eigene Songs komponiert. Vor einigen Wochen ist er mit der Band Brother Dege Legg durch Deutschland getourt. Im November wird er hierzulande erneut zu sehen und zu hören sein. Warum er auf der Straße spielt? „Man bekommt ein sehr unmittelbares Feedback“, sagt Tom Portman, der ansonsten Konzerte gibt und Musik in einem College unterrichtet. Ergänzend: Eines der mitreißendsten Kneipen-Duos in Irland sind Conall Flaherty (Whistle) und Ciaran Bolger (Gitarre und Gesang). Während der Sommermonate in Griffins Bar, Clifden, anzutreffen.

6 Irische Strände: Traumhaft schön, braucht aber kein Mensch. Weil sich das irische Wetter selten oder nie nach der Reiseplanung richtet. Sobald eine der weißen, feinsandigen, karibikartigen Buchten erreicht ist, öffnet der Himmel seine Schleusen. Begleitend fegt stürmischer Wind übers Land, Nebelschwaden rollen an. Das Thermometer sinkt selbst im Sommer auf unter 12 Grad. Dass die Einsamkeit irischer Strände überall gefeiert wird, ist kein Wunder. Dennoch erscheint zuweilen Glück als Reisebegleiter. So geschehen am Five Fingers Strand in der Nähe von Malin Head. Sonne, blauer Himmel, kaum Menschen – großes Seelenkino.

7 Irische Inseln: Noch mehr Abgeschiedenheit geht kaum. Achill Island ist „the last unspoiled area in good old Ireland“, so Insulaner Liam Donnelly, der eigentlich ein Dubliner ist und seit vielen Jahren auf dem Eiland lebt: „Keine Ampeln, kein Kreisverkehr, keine Straßenbeleuchtung. Wie zu Bölls Zeiten.“ Der hier in den 1950er Jahren in einem Cottage wohnte und sein „Irisches Tagebuch“ schrieb. Wer weniger Literatur sondern Traumstrände im Sinn hat: Bei Keem, am westlichen Ende der Insel wartet ein solcher. Erreichbar über ein Sträßlein, das sich in die Steilküste schmiegt und bei Nebel direkt in den Himmel zu führen scheint. Himmel oder Strand – in Irland ein Synonym.

8 Irische Sonntage: Kein Grund zum Blues. Denn anders als in Deutschland sind in Irland SuperValue, Lidl, Aldi & Co. auch am Tag des Herrn bis 21 Uhr geöffnet. Besucher wie Einheimische können den „Holy Day“ mit einem Full-size Irish Breakfast beginnen, den Kirchgang je nach Ausmaß der Gläubigkeit beschreiten, ein opulentes Fish and Chips Mahl folgen lassen, einkaufen gehen und den Rest des Feiertages am Tresen verbringen. Irische Kneipen sind vor allem an Sonntagen gut gefüllt. „I don’t care if Monday’s blue“ singen The Cure. Zwar eine englische Band, die aber wohl auch dem Großteil der Iren aus dem Herzen sprechen.

9 Die Iren an sich: „Sind die größten Erzähler seit den alten Griechen“, befand der in Dublin geborene Schriftsteller Oscar Wilde. „Sie neigen zu Klatsch und Tratsch, hören sich gern reden, neigen zu maßlosem Trinken und haben ein gestörtes Verhältnis zur Pünktlichkeit“, fasst Patrick Conway aus Glengarriff die Laster seiner Landsleute zusammen. Auch er muss es wissen, wurde er doch vor 85 Jahren auf diesem Flecken Erde geboren. Zudem sind die Iren sehr pragmatisch. Da lässt sich zum einen an ihrer Kleiderordnung bewundern. Sommerkleider, Shorts und Spagettiträger bei 12 Grad und Nieselregen sind keine Seltenheit. Der gemeine Ire sagt sich: Es ist Sommer, also bin ich. Zum anderen haben die Insulaner ihre eigene Variante des Dudelsacks, die Uilleann Pipes, erfunden. Anders als der schottische Bruder, wird der irische Sack nicht geblasen, sondern mit dem Ellenbogen gespielt. Eine weitaus clevere Art des Musizierens, weil auf diese Weise der Mund zum Trinken frei bleibt.

10 Irish Heads: Bezeichnen Kaps oder Erhebungen, zumeist mit Leuchtturm aber nicht zwingend, somit jeden noch so kleinen Landzipfel, der ein paar Meter ins Meer ragt. Natürlich ist einer schöner als der andere. Auf Bray Head etwa gibt es einen „award winning“ Parkplatz mit Blick auf die Irische See. Die Einwohner von Bray mögen diesen Ort. Sie kommen hierher, um zu joggen, den Hund auszuführen oder einfach nur, um im Auto zu sitzen, den Ausblick zu genießen, ein bisschen zu fummeln  – zu zweit oder allein. Der bei weitem erhabenste Platz ist Malin Head. Der nördlichste Punkt Irlands kann zugleich mit der nördlichsten Kneipe der Insel aufwarten. Hier gehört das letzte irische Pint getrunken, ein paar Tränen ins Knopfloch geweint. Und zurück in die Heimat.

Wer nicht genug bekommen kann, folgt den Spuren von Altmeister Johnny Cash ins Nordirische: „I’d walk from Cork to Larne to see the forty shades of green.“

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Text: Sarah Paulus (www.sarahpaulus.de)
Foto: Rolf G. Wackenberg (www.wackenberg.com)

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Über Sarah Paulus

Ich bin freie Autorin mit Fokus auf Reportagen und aktuelle Themen rund um Reise, Politik, Menschen und Kultur. Meine Artikel und Reportagen wurden u.a. in der FAZ, der Süddeutschen Zeitung, der Morgenpost, dem Tagesspiegel, der Welt/Welt am Sonntag, bei Spiegel Online sowie in diversen Magazinen veröffentlicht. Sarah Paulus
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