Auf Kreuzfahrt mit einem Frachtschiff

Brunsbüttel. Chemieunternehmen, Pipelines und ein still gelegtes Atomkraftwerk. Das klingt zunächst wenig beschaulich. Doch die Kleinstadt im schleswig-holsteinischen Dithmarschen hat durchaus etwas zu bieten. Ihre Lage an der Einfahrt in eine der bedeutendsten Wasserstraßen Deutschlands, dem Nordostseekanal, zieht jährlich tausende Besucher an. Schleusentouristen, Yachtbesitzer und Freizeitsegler, die auf der Terrasse des Restaurants „Zum Yachthafen“ das nimmermüde Defilée des internationalen Schiffsverkehrs aus erster Reihe verfolgen. Die Noorderlicht schiebt sich vorbei, ein Frachter mit knallrotem Rumpf, gefolgt von der imposanten CONMAR Gulf. Um sie herum zahlreiche Kleinboote, die wie Spielzeug daherkommen und das Ensemble der mehrstöckigen Containerriesen wie ein Schwarm Fliegen umkreisen.

Auch wir haben den Weg hierher gefunden. Wir wollen Leben und Alltag an Bord eines Containerschiffes kennenlernen. Die Fahrt wird durch den Nordostseekanal nach Kiel führen. Weiter über die Ostsee zu den südschwedischen Häfen von Västerås und Oxelösund. Uns erwarten schleswig-holsteinische Kanalimpressionen, die offene See sowie eine Fahrt durch die Schärengärten von Södertalje und den Mälarensee.

Frachtschiffreisen folgen ihrer eigenen Dramaturgie. Nicht der Passagier ist König, sondern die Fracht. Sie bestimmt Touren und Liegezeiten. Unsere Fahrt startet daher mit einwöchiger Verspätung. Endlich, gegen 14:30 Uhr nähert sich unser Schiff. Benannt nach einem legendären Vikingerkönig wird es uns in den kommenden Tagen Heim und Transportmittel zugleich sein.

Doch zunächst einmal muss der Frachter die Einfahrt in die Brunsbütteler Schleuse meistern. Sie besteht aus zwei Doppelschleusen: Einer kleinen, 1895 in Betrieb genommenen und heute nicht mehr genutzten sowie einer jüngeren großen aus dem Jahr 1914. Eine rüstige Hundertjährige die den hektischen Nord-Ostsee-Verkehr mit etwa 35.000 Schiffen pro Jahr bewältigt, Sport- und Kleinfahrzeuge nicht mitgezählt.

Nach einigen Formalitäten dürfen wir über eine wackelige Gangway aufs Schiff. Wir werden in eine Kabine auf Deck 3 geführt, die sich quadratisch, praktisch, schlicht gibt. Ein Wohnraum mit Sitzecke, Einbaumöbeln, Kühlschrank, TV und Schreibtisch. Darüber ein Regal mit Büchern. Nebenan finden wir den Schlafraum mit Doppelbettkoje. Von hier kommt man in ein Bad mit Dusche, Toilette und Waschbecken.

„Sie ist kein schönes Schiff“, hatte uns die Agentur für Frachtschiffreisen vorgewarnt. Gutes Erwartungsmanagement, denn Frachtschiffe sind etwas ganz anderes als Kreuzfahrtschiffe, die der Tourist gemeinhin kennt. Auf unserer Erkundungstour steigen wir zunächst zur Brücke hinauf. Decks und Treppen sind frisch gestrichen. Angesichts der Vorwarnung sind wir dennoch positiv überrascht und schließen den 17 Jahre alten Vikingerkönig auf Anhieb ins Herz.

Das Schiff fährt unter der Flagge von Antigua Barbuda. Mit knapp 100 m Länge und 17 m Breite ist es zwar kein Containerriese aber für Touren durch Kanäle und Schären bestens geeignet, was der Kapitän bestätigt. Er hat gerade alle Hände voll zu tun, um das Schiff aus der Schleuse zu manövrieren. Sein 1. Offizier ist gebürtiger Ukrainer und kümmert sich derweil ums Formelle. Pässe werden begutachtet, Sicherheitsbestimmungen zur Kenntnis genommen. In Abstimmung mit dem Kapitän dürfen wir zwischen den Containern lustwandeln oder auf der Brücke herumlungern.

Wohlan. Der Himmel ist weiß-blau. Es hat frische 20 Grad. Vom „Panoramabalkon“ schweift der Blick über den ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Kanal, am 21.06.1895 vom Namensgeber höchstpersönlich eröffnet. Knapp 100 km ist er lang, zwischen 100 und 160 m breit. Das Schiff nimmt Fahrt auf, im Schneckentempo mit maximal 8,1 Knoten, etwa 15 km/h. Die Entdeckung der Langsamkeit erspart den bis zu 800 km längeren Weg um die Nordspitze Dänemarks. Rechts und links des Kanals überholen uns Radsportler. An den Ufern der Bundeswasserstraße logieren die Pensionäre der Landstraße in ihren Raumschiffen der Marke Hymer, Dethleffs, Bürstner und winken, was das Zeug hält, als hätten sie sonst nichts zu tun. Wir werden zehn Brücken durchqueren. Unter ihnen die Rendsburger Brücke mit ihrer berühmten Schwebefähre. Wer zwischendurch ans andere Ufer muss, nutzt eine der 14 kostenlosen Fähren entlang des Kanals. Ein Marketing-Instrument, das auf Kaiser Wilhelm II zurückgeht, der die Akzeptanz des Mammutprojektes mit lokalen Vergünstigungen zu beeinflussen suchte. Sie gelten bis heute.

„Dinner“, der Kapitän winkt uns zu und führt in die Messe. An Bord wird pünktlich gegessen, vor allem früh. Es ist gerade einmal 17.30 Uhr. Frühstück gibt es bereits um 7.30 Uhr, Mittagessen um 12.00 Uhr. Wir Gäste dürfen bei den Offizieren speisen, was allerdings keinen echten Unterschied zur gegenüberliegenden Mannschaftsmesse macht. Beide Räume sind ähnlich schmucklos ausgestattet. Der Kapitän versinkt in der Sitzecke. Er ist ein ruhiger, zurückhaltender Zeitgenosse, Anfang 50 und fährt ab und an für diese Reederei. Wie auch der Rest der 10köpfigen Mannschaft, die aus Russen, Ukrainern, Polen, Weißrussen und einem Deutschen besteht. Ein spannenderes Multi-Kulti-Ensemble kann man sich in diesen Tagen kaum vorstellen. Doch der Kapitän sieht es gelassen. Geopolitische Gemengelagen erlebe er in der eigenen Familie. Damit könne er umgehen.

Wir plaudern und harren der Dinge, die aus der Kombüse kommen mögen. Deftiger Schweinsbraten mit dicker Sauce? Schnitzel und Bratkartoffeln? Bouletten mit Bohnen? Keine abwegigen Vermutungen. An diesem ersten Abend jedoch tischt der Koch Pfannkuchen auf. „Hier ist alles etwas anders“, bemerkt der Chief augenzwinkernd. Er ist der einzige Deutsche im Team, fährt seit den 1960er Jahren zur See. Anfangs in der Fischerei, später als Inspekteur bei der Handelsflotte. Zuletzt als Chief Engineer auf einem Öltanker. Ein Urgestein der Seefahrt, mit allen Meerwassern gewaschen. Trotz Pensionierung kann er vom Seefahren nicht lassen, macht hin und wieder Vertretungsfahrten.

Die Hälfte der Strecke zwischen Brunsbüttel und Kiel ist zurückgelegt. Auf Höhe der Station Rüsterbergen wird der Lotse ausgetauscht. Fliegender Wechsel bei ungebremster Fahrt. Es gilt die Seeschifffahrtsstraßenordnung. Mit unterschiedlichen Vorschriften je nach Länge, Breite und Tiefgang der Schiffe, die dementsprechend nach Verkehrsgruppen von 1-6 eingeteilt werden. Unser Frachtschiff ist Verkehrsklasse drei, könnte sogar ohne Lotsen fahren, sofern bestimmte Prüfungen nachweisbar sind. Zusätzlich zum Lotsen, und das ist einmalig auf Deutschlands Nordostseepassage, müssen für einige Streckenabschnitte so genannte Kanalsteurer an Bord genommen werden, wenn das Schiff genau definierte Größenordnungen überschreitet. Auch dies ist bei uns der Fall.

Ausreichend belotst und besteuert erreichen wir gegen 22.30 Uhr die Kieler Doppelschleuse. Einen Tag und zwei Nächte werden wir nun auf See verbringen.

Den Vormittag vertrödeln wir mit allerlei Müßiggang. Mit einer Erkundung der Containerlandschaft, mit Lesen und Schiffe gucken. Dabei treffen wir auf alte Bekannte. Die CONMAR Gulf sei auf dem Weg in seine Heimat St. Petersburg, erläutert der Kapitän mit Hilfe einer digitalen Seekarte, während wir Instrumente und Ausstattung der Brücke inspizieren. Radar, Kontrolllampen, Knöpfe und Anzeigen werden erklärt, echte Seekarten ausgerollt.

„Vorsicht Stufen“, brüllt dann der Chief, der uns zu einer Privatführung durch den Maschinenraum eingeladen hat. Dorthin führt eine Eisentreppe. Das Geländer vibriert. Mit jeder Stufe in die Tiefe wird es stickiger. Schweiß rinnt aus den Poren. Die Luft schmeckt nach Öl und Eisen. Ausdünstungen eines Organismus, der unablässig arbeitet. Ohrenbetäubend laut, stampfend wie ein Ungetüm. „Die Hauptmaschine“, erläutert der Chief. „Eine 8 Zylinder MaK mit 2.930 kW.“ An anderer Stelle zwei MAN Generatoren. Betagte Anlagen, die im Gegensatz zur Klimaanlage immer noch „rund laufen“. Die Kontrolllampen am Schaltschrank leuchten Grün. Bis auf zwei. „Alles nicht so tragisch“, befindet unser Gastgeber und wischt sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. Hochachtung, dass er mit 66 Jahren noch immer in dieser Saunalandschaft herumturnt, während wir bereits nach einer knappen Stunde erschöpft sind.

Land in Sicht. Unsere Route führt nun durch die Schärengärten von Södertalje. Die Verbindung zwischen Ostsee und Mälarensee bietet all das, was südschwedische Postkartenidylle verspricht: Enge Passagen zwischen hügeligen Ufern, winzige Inselchen, schmucke Holzhäuschen in schwedisch-rot. Yachthäfen, Schleusen, kleine und große Zug- oder Drehbrücken. Am frühen Nachmittag erreichen wir Västerås. Das Be- und Entladen beginnt, was ganze 24 Stunden Zeit zur freien Verfügung mit sich bringt.

Die Stadt ist komfortabel zu Fuß erreichbar. Sie liegt in einer Bucht des Mälarensees, ist Entstehungsort und ursprünglicher Standort des Unternehmens ASEA. Es gibt einen Yachthafen sowie ein modernes Wohnviertel rund um den alten Hafen. Das Stadtzentrum landeinwärts ist geprägt von restaurierten Fachwerkhäuschen, Parks und der Domkirche. Eine Fußgängerzone bietet Kneipen und Geschäfte. Auffällig sind die vielen jungen Leute, unzählige Fahrräder und Migranten.

„Allah u akba“, schreit ein Mann auf dem Steg und stürzt als Arschbombe in den See. Das Stadtbad von Västerås unweit unserer Anlegestelle ist Anziehungspunkt für Alt und Jung, für Menschen jedweder Hautfarbe und Gesinnung. Eine Wiese mit Sport- und Spielanlagen, Sandstrand nebst Schwimmplattform und Sprungturm lädt zur Gaudi ein. Alles ist neu, halb Västerås scheint den Sommertag zu genießen. Eine bunte, post-migrantische Gesellschaft sommert bei Schwedenpopp, der aus einem Ghettoblaster daher scheppert und schaukelt in den Wellen der nur wenige hundert Meter vorbei fahrenden Frachtschiffe.

Am nächsten Morgen erreichen wir Öxelosund, genauer den firmeneigenen Hafen von Swedish Steel AB, wo es zunächst einmal aussieht wie im Ruhrgebiet der 1950er Jahre. Auch hier steht ausreichend Zeit zur Verfügung, um Hafen und Umgebung zu erkunden. Mit diesem letzten Landgang naht das Ende unserer Tour, denn von nun an kämpft sich das Schiff zurück zu unserem Ausgangspunkt.

Am letzten Abend leeren wir einige Biere mit dem Chief und wickeln ein wirklich dickes Knäuel Seemannsgarn. Der Rest der Mannschaft hat sich in die Kajüten zurückgezogen. Der Kapitän wacht einsam auf seiner Brücke. Starker Wind kommt auf, wir schwanken zwischen Steh- und Sitzvermögen und legen die Stirn in Falten. Der 1. Offizier lacht: „Erst wenn ein voller Bierkasten über den Teppich rutscht, ist das Wetter schlecht.“

Was bleibt zum Abschied? Das gute Gefühl, ein echtes Frachtschiff erlebt zu haben. Mit Captain’s Diner bei jeder Mahlzeit.

Sarah Paulus

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Text: Sarah Paulus (www.sarahpaulus.de)
Fotos: Rolf G. Wackenberg (www.wackenberg.com)

Über Sarah Paulus

Ich bin freie Autorin mit Fokus auf Reportagen und aktuelle Themen rund um Reise, Politik, Menschen und Kultur. Meine Artikel und Reportagen wurden u.a. in der FAZ, der Süddeutschen Zeitung, der Morgenpost, dem Tagesspiegel, der Welt/Welt am Sonntag, bei Spiegel Online sowie in diversen Magazinen veröffentlicht. Sarah Paulus
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