El Bocho: Gesichter der Melancholie

Es klackt. Die Kamera friert den Mann hinter der Maske ein. Kunst und Künstler vereint. Drum herum, in einem Atelier im Berliner Stadtteil Wedding, lagern Farben, Schablonen, Pinsel, Kartons und Leinwände. El Bocho, dessen Gesicht eben noch hinter einer Maske verborgen war, lässt sich in einen Sessel fallen und zieht die Kapuze seines Jumpsuits tief in die Stirn.

„Ich mach‘ eine Mischung aus Graphikinstallationen und Kunst. Auf der Straße, weil sie meine Kommunikationsplattform ist, in Kombination mit Leinwandarbeiten in der Galerie“, erklärt er sein kreatives Dasein. „Und ja, ich bin Künstler“. Anders jedoch als Leute, die Kunst studiert haben. Kein Maler, obwohl Farben zu seinem Metier gehören. Schwerpunkt des Schaffens sei vielmehr Kommunikation. Und die könne man auch mit anderen Mitteln betreiben.

Die Sache mit El Bocho ist, dass er sein Gesicht nicht vor Kameras zeigt. Dennoch mag er nicht unsichtbar sein. Schon allein deshalb nicht, weil ihm Feedback wichtig ist. Bei Vernissagen beispielsweise, wo er seinen Bildern dann doch ein zweites Gesicht gibt. „Mein Nachbar jedoch muss nicht wissen, was ich mache. Wenn man Interviews gibt, selbst bei einem Regionalsender, dann kannst du am nächsten Morgen nicht mehr zum Bäcker um die Ecke gehen, ohne dass du vollgequatscht wirst.“ Deshalb zeigen Fotos und Reportagen nie mehr als ein mit seltsamen Tüchern vermummtes Gesicht. Für den heutigen Fototermin jedoch haben Schere und Papier zu einem neuen Look verholfen.

El Bocho wird Ende der 1970er Jahre in einer Hochhaussiedlung am Stadtrand von Frankfurt am Main geboren, wo er wohl behütet aufwächst. Viel malt, von Werbung fasziniert ist, Clips mit dem Kassettenrecorder aufnimmt, umdichtet und von einem kreativen Beruf träumt. Was das sein soll? Er hat keine Ahnung. Vielleicht Bücher illustrieren oder ein Job in der Werbung. „Meine Eltern haben meine Interessen relativ früh unterstützt.“ Anders als die Stadt. Für junge Leute gibt es damals kaum Möglichkeiten, sich auszuprobieren. Weder an legalen Graffitiwänden, noch in erschwinglichen Proberäumen oder Ateliers.

Notgedrungen wird der öffentliche Raum vereinnahmt. Auch El Bocho ist fasziniert von Figuren und Schriftzügen, die Häuserwände und Stromkästen in den Außenbezirken zieren, von den fotorealistischen Werken der Frankfurter Sprüherlegende Bomber. Dass es dafür keine Erlaubnis gibt, ist ihm klar. Dass man trotzdem so gute Sachen machen kann, reizt ihn, bis er eines Tages Dosen für mehrere hundert Mark nach Hause schleppt. „Was ist das? Fängst du jetzt auch an zu sprühen?“, fragt sein Vater und lässt den Sohn gewähren.

„Es gab damals viele komische Gestalten in der Szene. Leute, die echt Stress machen konnten.“ Deswegen macht El Bocho sein eigenes Ding. Nachts, im Dunkeln, in gottverlassenen Ecken, wo Adrenalin pur durch die Adern schießt, wenn es irgendwo verdächtig knackt, schlimmstenfalls die Polizei aufkreuzt und man wegrennen muss. „Ich fühlte mich ziemlich allein, weil es nicht die richtigen Leute im Umfeld gab. Ich dachte, ich sei gut, weil einige mir das sagten.“

Und weil ihm andere Dinge nicht so liegen, sieht El Bocho seine einzige Chance in einem kreativen Beruf. Bemüht sich um ein Studium zum Graphikdesigner. Reicht Mappen ein, führt Bewerbungsgespräche. Hat „voll Bock drauf“ und schafft es trotzdem nicht. Mehrere Jahre lang muss er erleben, wie andere, bessere, an ihm vorbeiziehen. Manche, weil sie ihre Mappen mit fremden Federn schmücken. Doch alles wird gut. Eine Professorin an einer kleinen Fachhochschule erkennt, was ihn treibt. „Wir haben gesehen, wie viel Freude und Engagement sie mitbringen“. Er bekommt den heiß begehrten Studienplatz, trifft endlich Gleichgesinnte und muss sich eingestehen, wie durchschnittlich das eigene Talent ist. Ein Aha-Moment, der ihn erschreckt. Aber nur kurz. „Leute, die extrem gut waren, haben dermaßen abgefeiert, dass sie nicht mehr die Energie aufbrachten, sich weiter zu entwickeln.“

El Bocho ist ehrgeizig und diszipliniert. Genießt die kreative Atmosphäre des Studiums und bleibt trotzdem nicht auf der Strecke. Verbringt ein halbes Jahr in Spanien, 2006 schließlich geht er nach Berlin. Viele seiner Kommilitonen verdingen sich in Werbeagenturen. Der Neuberliner hingegen findet, „dass diese Branche ein verlogener Scheißhaufen ist“, mit dem er auf keinen Fall etwas zu tun haben will. „Die sind beinahe sektenartig aufgestellt. Vereinnahmen dein Privatleben. Und wenn du aussteigen willst, korrumpieren sie dich mit Geld und attraktiven Kunden.“ Das will er auf keinen Fall, stürzt sich stattdessen in hauptstädtisches Nachtleben. Lernt die richtigen Leute kennen. Nach drei Monaten winken die ersten Aufträge. El Bocho illustriert Bücher, Zeitungen und Zeitschriften. Entwirft Graphikkonzepte, Merchandisingprojekte und Messeauftritte. Bis heute kann er davon leben. Weil er aus der Werbung gelernt hat, wie man sich von Anfang an als Produkt definiert ohne verbogen zu werden und wie es gelingt, kommerzielle und nichtkommerzielle Kreativität in Einklang zu bringen.

Unumstritten ist das nicht. Vor allem bei jenen, die keine Aufträge haben, so El Bocho. „Jeder Künstler, der die Wahl hat, bei Lidl an der Kasse zu sitzen oder einen Kunstauftrag anzunehmen, wird die kreative Arbeit vorziehen, wenn er nicht komplett hohl in der Birne ist.“ Die Frage sei lediglich, wie weit man selbst mitbestimmen kann. El Bocho handelt mittlerweile Blankoverträge aus. Das heißt, die Kunden wissen nicht, was sie bekommen. Sie lassen sich darauf ein, weil in der Referenzliste einiges steht, was Rang und Namen hat: Daimler, FAZ, Warnermusic.

Doch worin besteht sie, die Kunst des El Bocho und was sagt sie über den Mann hinter der Maske? Um das herauszufinden, bietet sich ein Ausflug in die gediegene Berliner Fasanenstraße an. Hier residiert neben vielen anderen Kunstambitionierten auch die Raab Galerie, mit der der Künstler seit 2007 zusammenarbeitet. Eines seiner Markenzeichen sind großflächige, bis zu drei Meter hohe, plakatesque Portraits rehäugiger Frauen mit langen Wimpern. Mädchenhafte Schönheiten in pink, grau, türkis, in orange und rot. „Nie waren Frauen schöner“, hat ein Besucher ins Gästebuch geschrieben. Mit bunt gestreiften Haaren, Lippen und Augenbrauen sind sie allesamt Kunstfiguren, die mit dem Betrachter sprechen. Melancholie heißt diese Sprache. Sinnbild des Verlustes jener jugendlichen und zugleich bedingungslosen Romantik, die es einem ermöglicht, Illusionen zu folgen. Ein Lebensgefühl, das mit der Zeit verloren geht. Die Frauen des El Bocho bringen es zurück. Und gerade ältere Menschen sehen in seinen Bildern genau das. Wenn sie vor ihnen stehen, haben sie das Gefühl, etwas wiedergefunden zu haben. Die verlorene Zeit mit ihrer romantischen Unbeschwertheit.

Die Freiheit der Kunst ist Motivation und Anspruch zugleich. Deswegen und weil El Bocho sich nicht allein über eine Galerie vermarkten will, treibt es ihn bis heute auf die Straße. Dort fühlt er sich frei und nimmt keine Aufträge an, es sei denn für Ausstellungen. Streetart als rein legale Sache, in die sich Hauseigentümer einklinken können, um Farben, Motive und Stile mitzubestimmen, findet er problematisch. Um sich trotzdem im öffentlichen Raum verwirklichen zu können, hat er seinen ganz persönlichen Kompromiss gefunden. Die Zeit der Graffitis ist passé. „Wer will schon, dass das SEK aufkreuzt, wenn bei einer Vernissage die Sektkorken knallen.“ Heute ist er mit Papier und Quast unterwegs. „Graffiti ist eine Straftat, Plakatekleben eine Ordnungswidrigkeit.“ Deshalb muss er nicht mehr weglaufen, wenn die Ordnungsmacht erscheint. Vielleicht auch, weil seine Kunst im Ganzen positiv angelegt ist. „Guten Abend – da bin ich aber froh, dass sie es sind und nicht die Mafia.“ Ein Satz wie aus einem Deeskalationsseminar. Entwaffnend, einnehmend. Wie seine riesigen Frauenplakate, die so manchem das Herz öffnen. Mit besonderer Wirkung auf Menschen, die anderswo Bullenschweine genannt werden.

Doch das Repertoire des Künstlers bietet mehr als rehäugige Schönheiten. Wer mit offenen Augen durch die Stadt geht, kann die bunte Familie seiner Kunstfiguren entdecken. Tina Berlina beispielsweise, eine Mädchenfigur in orange und rot mit schielenden Augen, meist unterschiedlicher Größe. El Bocho hat sie jenen Berlinbesuchern geschenkt, die mit Streetartführungen die Stadt erobern. Eine Figur, die Ratschläge und Deutschunterricht gibt: „Hey Tourist, German Lesson 1: Komm ich so ins Watergate?“

Zur Familie gehören auch Kalle und Bernd, zwei trottelige Überwachungskameras, die ebenfalls mit dem Betrachter kommunizieren. Der Künstler verpasst ihnen ein positives Image und erreicht so ein breites Publikum. Inspiriert vom tschechischen Filmklassiker „Luzie, der Schrecken der Straße“ entstand die Kunstfigur Little Lucy. Ein kleines Mädchen mit Pagenkopf, das allerlei derben Blödsinn treibt. Ein Ventil, um hin und wieder die eigene Bestie rauszulassen. Denn Lucy hat eine Katze, die sie auf jedem Bild mit viel Fantasie zur Strecke bringt. Im Toaster, in der Waschmaschine, am Dönerspieß. Wer die tote Katze an den Häuserwänden entdeckt, weiß unzweifelhaft: „Lucy was here.“ Alles halb so schlimm, Katzen haben neun Leben. Wut, schlechte Stimmungen, Melancholie, Gesellschaftskritik, selbst Katzenmord, werden positiv verpackt. Mit einem gehörigen Schuss Humor versehen. Der Gedanke dahinter oft nicht mehr als ein Blitz, ein Fragment, den der Betrachter reflektieren muss.

Eine andere Form der Kommunikation sind Installationen und Videoprojektionen. Auch sie haben ihren Ursprung auf der Straße. Im Winter ist Eis sein Medium. Flaschenpost, die in der Stadt umhertreibt und gefunden werden will. Eisflaschen, die echte Botschaften beinhalten. Botschaften, denen man Zeit geben muss, damit sie ihre Nachricht enthüllen. Zeit, um das Eis zu schmelzen oder Zerstörung. Ein Sinnbild der menschlichen Natur, die es schwierig macht, an sein Innerstes heranzukommen. Eine Parallele zum Menschen El Bocho?

Mensch und Künstler entwickeln sich weiter. So gibt es erste Arbeiten in der Berliner Raab Galerie, die eine Transformation, vielleicht einen neuen Stil erkennen lassen. In Orange und Rot gehalten, reduziert, muten sie unvollständig an, in Teilen skizzenhaft. Sinnbilder des Übergangs. Reflektionen der Veränderung des Künstlers selbst, der erneut auf der Suche ist. Nach einer neuen Wirkungsstätte, nach Projekten oder einer gänzlich anderen Richtung, obwohl er weit über das hinaus ist, was er jemals zu erreichen glaubte. „Alles was ich machen wollte, ist schon längst passiert.“

Trotz allen Erfolgs bleibt dieser Hauch von Schwermut, der den Menschen El Bocho umgibt. Ist es die Last der Normalität? Oder die Tatsache, dass sich selbst in einer Stadt wie Berlin zunehmend Möglichkeiten verschließen? Vielleicht ist es jene Art von Melancholie, die einen in den besten Zeiten ergreift. Von denen man weiß, dass sie zu Ende gehen, ohne zu wissen, was danach kommen wird.

Sarah Paulus

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Text: Sarah Paulus (www.sarahpaulus.de)
Fotos: Rolf G. Wackenberg (www.wackenberg.com)

Über Sarah Paulus

Ich bin freie Autorin mit Fokus auf Reportagen und aktuelle Themen rund um Reise, Politik, Menschen und Kultur. Meine Artikel und Reportagen wurden u.a. in der FAZ, der Süddeutschen Zeitung, der Morgenpost, dem Tagesspiegel, der Welt/Welt am Sonntag, bei Spiegel Online sowie in diversen Magazinen veröffentlicht. Sarah Paulus
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