Scratch and Sax – Unterwegs mit DJ Marc Hype

Hinter uns schließen sich die Türen der Straßenbahn. Mein Fotograf und ich stehen an einer Haltestelle und schauen ratlos umher. Irgendwo hier ganz in der Nähe muss es sein. Noch allerdings weist kein Laut den richtigen Weg. Unsicher gehen wir ein paar Schritte und treffen auf eine Dame mittleren Alters, die umständlich einen Stadtplan studiert. Sie suche dasselbe Ziel. Gemeinsam biegen wir um eine Hausecke, steigen eine Betontreppe hinab und stehen unvermittelt vor einem Gebäude, das wie ein Gemeindehaus anmutet. Innen strahlt Licht, durch die Fensterfront können wir Menschen hin und her eilen sehen. Die Tür öffnet sich, beim Eintreten empfangen uns die ersten kreativen Klänge. Wir sind in Würzburg und wollen eine Nacht lang den Berliner DJ Marc Hype bei seiner Arbeit begleiten.

Alljährlich im Spätherbst findet das Würzburger Jazz Festival statt. Und das nicht ohne Grund. Denn in der Bischofsstadt an den Ufern des Main, umgeben von Weinbergen, wo Bayerns älteste Universität sowie eine Musikhochschule mit 28 Chören zuhause sind, hat sich ein anspruchsvolles Bildungsbürgertum etabliert, das über die engen Grenzen klassischer Arrangements längst hinausgewachsen ist und Jazz in allen Facetten zu schätzen weiß. Zum 30. Jubiläum des Festivals haben sich nun hunderte Gäste im Felix-Fechenbach-Haus versammelt, um dem Genre an sich, den musikalischen Reflexionen von Künstlern und Instrumenten ausgiebig zu huldigen. Immer dann, wenn die musizierenden Feingeister auf der spartanisch beleuchteten Bühne besonders virtuose Klangorgien fabrizieren, applaudiert das Publikum begeistert.

„Bei uns liefen Hitparade und deutscher Schlager“, beschreibt DJ Marc Hype, Spross einer Neuköllner Arbeiterfamilie, dessen bürgerlicher Name Marc Gärtner ist, seinen musikalischen Bildungskanon. Eine Kindheit zwischen Dieter Thomas Heck und den Westberliner Alliierten. Zwei Welten, die herzlich wenig miteinander zu tun hatten, wäre nicht Musik der kleinste gemeinsame Nenner. Denn die Präsenz der GI‘s führte bei vielen Jugendlichen jener Zeit zu einer unbändigen Begeisterung für die Werte des amerikanischen Hiphop, einer ehedem neuartigen Lebenshaltung, zu der neben dem von Beats untermalten gesprochenen Wort auch Graffiti gehört. „Zum Sprayer hat das Talent aber nicht gereicht“, bekennt der DJ nachdenklich, um sich kurz darauf an die Schlüsselszene seines Lebens zu erinnern. 1988. Das Berliner Tempodrom wird von Public Enemy, Run DMC und DJ Scratch beehrt. „Alles war dunkel. Die Spots auf die Mitte. Dann ist die Halle ausgeflippt.“ Von diesem Tag an habe es kein anderes Ziel gegeben, als irgendwann einmal selbst im Epizentrum zu stehen und der Menge einzuheizen.

Der Weg dahin war das Ziel. Um die Eltern ruhig zu stellen, schließt der Neuköllner tagsüber eine ordentliche Lehre als Industriemechaniker ab. In den Nächten tüftelt er an Tracks und Sounds. Bespielt allerlei Kaschemmen für weniger als nichts und organisiert Workshops für jene, die den gleichen Traum träumen. 1998 und 1999 gewinnt er zwei Mal in Folge den International Turntablist Federation’s DJ Championship (heute International DJ Association Championship). Von da an geht es aufwärts. Marc Hype steht im Rampenlicht, bespielt seitdem internationale Bühnen zwischen Berlin, Mumbai und New York.

Und manchmal eben auch in Würzburg. Hier legte er in den letzten Jahren bei diversen Clubprojekten auf, beispielsweise im AKW, einem sozio-kulturellen Treff, der nach mehreren Fastschließungen im Jahr 2009 Insolvenz anmelden musste.

Heute, an diesem Abend, muss der DJ allerdings jenseits seiner musikalischen Heimat zwischen Hiphop, Funk und Soul überzeugen. Es gilt, sich dem Jazz und seinen Mitstreitern vom Würzburger Art Ensemble zu öffnen. Wahrlich ein Experiment, das für den Mut seiner Initiatoren spricht. Mit Schlagzeuger Uli Kleideiter und Saxophonist Dirk Rumig hatte Marc Hype schon einmal improvisiert. Daraus entstand die Idee eines gemeinsamen Auftrittes von Ensemble und DJ im Rahmen des Würzburger Jazzfestivals.

Backstage im Felix-Fechenbach-Haus. Die Künstler versammeln sich in einem länglichen Raum, in dem sonst Kegelvereine eine schnelle Kugel schieben. Dort haben sich auch Hype, Kleideiter, Rumig und weitere sieben Musiker des Ensembles eingefunden. Ihr Auftritt, er wird der dritte im heutigen Festivalprogramm sein, soll in einer Stunde beginnen. Noch begeistert eine andere Band die Fans. Hin und wieder dringt ihr Beifall durch die dicken Wände. Anspannung liegt in der Luft, die die Männer lässig beiseite plaudern, während Sängerin Rayka Wehner an ihrer Strickjacke nestelt und nachdrücklich um eine letzte Abstimmung bittet. Der Laie erwartet nun ein klingendes Zusammenspiel der beteiligten Instrumente, eine Kostprobe kammermusikalischer Klangwelten, getragen von Streichinstrumenten, Saxophonen, Klavier und Schlagzeug. Heute jedoch ist alles etwas anders. Die Instrumente bleiben im Kasten. Nur Notenblätter rascheln. Die Gruppe nimmt auf abgewetzten Stühlen Platz. Kreisförmig. Wie eine Art Selbsthilfegruppe.

„Was machen wir im Satz bei A3?“

„Play what you feel.“

„Ich spüre da nicht immer die Inspiration.“

„Es wird nicht eingezählt, wir atmen einfach gemeinsam.“

„Hat jemand ein klingendes D an der Stelle?“

„Eigentlich ist die Idee, dass sich das Thema aus dem Rest raushält.“

Themen. Reste. Klingende Buchstaben. Gemeinsames Atmen. So klingen musikalische Improvisationen, wenn sie in Sprache übersetzt werden. Schwere Kost für die anwesenden Zaungäste.

„Wäre es übel, wenn sich irgendwo ein Solo aufdrängt?“, fragt Liepold unvermittelt. Er hat sich in schillernde Schale geschmissen. Mit dunkelrotem Glitzerjacket und glänzenden Lackschuhen ist er die bunte Kuh des Ensembles. Der Rest scheint sich auf ein fröhliches Schwarz verständigt zu haben.

Auch Marc Hype ist Teil der Gruppe. Aufmerksam und gleichzeitig gelassen folgt er der Abstimmung. Sein Einsatz ist klar, Noten benötigt er nicht. Er muss weder singen noch ein Instrument spielen, zumindest keines, das gestimmt werden müsste. Der DJ benötigt nicht mehr als einen Plattenspieler nebst Mixer und Kopfhörer, seinen HD 25. Den mehr als 30 Jahre alten Klassiker von Sennheiser nutzt auch Kleideiter: „Zum Schlagzeugspielen ist der Klasse. Sitzt perfekt.“ Zwei weitere Ensemblemitglieder bekennen sich ebenfalls als aktive Nutzer, worauf die Vorzüge des Kopfhörers in den Raum gestellt werden bis es endlich losgehen kann.

Die Musiker eilen schleunigst auf die Bühne. Stöpseln hier, räumen da. Jeder packt mit an. Marc Hype erklimmt sein DJ-Podest neben dem Schlagzeug, rückt die Schiebermütze zurecht und ist startklar. Die Jazzfans nehmen Platz, beenden ihre Gespräche und blicken erwartungsvoll in Richtung Bühne. Das letzte Flüstern erstirbt. Stille.

Nichts als Stille. Sie zieht sich hin, die Musiker lassen sie eine geraume Zeit gewähren und den Raum in Besitz nehmen. Dann, zunächst zaghaft, erklingen die Instrumente.  Es folgt ein Spiel in piano und forte, verstörend und fesselnd zugleich. Wehners Stimme schwebt über allem, präsentiert dem Auditorium ungewöhnliche Töne und Melodiebögen. Nach wenigen Minuten ist klar, dieser Auftritt bietet weder Alltagsjazz, poppigen Einheitsbrei noch einfältig daher plätschernde Hooklines im Jazzgewand. So ein Ansatz kann schnell die fragilen Bande zwischen Ensemble und Publikum zerschneiden. Doch das Würzburger Publikum folgt dem kammermusikalischen Ausflug ohne sichtbare Ermüdungserscheinungen und lässt sich mitreißen.

Einsatz Marc Hype. Anfangs zurückhaltend bewegt er den Plattenteller. Seine ganz persönliche Art von Vorstellungsrunde. Zum Eingewöhnen für ein Auditorium, das mit dem DJ und seinem Metier noch keine allzu großen Berührungspunkte hatte. Alle Augen richten sich auf die Performance. Der Mann an den Turntables rückt merklich ins Zentrum des Geschehens und erhöht den Druck. Kleideiter am Schlagzeug gesellt sich hinzu, bildet von nun an den Teppich für die Kollagen des Berliners bis sich schließlich auch das Saxophon die Ehre gibt. Scratch, Sax und Percussion. Spätestens jetzt wird klar, dass der gute alte Plattenspieler als Instrument für gemeinsames Musizieren bestens geeignet ist.

Der Auftritt ist vollbracht, das Würzburger Publikum applaudiert einmal mehr ausdauernd. Die Musiker verbeugen sich. Marc Hype würde diesen Moment gern auskosten und liebend gern dem Auftritt des Headliners folgen, der Legende Ernie Watts, mittlerweile 70jährig, der in seinem Leben mit unzähligen Größen der Musikgeschichte wie Frank Zappa, Miles Davis, Aretha Franklin und den Rolling Stones gespielt hat. Doch der DJ muss einpacken. Die zweite Schicht wartet.

Mitternacht. Kein Licht in den Fenstern der Wohnhäuser, Würzburg schläft. Drei Gestalten, ein DJ, ein Fotograf, eine Autorin, stehen einsam an einer Straßenbahnhaltestelle. Nur die Anzeigetafel ist noch wach und verspricht die Ankunft einer Tram in 15 Minuten. Zeit für ein Gespräch über das Leben eines reisenden DJs. „Ich mag es noch immer“, sagt Marc Hype. Die Welt sehen, Dinge ausprobieren, selbst hier in Würzburg. Ein Performer zu sein, viel mehr als ein stiller Tüftler im Studio.

„Jetzt kommt was ganz anderes“, erklärt der DJ, kurz bevor wir endlich bei Kurt & Komisch eintreffen, und meint das nun folgende Gegenprogramm zum gediegenen Jazzfestival. Würzburg habe viele Seiten, man müsse sie nur entdecken. Der Club befindet sich in der Sanderstraße, offensichtlich der Partymeile der Stadt. Überall rauchendes Volk, das Trottoir ist übersät mit leeren Bierflaschen und Kippen.

„Ich bin der auf dem Plakat.“ Souverän bezwingt Marc Hype den Einlass zum Club, klettert schwungvoll diverse Treppen hinab, durchkämmt eine neblige Tanzfläche,  begrüßt fröhlich den Resident DJ, um nur wenig später selbst die Regie zu übernehmen und mit Klassikern wie den Beastie Boys, De la Soul, Roots Manuva, Gangstarr und Run DMC einmal mehr ins Epizentrum des Abends zu rücken.

Das junge Volk zeigt sich erfreut, verfällt zunehmend in Bewegung und honoriert besonders lustreiche Klänge. Im Gegensatz zum Jazz-Ausflug, wird Musik hier eher körperlich aufgenommen. Etwa wie in DJ Hans Nieswandts Buch „plus minus acht“ nachzulesen: „DJs verführen ihr Publikum oberflächlich zu gleichzeitig nutzlosen wie auch irgendwie konformem Verhalten, nämlich zum Tanzen.“

Am Pult herrscht derweil entspannte Arbeitsatmosphäre. Der Techniker dirigiert Diskonebel, Lichter und Stroboskopstrahler. Marc Hype lässt Vinyl von hier nach da wandern. Seine Finger flitzen über Rillen und Regler. Verbinden, fusionieren und instrumentalisieren verschiedenste Stile. Professionell. Routiniert, solide, konzentriert. Präzise auf den Moment. Turntablism at its best. Mit HD 25 am Ohr. So als würde alles auch blind funktionieren. Vielleicht sogar taub, wenn man Musik im Blut.

Nach seinem Soloauftritt legt Hype back to back mit Kollege DJ Jayl Funk auf. Morgens gegen 5.30 Uhr ist Schluss. Wir fallen ins Bett, nehmen eine Mütze Schlaf und schließlich den Mittagszug Richtung Heimat. Zufrieden mit dem Tag? Klar doch. Oder wie Hans Nieswandt sagen würde: „Die Arme waren in der Luft, die Vibes vom deepsten.“

Sarah Paulus

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Text: Sarah Paulus (www.sarahpaulus.de)
Fotos: Rolf G. Wackenberg (www.wackenberg.com)

Über Sarah Paulus

Ich bin freie Autorin mit Fokus auf Reportagen und aktuelle Themen rund um Reise, Politik, Menschen und Kultur. Meine Artikel und Reportagen wurden u.a. in der FAZ, der Süddeutschen Zeitung, der Morgenpost, dem Tagesspiegel, der Welt/Welt am Sonntag, bei Spiegel Online sowie in diversen Magazinen veröffentlicht. Sarah Paulus
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