Zeltplatz kann jeder – Teil 5

Duschen oder nicht

Nach wie vor Sommer. Immer noch Schweden. Wir faulenzen bei Skärvälla, am Ostufer des Rusken. Einem betagten VW Transporter mit deutschem Kennzeichen entsteigt ein langhaariges Pärchen. Er in Zimmermannshose, sie steckt in einer Röhrenjeans. Beide tragen T-Shirts, an denen der Zahn der Zeit schon heftig genagt hat. Das sah sehr vielversprechend aus, endlich ein paar Hippies in der Nähe, die das friedvolle Herumziehen quasi mit der Muttermilch aufgesaugt haben müssten.

Wir kommen ins Plaudern über dies und das. Recht schnell wird klar: Das Paar sucht einen Campingplatz. In Ermangelung sachdienlicher Ideen erklärt Rolf leichtfertig unsere Reisestrategie, worauf eines der Langhaargesichter die Stirn in Falten legt und besorgt, nur leicht näselig nachfragt: „Und wie macht ihr das mit dem Duschen?“

Duschen oder nicht duschen. Eine ernste Angelegenheit, wie uns schlagartig klar wurde. Den hohen Stellenwert von Duschbad, Massagestrahl und Wassertemperatur auf der postmodernen Bedürfnispyramide unserer Mitmenschen hatten wir Ignoranten bislang nicht wahrgenommen. Abgesehen von Kochen scheint Duschen das ultimative Thema unserer Zeit zu sein. Ich dusche also bin ich.

Nun vollzieht die Haut in gewissem Umfang ja ganz von allein eine Art Selbstreinigung und regeneriert sich permanent. Körperhygiene sollte diesen Selbstreinigungsmechanismus ergänzen, nicht zerstören, was durch ein Zuviel an Seife, Shampoo, Gel und Spray recht schnell passieren kann. Dennoch mal ganz allgemein gefragt: Was geschieht, wenn der Körper drei Tage lang nicht geduscht wird? Nichts. Wirklich nichts. Wird der Probant denn nicht elendig verrecken? Mitnichten. Ganz sicher nicht. Versprochen.

Und damit zurück ins Land der Seen und Schären, wo sich ein Problem nun überhaupt nicht stellt: Wassermangel. Auf der Tour entlang der Küsten und Seen lag unsere Baderate bei durchschnittlich drei Mal pro Tag. Zu keiner anderen Fahrt in unserem gesamten Leben haben wir permanent näher an sauberem, natürlichem Wasser die Zeit verbracht, uns frischer, sauberer und lebendiger gefühlt. Wozu dann eine Dusche? Um den Alltagsschweiß und das Salz der Ostsee von der Haut zu schäumen? Falls ja, hier ein paar hilfreiche Statistiken: Der Salzgehalt unserer Weltmeere beträgt im Durchschnitt 3,5% (entspricht 35g Salz pro kg Wasser). Süßwasser hat eine Salinität, was für ein Wort, von unter 0,1%. Ab 1% spricht man per Definition von Salzwasser. Der Salzgehalt der Ostsee liegt zwischen 1,5% in ihrem Westteil und lediglich 0,3% im Osten. Noch Fragen? Wer also nicht gerade auf einer schwedischen Bohrinsel mit angeschlossener Eisengießerei arbeitet, sollte mit klarem Schwedenwasser prima zurechtkommen.

Übrigens haben wir tatsächlich einmal geduscht. Am Badplats des Prostjön in Vänarmo. Kalt und ohne Schaum, bei 12 Grad Morgentemperatur.

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Text: Sarah Paulus (www.sarahpaulus.de)
Foto: Rolf G. Wackenberg (www.wackenberg.com)

Über Sarah Paulus

Ich bin freie Autorin mit Fokus auf Reportagen und aktuelle Themen rund um Reise, Politik, Menschen und Kultur. Meine Artikel und Reportagen wurden u.a. in der FAZ, der Süddeutschen Zeitung, der Morgenpost, dem Tagesspiegel, der Welt/Welt am Sonntag, bei Spiegel Online sowie in diversen Magazinen veröffentlicht. Sarah Paulus
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