Monaco: Boxenstopp in Klein-Manhattan

Boris Becker hat es getan. Michael Schumacher auch. Andere tun es nach wie vor. Beispielsweise die wohl bekannteste TV-Familie um Carmen und Robert Geiss. Sie lebt seit etwa 20 Jahren in Monaco und gehört zu einer Mehrheit. Zu jenen rund 80 % Ausländern, salopp gesagt Steuermigranten, die den nur zwei Quadratkilometer großen und somit zweitkleinsten aller Zwergstaaten bevölkern. Doch macht Geld hier glücklich? Wir sind an die Cote d’Azur gereist, um herauszufinden, wie es jenseits der Steuerschranke, im Reich der Familie Grimaldi, zugeht.

Ausgangspunkt für die Erkundung des lütten Fürstentums mit der gleichzeitig weltweit höchsten Bevölkerungsdichte ist der Place d’Arme im Stadtbezirk La Condamine. Von hier aus lassen sich auch die restlichen neun Mini-Bezirke auf kurzem Weg erreichen. Wer mit dem Auto unterwegs ist, erlebt eine wahre Achterbahnfahrt. Man weiß nie, ob man gerade unten oder oben oder versehentlich in einem Parkhaus gelandet ist. Die Straßen von Monaco sind ein Geflecht von Über- oder Unterführungen. Mal führen sie durch ganze Häuserzeilen hindurch, dann wieder vorbei an Balkonen und Obergeschossen, um kurz danach im Untergrund zu verschwinden, wo verunsicherte Fahrer plötzlich vor einem Kreisverkehr stehen, mit Hinweisschildern in alle Richtungen. Stoßstange an Stoßstange schleppt sich der Verkehr durch die engen Straßen, immer wieder geduldig hinter dem öffentlichen Nahverkehr wartend, der seinen Haltestellenverpflichtungen mitten im Stau nachkommen muss.

Als Fußgänger nutzen wir stattdessen die alternativen monegassischen Fortbewegungsmittel. Über einen Fahrstuhl nebst Rolltreppen erreichen wir den tiefer angelegten Stadtbezirk Fontvielle mit seinem gleichnamigen Yachthafen. Kurze Zeit später stehen wir auf einem schier endlosen Laufband, das uns zum Bahnhof führt, der sich natürlich im Unterirdischen, in einer gewölbeartigen Röhre, verbirgt. Natürlich leistet sich das Fürstentum auch eine Fluggesellschaft, die allerdings weder über Flugzeuge noch Landebahnen verfügt. Deswegen gilt bei Monaco Heli Air: Nomen est Omen. Zum Angebot gehören ein Hubschrauber Shuttle Service zum Flughafen Nizza sowie zehnminütige Rundflüge um das fürstliche Kleinod.

Auch wir wollen auf einen Rundumblick nicht verzichten und begeben uns in den auf einem Felsen thronenden Stadtbezirk Monaco-Ville, wo die Grimaldis einst den Grundstein ihrer Festung legten. Heute ist Le Rocher der touristische Hotspot, dessen Sehenswürdigkeiten insbesondere asiatische Besucher in Scharen ablaufen: Den Fürstenpalast mit seinem weitläufigen Vorplatz, die winzige Altstadt mit engen Gassen, die Hochzeitskathedrale der Fürstenfamilie sowie das bemerkenswert erhabene Gebäude des Ozeanischen Museums mit seinen umliegenden Gärten nebst Blick auf den bekanntesten aller Stadtbezirke – Monte Carlo.

Dorthin führt der Circuit de Monaco, auf dem bekanntlich der Grand Prix von Monaco stattfindet, erstmalig 1929 und seit 1955 jährlich. Die etwa 3,3 Kilometer lange Strecke, welche Fettel & Co. 78 Mal befahren müssen, beginnt auf dem Boulevard Albert I. am Port Hercule und führt über die berühmte Rascasse-Kuve in Richtung Casino. Mitte Mai wird hier wieder ordentlich Gummi gegeben. Außerhalb der Rennsaison beschränkt sich der Straßenverkehr auf ein geschäftiges Grundrauschen mit viel Gehämmer und Geknatter. Aus Platzmangel wird vor allem aufgestockt.

Jenseits der Kräne zeigt Monaco einmal mehr sein kontrastreiches Antlitz: Jede Menge Nobelyachten, die mit mehr Geschossen aufwarten als so manches Penthouse. Daneben schaukeln bescheidene Bötchen, als wären bunte Kinderschuhe ins Meer geworfen worden. Straßen- und Gebäudenamen huldigen der Familie Grimaldi. Allerorten Fotos der gotthabsieseligen Fürstin Gracia und ihres Gatten Rainier III. Kleine Kirchen in Straßenfluchten, darüber eine Hochstraße und etwas höher eine weitere. Übereinander gestapelte Häuserzeilen, unzählige begrünte Dachterrassen nebst Pool, zwischen denen Hochhäuser empor ragen wie Stümpfe aus einem zahnlosen Maul. Einfallslose Betonklötze zwischen imposanten Villen. Quadratisch praktisch gut neben Grandezza und Gracia. Allem voran das herrschaftliche Casino. Davor ein Aufgebot an auf Hochglanz polierten Luxusautomobilen. Nebenan das Hotel de Paris, wo man inmitten von Marmorsäulen und Kristallkronleuchtern ein durchschnittliches Monatsgehalt für eine einzige Nacht ausgeben kann. Oder auch einiges mehr in einer der beiden Diamond Suiten hoch über den Dächern Monacos.

Zu guter Letzt treffen wir Albert II., der am Port Hercule die einfahrenden Teilnehmer der Rallye Monte Carlo ZENN begrüßt. Das Rennen durch die französischen Seealpen findet jährlich unter dem Motto „Zero Emission, no Noice“ statt und gilt als das grünste Segment der Rallye Monte Carlo Energies Nouvelles. Zur Feier des Tages hat Albert II. an diesem Freitagabend zu einem fürstlichen Essen in weißen Zelten direkt am Hafen geladen: Noblesse oblige. Für seine Gattin scheint das nicht zu gelten. Man darf spekulieren, ob Charlène jemals die Ehre eines Straßennamens zuteil werden wird.

Bleibt die Frage, ob das blaublütige Klein-Manhattan ein Ort ist, an dem man verweilen oder gar leben möchte. Ob die von den Geissens in einem Interview genannten 17.000 EUR Monatsmiete für das 420 Quadratmeter Penthouse ihren Preis jemals Wert sein können, auch wenn die Sonne ewig scheint und das Meer tatsächlich azurblau glitzert. Jenseits von Glanz und Glamour besticht Monaco durch Effektivität und Effizienz. Bis in den letzten Quadratmeter – ob horizontal oder vertikal. Und das hat mit Idylle, mit mediterranem Charme und Müßiggang wenig zu tun. Die laufenden Kosten sind hoch, die Mehrwertsteuer beträgt bis zu 20%. Bei allem Abgabenverzicht auf Einkommen und Vermögen, müssen die persönlichen Verhältnisse der vielen Steuerasylanten, schon recht auskömmlich sein, damit sich der Mangel an Freiraum und Laissez-Faire rechnet. Fazit: Dann lieber wie Gott in Frankreich, als fürstlich auf der Minischolle.

Über Sarah Paulus

Ich bin freie Autorin mit Fokus auf Reportagen und aktuelle Themen rund um Reise, Politik, Menschen und Kultur. Meine Artikel und Reportagen wurden u.a. in der FAZ, der Süddeutschen Zeitung, der Morgenpost, dem Tagesspiegel, der Welt/Welt am Sonntag, bei Spiegel Online sowie in diversen Magazinen veröffentlicht. Sarah Paulus
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