Frankreich: Savoir-vivre in Cap d’Ail

Kurzatmig trotten wir dem Gipfel entgegen und versuchen, trotz Atemnot und hochrotem Kopf, das alpine Panorama nicht aus den Augen zu verlieren. Am Wegesrand blühen zarte Frühjahrsgewächse, als wollten Sie einen Niedlichkeitswettbewerb gewinnen. Dazwischen knallgelbe Ginsterbüsche, die ein wenig zu streng duften, während an den Hängen trockenes Gesträuch sein Dasein fristet. Direkt vor einer steil aufragenden Felswand legen wir eine Verschnaufpause ein und bewundern eine Handvoll sportiver Zeitgenossen, die über unseren Köpfen baumeln und versuchen, den nächsten Haken zu erreichen. Sieht aus wie in Österreich. Ist es aber nicht.

Nach wenigen Gehminuten erreichen mein Fotograf und ich das Plateau des nur 550 m hohen Tête de Chien, der über der Cote d‘Azur thront und einer Grenzstation gleich die an seinem Fuße siedelnden Schutzbefohlenen bewacht. Hier und dort. Zur einen Seite des Berges schauen wir auf die winzig erscheinenden Ziegeldachhäuschen des französischen Ortes Cap d’Ail, die sich an ihren Hausberg schmiegen. Nach einer 180 Grad Drehung offenbart der Abgrund einen Blick auf den zweitkleinsten aller Zwergstaaten, das Fürstentum Monaco mit seinem vorgelagerten Mini-Felsen nebst Festung obendrauf, umgeben von modernen Hochhäusern, die wie Stümpfe aus einem zahnlosen Maul ragen. Jenseits des blaublütigen Kleinods wiederum, gleich hinter uns auf dem Plateau, trotzen ruinöse Gemäuer wacker dem endgültigen Verfall. Hinterlassenschaften früherer Bautätigkeit, denen die Vegetation schon seit Jahren aufzeigt, wo es langgeht. Zurück zur Natur. Und so windet sich üppiges Grünzeug durch leere Fensterrahmen und eingefallene Dächer. Kunstvoll, denn junge Wilde haben das Mauerwerk mit knallbunten Graffitis besprüht.

Was für ein Gegensatz an Europas wohl berühmtester Küste. Wo die Sonne ewig scheint und man wie Gott in Frankreich sich selbst genügt. Zwischen maritimem Flair und alpinem Hinterland. Eine Selbstverständlichkeit für jene, die es sich wert sind. Ein Unding vermutlich für den Rest. Zu mondän, zu langweilig und vor allem astronomisch teuer, was der Stadtphilosoph Elmar Kupke bereits vor Jahren pragmatisch kommentierte: „Durch unverschämte Urlaubspreise reinigt sich das Meer ganz von allein“. Höchste Zeit für einen Selbstversuch. Wir haben uns zur französischen Riviera durchgeschlagen, um herauszufinden, wie wir Ottonormalreisenden inmitten von Reich und Schön zurechtkommen.

Um die Reisekasse zu schonen, wollen wir unsere Zelte im Schatten des monegassischen Hochadels aufschlagen, auch wenn der französische Nachbarort Cap d’Ail auf den ersten Blick wenig Spektakuläres offenbart. Sein Zentrum entlang der Rue 3 Septembre, die sich wie eine Schlange durch die terrassenförmige Bebauung windet, besticht mit zwei Bäckereien nebst Mini-Supermarkt, der sich Superproxi nennt, einer Touristeninformation, einem Friseur, zwei einfachen Restaurants und einigen Immobilienagenturen mit diversen Inseraten. Für 300.000 EUR könnten wir ein 40 Quadratmeter Appartement kaufen, Meerblick inklusive. Selbigen gibt es auch für 90 EUR pro Tag im Hotel Miramar, dem Platzhirsch gleich neben der Bushaltestelle. Weil wir wissen wollen, wie hoch das Einsparpotenzial jenseits der Hauptstraße ist, steigen wir über drei Treppenabschnitte in den 150 m höher gelegenen Ortsteil. Dort stoßen wir auf die Residenz Costa Plana, die ihren Gästen über die Parkgarage Einlass gewährt. Nicht jedoch mittwochs oder während der täglichen Mittagspausen zwischen 12 und 15 Uhr, was das Bonmot des Schweizer Aphoristikers Walter Fürst einmal mehr bestätigt: „Gott lebt in Frankreich – in Deutschland macht er Umsatz.“

Dementsprechend betulich klickt sich die freundliche Rezeptionistin durch das störrische Reservierungsprogramm und schickt nebenbei diverse Anrufer in die Warteschleife. Nach einer gefühlten Ewigkeit dürfen auch wir zum Umsatz beitragen. 420 EUR für 7 Tage in einer Appartementanlage, die ein wenig in die Jahre gekommen ist, deren Zentrum ein ansehnlicher Pool mit Überlaufbecken zum Hang dominiert, bei dem man allerdings saisonbedingt ins Leere starrt. Egal. Das Zimmer selbst besticht mit einem großen Balkon nebst Meerblick und einer Küche. In den nächsten Tagen werden wir bei Superproxi Stammkunde sein und auf unserem Hochsitz fürstlich dinieren.

Doch zunächst einmal gilt es, die Perle von Cap d’Ail zu entdecken, die hinter dem unscheinbaren Antlitz des Ortes verborgen sein muss. Nachdem wir den Hausberg bereits erklommen haben, wenden wir uns den küstennahen Gefilden zu und entdecken ein wahres Highlight. Zur Freude von Joggern, Spazier- und anderen Müßiggängern hat die französische Kommune einen pittoresken Weg in die felsige Küste geschlagen, der bei Mala Beach beginnt und am Marquet Beach kurz vor Monaco endet. Neuralgischer Punkt ist Cap Mala, an dem das Meer nicht selten vor Wut schäumt und Wanderer eine Wellenpause abwarten müssen, um trockenen Fußes die Kurve zu kriegen. Einigen macht das Angst. Sie kehren lieber um. Ob mit oder ohne Adventure-Feeling, das Weglein ist ein wahrer Genuss für all jene, die sich an Sonne, Wind und Meer erfreuen oder an den prächtigen Villen im Stil der Belle-Epoque, deren Obergeschosse hinter den Uferfelsen empor ragen, deren Grandezza inmitten mediterraner Gärten hinter hohen Bäumen und Zäunen nur im Ansatz zu erahnen ist. Und so scheint der kleine Ort auf den zweiten Blick dann doch vieles mehr zu sein als ein unscheinbarer Bruder im Schatten der Grimaldis. Tatsächlich ist er ein Platz an der Sonne, wo man es sich wie Gott in seinem Lieblingsland gut gehen lassen kann. Das tun jedenfalls die zahlreichen Besucher, die mit Freunden und ganzen Familien picknickend oder nichts tuend am steinigen Ufer lümmeln. Zum Mittagessen im vornehmen Restaurant La Pinede am Pointe des Douaniers verweilen oder sich im volkstümlicheren Le Cabanon am Cap Fleuri fröhlich einen hinter die Binde gießen. In keinem anderen Land sieht man bereits zur Mittagszeit so viele Menschen so viele Weinflaschen leeren. Das mag auch Winston Churchill gefallen haben, der hier nach 1945 oft seinen Urlaub verbrachte, worauf ihm die Ehrenbürgerschaft des Ortes verliehen wurde.

Da auch wir ein paar EUR dem lokalen Weinkonsum geopfert haben, lassen wir auf dem Rückweg die Hauptstraße übermütig links liegen und wandeln jenseits des Bekannten über Wege, die sich Chemin des Eucalyptus, des Oliviers oder des Mimosas nennen. Über Pfade, die genau so riechen und genau so aussehen wie sie heißen, über kleine Treppen, durch winzige Brücken, als sei man irgendwo auf dem Land, wenn da nicht die Zäune rechts und links wären, die imposante Anwesen hinter all dem Grünzeug vermuten lassen.

Wir sind berauscht, nicht nur vom Wein, und finden uns plötzlich in Down Town Cap d’Ail wieder, wo heute das Tagesereignis stattgefunden hat – die Eröffnung eines zweiten Supermarktes, direkt neben unserem Superproxi. Auf dem Parkplatz gegenüber hat ein junger Mann seinen Bentley geparkt und wienert eifrig daran herum. Dach, Türen, Motorhaube, Fenster. Die Felgen bekommen den Rest aus einer Flasche mit sprudelndem Evian. Zu guter Letzt wird der Gummi mit Reifenlack zum Glänzen gebracht. Nun sieht er wieder schick aus. Anders als wir nach Küstenweg und Mimosenpfad.

Den Superproxi stört das nicht, Hauptsache wir bleiben ihm treu, was wir gerne tun, weil er bis 21 Uhr geöffnet hat. Wenig später dampft deftige Kartoffel-Lauch-Suppe mit Chorizzo auf den Tellern. Eiskalter Rosé fließt in entspannte Kehlen. Wir sitzen auf unserem Balkon und gucken der Müllentsorgung bei der Arbeit zu. Mehr als ein halbes Dutzend Fahrzeuge werkeln eifrig durch das kleine Örtchen, was sie im Übrigen jeden Abend tun, so als gäbe es nicht nur in Monaco einen Grand Prix zu gewinnen oder weil sie den französischen Müll ins benachbarte Fürstentum verkaufen, damit dort ein teures Stückchen neues Land aufgeschüttet werden kann. Alle 20 Minuten fährt der 100er Bus vorbei, der die Küstenorte zwischen Menton, Monaco und Nizza verbindet. Für schlappe ein Euro fünfzig. Mit der Ligne Azur werden wir uns morgen auf die Straßen von Monaco und danach über die Dächer von Nizza begeben. Doch dazu ein anderes Mal.

Über Sarah Paulus

Ich bin freie Autorin mit Fokus auf Reportagen und aktuelle Themen rund um Reise, Politik, Menschen und Kultur. Meine Artikel und Reportagen wurden u.a. in der FAZ, der Süddeutschen Zeitung, der Morgenpost, dem Tagesspiegel, der Welt/Welt am Sonntag, bei Spiegel Online sowie in diversen Magazinen veröffentlicht. Sarah Paulus
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