Tansania: Am Ende der Straße steht ein Haus am See

Über dem Ostufer des Tanganjikasees wetteifern Sonne und Wolken um den besten Platz am Himmel. Am Horizont tanzt ein heftiges Gewitter. Blitze zucken und tünchen die Berge des Kongo in eine orange-rote Skyline. Einfach mal rüber schippern, denke ich, faul im blauen Liegestuhl lümmelnd. Mir nichts dir nichts am anderen Ufer aus den Wellen steigen und das Herz der Finsternis bereisen. Bis Kinshasa, anschlagen und zurück. Den großen Zeh in Tim Butchers „Blood River“ halten und „Ich war hier“ in einen Baumstamm ritzen.

Kaum mehr als 50 Kilometer trennen mich vom jenseitigen Ufer. Doch wir haben die weite Reise zur tansanischen Seeseite nicht deshalb unternommen, um dem Kongo nahe zu sein. Mein Fotograf und ich sind hierhergekommen, um herauszufinden, ob der Tanganjikasee tatsächlich so fantastisch ist, wie Afrikakenner zuweilen behaupten und ob man auch im Westen Tansanias Urlaub machen kann – jenseits von Serengeti und Kilimandscharo-Trekking.

Basisstation für unseren Urlaubs-Check ist die Lake Shore Lodge mit ihren blauen Liegenstühlen direkt am Strand, in einer Nachbarbucht des Dorfes Kipili. Am Ende einer holprigen Piste, die nur mit Allrad zu befahren ist. Die Lodge gehört den gebürtigen Südafrikanern Chris und Louise Horsfall, die seit 1997 in Tansania leben. Nach einem Intermezzo in der Touristenhochburg Arusha, südwestlich des Kilimandscharo-Massivs, verschlug es sie nach Kipili, wo sie der Schönheit des Sees verfielen. Und das nicht ohne Grund.

Der Tanganjikasee gilt er als der artenreichste Ort der Welt. Mehr als 90% seiner Bewohner sollen endemisch sein. Ein wahres Raritätenkabinett an wundersamen Kreaturen. Nilhechte, Kiemensackwelse und Kongo-Kugelfische. Wer auf Pirsch geht, kann Fischadler, Rieseneisvögel und Wasserschildkröten beobachten, während sich Krokodile, Flusspferde und Wasserkobras zur gemischten Raubtiernummer formieren. Und hier soll man baden? Aber ja doch. Wir tun es wie die Einheimischen jeden Tag. Das Wasser ist Bilharziose frei. Zudem sehr klar, weil sich Schwebstoffe, aufgrund der relativ geringen Wasserdurchmischung leicht auf dem Boden absetzen.

Ohnehin gilt der See als Superlativ an sich. Er ist der längste und zweittiefste der Welt. Knapp 700 km misst er von Nord nach Süd. Eine Strecke wie von Berlin zum Bodensee. Über eine Fläche von 32.893 km2, so groß wie Nordrhein-Westfalen. An seine Ufer schwappt das größte Süßwasseraufkommen des Kontinents. Um die tiefste Stelle des Sees zu erreichen, müsste ein Taucher fast 1.500 m paddeln. Weil der See auf einer Höhe von knapp 800 m liegt, befände er sich am Ende seiner Tauchtour etwa 700 m unter Meeresniveau. Das klingt nach Nautilus, Jules Verne und einer Reise zum Mittelpunkt der Erde.

Faktengedöns hin oder her. Der große Blaue ist ein Faszinosum an sich. Wer an seinen Ufern ausharren kann, ohne ständig bespaßt werden zu müssen, wird unweigerlich von seiner gigantischen Idylle und der Farbenvielfalt seines Wassers betört. Einem Chamäleon gleich, ändert er sein Antlitz je nach Sonneneinstrahlung und trägt der jeweiligen Situation angemessen, mal eine kobaltblaue oder smaragdgrüne Robe. Ein schier endloses Gewand, das nicht selten ordentliche Wellen schlägt, so als wolle die Königin aller afrikanischen Seen nicht nur die schönste sondern auch ein Weltmeer sein. Der Tanganjikasee ist ganz großes Seelenkino, würden Chris und Louise sagen, klänge es nicht so gefühlsduselig. Aber genau deshalb sind sie geblieben, planten ihr eigenes Hotel und eröffneten 2007 die bereits erwähnte Lake Shore Lodge.

Neben einem Campingplatz gibt es hier 13 strohgedeckte Häuschen nebst Honeymoon Suite, die sich zwischen prächtigen Mangobäumen entlang des Strands verteilen. Im Zentrum ein Haupthaus mit Bar und Restaurant, gleich nebenan ein kleiner Yachthafen. Jeden Abend wird das Areal mit Laternen erleuchtet.

„Als wir zum ersten Mal am Ufer standen, war hier nichts als Dickicht und Gestrüpp“, erzählt Chris.  Also wurde gerodet, Kies aufgeschüttet und ein Strand angelegt. Ohne Proteste und Schlichtung. Jenseits von Wutbürgerei und Volksentscheiden. Nein im Gegenteil, die Dorfbewohner seien begeistert gewesen, dass zwei Verrückte im tansanischen Outback investierten, Landrechte von der Regierung erwarben, Pacht zahlen und Arbeitsplätze schaffen wollten. 30 Mitarbeiter sind es mittlerweile, die sich um den Betrieb der Lodge kümmern.

Einer von ihnen ist Lusajo Mwenda Kapalama, der gerade den Mittagstisch eindeckt. Er ist 29 Jahre alt und wurde in der Lodge zum Kellner ausgebildet. „Manchmal ist es noch immer anstrengend, das viele Geschirr hin und her zu balancieren“, räumt er ein, aber die Bezahlung sei gut und er habe nun ein geregeltes Einkommen. „120.000 bis 500.000 tansanische Schillinge pro Monat je nach Qualifikation, etwa 70 bis 225 EUR, verdienen die Angestellten“, erzählt Louise. Anfangs sei das ein Problem gewesen, weil einige mit dem ungewohnten „Geldregen“ nicht haben umgehen können. Mittlerweile würden die Trinkgelder separat ausgezahlt. Das laufe besser, findet auch Lusajo schmunzelnd. Gleich hat er Feierabend. Dann wird er in sein Heimatdorf Kipili zurückkehren.

Das Dorf selbst ist wie viele seiner Art am Ostufer des Tanganjikasees ein überschaubarer Flecken mit knapp fünftausend Einwohnern, die in Lehmhütten oder bescheidenen Steinhäuschen wohnen. Touristisch betrachtet ist nicht viel los und trotzdem herrscht allerlei Trubel. Jener typisch afrikanische Alltag eben, der bunt betuchte Leiber von hier nach da wuseln lässt, während handwerkliche Verrichtungen und sonstiges Kleinstgewerbe am Straßenrand stattfinden. Ich lebe, also bin ich, heißt hier die Devise. Oder anders: Einmal Kipili, immer Kipili. Denn das Dorf liegt am Ende einer Sandstraße, die die Siedlung mit dem nächstgrößeren etwa 150 Kilometer entfernten Ort Sumbawanga verbindet. Um dorthin zu gelangen, läuft man zur 8 km entfernten Haltstelle in Katongolo und nimmt den Bus, der einen mit 30 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit durchs Gelände ruckelt. Noch beschwerlicher als ins Landesinnere gestaltet sich der Reiseverkehr zu den südlich und nördlich gelegenen Anrainern am See gestalten, denn hier gibt es nicht einmal Straßen, geschweige denn einen Bus. Nur den Seeweg mit maroden Holzbooten. Oder mit der alten Dame Liemba, einem ehemals deutschen im Jahr 1913 erbauten Passagier- und Frachtschiff, das bis heute zwischen Kigoma am tansanischen Nordufer und Mpulungu im sambischen Süden pendelt. Mit Halt an 16 Ankerpunkten, auch vor Kipili.

Wenn Chris nach Sumbawanga fährt, nimmt er den Pick-up. Drei Stunden Fahrzeit braucht er für die 164 km lange Strecke. Einmal im Monat macht er die Tour, um Einkäufe und Bankgeschäfte zu erledigen oder um Gäste vom Busbahnhof abzuholen.

Hat man es bis hierher geschafft, folgt reichlich Belohnung. Zunächst einmal durch die Lodge selbst. In ihrem Look and Feel finden sich Elemente von Feng Shui und japanischer Gartenkunst wieder. Wer darauf steht, erlebt Tiefenentspannung ganz von selbst. Je nach Befindlichkeit, gefolgt von ekstatischer ökologischer Begeisterung. Denn die gesamte Küche ist weitestgehend regional aufgestellt. Brot und Brötchen kommen aus eigener Produktion. Fleisch, Obst und Gemüse aus den umliegenden Dörfern. Fische aus dem See, der gleichzeitig als Quelle für Trink- und Brauchwasser dient. Abfall fällt in die biologische Kläranlage, Strom wird mit Solarmodulen und einem Reservegenerator erzeugt. All das inmitten eines Anwesens fern ab vom Schuss, mit ungeheuer viel Liebe und dem nötigen Sinn für schöne Dinge angelegt. Ästhetik, Betriebswirtschaft und Ökologie mitten im afrikanischen Busch.

Und weil dieser Flecken Erde so schrecklich schön ist, lümmeln wir müde vor Glück im blauen Liegestuhl, gucken auf den See, baden, gucken, dösen. Aktivlinge hingegen nutzen die Angebote der Lodge, die mit Schnorcheltouren, Kanu- oder Quadfahren jede Menge Amusement bieten. Oder auch einen Ausflug zu den hundertjährigen Ruinen der ehemaligen Kirando Mission auf dem nahegelegenen Jiweni-Kamba Hügel.

Dorthin führt ein nicht mehr als 600 m langer Pfad durch den tansanischen Busch, an dessen Ende den Ausflügler ein sagenhafter Blick über den See, die nahegelegenen Inseln bis hin zum Kongo am Horizont erwartet. Diesseits, in der Mitte des Plateaus, ruhen die Überreste einstiger Missionarstätigkeit. Die von backsteinernen Säulen getragene, vergleichsweise gut erhaltene Kirche nebst einiger Relikte von Gemäuern drum herum.

Dass hier vor mehr als 100 Jahren eine Mission errichtet wurde, ist der Gesellschaft der Missionare Afrikas, auch White Fathers genannt, zu verdanken, die 1868 von Cardinal Charles Lavigerie gegründet wurde, um Nordafrika, später auch die Gebiete südlich der der Sahara zu christianisieren. Infolge dessen entstanden auch im Areal der Großen Seen einschließlich des heutigen Kongo vier Vikariate, eines davon das Vikariat Tanganyika, rund um den gleichnamigen See. Zu jener Zeit hatte sich die Region zu einem kommerziellen Zentrum entwickelt, das nicht zuletzt von arabischen Händlern dominiert wurde. „Die White Fathers waren für ihren Widerstand gegen den Sklavenhandel bekannt. Die arabischen Clan Chiefs begegneten ihnen mit offener Feindschaft“, schreibt Pater Piet van der Pas in seinem Buch „A History of the White Fathers in Western Tanzania“. Infolge dessen musste die Gründung einer christlichen Station in Kirando, nahe dem heutigen Kipili, mehrmals aufgegeben werden. Sie entstand schließlich 1894, als unter der Leitung von Vater Boddaert, Vater Sigiez und Bruder Gustave mit dem Bau einer Missionsanlage begonnen wurde, bestehend aus  Fathers‘ House, Sisters‘ House und einer Krankenstation, die über mehrere Jahrzehnte ihre wohltätige und christliche Mission postulierte bis sie schließlich 1940 ihren Dienst einstellen musste. Seitdem verfällt das göttliche Gemäuer. Chris und Louise haben sich seiner angenommen. Sie werden die Anlage nicht wiederaufbauen, aber immerhin erhalten können, um den Besuchern ein Stück afrikanische Geschichte, nicht zuletzt einen Eindruck von den einst imposanten Missionsgebäuden zu vermitteln.

Später Nachmittag am Ostufer des Tanganjikasees. Rechtschaffen erschöpft von unserem Ausflug zum christlichen Hügel fallen wir in die blauen Liegestühle. Und, kann man hier Urlaub machen? Als Antwort gestatten wir uns einen wohligen Seufzer. Dann schaut Louise vorbei und kredenzt ein Glas Weißwein. Am Horizont thronen noch immer die Berge des Kongo. Jetzt friedlich, ohne Blitz und Donner. Bald werden wir mit dem Hotelboot und einigen Gästen zum Sundowner-Cruisen durch die umliegende Inselwelt aufbrechen. Auch so ein Aktivitätenangebot der Lodge. Bis dahin jedoch machen wir das, was uns hier am allerbesten gelingt – absolut nichts.

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Text: Sarah Paulus (www.sarahpaulus.de)
Foto: Rolf G. Wackenberg (www.wackenberg.com)

Über Sarah Paulus

Ich bin freie Autorin mit Fokus auf Reportagen und aktuelle Themen rund um Reise, Politik, Menschen und Kultur. Meine Artikel und Reportagen wurden u.a. in der FAZ, der Süddeutschen Zeitung, der Morgenpost, dem Tagesspiegel, der Welt/Welt am Sonntag, bei Spiegel Online sowie in diversen Magazinen veröffentlicht. Sarah Paulus
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