Deutschland: Yard 5 Meets Urban Spree

Stell Dir vor, es ist Osterspaziergang und keiner kommt mit. Weder zum Flanieren an Strömen und Bächen, noch zum Verweilen im grünen Hoffnungsglück. Stattdessen ist Hauptstadt, man strebt ins Getümmel, denn hier ist bekanntlich des Volkes wahrer Himmel. Jenseits von Goethe, Spree und Mauerresten, wo die schnöde Tradition in diesem Jahr einfach so weggefeiert werden soll. Mit Bier und Graffiti, Kunst und Prosecco. Zwischen Kreuzigung und Auferstehung. Osterglocken, ich hör euch bimmeln: „Yard 5 Meets Urban Spree“. Das Motto ist Programm im Kiez. Doch mehr dazu später.

Früher, vor zwanzig Jahren, hätte sich kaum jemand im damals tristen Areal von Stralauer Allee und Warschauer Brücke eine Existenz andrehen lassen. Nicht einmal geschenkt. Weil keiner dem geschenkten Gaul ins Maul schauen wollte. Nun allerdings haben sie das Nachsehen, jene Kontra-Visionäre, denn heutzutage steppt hier buchstäblich der Bär. Nicht selten direkt auf dem Topspot an sich, der Warschauer Brücke, wo sich das Partyvolk trifft, um vorzuglühen, abzuhängen oder um die Kultbutzen der Gegend heimzusuchen. Etwa auf der Revaler Partymeile, wo allein Nummer 99 etliche Locations beherbergt, die sich Cassiopeia, Astra Kulturhaus, CK-99, Bar zum schmutzigen Hobby oder Badehaus nennen. Ob man deshalb von blühenden Landschaften sprechen kann, ist Ansichtssache. Hot, hip und vor allem urban sind sie allemal, trotz MediaSpree am Hauptstadtfluss, wo betuchte Bürger alsbald ihre Luxusdomizile beziehen werden, vis-a-vis vom Daimler-Stern, unweit von O2 Arena und den Genossen um die Gott-hab-sie-selige Bar 25, den klammheimlichen Erfindern des Kommunardenkapitalismus.

Doch zurück zur Revaler 99. 1867 wurde hier die älteste Fabrik des Stadtbezirks eröffnet, die Königlich-Preußische Eisenbahnhauptwerkstatt Berlin II. 1918 folgte die Umbenennung in Reichsbahnausbesserungswerk und zum 100. Jubiläum im Jahr 1967 erhielt das RAW den Namen des im nationalsozialistischen Deutschland ermordeten bayrischen Kommunisten Franz Stenzer. All das ist Industriegeschichte, denn Anfang der 1990er begann die Stilllegung und seit nunmehr 15 Jahren ist ein Teil des Geländes an den Kulturverein RAW-tempel e.V. vermietet, der wiederum sein rustikales Areal untervermietet. Für Kunst- und Gastroprojekte.

Eines davon, neben den bereits erwähnten Bars und Clubs, nennt sich Urban Spree. Ein Kunstraum, der künstlerisch-programmatisch zum Eklektizismus tendiert und sich für szenig klingende Eventkonzepte wie Comicinvasion, A Maze oder Pictoplasma offeriert. Musikalisch, auch das sei erwähnt, steht man auf Punk, Electro, Dub Step, selbst Jazz. In Altdeutsch: Urban Spree bietet eine Heimstätte für Ausstellungen, Festivals, Konzerte und sonstige Sausen. Außerhalb des ambitionierten Kunstraumes fällt der Blick auf post-industrielles Ambiente, wo großflächige Graffitis auf ruinösen Mauern prangen, an denen der Zahn der Zeit seit Jahren nagt. Drum herum Freiflächen mit Blick auf die Gleise.

„Als ich das Gelände zum ersten Mal sah, war es um mich geschehen“, erzählt einer, den eigentlich so schnell nichts umhaut. Wie viele in den vermeintlich hippen Ostkiezen ist auch Christian Vogler ein Zugezogener. Nicht aus Schwaben, nein, aus dem beschaulichen Lichterfelde des alten Westberlin, von wo es ihn 2006 ins Beitrittsgebiet verschlug. Dort betreibt er seitdem das Yard 5, ein Graffiti und Fashion Store, der alles anbietet, was Sprayerherzen begehren: Dosen mit Burner-Kupfer bis Montana Black, Fat-Caps, Ultra-Skinnies, Squeezer, große und kleine Marker für Tags oder Leinwand und natürlich die passenden Klamotten. Clubfeeling inklusive, denn hier kennt jeder jeden.

Graffiti ist eine von Christians Leidenschaften. Die andere heißt Networking oder wie es der Ex-Lichterfelder ausdrücken würde: „Ich hab gern Menschen um mich herum, am liebsten Freunde und Familie.“ So wurde die Einzelhandelsscholle zu eng und musste konzeptionell erweitert werden. 2008 rief Christian die erste Yard 5 Summer Jam ins Leben, eine Art Freestyle Pop-up Event für alle, die ihr Herz an Graffiti und Hip-Hop verloren haben, für Freunde, Bekannte und die gesamte buckelige Verwandtschaft, für Groß und Klein. Seitdem hat die Jam verschiedene Friedrichshainer Locations bespielt, wie etwa das Yaam, die Luna Strandbar oder das Strandgut.

Aktuell, im verflixten siebten Jahr der Jam-Sequels, stehen die Zeichen auf Neuausrichtung und wie so oft kam die geplante urbane Osterparty durch einen Zufall ins Rollen. Der nämlich führte Christian zu einer Ortsbegehung in die Revaler 99, wo er stehenden Fußes dem spröden Charme des Areals erlag und aus dem Stegreif das Motto „Yard 5 Meets Urban Spree“ erfand, gemeinsam mit Urban Spree Betreiber Pascal Feucher. Ziemlich eklektizistisch, das Ganze. Denn Feucher ist ein ehemaliger Investmentbanker, der einst in Paris seine Brötchen verdiente. Bis ihn Finanzkrise und Arbeitslosigkeit nötigten, sich neu zu erfinden. Das tut er seit 2012 mit seinem Kunstraum, wo er vermutlich nun kleinere Brötchen backt oder eben an Ostern Graffiti und Kunst zusammenbringt.

Deswegen kann tagsüber wie gewohnt gejamt werden. Wie jedes Jahr bei Yard 5 werden die Großen der Sprüherszene, wie FINO, SCOTTY 76, Riot Berlin, Poet73 und viele mehr  anreisen, um triste Wände in blühende Landschaften zu verwandeln – ganz legal, versteht sich. Für die Kids gibt es Mal-Battles, Beatbox und Graffiti Workshops. Natürlich Musike, Essen und Trinken. Ein Happening für die ganze Familie mit fließendem Übergang in den Kunstraum, wenn gegen Abend die Ausstellungsräume des Urban Spree öffnen. Dort will Christian Schönes und Designtes von mehr als 18 internationalen Künstlern nicht nur zeigen, sondern auch verkaufen lassen. Schuhe, Zeichnungen, Leinwände, Fotografien, Möbel oder sonstigen Schnickschnack. Kunstvolle Dinge, die die Welt nicht immer braucht. Aber was macht das schon. Hauptsache schön. Schön auch das Line-up mit Kara Murat Bey, Kitschqueen Köln, Berlin Kidz sowie den bekannten Fotografen Rolf G. Wackenberg, Michael Opeitz und Oliver Rath. Letzteren gibt es sogar im Doppelpack. Als Ehret & Rath zur Aftershow. Mehr Party geht nicht.

Yard 5 goes Art, könnte man sagen. „Man muss sich weiter entwickeln“, findet Chris, der seinen Shop in den letzten Jahren zur Marke entwickelt hat und sich selbst zum Eventmanager. Geblieben sind Spaß und Freude am Miteinander. Deswegen ist der Eintritt frei. Und Ostern in diesem Jahr ziemlich urban. Bei fröhlichem Jauchzen für Groß und Klein. Denn hier darf ich Mensch, hier will ich sein.

Yard 5 Meets Urban Spree: 19. April 2014 ab 12 Uhr, Revaler Straße 99, Berlin-Friedrichshain.

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Text: Sarah Paulus (www.sarahpaulus.de)
Fotos: Rolf G. Wackenberg (www.wackenberg.com)

Über Sarah Paulus

Ich bin freie Autorin mit Fokus auf Reportagen und aktuelle Themen rund um Reise, Politik, Menschen und Kultur. Meine Artikel und Reportagen wurden u.a. in der FAZ, der Süddeutschen Zeitung, der Morgenpost, dem Tagesspiegel, der Welt/Welt am Sonntag, bei Spiegel Online sowie in diversen Magazinen veröffentlicht. Sarah Paulus
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