Sambia: Cholera und Flaschenpfand

Gemächlich rollt der Kleinbus über die geteerte Piste. Aus den Boxen scheppert Volkstümliches, das die Insassen bei Stimmung hält. Viele haben ein Lächeln auf den Lippen und wiegen die Oberkörper im Takt. Ein Mädchen singt lauthals mit. Das steckt an und weckt Vorfreude auf das Reiseziel: Mpulungu, Sambias einzige Hafenstadt am Tanganjikasee. Ein Ort, der neben seiner Lage am längsten und zweittiefsten See der Welt mit weiteren Standortvorteilen punkten kann. Mpulungu ist Ausgangspunkt für Ausflüge zu den nahegelegenen Kalambo Fällen, den zweithöchsten Afrikas. Zugleich Wendepunkt der Liemba, dem einzigen regulär verkehrenden Passagier- und Frachtschiff auf dem Tanganjikasee.

Erwartungen stehen hoch im Kurs. Ich träume von afrikanischer Urbanität an tropischen Ufern, von Palmen und Seepromenaden. Gerade als mein Wunschdenken Gestalt annimmt, schlägt die Realität erbarmungslos zu. „Cholera!“ Entgegnet Liz, das singende Mädchen, nachdem es vom Reiseziel erfahren hat. Wie Cholera? Steht der Ort unter Quarantäne? Gibt es Tote? „I speak little English“, antwortet Liz und trällert unschuldig weiter.

Ankunft im Zentrum der Epidemie knapp 200 Buskilometer später. „Choleraausbrüche gibt es hier immer wieder“, sagt Charity, Managerin der Nkupi Lodge, die das Anwesen seit vielen Jahren für einen indischen Investor betreibt. Mit Wickelrock, Badelatschen und ausgewaschenem Shirt führt sie über die Anlage, auf der unvollendete Bauvorhaben und Gestrüpp mit strohgedeckten Steinhäuschen wetteifern. Cholera hin oder her. Wir wollen bleiben. Die Unterkünfte sind sauber und preiswert obendrein.

Doch wie verbringt man die Zeit an einem Ort wie diesem? Schwitzen ist ein Anfang. „Its too hot“, stöhnen selbst die Einheimischen. Mpulungu gilt als einer der heißesten Orte Sambias. Aufstehen, duschen, anziehen, essen, trinken – alles dauert doppelt so lange. Selbst schlafen. Beim ersten Blick auf die Uhr, ist der halbe Tag bereits Geschichte.

Wir gehen zum Ufer des Sees. Jetzt gerade schimmert er smaragdgrün. Wenig später, als die Sonne hinter einer Wolke hervorlugt, kokettiert er mit kobaltblauer Robe und schwappt gefällig vor sich hin. Knapp 700 km misst er von Nord nach Süd, eine Strecke wie von Berlin zum Bodensee. Auf einer Fläche von 32.893 km2, so groß wie Nordrhein-Westfalen. Um seine tiefste Stelle zu erreichen, müsste man fast 1.500 m tauchen. Das klingt nach Nautilus, Jules Verne und einer Reise zum Mittelpunkt der Erde.

Ebenso geheimnisvoll muten seine Schöpfungen an: Nilhechte, Kiemensackwelse und Kongo-Kugelfische. Krokodile, Flusspferde und Wasserkobras bilden die gemischte Rautiernummer. Und da soll man baden? „Klar doch. Das Wasser ist Bilharziose frei und zudem sehr klar“, sagt Dave, ein Pensionär aus Südafrika, der mit Allradvehikel durch Afrika tourt. Von einem Bad in Ortsnähe rät er allerdings ab, weil grüne Langmäuler die Wiesen gern zum Freigang nutzen. Dave weiß allerhand über Mpulungu zu berichten. Aber Cholera? Das sei ihm völlig neu.

Bei einem Spaziergang durch die Siedlung lernen wir weitere Südafrikaner kennen. Mike und Cynthia leben seit vielen Jahren im Ort und arbeiten für Youth For Christ, eine Organisation, die in mehr als 100 Ländern soziale und medizinische Projekte unterstützt. Spontan laden sie uns in ihr Haus ein. „Beim aktuellen Choleraausbruch sind wieder Menschen gestorben“, erzählt Cynthia, eine gelernte Krankenschwester, beim Abendessen, während sie Fisch-Curry, Reis und Salat auf die Teller häuft. Mike füllt die Gläser. „Wasser aus dem Tanganjikasee“, sagt er stolz. Dann wird gebetet. Wir tun das irgendwie auch und hoffen, das Getränk möge frei von Nebenwirkungen sein.

Der nächste Tag beginnt am Hafen. Vierzehntägig, immer freitags, sofern der Fahrplan eingehalten wird, ist hier die Hölle los. Immer dann, wenn die Liemba anlegt, ein ehemals deutsches Schiff, das zwischen Kigoma, am tansanischen Nordufer, und Mpulung verkehrt. Heute ist kein Liemba-Tag. Am Kai liegen rostige Kähne, die nach Burundi oder in den Kongo aufbrechen sollen, und langweilen sich. An einem Aushang flattern verwitterte Zettel, die über Krankheiten mit furchterregenden Namen aufklären. Cholera ist nicht aufgeführt.

Außerhalb des Hafentors beginnt eine Asphaltpiste, die als Transitweg zwischen Tanganjikasee und dem Süden Afrikas dient. Jetzt gerade wird nichts und niemand transportiert. Detroit en miniature. Links und rechts leere Häuser mit zerborstenen Fenstern, windschiefen Dächern und bröckelndem Putz. Einstürzende Altbauten, die wie Anhalter am Straßenrand stehen, als wollten sie in eine andere Zeit mitgenommen werden.

Die beginnt tatsächlich weiter oben. Pulsierendes Leben entlang einer 500 m langen Einkaufsstraße. Laden reiht sich an Laden. Schilder mit verheißungsvollen Aufschriften wie Fiyakushala Guesthouse, Medeco Investment und Uprising Zyanee suggerieren boomendes Business. Im Roadside Special Bread wird am Verkaufstresen geschlafen, sobald das Brot ausverkauft ist, was meist gegen Mittag der Fall ist. Gegenüber residiert Maps Supermarket. Ladenbesitzer Alex bietet neben Lebensmitteln den besten Kurs des Ortes. Heimische Kwacha gegen fremde Dollar. Ohne Bürokratie und Schlange stehen. Noch vor einiger Zeit wurde der Dollar fast überall akzeptiert. Doch die Regierung hat ein Dekret erlassen. Bezahlung ist offiziell nur noch in Kwacha möglich. Ein echtes Problem für Reisende, wenn es weit und breit keine Wechselstuben gibt und die einzigen zwei Banken im Ort keinen Sinn für funktionierende Geldautomaten zeigen. Gegen Abend schauen Männer in weißen Kitteln vorbei. „Hygieneinspektion“, raunt Alex. Handzettel werden verteilt, Gespräche geführt. Auch mit mir. Ich möge die Zigarette ausmachen, in Sambia sei Rauchen in der Öffentlichkeit verboten.

Trinken glücklicherweise nicht. Vor dem Fiyakushala Guesthouse lärmt eine Menschentraube und bechert, was der Tresen hergibt. Gerade ist die Sonne untergegangen und mit ihr die Stromversorgung. Das passiert fast jeden Abend. Bei Handy-Gefunzel treffen wir Dave und erkämpfen gemeinsam ein paar Flaschen Bier. Der Ladenbesitzer zählt das Geld und verlangt mehr. „Pfand“, erläutert Dave und spätestens jetzt wird klar:

Wir sind Zeugen eines epidemischen Outbreaks. Die auf der Nordhalbkugel seit der Jahrtausendwende wütenden freien Radikalen, die entweder Demokratien, Bioprodukte, das Verbot von Fleisch oder Zigeunersauce fordern, haben auch Sambia infiltriert. Hier gedeihen nun Nichtraucherschutz und Flaschenpfand friedlich neben Durchfällen und Blackouts, während der Reisende das Wesen postkolonialer Quantensprünge begreift: Ökologie statt Ökonomie.

„Früher war hier mehr los“, sagt Charity, die für ihre drei Gäste gekocht hat. Fisch aus dem See, Kartoffeln und Gemüse. Mit oder ohne Strom. Mit Cholera habe die Misere nichts zu tun, weiß Dave und Charity nickt. „Krankheiten kommen und gehen.“ Und Flaschenpfand? „Der auch“, befindet sie gelassen und tranchiert bei Kerzenschein einen dicken Nkupi Fisch.

Was bleibt nach Wunschdenken und Realität? Sambias einzige Hafenstadt ist hässliches Entlein und sympathisches Kleinod zugleich. Wer Afrika in Echt erfahren will, sollte Palmenstrände und Luxussafaris umfahren und hierher kommen. Trotz Hitze, Staub und Durchfall.

Über Sarah Paulus

Ich bin freie Autorin mit Fokus auf Reportagen und aktuelle Themen rund um Reise, Politik, Menschen und Kultur. Meine Artikel und Reportagen wurden u.a. in der FAZ, der Süddeutschen Zeitung, der Morgenpost, dem Tagesspiegel, der Welt/Welt am Sonntag, bei Spiegel Online sowie in diversen Magazinen veröffentlicht. Sarah Paulus
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2 Antworten zu Sambia: Cholera und Flaschenpfand

  1. Lübbe Schnittger schreibt:

    Sehr geehrte Frau Paulus, ich lese immer mit großem Interesse Ihre Berichte über Ost Afrika und insbesondere über die Liemba. In den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts bin ich auf ähnliche Weise durch die drei ostafrikanischen Länder gereist wie Sie heute. Allerdings habe ich es auch während eines längeren Aufenthaltes in Sumbawanga in der Rukwa Region leider nicht geschafft, einen Trip mit der Liemba zu machen.

    Ihr letzter Artikel über den Hafen Mpulungu erinnert mich an das Buch von Lawrence G. Green: Great North Road. Der Autor beschreibt darin seine ausgedehnten Reisen durch Ostafrika, unter anderen auch mit Beiträgen über seinen Besuch in Mpulungu und einen Trip auf der Liemba. Es gibt auch ein sehr schönes Foto der Liemba in damaliger Zeit am Anleger in Mpulungu. Es wäre sicherlich interessant für Sie, Vergleiche mit der damaligen Situation anzustellen.

    Das Buch ist schon 1961 erschienen und erst vor kurzem ist es mir gelungen, es antiquarisch zu erwerben.

    Mit freundlichen Grüßen

    Dr. Lübbe Schnittger
    Herthastr. 10
    45131 Essen

    • Sarah Paulus schreibt:

      Lieber Herr Dr. Schnittger, vielen Dank für Ihren Kommentar und ganz besonders für den Literaturhinweis. Das interessiert mich natürlich sehr und ich werde versuchen, das Buch zu bekommen. Mal sehen, ob es mir gelingt. Der Abgleich mit unserem Buch „Von GOETZEN bis LIEMBA“, das wir kürzlich veröffentlicht haben, wäre natürlich höchst interessant. Viele Grüße, Sarah Paulus

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