Deutschland: MC Fitti – Hiphop, Electro und VW

Friedrichshain gegen 19 Uhr. Marcus Staiger von Aggro-TV wird verabschiedet. Interview Nummer 7 endet 30 Minuten später als geplant und geht nahtlos in Nummer 8 über. Eine Cola fällt um. Ihr Inhalt schäumt über eine Bank. Die Häuserwände dahinter sind mit Graffiti besprüht. Davor sitzt ein Mann mit Rauschebart, Basecap und Sonnenbrille, als wolle er Bin Laden karikieren. Will er aber nicht. MC Fitti, sieht aus, wie er eben aussieht und hat schon immer so Sachen gemacht, wie er es gern umschreibt. Auch Graffiti. Manchmal malt er heute noch. „Einmal infiziert, kommt man nicht davon los“, sagt der MC, dessen Name mit der Ästhetik von Tags zu tun hat, die im Graffiti normalerweise einen Swing oder Flow haben. Fitti hingegen besteht aus geraden Buchstaben und Strichen mit zwei Punkten. „Es sollte eine Herausforderung sein, den Namen zu malen.“

Doch sein Name steht heute weniger auf Häuserwänden, als auf Plakaten, Promo-Boxen, Merchandising, Vinyl und CDs. MC Fitti ist der Mann, dessen Song „30 Grad“ bei YouTube mehr als 2 Millionen Mal angeklickt wurde und der mit „#Geilon“ nun sein erstes Album veröffentlicht. Während die Szene schon länger auf ihn ab fährt, fremdeln die meisten Medien. SPON hingegen hat ihm einen Artikel gewidmet, infolgedessen sich die Spiegel-Leserschaft das Maul zerriss. Der könne nicht mal richtig rappen, ätzte einer. Billiger Kinderkram, fand ein anderer. Einer der ganz Großen der Berliner Untergrundszene, mutmaßte hingegen ein dritter. Fakt ist: Wenn das Jahr vorbei ist, wird er für das Land Berlin auf der Bühne des Bundesvision Song Contest gestanden und mehr als 200 Konzerte abgefeiert haben.

MC Fitti wurde in Gifhorn, in der Nähe von Braunschweig, geboren. Dort, wo die Menschen bei VW arbeiten, VW fahren, VW im Kopf, im Blut und sonst wo haben. Auch Fitti hat das. „Ich komm‘ mit ‘em Schnellboot von VW um die Ecke“, rappt er in „30 Grad“. Schöne Grüße an die Wolfsburger Produktentwicklung. „Ich bin Handwerker und laut“, heißt es an anderer Stelle. Gelernter Elektroinstallateur, der später vor allem als Heizungsbauer arbeitete, erläutert der Musiker. Bis die Jahrtausendwende kam und er nach Berlin.

Sein Mitbewohner war im Kulissenbau tätig. Da ist auch er irgendwie reingewachsen und machte nebenbei halt wieder so Sachen. Videos, Design, Musik. Am liebsten mit Jugendfreund und Produzent Udo Zwackel. Dann kam 2012. Zuerst der Beat, dann der Text. Mit Kumpel Lokomotive entstand das Video. Ein Greenscrean mit aufgeschnittenen „Miami Vice“ Schnipseln. Easy. Wie auch Sound und Text – locker, flockig, bunt. „Der Sommer ist mein Homie“. Über DJ Fix, der zufällig in einer PR Agentur mit angeschlossener Musikabteilung arbeitete, fand „30 Grad“ zum Berliner Label Style Heads Music und erblickte mit Hilfe eines Plattenvertrages das Licht der Welt.

„Sein Look ist so fancy, sie nenn‘ ihn MC, MC Fitti“. Mensch und Kunstprodukt in einer Person. Ein Fifty Fitti vielleicht. Halb Fitti, halb Outfitti. Nö doch, findet der Meister. Keine Maskerade. Früher habe er auch Bart getragen. Im Winter. „Jetzt wird er regelmäßig gestutzt.“ Letztens, auf einer Fahrt von Berlin nach Celle zu einem Konzert sei er von einer Polizeistreife auf Islamistensuche angehalten worden. Rasterfahndung, erzählt er und zwirbelt die Oberlippenbehaarung, was er ziemlich oft tut.

Sein Stil ist eine Mischung aus Hiphop, Elektro und VW. Mit einer Prise 80er, guter Laune, Spaß und neuen Medien. Wie der Kurznachrichtensong „Whatsapper“ oder „Roflcopter“, eine Hymne auf eine GIF-Animation, die der Musiker lustig fand und mal eben ein Lied dazu machte. Ansonsten scheint meist die Sonne, vom Himmel regnet Konfetti, im Hintergrund tanzen Flamingo-Mädels. Aus dem Auspuff kommt Graffiti.

„Mit einem Ohr hört es sich wie der totale Brei und Quatsch an“, findet der Meister selbst. Mit dem zweiten allerdings erfährt man Privates, was hin und wieder ernst gemeint ist: „Ich fahr‘ VW und du nur‘n Bimmer. Ich fahr zur Ostsee und du nur nach China. Nächste Station Ostkreuz. Ich komme im Passat CC. Ich bin aufgeregt, wenn Colt Seavers anfängt. Ich führ’n Rockstarleben. Es gibt so viel schöne Mädchen,… doch gegessen wird daheim. Mein Bruder ist der andere von ZZ Top. Mein Steuerberater ist einer von den Atzen…“

Zu letzterem befragt, will er nix sagen. Ebenfalls tabu sind Name, Alter, Familie. Man müsse den privaten Raum zunehmend schützen, auch wenn er kleiner geworden sei. Urlaub fällt flacher, ebenso der Trip an die Ostsee oder mal zelten. Ansonsten sei eigentlich alles wie früher. Er selbst und das Leben an sich. Früher habe er diese Sachen nebenbei gemacht. Jetzt halt in Vollzeit und mit Unterstützung eines kleinen Teams. Menschen, die ihn organisieren wie Manager Christian Behrens oder seine Auftritte begleiten wie Vokalmatador.

„Ich mach‘ mit Facebook mein‘ Beruf zum Hobby.“ Seit 23. Juni 2011 ist MC Fitti dabei und hat bislang mehr als 76.000 Likes gesammelt. Der erste Eintrag gefiel acht Leuten. Heute sind es nicht selten mehrere 100, die den Daumen heben, sobald er etwas kundtut, was in der Regel 2-3 Mal pro Tag passiert. „Ist schon eine gewisse mediale Macht“, findet der MC und versichert, dass er immer noch alles selber schreibe. Keine Agentur. Dazu habe er keinen Bock.“ Sonst müsse man irgendwann nur noch funktionieren.“

Jetzt gerade funktioniert die Karriere. „Volle Kanne Festivals“, dann Bundesvision Song Contest, das größte TV-Event für deutsche Newcomer. „Ich geb‘ mein Bestes, wie immer“, versichert er in artigem Interviewdeutsch. Wie es ausgeht? „Keine Ahnung, Alter. Wie früher beim Diktat. Von 2-5 ist alles drin“. Ab Oktober folgt die Herbsttour, danach Weihnachten. Anschließend Termine bis Mitte nächsten Jahres. Und danach? Ist der Zenit erreicht? Angst vor dem Absturz? MC Fitti zuckt mit den Schultern, striegelt einmal mehr den Rauschebart. Ein exzessives Leben, das er später einmal vermissen könnte, führe er nicht. „Wenn ich allerdings auf meinen T5, der total sicher ist, verzichten und auf einen alten Polo umsteigen müsste, wäre das schon eine Umstellung.“

Und in drei Jahren, was wünscht sich der MC? Dass es dann hoffentlich den T7 gibt. Noch ein Album machen, wäre schön. Dass die EP mit Produzent und Brummer Boy Udo Zwackel fertig wird. Weiter locker ableben. Ruhiger. Vielleicht nicht mehr 200 Shows im Jahr spielen. Unbedingt ein Automusikvideo in Tokio drehen. Im Touareg vielleicht. Mit vielen Lichtern und Highways. Vollgas durch Tokio mit Udo Zwackel.

Dann die letzten zwei Fragen. „Da bin ich aber gespannt“, sagt der Musiker müde. Nach acht Stunden Interviewmarathon ist auch er nicht mehr ganz fit. Vorbilder? „Hab ich Vorbilder“, fragt er seinen Manager, der zunächst erklären muss. „Nicht unbedingt Vorbilder sind gemeint, sondern Leute, die dich inspiriert und begleitet haben“, sagt dieser, während der MC etwas gequält drein schaut, um dann doch ein paar Namen aufzuzählen: JayZ, Oliver Koletzki, IceT, NWA. Guns‘n Roses, das erste Album. Mötley Crüe? „Eher nicht, die waren mir zu krass.“

Wer oder was nervt dich? „Jetzt aber aufpassen“, ruft der Manager. „Die Fleisch- und Knochenfrage.“ MC Fitti stöhnt, will am liebsten aufgeben und holt Unverfängliches, um nicht zu sagen Spießiges, aus dem Interviewbausteinkasten: „Unpünktlichkeit bei anderen. Parkprobleme in Berliner Szenekiezen. Wenn das Internet nicht funktioniert, in Hotels immer kostet und meist langsam ist.“ Mehr Gedankengut wird nicht preisgegeben. Nur so viel – der Musiker ist ein positiver Mensch, den nichts aus der Ruhe bringt, wie er selbst sagt. Hinzufügen könnte man: Der niemals etwas anderes als VW fahren würde, für den zwischen Ostkreuz, Gifhorn und Ostsee alles beim Alten geblieben sein will. Übelst geilon.

So auch die Macht des letzten Wortes: „Feierabend“, verkündet MC Graf Fitti. Manager und Vokalmatador nicken. Alle haben ein „Hüngerchen“. Und das passt irgendwie zu Berlin.

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Text: Sarah Paulus (www.sarahpaulus.de)
Foto: Rolf G. Wackenberg (www.wackenberg.com)

Über Sarah Paulus

Ich bin freie Autorin mit Fokus auf Reportagen und aktuelle Themen rund um Reise, Politik, Menschen und Kultur. Meine Artikel und Reportagen wurden u.a. in der FAZ, der Süddeutschen Zeitung, der Morgenpost, dem Tagesspiegel, der Welt/Welt am Sonntag, bei Spiegel Online sowie in diversen Magazinen veröffentlicht. Sarah Paulus
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