Schweiz: Feuer, Wasser und Posaunen

Gediegen fließt der Verkehr auf der Grand Avenue. Neuankömmlinge rangieren ihre dicken Spritkanonen in enge Parklücken, zupfen das sportlich-elegante Freizeitoutfit zurecht und sortieren sich zu einem Spaziergang entlang der Seepromenade. An deren Ufer schwappt der Lac Léman, auch Lac de Genève genannt – der Genfer See. Träge und platt wie eine Flunder breitet er sich aus. Die Luft ist wunderbar subtropisch entspannend und beruhigend, beinahe faustanoid. Am Südufer des Sees rangeln französische Hügel mit dunstigen Schleierwolken. Montreux an einem Nachmittag im Frühsommer. „Hazy“, befinden die Angelsachsen. „Smoke on the water“, denken all jene, die nicht nur wegen der touristischen Noblesse in den vornehmen Schweizer Ort gekommen sind.

Montreux, ein 25.000-Seelen Ort, liegt am Fuß der Waadtländer Alpen, die sich im Osten der Stadt auf bis zu 2.000 m erheben. Sein mildes Mikroklima und die reichhaltige Vegetation mit Palmen, Zypressen, Pinien und einer wahrhaft exotischen Blütenpracht machten den Ort bereits vor einhundert Jahren zu einem beliebten Kur- und Aufenthaltsort für Reich und Schön. Berühmtheiten wie Kaiserin Sissi, Charlie Chaplin, Lord Byron und Vladimir Nabokov verbrachten hier Wochen und Monate, manche den Rest ihres Lebens. Bis heute ist das zuweilen so.

„We all came down to Montreux, on the Lake Geneva shoreline, to make records with a mobile, we didn’t have much time“. Im Dezember 1971 tauchten Deep Purple an der Seepromenade auf, um ein neues Album einzuspielen. Den Aufenthalt hatte Claude Nobs, Musikmanager und stellvertretender Direktor des hiesigen Fremdenverkehrsamtes organisiert. Das im Songtext erwähnte mobile Equipment war weder ein Handy noch ein Smartphone, sondern ein von den Rolling Stones gemieteter Lastwagen, ein fahrendes Tonstudio. Für die Aufnahmen selbst hatte man das Casino auserkoren, einen für diesen Zweck eher ungewöhnlichen Ort, doch die neue Scheibe sollte wie ein Studioalbum mit dem hallenden Sound eines Live-Konzertes klingen. Ohne Publikum.

Am 6. Dezember 1971, unmittelbar bevor Deep Purple im Casino die Boxen aufdrehen wollten, standen Frank Zappa & the Mothers of Invention auf der Bühne. Plötzlich Feueralarm! „Some stupid with a flare gun“, ein Dummkopf mit einer Leuchtpistole, soll das Inferno verursacht haben, vermuten Deep Purple in ihrem Song. Tatsächlich brannte Zappas gesamte Anlage nebst Gebäude bis auf die Grundmauern ab. „Smoke on the water, a fire in the sky.” Claude Nobs war an der Evakuierung des Hauses unmittelbar beteiligt. „Funky Claude was running in and out, he was pulling kids out the ground.“ Der Aufnahmeort lag in Schutt und Asche. Eine Alternative musste her. Möglichst schnell. „We ended up at the Grand Hotel, it was empty, cold and bare“, berichtet die Band. Mit Hilfe von Matratzen wurden einige Hotelräume kurzerhand zum Studio umfunktioniert und die Aufnahmen noch im Dezember beendet. „Smoke on the water“, mit einem der allzeitgenialsten Gitarrenriffs, das einzige Lied der Platte, das nicht im Grand Hotel aufgenommen wurde, ist gleichzeitig ein Protokoll jener Ereignisse in Montreux im Dezember 1971. Das Album „Machine Head“ erschien drei Monate später.

Die Seepromenade des Ortes, zwischen dem Convention Centre im Norden und dem Casino am südlichen Ende, ist einen reichlichen Kilometer lang. Eine Strecke, auf der Heerscharen von Touristen bummeln, in Cafés sitzen und Espresso trinken, Eiskugeln lecken oder sich auf einer der vielen Bänke räkeln und das Gesicht in die Sonne halten. Manche vornehm, andere laut palavernd. Montreux zieht Besucher jeglicher Couleur an. Nobeltourismus und Rock’n Roll. Die Musikmeile am Ufer des Genfer Sees ist wie ein Freiluftmuseum der Jazz, Blues und Rockgeschichte.

Erste Station auf der Musikmeile ist das 1881 errichtete Casino Barrière de Montreux, wie es heute heißt. Anfangs gastierten hier viele große Sinfonieorchester. Ab den 1960er Jahren wurde der Spielplan des Hauses mit Jazz, Blues und Rockkonzerten verjüngt und 1967 schließlich mit dem Montreux Jazz Festival. Dessen Erfinder, der damals 31jährige Claude Nobs, hatte die fixe Idee während einer Reise in die USA geboren, wo er Miles Davis bei einem Jazz Konzert in Newport traf, dem er buchstäblich sein letztes Hemd schenkte, wie Nobs dem ARD Hörfunk Korrespondenten Hans-Jürgen Maurus bei einem Interview im Sommer 2012 erzählte.

Bis es soweit war, musste Nobs an Schweizer Grundfesten rütteln. Jazz gehöre nach Amerika, hieß es, und nicht an einen vornehmen Kurort mit seinem traditionell betuchten Stammpublikum. Bankdirektoren, Firmeninhaber, Emporkömmlinge nebst Gattinnen und Südstaatenmusik. Wie sollte das gehen?

Doch Nobs bohrte von Anfang an dicke Bretter und holte eine internationale Musikgröße nach der anderen in die Schweiz. 1965 die Stones zum ersten Auslandskonzert. Kurz darauf Ten Years After mit dem erst kürzlich verstorbenen Frontmann Alvin Lee. Pink Floyd, Chicago und Led Zeppelin. Der Mitarbeiter des Fremdenverkehrsamtes machte sich einen Namen und wurde Musikmanager. Die Geschichte des Festivals nahm ihren Lauf. Anfangs ausschließlich auf Jazz ausgerichtet, mit Interpreten wie Ella Fitzgerald, Aretha Franklin, Keith Jarrett und vielen anderen ihres Genres, beinhaltete das Line-up recht bald Künstler verschiedenster Musikrichtungen, von Marianne Faithfull über Jethro Tull, Talk Talk, Toto, Queens of the Stone Age und Miss Kittin, um nur einige in der langen Historie zu nennen.

Nach der Premiere im Casino, fand das Event ab 1971 in verschiedenen Ausweichquartieren statt und kehrte nach dem Wiederaufbau des Hauses 1975 an seine alte Spielstätte zurück. Seit 1993 ist es Stammgast im sehr viel größeren Convention Centre, wenngleich einige ausgewählte Veranstaltungen noch immer im Casino gespielt werden. Als Nobs sein Festival 1967 zum ersten Mal organisierte, hatte er ein Budget von 10.000 Franken. Heute sind es 18 Mio. EUR. Eine Viertelmillion Besucher zieht das mittlerweile zweitgrößte Musikereignis seiner Art jährlich an. Drei Tage dauerte es ursprünglich. 1977 erreichte es eine Rekordlänge von 23 Tagen. Heute werden die Besucher im Schnitt 16 Tage beschallt. Funky Claude starb 76jährig am 10. Januar 2013, nachdem er an Weihnachten einen Skiunfall erlitten und ins Koma gefallen war.

Läuft man vom Casino Richtung Norden, über die Rue du Theatre und schließlich den Quai de la Rouvenaz, gelangt man nach wenigen hundert Metern zum zweiten Ausstellungsstück des musikalischen Freiluftmuseums, den Place du Marché mit seiner Freddie Mercury Statue. Der Mann mit dem Geburtsnamen Farrokh Bulsara wurde 1946 in Stone Town auf Sansibar geboren und starb am 24. November 1991 in London. Warum also ein Denkmal in Montreux? Hierher soll er seine Bandmitglieder im Januar desselben Jahres geladen haben, um seine Krankheit AIDS zu offenbaren. Hier fanden seine letzten Aufnahmen statt, das letzte Queen Album „Made in Heaven“ in Queens Mountain Studio, das sich damals noch im Casino befand. Heutzutage scharen sich alte und junge, betuchte und weniger bemittelte Reisende um die Ikone der Rockmusik, betatschen Füße und Beine und lassen sich einzeln oder in Gruppen mit einem der größten Sänger aller Zeiten ablichten. Einer, der so aussieht, als sei er vom Nordpol zum Südpol zu Fuß unterwegs gewesen, steht ebenfalls vor dem Denkmal und knipst ein Foto von sich selbst. „Von Wiesbaden nach Montreux“, sagt Johann. Die Hälfte sei er Zug gefahren, den Rest gelaufen. Eine gute Erfahrung, sein Hab und Gut auf dem Rücken tragen zu müssen. Beschränkung, Verzicht und ein Stück weit Entbehrung. Das habe er gelernt in den vergangenen zwei Wochen. Warum ausgerechnet Montreux? Einmal Freddie treffen, anschlagen und zurück. Sansibar sei ihm zu weit gewesen.

Weiter nördlich passiert der Promenadengänger die Schiffsanlegestelle, wo Kreuzfahrten über den See angeboten werden, unzählige Gastronomien wie die Brasserie „Le Metropole“, wo der halbe Liter Bier stolze 7,50 Franken kostet und schließlich das Grand Hotel Suisse-Majestic, ein herrschaftlicher Bau mit strahlend weißer Fassade, knallgelben Marquisen und Sonnenschirmen. Eine ganze Reihe der gediegenen Übernachtungstempel in Montreux nennen sich übrigens Grand Hotel. Vom einstigen Grand Hotel, in dem Deep Purple „Machine Head“ aufnahmen, ist heute lediglich ein Appartmenthaus geblieben.

Wenige Schritte weiter thront das Fairmont Le Montreux Palace, ein 1906 erbautes Prachtstück der Belle-Epoque-Archtektur mit ebenfalls leuchtend gelben Jalousien. Einige Suiten des Hotels sind berühmten Wegbegleitern der Stadt als auch der Musikgeschichte gewidmet, Claude Nobs etwa, Freddie Mercury und Quincy Jones. Im öffentlichen Garten der Hotelanlage findet man eine Sammlung von Skulpturen berühmter Jazzmusiker. Unter ihnen B. B. King mit Lucille, Ella Fitzgerald, Ray Charles, Aretha Franklin und natürlich Quincy Jones. Einige der Statuen wurden von Barbara J. Riley gesponsert, einer in New York lebenden, offensichtlich vermögende Philanthropin, die eine Reihe von gesellschaftlichen Projekten finanziell als auch tatkräftig unterstützt und zu den privaten Sponsoren des Montreux Jazz Festivals zählt. Die diesjährige 47. Edition des Spektakels wird vom 05.-20. Juli stattfinden – im Gedenken an seinen Erfinder. „I will love you forever, my brother“, schrieb Quinci Jones auf der Hompage des Montreux Jazz Festivals.

Über Sarah Paulus

Ich bin freie Autorin mit Fokus auf Reportagen und aktuelle Themen rund um Reise, Politik, Menschen und Kultur. Meine Artikel und Reportagen wurden u.a. in der FAZ, der Süddeutschen Zeitung, der Morgenpost, dem Tagesspiegel, der Welt/Welt am Sonntag, bei Spiegel Online sowie in diversen Magazinen veröffentlicht. Sarah Paulus
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