Madagaskar (Teil 5): Per Anhalter durch den Regen

Mahambo, ein Dörflein am Indischen Ozean. Wo Pfeffer und Vanille wachsen. Auf Madagaskar, der viertgrößten Insel der Welt. Reichlich 400 km sind es bis nach Antananrivo oder Tana, wie die Hauptstadt auch ohne Zungenbruch genannt werden kann. Die Straße dorthin gehört einer Minderheit an. Sie ist asphaltiert, hat aber ihr Verfallsdatum lange überschritten. Wie fast jedwede Infrastruktur auf der Insel, die so groß ist wie Portugal und Spanien zusammen. 5 Stunden 28 Minuten hat Google ermittelt und die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Reisen auf Madagaskar ist ein zeitaufwendiges Erlebnis für all jene, die das Credo der madagassischen Gesellschaft „Mora, Mora“ verinnerlichen wollen. Langsam, langsam. Trotzdem sollte die Strecke mit dem Mietwagen an einem Tag zu schaffen sein. Der Rückflug startet um 1 Uhr nachts.

Auf dem sechsten Kontinent ist vieles anders, schlichtweg exotisch. „Ich habe keine Mietwagenreservierung“, beharrt Monsieur Le Patron, Franzose und Lodgebetreiber in Mahambo, mit mäßigem Bedauern, auch nachdem er seine eigene schriftliche Bestätigung vor die Nase gehalten bekommt. Nach einigen Telefonaten bietet er eine Alternative an, die schlapp das Doppelte kosten soll. Sein dicker Landrover steht in Sichtweite. Könnte er nicht den Chauffeur machen, wenigstens bis Tamatave? Der Franzose guckt, als hätten wir die Maginot-Linie überschritten. „Non, Madame.“ Gegen Bezahlung? Auch nicht.

Nach vorabendlichem Gezeter fährt uns der Gnädigste am nächsten Morgen nach Fenerive. 18 km in die entgegengesetzte Richtung, weil es dort eine Taxi Brousse Station gibt. Die Sammeltaxis fahren bis Tamatave. Man steigt nach Tana um. Kein Problem, findet Monsieur Le Patron, murmelt so etwas wie „gleich geht es los“ und macht sich schleunigst vom Acker. Währenddessen wartet unser Taxi-Brousse auf Kundschaft. Bekanntlich wird erst losgefahren, wenn alle Plätze verkauft sind. Bis jetzt hält sich die Nachfrage in Grenzen. Ganze fünf Tickets sind vergeben. Gegen 7.30 Uhr ist die Fahrt noch immer kein Kassenschlager. Wir beschließen, alle 12 Plätze aufzukaufen. Voraussetzung: Non-Stopp bis Tamatave. Versprochen. Der Fahrer nickt, brettert los und schmeißt Begleitmusik in den Kassettenrekorder. „If tomorrow never comes“, kracht aus den Boxen. Noch lachen wir.

Unterwegs werden Korbmöbel, Hühner und Obststiegen, Schulkinder und Erwachsene unzählige Male fröhlich ein und ausgeladen. Dann müssen alle pinkeln. Nach aufwendiger Passage einer Brücke-über-Fluß-Baustelle erreichen wir Tamatave gegen 10 Uhr. Noch 300 km. Überhaupt kein Problem, würde Monsieur Le Patron sagen.

Der Busbahnhof ist eine unübersichtliche Brache. Wir sind die einzigen Vazahas, hierzulande die Bezeichnung für Fremde oder Weiße, und werden sofort von einer Menschenschar umringt, die unablässig auf uns ein schnattert. Während wir versuchen, Ordnung in die Mitfahrangebote zu bringen, positioniert sich ein gut besetztes Fahrzeug. „Allez, allez“, brüllt der Fahrer. Man sei bis auf zwei Plätze voll. Nichts wie rein. Der Minitransporter fährt sofort los. Zunächst zu einem Parkplatz um die Ecke. Dort steigt ein Teil der „Passagiere“ aus und verschwindet. Die Nummer mit den Statisten klappt immer. Wir warten erneut. Bis es gegen 12 Uhr tatsächlich losgeht.

Beinahe, denn zwei Straßen weiter sollen noch weitere Fahrgäste aufgelesen werden. An einer Kreuzung passiert es. Der Fahrer begeht einen folgenschweren Verstoß gegen die madagassische Straßenverkehrsordnung. Worin das Vergehen besteht, bleibt unklar. Immerhin scheint die Angelegenheit so schwerwiegend zu sein, dass die polizeiliche Klärung eine weitere Stunde kostet.

Die von der Hafenstadt Tamatave nach Tana führende Strecke ist eine besonders von Tankwagen viel befahrene, zudem kurvenreiche Straße. Ein Überholmanöver jagt das nächste. Mit etwas Tempo ließen sich die Gefahrensituationen schnell meistern. Doch unser Bus bezwingt röchelnd wie ein Lungenkranker die noch asthmatischeren Übergewichte und erklimmt die sanften Steigungen im Schneckentempo.

Permanent steigen Fahrgäste ein und aus. Viele Schulkinder, die sich oft nicht entscheiden können, ob sie nun mitfahren oder zu Fuß gehen wollen. Erst rein, 300 m später wieder raus. Rado, der Busfahrer hat eine Engelsgeduld. Einmal setzt er 100 m zurück, weil der Freund eines Passagiers nun doch nicht allein laufen will. Dann säuft die Kiste ab.

Wir stehen mitten im Nichts, vom Himmel tropft Monsunregen. Rado rührt verzweifelt im Zündschloss. Der Rest der Insassen schwadroniert wild durcheinander. Die Batterie bleibt trotzdem bockig. „So einfach kriegst du mich nicht rum“, quakt sie bei jedem Vorstoß wie eine Unberührbare. Auch Batterien wollen erobert werden. So kommt es, wie es kommen muss. Männer an die Front. Frauen verharren im Trockenen, sichtlich zufrieden mit dem historischen Rollenverständnis. Darüber weint selbst der Himmel in Strömen. Nach wackeren Anschiebeversuchen, hat der Gott der Landstraße Erbarmen. Gegen 16 Uhr erreichen wir Brickaville. Noch 220 km bis Tana. Zeit für ein wenig Kopfrechnen. Drei Stunden haben wir für die 100 km lange Strecke von Tamantave bis hierher gebraucht. Die Hochebene von Tana liegt noch vor uns.

„Pause“, verkündet Rado. Die Insassen drängeln aus dem Minibus und strömen in alle Richtungen. Wir bleiben unschlüssig stehen. „Essen“, erklärt der Busfahrer und zeigt auf ein Restaurant auf der anderen Straßenseite. Aus. Ende. Vorbei. Der Zeitplan ist dahin. Erkenntnis wie ein Donnerknall. Kurz und heftig.

In einem Kiosk gegenüber verkauft ein Mann THB. The Three Horses Beer ist der Platzhirsch in Madagaskar und wird in jedem noch so kleinen Dorf in wuchtigen Halbliterglasflaschen verkauft. Dazu eine Zigarette für den kühlen Kopf. Die Strecke nach Tana ist gut befahren. Irgendwie muss ein flinkeres Gefährt aufzutreiben sein, das uns mitnimmt. Also Daumen raus.

Das erste Auto hält. Aus dem Fenster gucken zwei Chinesen. Ohne Kontrabass. Was sie sehen, ist irritierend. Eine weiße Frau unbestimmbaren Alters, verloddert und nach einigen Wochen Backpackerdasein längst nicht mehr porentief rein. Eine halbvolle Bierflasche in der Linken, die Zigarette in der Rechten. Die will nun mitgenommen werden, nebst begleitendem Fotografen und Gepäck. „Madame, natürlich. Kein Problem“, erklärt der Beifahrer.

Madame? Ich? Wir haben die chinesische Weltmacht erobert. Ihre Protagonisten sind Vater und Sohn, Chen und Dong. Kurzerhand ist das Gepäck umgeladen, Vater Chen brettert los. Mit 60 Sachen über die marode Landstraße. Ein Rausch von Geschwindigkeit. Aber nicht lange. Nach zwei Stunden plötzlich wieder Pause. Dong erklärt, dass Papa ein Nickerchen machen müsse. Man sei schon den ganzen Tag unterwegs. „Wir sind Händler und leben seit vielen Jahren auf Madagaskar“, erzählt er beim Pausengespräch, während wir vor dem Auto stehen, in dem Vater Chen schnarcht. „Mir gefällt es hier überhaupt nicht“, so der Chinese. Infrastruktur und Bürokratie, alles sei unglaublich mühsam.

30 Minuten später hat sich Papa erholt. Die Hochebene von Tana liegt vor uns, noch 100km bis zum Ziel. Enge Kurven reihen sich in endlosen Serpentinen. Auf beiden Fahrbahnen rollt eine Perlenkette schweren Geräts durch den Nebel. Dazwischen eingeklemmt schaffen wir kaum mehr als 25 km/h. Es ist dunkel und regnet in Strömen. Die Uhr tickt. Immer wenn Chen überholt, scheint die letzte Stunde geschlagen zu haben. Ich halte mir die Hände vor die Augen und hoffe, ein guter Mensch gewesen zu sein, damit Gott oder wer auch immer über mich wacht.

Was wohl aus unserem Taxi-Brousse geworden ist und wo mag es gerade sein? Wir erreichen Tana nach fünf Stunden im Chinesenmobil gegen 22 Uhr. Auch unsere chinesischen Highway-Kapitäne sind erleichtert und verabschieden sich überschwänglich. Darauf eine Peking-Ente beim nächsten Restaurantbesuch – auf keinen Fall Boef Bourguignon.

Über Sarah Paulus

Ich bin freie Autorin mit Fokus auf Reportagen und aktuelle Themen rund um Reise, Politik, Menschen und Kultur. Meine Artikel und Reportagen wurden u.a. in der FAZ, der Süddeutschen Zeitung, der Morgenpost, dem Tagesspiegel, der Welt/Welt am Sonntag, bei Spiegel Online sowie in diversen Magazinen veröffentlicht. Sarah Paulus
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