Schweiz: Davos mit den Augen des Zauberbergs gesehen

„Unser Sanatorium liegt noch höher als der Ort, wie du siehst… Fünfzig Meter. Im Prospekt steht hundert, aber es sind bloß fünfzig.“ Notierte Thomas Mann vor einhundert Jahren für einen Text, der ursprünglich eine heiter-ironische Novelle werden sollte. Ganze zwölf Jahre brauchte er, um seinen „Zauberberg“ zu vollenden. Eine Parodie auf den klassisch deutschen Bildungsroman, in deren Verlauf der Weg des Helden nicht hinaus in die Welt, sondern hinein in hermetische Leere führt. Eine Geschichte über Lungenkranke und solche, die es werden. Über Joachim Ziemßen, Vetter Hans Castorp. Lodovico Settembrini und den Rest der internationalen Patientenschaft im Sanatorium Berghof. Wo man „schlaff, fiebrig und innerlich wurmstichig“ der Verführungskraft dekadenter Trägheit erliegt, einer skurrilen Symbiose von Liebe, Langeweile, Krankheit und Tod.

Der Mann’sche Zauberberg, Inbegriff für Entführung und Entrücktheit, erhebt sich über Davos. Heute Luftkurort und Wintersportgebiet im schweizerischen Graubünden. Zugleich Austragungsort der Jahrestagung des Weltwirtschaftsforums. Und das irritiert. Wie passen Vergeistigung und „ausdehnungslose Gegenwart“ zu „modernem Händler- und Spekulantentum“, wie Mann bereits 1912 formulierte. Was bedeutet das Phänomen Zauberberg heute und was sieht dieser Berg, wenn er entlang der Serpentinen des Thomas-Mann-Weges in seinen Ort schaut.

Zunächst einmal die Gemeinde selbst, die auf 1.550 m Höhe im Landwassertal liegt und aus acht Ortsteilen besteht. Kern des Ensembles mit seinen 11.166 Einwohnern, das sich gern als höchst gelegene Stadt Europas vermarktet, sind Davos Dorf und Platz. Verbunden durch zwei parallel verlaufende Einbahnstraßen, talauf und talab. Drum herum mittelhohe städtische Bebauung in unscheinbarer Farbgebung. Quadratisch, praktisch, Winter-Sport. Ferienwohnungen, wohin das Auge schaut und man wundert sich, warum dieser Ort so gefragt ist. Denn trotz einer Handvoll Kirchen und diverser Seilbahnen ist sein Gesicht ausdruckslos. Wie auf Botox. Außer man ist wander- oder wintersportbegeistert. Mitglied der internationalen Wirtschaftselite. Oder eben Zauberberg-Fan mit Interesse für Sonderbares und Verkehrtes.

Inmitten der Eliten, zwischen Sport, Kapital und Kur, stößt man auf ein dreigeschossiges Haus, dessen illustre Balkoninstallationen auf verspieltes Anarcho-Treiben schließen lassen. Davor Michael, barfüßig im Sand buddelnd, eine Wurzel ausgrabend. Hinter dem Haus soll ein Gemüsegarten entstehen. „Gute Lebensmittel sind wichtig“, sagt er und lädt auf einen Tee in seine luftigen 100 qm, wo er mit Holz arbeitet und Kunst macht. „Arbeit muss Sinn machen.“ Geld, die Quelle allen Übels, brauche er nicht.

Das findet auch Rob, der in einem der fünf Zimmer campiert, braun gebrannt und in Klamotten, die der Einzelhandel keineswegs für Umme hergibt. Rob ist Amerikaner, Verschwörungstheoretiker, ehemals Klimaforscher in Zürich. Aus Protest gegen das Krebsgeschwür der Illuminati, das durch jeden internationalen Großkonzern wuchert, verbrannte er seinen Pass, kam ausgerechnet nach Davos und beschäftigt sich nun mit spirituellen Praktiken wie Sun-Gazing. „Was für einen Tee wollt ihr?“, ruft Michael aus der Küche. Dort lagern Gemüse- und Obstberge. Auf dem klebrigen Herd die orangefarbene Suppe von gestern. Mittendrin eine Holzkiste, eine Art Humidor mit gefühlt 100 auserlesenen Teesorten. Dann tischt er Salat und Suppe auf, während Rob lieber eine Tüte Chips weghaut. Krebsgeschwür hin oder her. Sowieso ist er ziemlich breit, auf dem Weg in einen anfänglich „paradiesisch justizlosen und gottesunmittelbaren Zustand“. Vom Zauberberg hat er noch nie gehört.

Auf dem Weg dorthin führt ein Abstecher zur Touristeninformation. „Wo ist denn das Zentrum“? Die freundliche Davoserin lächelt nachsichtig und erklärt: „Beim Hotel zur Alten Post.“ Gleich nebenan das 1564 erbaute Rathaus und die gotische Kirche St. Johan aus dem Jahr 1481. Weiter oben an der Promenade, die jedoch lediglich wie eine Fußgängerzone klingt, seien einige Geschäfte. Das war’s dann aber auch in Sachen Zentrum. Nicht weit entfernt der Bahnhof, wo Hans Castorp aus dem Zug gestiegen wäre, hätte es ihn tatsächlich gegeben. Erklärt die Touristeninformatikerin und empfiehlt, einen Ausflug zur Schatzalp. Und zum Waldhotel, vorbei am modernen Kongresszentrum. Wegen der Kontraste.

Dort präsentiert sich die Globalisierung mit wehenden Fahnen. Davos ist nicht nur Austragungsort der Jahrestagung des World Economic Forum (WEF), sondern auch sein Inbegriff. Ein Symbol für die „Gräuel der Satansherrschaft des Geldes“, wie man auf dem Zauberberg gesagt hätte. Dabei versteht sich das WEF, 1971 von Professor Klaus Schwab gegründet, als unabhängige Non-Profit Organisation, die sich der Verbesserung der Welt widmet. Ohnehin ist dessen Jahrestagung nichts anderes als die Fortsetzung einer Tagungskultur, für die Einstein 1928 mit seinen Davoser Hochschulkursen den intellektuellen Grundstein gelegt haben soll. Ende der 1950er Jahre folgten Weiterbildungsveranstaltungen deutscher Ärzte. 1969 begann der Bau des Kongresshauses. Nach mehreren Erweiterungen spricht man heute vom Kongresszentrum, Stil Schuhkarton, funktional und schmucklos, dennoch geschätzt von der internationalen Intellektuellenschaft. Zum Palavern, Präsentieren und Profilieren. Vor der Kulisse der Davoser Berge, wo das Waldhotel thront.

Dorthin führt der bereits erwähnte Thomas-Mann-Weg. Das Waldhotel Davos ist ein fünfgeschossiges, jüngst renoviertes, Gebäude mit Balkonen zum Tal. Im einstigen Waldsanatorium, verbrachte Katja Mann 1912 einige Monate wegen eines Lungenleidens und schrieb dem Gatten Briefe. Der wiederum besuchte sie alsbald und nächtigte in der nahe gelegenen Villa am Stein. Das Sanatorium selbst durfte er nicht betreten. Blieben Spaziergänge entlang des Weges etwa, der sich an der Rückfront des Gebäudes nach oben windet, wo heute jede Menge Eichhörnchen toben. Damals mag Thomas Mann auf diesem Wege die Schatzalp erreicht haben, 300 m über dem Tal.

„Hier soll es 2-3 Stunden mehr Sonne geben als anderswo in den umliegenden Bergen. Das Gras ist reichhaltiger, daher der Schatz“, erzählt Philipp Jentzsch, Chef de Réception des Hotels. Am 21. Dezember 1900 öffnete hier ein Luxussanatorium mit Seilbahnanschluss unter der Leitung von Chefarzt Dr. Luzius Spengler, nachdem sein Vater Alexander Spengler, ein deutscher Mediziner, der aus politischen Gründen in die Schweiz emigriert war, die besonders für Lungenkranke heilende Wirkung der Höhenluft entdeckt hatte. Heute ist das Anwesen ein Hotel, 2003 von den Herren Pius Äpp und Erich Schmid erworben und behutsam saniert. Das kann man wörtlich nehmen. Einige Bereiche der Außenfassade neigen sich charmant windschief. Über die Veranda, deren Farbe schüchtern vor sich hin blättert, huscht die pechschwarze Bella, katzenäugig mit dem Besucher flirtend. „Thomas Mann verbrachte hier einige Tage. Das Haus und seine Einrichtung sollen ihn inspiriert haben“, weiß Jentzsch und erklärt die Lobby. Kamin und Bleiverglasung seien original, ebenso die grazilen Fenstergriffe. Gleich nebenan die X-Ray Bar, früher Röntgenstation mit Chefarztzimmer, wo an der roten Wandbeleuchtung die „Innenportraits“ der Lungenkranken sichtbar gemacht wurden. „Im heutigen Wellness Bereich waren früher Schwestern- und Operationszimmer“, sagt Jentzsch und führt zum Fahrstuhl. Schindler 1900. Noch so ein Museumsstück.

Wie auch die dicken runden Uhren, die lange Gänge überblicken, von denen Doppeltüren zu den einzelnen Zimmern führen. Ohne viel Phantasie kann man sich vorstellen, wie Krankenbetten hin und her rollten und Bettwäsche über die Schleusen der Doppeltüren ausgetauscht wurde, wie Jentzsch erzählt. „Hygiene war wichtig. Bereits damals hatten alle Zimmer Bäder. Ein ornamentierter Linoleumfußboden ersetzte Teppiche.“ Waschbecken auf den Gängen dienten zum Ausspülen des „blauen Heinrichs“.

„Krankheit ist nicht nur eine Folge, sondern eine Form von Liederlichkeit“, heißt es im Zauberberg. Kaiser Wilhelm II. widerstand sowohl Form als auch Folge, obgleich er in der Schatzalp permanent drei Zimmer gemietet hatte. Nr. 201 ist eines dieser Kaiserzimmer, noch heute ausgestattet mit Armaturen, Marmorfußboden und Zahnputzhaltern von damals. Mit nachempfundenen Möbeln der 1950er Jahre nebst Telefon und Radio eines ähnlich in die Jahre gekommenen Designs. Liebevoll vergangen. Bemerkenswert schlicht. Wie alle Zimmer, in denen man übrigens auf Fernsehapparate verzichtet. Denn schließlich sei der Blick von den nach Süden gerichteten Balkonen Programm genug, meint Jentzsch, der aus Sachsen stammt, jugendlich ausschauend, um die 30. Dann verweist er auf die hölzernen Verbindungstüren, die Thomas Mann als Vorlage nahm, um Hofrat Behrend von Balkon zu Balkon schreiten zu lassen, um die Liegekuren der Kranken zu überwachen.

Überall Vergangenheit, die man fühlen kann. Jentzsch nickt, wohl wissend, dass dieser Ort, in dem noch immer der „morbide Reiz der Anstalt“ präsent ist, kein Hotel für Jedermann ist. Ein Haus, dessen Geschichte mehr von der Phantasie eines großen Literaten geprägt ist, als von seiner tatsächlichen Historie. Wenn man Davos mit den Augen des Zauberbergs sieht, dann ist er viel mehr als ein teurer und gesichtsloser Flecken ohne Ecken und Kanten. Damals wie heute zieht er Exzentriker an. Lungenkranke, Ärzte, Literaten, Wissenschaftler. Schließlich Politiker, Manager und Fans der alpinen Ertüchtigung. Nicht zuletzt Öko-Aussteiger und Menschen mit Vorlieben für ganz besondere Hotels. Allesamt Vertreter einer Gruppe – der internationalen Elitenschaft, wo Sonderbares und Verkehrtes zeitlos sind.

Über Sarah Paulus

Ich bin freie Autorin mit Fokus auf Reportagen und aktuelle Themen rund um Reise, Politik, Menschen und Kultur. Meine Artikel und Reportagen wurden u.a. in der FAZ, der Süddeutschen Zeitung, der Morgenpost, dem Tagesspiegel, der Welt/Welt am Sonntag, bei Spiegel Online sowie in diversen Magazinen veröffentlicht. Sarah Paulus
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