Deutschland: Fischerwelten – Das öffentliche Leben eines Mietreporters

Der Journalist und Buchautor Marc Fischer starb am 2. April 2011 – drei Wochen vor seinem 41. Geburtstag. Ein Jahr nach seinem Tod veröffentlichte seine letzte Freundin Jana Petersen „Die Sache mit dem Ich“, eine Sammlung von Reportagen, die, begleitet von Nachrufen und Buchbesprechungen, nicht unbeachtet geblieben sein dürfte. Den Verstorbenen hätte die Ehrung sicher gefreut.

Die Sache mit Marc Fischer ist allerdings, dass er immer noch unter uns weilt. Wer seine Texte liest, hat das Gefühl, er sitzt auf dem Sessel gegenüber, trinkt ein Glas Gran Sasso Primitivo Puglia 2007 und erzählt. Von Kate Moss, den Beastie Boys oder DER LINKEN, in erster Linie jedoch über sich selbst. Über seine ganz persönliche Fischerwelt. Ein Universum von Nöten, Zwiespälten und Freuden, dass er uns in seinen Reportagen zu Füßen legt. Wer etwas über Marc Fischer schreiben will, anlässlich seines 2. Todestages etwa, muss nicht das übliche Biografische repetieren, sondern lauscht besser dem Autor und lässt ihn sein Leben mit eigenen Worten wiedergeben.

Der unbedingte Monarch der Fischerwelt wurde im Jahrzehnt der RAF geboren. Ein Terrorist wollte er nie werden und dennoch einte ihn mit Baader und Ensslin ein Lieblingsbuch: Moby Dick. Im Juli 1977 begann ihm sein Vater jeden Abend vorzulesen. Am 5. September, dem Tag als Hanns Martin Schleyer entführt wurde, war auf einmal Schluss. Der Vater arbeitete als Polizist bei der Hamburger Kriminalpolizei. Fischer mochte die RAF nicht, obwohl sie in einigen Kreisen zur Legende wurde. Nicht nur, weil sein Vater den Worten von Ulrike Meinhof nach ein Schwein war, sondern weil Baader Autos klaute, eine Sonnenbrille trug und Frauen gern Fotzen nannte, auch die Ensslin. Weil seine Jeans so eng waren, wie die von Jim Morrison, der, wie Fischer fand, so aussah, als würde er schlecht riechen und Gedichte schrieb, die noch schlechter rochen. Fischers Vorbild in den 70er Jahren war der Schauspieler James Garner, der den Privatdetektiv Jim Rockford verkörperte und der so war, wie Männer sein müssen: Entschlossen, smart und anständig, ohne sich anzubiedern.

Hässlichkeit und Provinzgeruch bestimmten die 1980er Jahre. Kein Land, so schien es, war weiter von der Moderne entfernt als die Bundesrepublik. Deutschland war ein Kartoffel-Tellergericht mit einer Sauce aus Lindenstraße, Wolfgang Petry, Helmut Kohl und Wetten, dass. Mittendrin wurde Fischer dreizehn und hatte einen Freund, der davon überzeugt war, der schnellste Junge der Welt zu sein. Sein bester Freund deshalb, weil Fischer eben nicht so schnell war, auch was Mädchen anbetraf. Er beneidete ihn und zog sich irgendwann zurück. In seiner Gegenwart wirkte er noch langsamer, als er ohnehin war. Zwei Jahre später klopfte die Adoleszenz an die Zimmertür, hinter der noch immer ein Kind saß, das sich fühlte wie die Tür dazwischen. Verloren und ausgeliefert an die Erwachsenen, obwohl es selber gerade anfing, sich in der Welt einzurichten. Fünfzehn – kein gutes Alter.

Mit 18 war Fischer ein netter, freundlicher und schüchterner Junge aus der zehnten Klasse, 1,82m mittelgroß und gut in nichts Besonderem. Ohne ein Mädchen – nicht gerade das, was man cool genannt hätte.

Wer damals auf seinen Ruf Wert legte, zitierte Morrissey oder ging auf Konzerte der Beasty Boys oder von Public Enemy. Wer zu Michael Jackson ging, wurde mit Milchtüten beworfen. Fischer hatte Angst, dass man ihn erkennen würde und ging trotzdem. Er hatte das Gefühl, Michael Jackson das schuldig zu sein, weil der fünf Jahre vorher eine Platte namens Thriller gemacht hatte. Ähnlich prägend wie Batman und Huckleberry Finn.

Dann die Neunziger. Leicht, luftig, laissez-faire. Alles schien möglich. Musik machen, ein Buch schreiben, einen Film drehen, kein Problem. Alles gab‘s im Überfluss: Geld, Kunst, Technik, Mode. Magazine, die sich an einer neuen Sprache versuchten. Ab 1998 sogar hübschere Politiker. Man war lustig, spontan, enthusiastisch. Auch Fischer. 1990 hatte er sein Abitur gemacht. Sechs Jahre später fühlte er sich als Journalist und Künstler. Im Spiegel sah er Ethan Hawke. Fischer traf sich mit Freunden in Hamburg, wo es Saltimbocca und Rotwein gab, zum Nachtisch Kokain. Kurz nach zwölf Uhr nachts stieg er in seinen marsroten Golf II und fuhr nach Berlin. Mit fünf Gramm Koks und ein paar Pillen in der Tasche. Das Jahrzehnt des Pops endet Sylvester 1999. Aus Ethan Hawke war John Malkovich geworden.

Das neue Jahrtausend begann mit Reinigungsprozessen. Radikale Muslime, Amerikaner, Klimaschützer und Ernährungswissenschaftler forderten Gottesstaaten, Demokratien, CO2 Verbote und Bio-Produkte überall. Hygienisch rein sollte die neue Zeit sein, auch ihre Körper. Schlank, sauber, rauchfrei. Die Zeiten der Exzesse, des Ausschweifens und der Nichteffektivität waren vorbei. Selbst Raucher Marc Fischer überdachte Gewohnheiten. Vor dem Kaffee die erste Zigarette, die zweite danach, die dritte vor dem zweiten Kaffee. 2005 hörte er auf. 2009 fing er wieder an.

Fischer schrieb fünf Bücher und verdingte sich als Mietreporter. Kinder wollte er nicht. Frei zu arbeiten empfand er als Paradies und das Beste, was ihm passieren konnte. Fest sei man ein Sklave, als Freier könne man sich einteilen. Fischer schrieb am liebsten über Inseln und Menschen, die irgendetwas, nur nicht das, was alle machten. Sein Leben bestand darin, viel weg zu sein. Wieder zu Hause, schrieb er die Reportagen auf und war dann, nun ja, wieder weg. Zeitweise sah er seine Frau nicht mehr als zwei, drei Tage im Monat. Als er sich gerade daran machen wollte, seine Studien über Hunde in einem Buch zusammenzufassen, lief ihm die Frau weg. Das Jahrzehnt endete mit Scheidung, Schulden und dem 40. Geburtstag.

Marc Fischer war ein Typ, der sich mit Videospielen, Handys und iPods beschäftigte, sich mit DVDs aus der Welt beamte, wenn ihm zu Hause langweilig war. Einer, der nicht nur frei arbeitete, sondern auch sonst so wenig Verantwortung wie möglich übernehmen wollte. Eine Insel. Ein Kind. Ein Typ, der Frauen ansprach, was nichts mit Mut zu tun hatte, eher mit Wahrscheinlichkeitsrechnung. Er mochte Tarantino und die Arbeit mit Jenny Elvers. Hunde hingegen nicht besonders. Umso mehr Hotels, die auch mal einen Gast beherbergen, der ein bisschen aus der Rolle fällt, irre Filmstars, korrupte Politiker oder drogensüchtige Punkrocker. Fischer erinnerte sich an jedes Hotel, in dem er gewohnt hatte. Er liebte BRISANT und hasste den um sich greifenden Prominentenwahn, bei dem der Portraitierte jedes Detail kontrollieren will, bis gar nichts mehr drin steht, weil es inzwischen Mode geworden war, nicht nur Zitate, sondern auch Text autorisieren zu lassen. Trotzdem schrieb er über Prominente aber auch über seine Frauen. Nathalie, Yasuko, Jana…

Die Sache mit Marc Fischer ist, dass er sich zur gläsernen Person schrieb und schon zu Lebzeiten seinen eigenen Nachruf verfasste.

Im Februar 2012 veröffentlichte BRAND EINS einen Artikel von Peter Lau mit dem Titel „Woran starb Marc Fischer?“ Seit einem Brief der Eltern sind Ausgabe wie auch Text nicht mehr verfügbar. Komisch. Wie passt die Selbstzurschaustellung des Autors zu Lebzeiten mit dem Verschwinden einer posthumen Reportage zusammen?

Verschwundenes findet man bei Ebay. Aufschlussreiches in der Reportage selbst. Peter Lau stützt sich in großen Teilen auf Gespräche mit Wegbegleitern einschließlich der Ex-Ehefrau. Sie alle haben viel Interessantes zu erzählen, wollen für ihre Aussagen jedoch nicht mit dem eigenen Namen stehen.

Die Reportage über die Fischerwelt besteht aus drei inhaltlichen Aspekten. Person und Charakter. Ereignisse und Entwicklungen, die zum Tod geführt haben könnten. Ferner die Behauptung eines früheren Fotografen-Kollegen, wonach sich Fischer „Leute ausgedacht hat, um seine Geschichten rund zu bekommen“. Dazu schreibt Lau: „Marc war mit seinen Fälschungen nicht allein“, und bezieht sich auf Tom Kummer, der fiktive Interviews veröffentlichte und dessen Werke unerfüllbare Maßstäbe setzten – an Persönlichkeit und vor allem Nähe zum Gesprächspartner, einer eigentlich total fremden Person. Obwohl die Kummersche Kreativität seit Jahren entlarvt ist, kritisiert Lau, hätten sich jene Maßstäbe bis heute nicht verändert.

Die angeblichen Fälschungen stehen im Zentrum der elterlichen Empörung. Eine „Verletzung der postumen Persönlichkeitsrechte unseres verstorbenen Sohnes Marc und unserer Rechte als Angehörige“, wie sie in einem Schreiben äußern, das BRAND EINS als Leserbrief veröffentlichte, um sich ebenso öffentlich zu erklären und zu entschuldigen.

Bleiben zwei Dinge offen. Wer war Marc Fischer? Der, den er beschrieb oder der, den er erfand? Und schließlich die Frage, ob das egal ist.

Denn eines ist klar, wer so schreibt wie Marc Fischer, ist ganz bestimmt im Geschichten-Himmel angekommen. Von dort schaut er vielleicht auf seine 580 Freunde, die sich bei Facebook noch immer um ihn scharen. Helge Timmerberg ist ein gemeinsamer Freund, erfahre ich beim Spaziergang über die digitale Grabstätte, auf der bis heute Vertraute und Bekannte vorbei schauen, um Blumen niederzulegen, wie sie manchmal schreiben. 55 Freunde haben 2012 etwas in seiner Chronik gepostet. Einer erhielt sogar Antwort. Tim Tim Lienhard, der den Zuckerberg-Chroniken am 6. September 2012 beitrat, schickte sich sogleich an, den Toten mit einem Freundschaftsantrag zu beehren. Seit eben diesem Tag sind sie Freunde. Es stimmt also. Die Sache mit Marc Fischer ist tatsächlich die, dass er gar nicht tot sein kann. Wer sonst hätte den Freundschaftsantrag bestätigen können?

Zum 2. Todestag von Marc Fischer ist das eine versöhnliche Vorstellung. Andere mögen seinen Platz eingenommen haben, doch niemandem ist es gelungen, ihn zu ersetzen.

Über Sarah Paulus

Ich bin freie Autorin mit Fokus auf Reportagen und aktuelle Themen rund um Reise, Politik, Menschen und Kultur. Meine Artikel und Reportagen wurden u.a. in der FAZ, der Süddeutschen Zeitung, der Morgenpost, dem Tagesspiegel, der Welt/Welt am Sonntag, bei Spiegel Online sowie in diversen Magazinen veröffentlicht. Sarah Paulus
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3 Antworten zu Deutschland: Fischerwelten – Das öffentliche Leben eines Mietreporters

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