Deutschland: FINO – der Weltenwandler

Der Mann gegenüber hat kein Gesicht. „Kann er uns hören?“ Die Anwesenden feixen und sprechen über den Gehandikapten, statt mit ihm. Gesichter schaffen Identität. Gesichtslose werden zur dritten Person. Die Sache mit meinem Gesprächspartner ist, dass er zwei Identitäten hat und natürlich ein Gesicht. Das allerdings verbirgt er unter einem komischen Ding. Groß ist es und weiß, handgefertigt aus Pappe und Acryl mit orangefarbenen Punkt nebst Guckloch in der Mitte. En miniature und aus Plastik steckt es auf Sprühdosen. Ein Cap. Ein Hut eben. „Bist du der CRO der Graffitiszene?“

Natürlich nicht. Der Mann, der sich in seinem wahren Leben FINO nennt, sitzt auf einem schwarzen Sessel im Hinterzimmer eines Ladens in Berlin. Keine 6 m2 ist der Raum groß. An den Wänden hängen Variationen aus Farbe und Talent. FINO ist ein Illegaler. Dessen Dasein seit über 20 Jahren von Graffiti bestimmt ist, weil er sich nichts Schöneres vorstellen kann. Vielleicht auf den Mond fliegen, aber selbst da würde er am liebsten bomben wollen.

Wie lebt so einer, der sich teilen und verbergen muss?

FINO wurde Ende der 70er Jahre in West-Berlin geboren und wuchs als ganz normales Kind auf. Mit Zeichenblöcken, Filzern, Bunt- und Bleistiften. Die Kinderbilder klebten am Kühlschrank der Eltern. Sein ganzes Leben, selbst als er noch nicht zur Schule ging, blätterte er in den Kunstbüchern seines Vaters. „Das isses“, dachte er später. Malen, sich selbst mit Formen und Farben verwirklichen. Die französischen Impressionisten hatten es ihm angetan. Manet, Monet, Renoir. Die Balletttänzerinnen von Degas. Kunst, die sein Herz berührte und in die Seele eindrang. Andere träumten davon, Pilot zu werden und um die Welt zu fliegen. FINO wollte Künstler werden.

Die Wohnung seiner Eltern befand sich in der Nähe eines S-Bahnhofs. Gleich dahinter die Abstellanlagen der Wagons. „Natürlich bin ich nicht gleich in die Lay-Ups gerannt und hab WholeCars gemacht. Damals wusste ich noch nicht, dass es Graffiti gab.“ Freizeit fand auf Spielplätzen statt. Eines Morgens seien dort komische Zeichen gewesen. Die habe er abgemalt und zuhause versucht zu entziffern. „Am nächsten Tag ging ich mit einem Stift los und hinterließ meinen eigenen Namen. Den echten. Ich hatte ja keine Ahnung.“

Später wurde ihm klar, dass man sich Kunstnamen ausdenkt. Wie in Comics, wo jeder Superheld eine zweite Identität hat. FINO war verrückt nach Comics und schließlich nach Graffiti. Eine neue Welt, in die er eintauchen konnte, die aus Formen und Farben bestand. Eine Erfüllung, wie die 1990er Jahre selbst. Es wurde gelebt und FINO wollte mitleben. Schaute zu den Old-Schoolern auf, zu SOS und den Criters. Wusste nicht viel und deswegen war alles mystisch, fantastisch, wunderbar. „Als ich mitbekam, dass man Züge illegal bemalen konnte, war das ein Traum“, erinnert er sich und steht dazu bis heute. „Es gibt nichts Besseres. Keine Menschen, die einen nerven. Man hört nur den Schotter, die Züge, Tonnen Stahl, die vorbeirasen.“ Man kann zeigen, dass man es drauf hat, dass man ehrlich ist.

„Alles ist dabei. Adrenalin, Nervenkitzel, Gefahr“, sagt FINO am Ende einer langen Redeminute, deren Sätze stakkatohaft, beinahe gewehrsalvenartig aus ihm heraus kommen. Wie das Rattern einer vorbeifahrenden S-Bahn. Funken sprühend. Als müsse er sich die Seele aus dem Leib reden. Gleichzeitig wirkt er ernst und kontrolliert, um für einen winzigen Moment den anderen FINO durchblicken zu lassen. Der neben zerborstenen Scheiben steht, im Suff manchmal zum Randalieren neigt und einen Bahnangestellten verletzte. „Es gibt Situationen, da würdest du mich nicht wiedererkennen.“

Wie viele Gesichter hat der Mann ohne Gesicht? „Kennst du FINO?“ „Ja, kenn ich.“ Manchmal sei es witzig, über den Sprayer zu reden, obwohl man es selbst ist. Schon als Kind habe er sich andere Namen ausgedacht. FINO gibt es seit 1995. Zwei Identitäten, kein Problem. Er könne das trennen. Den einen von jenem anderen, der tagsüber in einer Graphikagentur arbeitet. Wer ernsthaftes Graffiti betreibt, braucht Disziplin, Kraft und vor allem Geld. Nichts für Leute auf Hartz IV. Aktionen in der Illegalität erfordern Vor- und Nachbereitung. Man rennt nicht einfach so los. Nicht, wenn es gut werden soll. Etwa vier Mal pro Monat zieht er diese Aktionen durch. Nachts, versteht sich. Dann heißt es früh ins Bett gehen, um 2 Uhr aufstehen, gegen 4 Uhr zurück in die Koje bis der Wecker erneut um 6 Uhr klingelt. Das geht. Eine Frage von Willen und Verzicht. Rauchen und Alkohol sind tabu, wenn Action angesagt ist.

„Ich liebe WholeCars“, sagt FINO, aber eigentlich mache er alles. Line und Bahnhof Pieces, Bombings, Tags. Das ganze Spektrum. Vom Bleistift bis zum dicksten Level Six Fat Cap. Berlin ist Message und Inspiration zugleich. Man läuft durch die Stadt und lässt sich von Eindrücken fluten. Von Zügen, Schächten, Gerüchen und maroden Ecken. Ein bisschen Osten, eine Prise Westen. Alles kommt zusammen. Alle wollen nach Berlin. Woanders hinfahren braucht man nicht. Die Stadt ist der Style und den will er weiterentwickeln. Echte FINOs, die erkennbar sind. Woran? „Wenn’s geil aussieht und die Stelle stimmt.“

Graffiti bedeutet Arbeit. Anständiges Werkzeug ist Voraussetzung. Gute Dosen, die fat sind und auch im Winter gut decken. Unmengen Skizzen, aus denen das Werk entsteht. „Wer sich weiterentwickeln will, braucht diese Gedankenhilfen, um zu sehen, was er gemacht hat.“ Später vor allem, wenn Gegenwart Vergangenheit geworden ist. Viele alte Sachen würde er am liebsten zerreißen. Aber die Zeit sei halt anders gewesen. Die Farben, die Dosen, Stimmungen. Früher habe er im Mob gesprayed, mit Alkohol und Dope in den Taschen. Heute mache er seine Aktionen mit höchstens 3-4 Leuten, manchmal sogar allein, ohne Fotograf und Abchecker.

Was bewegt einen Illegalen und was wünscht er sich? Gesundheit in erster Linie. Und eine Uhr, mit der man auf Knopfdruck die Zeit anhalten kann. Kinder natürlich. Sinn des Lebens schlechthin. Was ist der Sinn des Lebens? „Darüber nachzudenken und neues Leben zu schenken, damit auch die darüber nachdenken.“ Was ihn ärgert? Schlechte Graffitis natürlich. „Ich hab noch nie ‘nen geilen Feuerlöscher-Tag gesehen. Entweder geben sich die Leute keine Mühe oder es geht nicht. Aber dann würde ich es lassen.“ Qualität geht vor Quantität. Deswegen auch kein Haltestellen-Bombing. „Ein Oneman WholeCar, den man in drei Minuten macht, kann nur Scheiße sein.“ Ebenso findet er das schlechte Image der S-Bahn. „Züge sind etwas voll Cooles“, sagt FINO. Jetzt sind sie runtergewirtschaftet. „Ich kann nicht mehr rausgucken, weil die Fenster mit Werbung zugekleistert sind. Draußen wird man von Nachrichten und Botschaften bombardiert, drinnen vom Berliner Fenster. „Ich steige in die U-Bahn und der Fernseher ist an. Vergewaltigte Frauen in Indien. Keiner fragt mich, ob ich das sehen will.“ Visueller Terror, findet FINO. Den mache er ja auch. „Aber meine Werbung wird sofort entfernt.“

Ist das Kunst oder kann das weg? „Sie studieren an Universitäten und nennen sich nach vier Semestern Künstler. Malen auf Digitabs irgendwas Krasses, printen aus und sagen, sie machen Streetart.“ Jeder wolle ein Künstler sein. FINO mag das Wort nicht mehr aussprechen. „Weil ich es bin und jeder, der mich kennt, weiß das.“ Wenn der Meister an seinen Skizzen arbeitet, hat er einen Begleiter, der den Raum füllt. Mit Noten und dieser anderen Art von Kunst, die aus Instrumenten kommt. FINO, der Mann mit den zwei Leben, liebt Musik. Je nach Stimmung Rock der 70er und 90er. Rap. Klassik. Beethoven 1-9.

Seit mehr als 20 Jahren lebt er für die Szene, mit und teilweise in ihr. Ebenso lange hört er von seinen Eltern, dass er nicht sprühen soll. „Mein Vater findet die Criters toll.“ Im Dokumentarfilm „UNLIKE U“ werden Generationen von Berliner Sprayern in Szene gesetzt. 40 und 17jährige. Auch FINO ist dabei. Während einer Action mit Acid und wie er mit Panamahut im Yard sitzt und ein Interview gibt.

Geh weiter, mach weiter, gib nicht auf. Graffiti ist der Weg, auf dem er sein Leben beschreiten möchte. Egal, was die Gesellschaft sagt? Die sei eh nicht mehr zu retten. Vor 20 Jahren wurde gegen den gläsernen Menschen protestiert, heute sind alle bei Facebook. Ein Wandel, den Graffiti so nicht erlebt hat. Viele ordentliche Menschen, die pünktlich ihre Steuern zahlen und immer einen Fahrschein kaufen, wollen damit nichts zu tun haben. Gucken sich höchstens bunte Bilder im Internet an.“ Distanz sei wichtig. Der Sprayer ist verpönt. Echte Berührungspunkte machen Angst. Hilfe, ein Illegaler steht vor mir. Geh‘ doch zu Facebook, wir können Freunde werden und du kriegst n‘ Like.

„Ich will aber kein Like“, sagt FINO. Stattdessen will er sich entwickeln und weiter gehen. Entwicklung braucht Futter, Träume verwirklichen Extraenergie. Manchmal sei Ebbe und der Akku leer. Dann läuft man Gefahr, in diesen Trott zu geraten, Alltag genannt, wo Träume keinen Platz haben, weil der Mensch immer parallel zum realen Leben träumt. Deswegen erfordert es viel Kraft, um Visionen und Träume aufrechtzuerhalten und zu verwirklichen. „Ich liebe meine Träume, deswegen muss ich sie beschützen.“ Einer davon spielt in Amerika. „Mein Lager ist so voll und schreit nach Veröffentlichung.“ Ausstellungen in San Francisco und New York wären toll. „Und ‘ne dicke Wall mitten in der Stadt machen, mit allen Leuten, die ich da kenne.“ Weil Graffiti von der Straße kommt und nicht von der Uni.

FINO ART SHOW mit Special Guest Mark Bodé: 02.03.2013 20 Uhr, YARD5, Samariterstraße 5, 10247 Berlin

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Text: Sarah Paulus (www.sarahpaulus.de)
Foto: Rolf G. Wackenberg (www.wackenberg.com)

Über Sarah Paulus

Ich bin freie Autorin mit Fokus auf Reportagen und aktuelle Themen rund um Reise, Politik, Menschen und Kultur. Meine Artikel und Reportagen wurden u.a. in der FAZ, der Süddeutschen Zeitung, der Morgenpost, dem Tagesspiegel, der Welt/Welt am Sonntag, bei Spiegel Online sowie in diversen Magazinen veröffentlicht. Sarah Paulus
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2 Antworten zu Deutschland: FINO – der Weltenwandler

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