Deutschland: Yard 5 – Wer es mit Graffiti geschafft hat, schafft es auch im Leben

Stell dir vor, es gibt einen Ort, den wir suchen aber niemals finden. Weil wir an der falschen Stelle suchen oder nicht erkennen, wenn wir ihn schon längst gefunden haben. Ein Ort, der das Leben nicht wirklich einfacher, dafür aber lebenswerter macht. Wo man sich selbst erfinden kann, wenn man nur will.

Einen dieser Orte kennt Christian Vogler. Jahrgang 73 und aufgewachsen in Berlin-Lichterfelde. In einem Biotop zwischen alliierter Nachbarschaft und Ostberliner Mauerwerk. Wo die Jugend zwischen Punk und New Wave unweigerlich der Strahlkraft einer weiteren Subkultur erliegen musste. Jener damals noch exotisch anmutenden amerikanischen Hip Hop Szene. Schon früh zog es ihn hinein in die New Yorker Welt der 70-80er Jahre. „Sein Mekka“, wie er sagt. Zu dieser Zeit ein Eldorado für all jene, die nach einem wirklich neuen Lifestyle suchten. Mit spezieller Kleidung, Musik, Tanz und Filmen wie „Beat Street“, dessen Soundtrack Christian noch heute begeistert. Eine Ausbildung zum Bürohändler brachte ihn später den Farben näher, inspiriert von Malerei und, wie sollte es anders sein, Graffiti.

Und doch musste er erst 33 Jahre alt werden bis ihm klar wurde, dass er den Ort erfinden muss, von dem hier die Rede ist. Bis er die Türen seines eigenen Ladens öffnete, des Yard 5 Graffiti Stores, wo Künstler jedwedes Utensil kaufen kann. Belton Molotow Premium, Burner Kupfer, MTN 94 und Montana Black. T-Shirts, Base Caps und seltene Sneaker. Squeezer, große und kleine Marker für Tags oder Leinwand.

Hier trifft man auch Phos4, Jahrgang 75, dessen Karriere als Graffitikünstler mit einer Ente von Citroen ihren Anfang nahm. Und dem Stiefvater, der ihn bat, das gute Gefährt ein wenig zu verschönern. In den 90ern wurde er Mitglied der Sprühgemeinschaft Spirits of Style. Gefolgt von Glorious Five Artists, eine der ältesten Crews in Berlin, in die er zehn Jahre später aufgenommen wurde, nachdem Rivalitäten durch Reife und zunehmend gleiche Interessen ersetzt worden waren.

Schließlich gründete er Return to Zero, eine Crew von Gleichgesinnten. „Meine eigene kleine Interessengemeinschaft“, wie er lächelnd hinzufügt. IG Graffiti. Seitdem ist jeder echte Phos4 mit einem stilisierten Barcode und der Kennung RTZ versehen. „Ich war eben jahrelang am Ball. Auch bei Festivals in ganz Europa“, lautet die Erklärung für seine hohe Bekanntheit in einem Umfeld, für das bürgerliche Namen eher bedeutungslos sind. Sein Prominentenstatus, wenn man so will, habe seine Wurzeln in der 2. Generation dieser Szene. Gefolgt von permanenter Weiterentwicklung des eigenen Stils. Sogar New York wisse mittlerweile seinen Namen einzuordnen. Vor ungefähr dreieinhalb Jahren habe er dann erstmalig in der Tür vom Yard 5 gestanden. Kannte alle Läden dieser Art in der Stadt. Nur diesen noch nicht.

Um der DNA dieses Ortes auf den Grund gehen zu können, muss man behutsam besagte Tür in der Samariterstraße öffnen. Denn hier geht es um weit mehr als nur den üblichen Graffitikram, wie Dosen und Caps. Es geht viel eher um Motivation und Respekt. Und darum, dass hier einer seinen persönlichen Bildungsauftrag erfüllt. Denn Phos4 ist nicht nur prominent und damit Respektperson, sondern auch gelernter Erzieher. Kein typisch Institutionalisierter, sondern jemand, der Kinder- und Jugendarbeit nachhaltig sein eigenes Projekt nennt. Mit Farbe und Kunst als Medium. Eines der wenigen, das noch funktioniert. In Bevölkerungsschichten, die sich jenseits bürgerlicher Wärmestuben rekrutieren wie auch in solchen, wo Alleshaben und Alleskönnen den Alltag bestimmen. Allesamt einer Generation zugehörig, die in einem ganz anderen Film aufwächst, die man mit konventioneller Pädagogik nicht mehr erreicht. Weil hier auf Authentizität Wert gelegt werde. Wo Mann und Frau etwas werden können, wenn Körper, Geist und Werk stimmig sind. Denn „wer‘s im Graffiti geschafft hat, schafft es auch im Leben.“, zitiert Phos4 einen Graffitikollegen.

Sogar Eltern- und Jugendhäuser hätten das mittlerweile verstanden. „Die kaufen bei uns nicht nur Dosen. Die wollen Workshops und Freizeitangebote.“ Malen, zeichnen, gestalten. Werte und Ziele. Wie man eine gerade Linie zeichnet. Und was Respekt bedeutet. Darum geht es. Und deshalb sei Yard 5 weit mehr als ein normaler Laden. Für manche ein Jugendfreizeitheim. Für andere ein erster Anlaufpunkt für Inspiration und Eigeninitiative. Somit die Basis, von der aus Kaufmann Christian und Künstler Phos4 lebenswerte Räume für sich und Gleichgesinnte schaffen.

Einer, zum Beispiel, heißt Yard 5 Summer Jam. Dieses Freiluftevent, das verschiedenste Facetten der Hip Hop-Kultur zusammenbringt, findet in diesem Jahr zum vierten Mal statt. Mit anerkannten Künstlergrößen aus aller Welt, wie WANE, CES, AMOK, KENT, PRO, POET, NOMAD, SKIM 81, KEEN, SOMEY, CREN, DILK und vielen anderen Topmalern. Mit Leinwänden und Dosen für Kids, Strandkörben für Eltern, Beatbox-Wettbewerb für Mundartisten sowie diversen DJs und Tanzshows zur Abrundung. Eine Veranstaltung mit Herz, die keinen Eintritt verlangt. Ein Klassentreffen oder auch Familienfest, um ganz entspannt feiern und neue Kontakte knüpfen zu können. Jeder ist willkommen. Spaß und Machen stehen im Zentrum. Es gehe eben nicht um die Kommerzialisierung einer Idee. Auch nicht um die Festivalisierung eines Life Styles, was künftig so bleiben soll, wie beide nachdrücklich betonen. Deshalb werde das Steuer auch weiterhin nicht aus der Hand gegeben. Ganz und gar nicht.

Ein anderer Raum nennt sich The Fence. Seit beinahe zwei Jahren aktiv gelebt, finden regelmäßig Ausstellungen im Laden selbst statt. Mitten im Leben. Jeweils einen Monat lang werden Arbeiten internationaler Graffitikünstler präsentiert. Befestigt an einem Drahtgestell, dem Zaun. Anfänglich als Plattform für enge Freunde gedacht, hat sich das Projekt mittlerweile zu einem Anziehungspunkt über die eigentliche Szene hinaus entwickelt. Die Warteliste für interessierte Kunstschaffende wird länger und länger.

Für einen kurzen Moment halten die Partner inne und scheinen über den eigenen Erfolg erstaunt. Erfolg, der aus der Symbiose zweier sehr unterschiedlicher Menschen entsteht, die sich irgendwann gefunden haben und gemeinsam Ziele angehen. Die das gleichzeitig aber als ganz normal ansehen und sich damit nicht in den Vordergrund drängen lassen wollen. Denen die Vorstellung, die eigene Lebensgeschichte in den Medien zu lesen, eher unangenehm ist. Dass sie Familienväter von insgesamt vier Kindern zwischen 20 Monaten und 16 Jahren sind, vermutet man nicht auf den ersten Blick. Auf den zweiten jedoch fügen sich die restlichen Puzzleteile zu einem großen Ganzen zusammen. Zu einem Lebensraum, der viel umfassender ist, als man beim Überschreiten der Türschwelle erahnt.

Warum weggehen? Warum in anderen Clubs feiern, wenn man seinen eigenen Club hat. Wenn das ganze Ding hier ja eigentlich der immer gesuchte Club ist. Ihr eigener Club. Ein Club der keinen weiteren Ort braucht, dafür aber ungeheuer viel Raum bietet. Für Familie und Freunde. Kiez und Kultur. Writer, Texter, Musiker. An diesem Ort, der alles ist, was jemals fehlte. In den eigenen vier Lebenswänden. Dem besten Club der Welt. Im September werden sie ihn feiern: Sechs Jahre Yard 5, der Laden, wo alles begann.

Über Sarah Paulus

Ich bin freie Autorin mit Fokus auf Reportagen und aktuelle Themen rund um Reise, Politik, Menschen und Kultur. Meine Artikel und Reportagen wurden u.a. in der FAZ, der Süddeutschen Zeitung, der Morgenpost, dem Tagesspiegel, der Welt/Welt am Sonntag, bei Spiegel Online sowie in diversen Magazinen veröffentlicht. Sarah Paulus
Galerie | Dieser Beitrag wurde unter Deutschland abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s