Deutschland: Der letzte Bulle vom Hangar

Ein mächtiger Airbus mit leuchtrotem Schriftzug dröhnt über die Schaulustigen. Einige legen den Kopf in den Nacken, um den Anflug des Riesenvogels besser beobachten zu können. Andere haben teures Fotoequipment aufgebaut. „Klacklacklacklack“, rattern die Auslöser auf der Suche nach dem perfekten Moment. Hier im CaféZUM HANGAR“, über dem die Flugzeuge im Minutentakt einschweben, bevor sie keine 500m später auf dem Hauptstadtflughafen Otto Lilienthal in Berlin-Tegel landen. Der HANGAR ist eine kleine Musik-Kneipe kurz vor der Landebahn. Betreiber Alexander Raatz schleppt Getränke über die Sonnenterrasse, wo man das Défilé der Riesenvögel bei frischem Weizen und Rammstein aus der Box genießt. Ein ausrangierter Panzer steht schweigend am Eingang. Kneipenidylle im Berliner Stadtbezirk Reinickendorf. Kein Ort, an dem die Szene tobt. Dafür das Dröhnen der Motoren, unweit vom Kurt-Schumacher-Platz, einer städtebaulichen Schabracke, die sie hier liebevoll Kutschi nennen, wo Lärm zum Alltag gehört wie anderswo Wohlstandsproteste.

Am 2. Juni 2012 schließt Tegel, hieß es. Dann sollte Ruhe einkehren und Alexander Raatz zurück bleiben, während der Flugbetrieb nach Schönefeld zieht, um tags drauf ein neues Zeitalter zu beginnen. Mit Baustellen-TV wurde das Ereignis seit Monaten im RBB gefeiert. Nun herrscht Katerstimmung. Protagonisten versuchen, den Filmriss zu kitten. Schuldige gehören an den Pranger. Von Aufwinden getragen jene, die es schon immer wussten. Wie in jeder guten Krise.

Zeit für eine Zwischenfrage. Nach dem Schicksal anderer. Nach denen die bleiben werden. Heute wie morgen. Nach einer Kneipe im Epizentrum des Fluglärms. Wie es dazu kam und was nun wird.

„Ich bin ja Reinickendorfer“, antwortet Alexander Raatz auf die Frage, ob er den Lärmpegel je gemessen habe. Die Antwort ist Programm, denn Raatz gehört zur Generation TXL. Seine Kindheit verbrachte er keine 5km von der Landebahn entfernt, in der Pankower Allee. Sie verläuft entlang der Einflugschneise, in der Flugzeuge je nach Windrichtung starten oder landen. Unweit des Areals, wo zwischen 1965 und 1975 die Flughafenanlagen Tegel-Süd nach Plänen des Hamburger Architektenbüros Gerkan, Marg und Partner entstanden. Wo ursprünglich nichts als Wald und Heide war. Jagdgebiet der Preußen-Könige, später Artillerie-Schießplatz des preußischen Militärs und Versuchsareal für verschiedene Luftschiff-Konstruktionen. Raatz wurde 1972 geboren. Im gleichen Jahr fand auch das Richtfest statt und zwei Jahre später die Eröffnung des noch heute genutzten sechseckigen Hauptterminalgebäudes. Danach entwickelte sich Tegel zum wichtigsten Flughafen Berlins und gemessen an den Passagierzahlen zum viertgrößten Deutschlands. 2011 waren es knapp 17 Millionen.

Manche haben Flugzeuge im Bauch. Raatz wuchs mit ihnen auf. Der Vater arbeitete in der Gastronomie. Beides wird sein Leben beeinflussen, was er nicht ahnte, als er sich zunächst für eine Ausbildung zum Gas-Wasser Installateur entschied. Anschließend für die Bundeswehr. Mit 25 bewarb er sich bei der Polizei. Zwischendurch immer wieder Jobs in der Gastronomie. Bei Joe am Ku’damm oder im Brauhaus Spandau. Der Tresen wird zur Leidenschaft, Kellnern zum Hobby. Treu bleibt er auch der Staatsgewalt. Seit nunmehr zwölf Jahren als Zivilfahnder im Stadtteil Wedding. Bereich Verbrechensbekämpfung. Schwerpunkt Drogendelikte und illegale Einwanderung.

Alexander Raatz ist ein Bulle und er versteht die Bezeichnung als Kompliment, beschreibt sie ihn doch nicht zuletzt körperlich. So wie er hinter dem Tresen steht. Stiernackig, mit schwarzem Kapuzenshirt und dickem Klunker am Handgelenk. Bestimmend und respekteinflößend, mit warmherzigem Gestus. Freundlich lächelnd über vermeintliche Stereotype.

Als er auf die 40 zuging, erzählten Freunde vom Verein Alliierte in Berlin e.V., der sich mit der Rolle der Alliierten und der Bewahrung ihres Erbes befasst. „Es gibt immer mehr Leute, die nicht mehr wissen, dass es so etwas wie Blockade und Luftbrücke gab“, sagt Raatz, der sich gern als alten Westberliner bezeichnet. Hier in Reinickendorf, im ehemals französischen Sektor und in unmittelbarer Nachbarschaft zur Landebahn unterhält der Verein seinen Sitz und ein kleines Museum, das die Geschehnisse jener Zeit dokumentiert und nachfolgenden Generationen vermittelt. Mit Schriftstücken und Schautafeln. Mit Technik zum Anfassen wie dem alten Panzer, einer entkernten Propellermaschine und anderen militärischen Relikten.

Raatz wurde Mitglied des Vereins und stellte fest, dass Geschichte allein schwere Kost sein kann. „Wer sich einen Panzer anguckt, will auch einen Kaffee trinken“, unterstellte er dem Besucher und mühte sich durch die Instanzen. Mit einem Gastro-Konzept, das Lage zum Programm machte: Alliierte, Flughafen, Startbahn. Nicht zuletzt Lärm. Anderswo bekämpft, hier kultiviert. „Wo kann man auf einem alten Panzer herum klettern, während keine 30m über einem die Jets dröhnen“, fasst der Bulle vom HANGAR den Standortvorteil zusammen. Seit Herbst 2008 lebt er seinen Traum. Die eigene Kneipe. In direkter Nachbarschaft zum Alliierten-Museum und als Untermieter des Vereins. Rund 50.000 EUR hat er seitdem investiert. Auch auf Kredit. „Manche Polizisten haben nicht einmal Kinder. Ich habe einen Nebenjob“. Warum tut sich einer das an? Einer der Schicht arbeitet, der Tag und Nacht mit Problemen anderer kämpft. Gleichzeitig Beamter auf Lebenszeit. Vielleicht gerade deshalb und weil er stolz ist, Sätze wie diesen zu sagen: „Wir sind ein Familienbetrieb“.

Vier Angestellte, die sich die Öffnungszeiten der Kneipe stundenweise teilen und eine Lebensgefährtin, die mit hilft. Alles ordentlich dokumentiert und angemeldet. „Als Ordnungsmacht steht man sehr genau unter Beobachtung“, sagt er und erläutert das Regelwerk. Nicht mehr als 1/5 seiner Dienstzeit darf er zusätzlich für die Kneipe arbeiten. Dem Image der Polizei nicht schaden. Kunden aus dem Milieu sind verboten. Kein Problem für den Hobby-Kneiper, der am Tresen ohnehin Ruhe und Entspannung sucht. Bestenfalls Unterhaltung. Deshalb die Mottopartys. Fasching sei der Knaller. Rotlicht- oder Krankenhauspartys ergänzen das Entertainmentangebot, das „die Mädels“, wie Raatz gerne sagt, mit viel Liebe zum Detail organisieren. Mit Schwesterntracht und Begrüßungsschnäpsen aus Kanülen.

Leben kann er von der Kneipe nicht. Um richtig Geld zu verdienen, müsste die Sache ernsthafter aufgezogen werden. Das hieße dann allerdings, Polizeiarbeit und Beamtenstatus gegen Kneipe einzutauschen. Profi-Tresen gegen Freizeit-Schänke. Gegen jenes Flair, das den Charme des HANGARS und seiner 18 bis 80jährigen Fans ausmacht. Fotografen. Touristen. Biker. Schöne Frauen. Biedere Buchhalter und bullige Busfahrer. Schwere Jungs mit langen Haaren. „Alle sozialisiert“, sagt Raatz und grinst, um gleich darauf ins Schwärmen zu geraten. Von Sommerfesten und Weihnachtsfeiern. Von Reisegruppen aus Rügen und vom Alliierten-Museum, wo er Führungen macht, wenn Not am Mann ist. Und natürlich erzählt er von dem Tag, als der A 380 herein schwebte und von der Air Force One, die hier zwei Mal gelandet ist und den HANGAR in einen Sicherheitsbereich verwandelte. Von Kollegen mit schwarzen Masken, die auf umliegenden Dächern hockten.

In einigen Monaten wird vieles anders sein und man fragt sich was bleibt, wenn Zukunft Wirklichkeit wird. Jene Zukunft, die bereits dieser Tage Wirklichkeit werden sollte, die noch 2008 in weiter Ferne lag. Als Raatz und mit ihm viele Passagiere, die den Flughafen der kurzen Wege schätzen lernten, den Gedanken an Schließung in den Bereich der Irrationalität verdrängten, wo es ohnehin Protest und Geschrei geben würde. Doch nichts passierte. Tegel sei schon immer eine Frage der Zeit gewesen. Zu klein, um zu wachsen. Zu effizient, um große Emotionen zu wecken. Veränderungen gebe es immer. Entsprechend auch Gegner. Weil es eben kein Maß aller Dinge gibt. Weil dieses Maß immer eine Funktion der eigenen Befindlichkeit ist. „Ich bin keiner, der auf die Barrikaden geht, weil der Flughafen geschlossen wird“, sinniert Raatz und muss dann doch einräumen, dass er sich Sorgen macht, wenn die Pachtverträge im September auslaufen.

Ob das Konzept Hobby-Kneipe plus Alliierten-Museum mit der künftigen Nutzung des Flughafengeländes vereinbar ist, bleibt derzeit offen. Ohnehin verharrt die Ideenvielfalt im Spannungsfeld eines ziemlich phantasielosen Gedankenspagats, der sich zwischen Forschungs- und Industrieparks, Naturraum, Wald- und Wohnflächen spreizt. Wenig überraschend. Nur geringfügig konkreter wurde Architekt Gerkan, der sich 2009 für ein „Zentrum für Klimaschutz, erneuerbare Energien und nachhaltiges Bauen“ aussprach. Drei Jahre später ist die Zukunft des Flughafenareals noch immer Vision. Und mit ihr das Überleben eines Kleinods, welches Gefahr läuft, auf einem Areal von sagenhaften 466ha schlichtweg übersehen zu werden.

Tatsächlich könnte man erweitern und mehr Fläche anmieten, denkt Raatz optimistisch, der für seinen HANGAR kämpfen will. Einmal Reinickendorfer, immer Reinickendorfer. Auch ohne Flughafen und Fotografen. Vielleicht sogar mit dem Lärm einiger Militärmaschinen, denn bis jetzt ist immer nur von der Beendigung des zivilen Luftverkehrs die Rede.

Geredet wird auch im Reinickendorfer Rathaus, wo Bezirksbürgermeister Frank Balzer und Baustadtrat Martin Lambert positive Signale aussenden sollen. Am Hangar hoffen sie derweil auf mehr als nur Signale. Auf die Verlängerung der Pachtverträge natürlich. Am 2. Juni wollte sich der Platzhirsch Air Berlin mit einem Rundflug von Tegel verabschieden, der nach dem Start dieser letzten Maschine um 22.50 Uhr geschlossen werden sollte. Aus der Luft sollten die Fluggäste sehen können, wie am Boden die Lichter ausgehen. Der Abschiedsflug ist vertagt. Im HANGAR brennt immer noch Licht. Und die Gäste feiern. Ihn, den letzten Bullen vom HANGAR.

Über Sarah Paulus

Ich bin freie Autorin mit Fokus auf Reportagen und aktuelle Themen rund um Reise, Politik, Menschen und Kultur. Meine Artikel und Reportagen wurden u.a. in der FAZ, der Süddeutschen Zeitung, der Morgenpost, dem Tagesspiegel, der Welt/Welt am Sonntag, bei Spiegel Online sowie in diversen Magazinen veröffentlicht. Sarah Paulus
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