Deutschland: Alle Jahre wieder – Besinnliches zum revolutionären Advent

„Etwa 40 Minuten“, antwortet der Mann am Tresen. Wartezeit im Bürgeramt? Mitnichten. Der Ansturm gilt dem Burgeramt am Boxhagener Platz im Berliner Stadtteil Friedrichshain-Kreuzberg, wo hungrige Mäuler auf ihren Szene-Burgerwarten. Um die Nachfrage schneller bedienen zu können, hätte die hiesige Gastronomie ruhig ein paar Aushilfskräfte einstellen können. Doch wer denkt schon betriebswirtschaftlich, heute und hier, anlässlich der antikapitalistischen Walpurgisnacht. Nicht die Szene-Gastronomie, schon gar nicht deren Kunden. Denn etwas Besonderes liegt in Luft. Am Boxi. Am Vorabend des revolutionären 1. Mai.

Das Besondere ist hier ein Ritual, das Drehbuch bewährt. Immer wieder aufgeführt. Jahr für Jahr. Bestimmt auch in diesem, so oder so. Es beginnt mit dem Vorspiel und die Protagonisten der nächsten Stunden sind zunächst vollends mit der Sorge ums leibliche Wohl beschäftigt. Später aber wollen einige randalieren, andere einfach nur gucken. Wieder andere werden die Ordnung aufrechterhalten, an deren Rand eine weitere Gruppe in Stellung geht: Die Kaste der Fotojournalisten.

An diesem frühen Abend zieht es die Beteiligten zum Wismarplatz, nur wenige Meter vom Boxi entfernt, wo man die Kampfzone eingezäunt hat, um die gemischte Raubtiernummer brav im Kreis laufen zu lassen. Am Käfigeingang stoßen junge Revolutionäre mit dem obligatorischen Sternburg nicht einfach nur an, sondern zunächst einmal auf die amtliche Ordnungsmacht. Diese begrüßt einen Sid Vicious-Look-Alike aus Hildesheim sehr freundlich aber bestimmt. Bierflaschen seien in der Zone nicht erlaubt, sie solle glasfrei bleiben. Sid grübelt. Die Polizei handelt und füllt das Getränk höflich in einen kostenlos bereitgestellten Plastikbecher um. Ein Meilenstein moderner Deeskalation. Entsprechend abgerüstet darf der Kämpfer nun die Arena betreten.

Dort stehen erste Grüppchen beisammen. Noch dominiert die bürgerliche Mitte. Er trägt Poloshirt und Slipper, sie ist wütend. Auf alles Böse, vor allem die Banker. Raubtiere! Man müsse sich wehren. Die gesamte Initiative ist angereist und will die Stimme erheben. Doch der Hals ist wuttrocken. Schluck für Schluck Rosé, während die Augen vorbeischlurfenden Irokesen folgen. Bunte Haare, Hosenträger auf halb acht, Leder und Nieten. Undenkbar in Bad Schwalbach. Gänsehäute allerorten trotz polartauglicher Wolfsjacken.

Derweil steigt die Stimmung. Beinahe volksfestartig geht es zu. Der Sänger von FREI SCHNAUZE!, die gern eine politische Punkband sein wollen, brüllt ins Mikro: „Wer von Euch hat in den letzten Tagen die Springer-Presse verfolgt?“ Keine Reaktion. Geld für BILD hat hier niemand. Um die Stimmung anzuheizen, skandiert die Band nun: „Randale, Bambule, wir kommen aus der Wuhle“. Die herumstehende Fangemeinde grölt unkonzentriert mit. Organisation ist jetzt wichtiger: Wer holt Bier nach? Zwei Mädchen mit gerasterten Frisuren trifft das Los. Gleichberechtigung auch hier. „Für den Frieden zu töten ist dasselbe wie für die Keuschheit zu ficken“, ist auf einer Jacke zu lesen. Derart motiviert trotten die Aktivistinnen zur Quelle. Müde und gezeichnet vom Kampf gegen den Raubtierkapitalismus.

Sekunden später fällt ein Aktivist, im Kampf mit dem Alkohol schwer getroffen und bleibt vorerst regungslos auf der Straße liegen. Keine Reaktion. Weder bei den nebenstehenden Punketten in modischen Strumpfhosen, noch bei den abgewetzten Kumpels, aus deren Mitte der Kämpfer fiel. Stoisch trinkt die Meute weiter vor sich hin. Ein abgehalfterter Köter schlendert herbei und beschnüffelt den Körper. Erst herbeieilende Malteser stellen den Gefallenen wieder auf die Beine und obwohl noch etwas wacklig, grinst der junge Mann glücklich sabbernd über beide Ohren. Ein neuer Redner weiß davon nichts und schreit in die Menge: „Wer von euch empfängt Hartz IV?“ Nur wenige melden sich. „Der Rest arbeitet im Büro?“

Erschrocken läuft der Köter zu Herrchen. Der trägt ein „Susi and the Banshees“ Shirt. Susi, die Dame mit oft blanken Brüsten und Hakenkreuz-Binde im London der 70er Jahre. Provozierender Protest gegen Spießertum und langweilende Bands wie Emerson, Lake and Palmer, Genesis und Yes. Damals war Punk revolutionär und sorgte für echte Aufregung. Heute dagegen werden Punks selbst in Hildesheim als familientauglich angesehen. Was ist passiert mit Protest und Provokation?

„Wer mit 19 kein Revolutionär ist, hat kein Herz. Wer mit 40 immer noch ein Revolutionär ist, hat keinen Verstand“, sagte Theodor Fontane einst. Heute wummert der revolutionäre Herzschlag verhalten. Die Gesellschaft altert. Die Geburtenrate sinkt. „Erinnerst du dich an die gute alte Zeit. Der Himmel war blau, heute sind wir alt.“ Die lebensmüde Anklage eines Mitvierzigers in der Midlife-Crisis? Weit gefehlt. Die Zeilen stammen aus der Feder der Hip-Hop-Kapelle K.I.Z. Viele Leute lieben diesen Rap, obwohl sie noch keine 25 sind. Ergänzend singt der Chemnitzer Kraftklub: „Unsre Eltern kiffen mehr als wir, wie soll man da rebellieren? Egal wo wir hinkommen, unsere Eltern war‘n schon eher hier. Wir sind geboren im falschen Jahrzehnt. Und wir sitzen am Feuer, hören zu was die Alten erzählen“. Stimmungsbild im Deutschland des 21. Jahrhunderts: Zwischen Jugendwahn und Altersmüdigkeit.

Leidet der deutsche Revolutionär an Protestblockaden? Mitnichten. Ob Castor oder Asse. Fluglärm oder Rappaport. Ein Überangebot an Bürgerrechten schreit nach Durchsetzung. Mit den Worten unseres ehemaligen Außenministers, Joschka Fischer, gesprochen: „Wenn man Tag und Nacht und sieben Tage in der Woche hinter der Revolution her ackert, da weiß man nach sieben Jahren nicht mehr, was Wahn und was Wirklichkeit ist.“ Ein zunehmend großer Teil unserer Bevölkerung hat diesen Zustand ganz offensichtlich erreicht. Man ist dagegen. Grundsätzlich. Gegen alles. Also wird protestiert, mitgelaufen und mitgesessen bis die Schwarte kracht. Im Zweifel bis zum Burn-out.

Relevante Ziele scheinen jedoch aus dem Blickfeld zu geraten. Dafür ist permanenter Widerstand zu sehr in der Wärmestube der bürgerlichen Mitte angekommen. Hier wird verdrießlich an Biorettich und Vollkornkeks geknabbert bis es im Hals stecken bleibt. Glücklich macht das nicht. Und so muss die Wohlstandsrevolte als Therapiemittel gegen Alltagslangeweile herhalten. Eine Protestkultur, „die aufflammt, wenn es um die eigenen Befindlichkeiten geht.

Spätestens seit der friedlichen Wende von 1989 ist unsere Gesellschaft in ein revolutionäres Loch gefallen. Von dort beklagt der Wutbürger das Abhandengekommene, bejammert Phantomschmerzen und tut so als ob. Als ob es nichts Sinnvolleres zu tun gäbe. In Ermanglung desselben  lässt man Clubs entmieten und sympathisiert mit Juchtenkäfern. Beansprucht Mehrheiten, wo keine sind und okkupiert anderer Leute Grund und Boden, weil der eigene Vorgarten mit Besitzständen vollgemüllt ist. Das ist tatsächlich unsäglich albern.

Doch zurück zum Berliner Theater. Am Boxi-Kiosk ist jetzt die Hölle los. Menschen sämtlicher Schichten haben eines gemeinsam. Durst. Sie drängeln und schubsen für einen Platz am Regal. „Stellt euch doch bitte hintereinander an“, fleht der Inhaber. Die Menge murrt und begehrt auf: „Nieder mit dem Establishment!“. Weiter hinten ergänzt ein Sympathisant: „Finger weg von unserem Kiez!“ Für Minuten geht es weder rein noch raus. Die Bewegung steckt fest. Während die Sonne ihren gewohnten Lauf nimmt und hinter den Häusern verschwindet.

Rund um den Wismarplatz entzünden vermummte Ordnungshüter Strahler. Schwarze Silhouetten geistern durch gleißendes Licht. Die handelnden Akteure sind nur noch mit Mühe zu unterscheiden. Leere Flaschen segeln durchs Gehege. Polizisten gruppieren sich, blinzeln grimmig und leicht schwitzend unter den Helmen hervor. Die protestantische Bühnenmusik dringt immer lauter in die Körper. Aggression folgt Vibration. Kapuzen werden aufgesetzt. Schnürsenkel festgezogen. Medien schalten Kameras an. Gespenstig schön das Ambiente. Schaurige Spannung überall. Ursula verkrallt sich im Gatten, schnell ein zünftiger Schluck. Bad Schwalbach ist vergessen. Alles wartet auf die große Schlacht.

Unvereinbar stehen sich nun Punks und Polizisten gegenüber. „Kriegt ihr überhaupt noch einen hoch?“, schreit Sid jene Männer an, die noch vor wenigen Stunden den Friedensbecher reichten. Pyromanen spielen mit dem Feuer. Rauch liegt in der Luft. Ein antikapitalistischer Scheiterhaufen lodert auf. Walpurgis zum Gruß. Menschengruppen wabern drum herum. Eine Rakete verirrt sich im Geäst. Zeter und Mordio. “A! Anti! Antikapitalista!“, skandieren zahnlos ein paar Helden, die Fotografenmeute im Gepäck. Gierige Flashlights frieren die Kampfszenen ein. Spuk unterm Riesenrad. Der touristische Rest johlt verzückt und verschickt Eindrücke per SMS in alle Landesteile.

Um Mitternacht ist plötzlich alles vorbei. Moderner Klassenkampf beugt sich der Demonstrationsordnung. Auf Bitten staatlicher Lautsprecher schlendert die Masse brav auseinander. „Na, hat doch gar nicht wehgetan, oder?“ Sid Hildesheim schlägt einem Widersacher freundschaftlich auf die Schulter. Wie beim Schützenfest. Pack schlägt sich, Pack verträgt sich. Später beim Jägermeister in den umliegenden Kneipen. Die Arena bleibt verlassen zurück.

Man könnte nun fragen: Wer oder was in Deutschland ist überhaupt revolutionär? Martin Walser würde vielleicht antworten: „Luthers Reformation war unsere einzige wirkliche Revolution.“ Bestimmt nicht die Antikapitalismusdebatte, mag Joachim Gauck ergänzen, wäre er nicht Bundespräsident. Beides ist Ansichtssache. „Eine Revolution ist kein Gastmahl, kein Aufsatzschreiben, kein Bildermalen, kein Deckchensticken“, soll Mao Tse-Tung einst resümiert haben. Fest steht, dass sich in unserem Land die Revolution selbst verdaut. Sie ist ganz offensichtlich zu einem Freizeitspektakel für Jung und Alt verkommen, einem Happening unter jeweils Gleichgesinnten, auf dessen Spielfeld die Ordnungsmacht bitteschön als Projektionsfläche für jedwede Befindlichkeit herzuhalten hat. Von Sicherheit und Schutz über Hass und Provokation. „Polizisten aller Länder vereinigt euch!“, möchte man schreien, nur um die eigene Leere zu füllen. Stell dir vor, es ist Revolution und jeder will hin. Stell dir vor, Waldorf und Statler gähnen über den immer gleichen Zirkus.

Denn was bleibt von Ritualen? Nichts, außer der Vorfreude aufs nächste Mal. Auf Brot und Spiele. Ein Volk will unterhalten werden – auch in diesem Jahr.

Über Sarah Paulus

Ich bin freie Autorin mit Fokus auf Reportagen und aktuelle Themen rund um Reise, Politik, Menschen und Kultur. Meine Artikel und Reportagen wurden u.a. in der FAZ, der Süddeutschen Zeitung, der Morgenpost, dem Tagesspiegel, der Welt/Welt am Sonntag, bei Spiegel Online sowie in diversen Magazinen veröffentlicht. Sarah Paulus
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