Tansania (Teil 5): Zirkus Liemba – eine Jahrhundertvorstellung

„Lieber ein Onkel, der etwas mitbringt, als eine Tante, die Klavier spielt.“ So sei das in seiner Kindheit gewesen, sagt Hartwig Fischer, Präsident der Deutschen Afrikastiftung e.V. Hier in der kühlen Moderne des Jakob-Kaiser-Hauses in Berlin, wo sich etwa 50 Gäste zu einem parlamentarischen Abend versammelt haben, um ein Stück deutsche Vergangenheit in die Zukunft zu retten. Getreu seinem Kindheitsmuster hat der Präsident einiges mitgebracht. Brezeln und Bier. Und ein Schreiben, aus dem er sogleich zitiert: „HeidelbergCement ist bereit, sich mit einem Betrag zwischen 500.000 und 2,5 Mio. EUR an einem privaten Fonds zur Modernisierung der Liemba zu beteiligen.“ Breiter Applaus, während das Schreiben an den Botschafter Tansanias, Seine Exzellenz Ahmada Ngemera, übergeben wird, der im hinteren Teil des Raumes Platz genommen hat.

Ein tansanisches Schiff auf politischer Bühne? Wie das und warum?

Weil die Liemba nicht irgendein Schiff ist und ihre Geschichte im emsländischen Papenburg beginnt, wo die Joseph L. Meyer Werft Anfang 1913 im Auftrag der Ostafrikanischen Eisenbahngesellschaft ein Dampfschiff baut, das sich auseinander nehmen und andernorts wieder zusammen fügen lässt. Zehn Monate später steht das vormontierte Schiff auf der Helling. Nun wird es in Einzelteile zerlegt und in die Kolonie Deutsch-Ostafrika transportiert. Im Zug nach Hamburg, mit vier Überseedampfern nach Dar es Salaam, über die Mittellandbahn nach Kigoma am Tanganjikasee. Dort soll die „Goetzen“ der Schutztruppe als Transportschiff dienen. Ihre Tage sind jedoch gezählt, weil der Zusammenbau über ein Jahr dauert und die Gesamtkosten von 750.000 Mark buchstäblich versenkt werden müssen, als die deutschen Stellungen in Kigoma nicht mehr zu halten sind. Dampfmaschinen einfetten, heißt es damals, wichtige technische Bauteile entfernen und verstecken, den Schiffsrumpf mit Zement beladen. Im Juni 1916 versinkt die Goetzen in der trüben Mündung des Malagarasi-Flusses. Nach insgesamt acht Jahren unter Wasser, nach einem Hebungsfehler der Belgier und zwei Jahren Bergungsarbeit durch Spezialisten der Royal Navy taucht die Goetzen am 16.03.1924 wieder auf. Zur Überraschung aller in erstaunlich gutem Zustand.

Noch heute, fast 100 Jahre später pendelt die 1927 umbenannte M.V. Liemba zwischen ihrem Heimathafen Kigoma und Mpulungu in Sambia. Unterwegs fährt sie 16 Haltestellen an und ankert in 500m Entfernung vom Ufer. Sobald das Schiffshorn ertönt, stürmen bunte Holzkähne auf die  Schiffsluke zu. Menschen und Waren werden in abenteuerlichen Manövern von innen nach außen balanciert und umgekehrt. Strohsäcke, Stoffbeutel, Rollkoffer, Hühner und Fische, sogar Maschendrahtzaun, Holzkohle und Möbel. Männer und Frauen sowie viele Kleinkinder, die in bunten Tüchern auf dem Rücken ihrer Mütter hin und her beuteln und das muntere Treiben mit großen Kulleraugen bestaunen. Akrobatik auf höchstem Niveau. Wer es an Bord geschafft hat, schaut vom Zwischendeck zu. Kameras knipsen was die Speicherkarten hergeben. Zirkus Liemba.

Doch der Zahn der Zeit nagt und die betagte Dame braucht dringend eine Generalüberholung. Dafür setzen sich das Land Niedersachsen, das Auswärtige Amt, die Meyer-Werft sowie das Bundespräsidialamt seit einiger Zeit ein. Deswegen haben sich an diesem Februarabend auf Einladung der Deutschen Afrikastiftung Vertreter aus Politik und Wirtschaft sowie privaten Initiativen zu einem parlamentarischen Abend eingefunden. Welcher Weg führt zum Ziel? Das ist die Frage, deren Beantwortung Heinz Davidson, Leiter der Abteilung Internationales bei der niedersächsischen Staatskanzlei mit einem Rückblick einleitet: „Für Niedersachen erfolgte die Weichenstellung zum Engagement durch den damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler.“ Partnerschaft mit Afrika, hieß die Initiative. Nicht nur reden, sondern auch machen, hieß es sogleich bei den Niedersachsen. Im Fahrwasser der einstigen Verbindung Papenburg-Kigoma reisten Vertreter von Meyer Werft und Staatskanzlei 2010 und 2011 nach Tansania, um das Projekt Liemba in Augenschein zu nehmen. Auch das Auswärtige Amt wird involviert und das Entwicklungsministerium. Viele Köche, deren Auftritt mit Streit ums Eingemachte beginnt. Denn ein vom Entwicklungsministerium bei der KfW beauftragtes Gutachten würdigt zwar die Bedeutung der Binnenschaffahrt für die Anrainer am See, nicht jedoch die Liemba, die „eine Kandidatin für das Schiffsmuseum sei“. Wenn überhaupt, müsse die Sanierung Sicherheitsstandards berücksichtigen, die für neue Schiffe auf hoher See gelten. Ferner sehen die vom Entwicklungsministerium definierten Eckdaten der Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Tansania keine Infrastrukturmaßnahmen vor. Ein Ende mit Schrecken? Davidson macht eine Kunstpause. Einige Anwesende gucken betrübt.

Insbesondere jene, die selbst an Bord des Schiffes waren und vom Virus Liemba infiziert wurden. Nicht mehr los lässt sie die Erinnerung an jene Tage an Bord und die Gespräche mit Kapitän Titus Benjamin Mnyanyi. „200t Fracht finden Platz an Bord, dazu 600 Passagiere“, erzählt er seinen Gästen beim Captain’s Lunch im Bordrestaurant, während in der Kombüse Fleischberge und Kessel voller Reis zwischen Frühstücksresten und Knochenhaufen vor sich hin dampfen. Bestellungen werden im Akkord abgearbeitet. Huhn, Fisch oder Rind. Dazu Reis, Chips oder Ugali landen vor den hungrigen Mäulern, die sich um Holztische mit Blümchendecken drängen. Unerschwinglich für die meisten Fahrgäste, die sich lediglich ein Ticket der 3. Klasse leisten, tief im Rumpf des Schiffes, zwischen gackernden Hühnern und trockenen Fischen. Wo die Schiffsmotoren stampfen. Stunde um Stunde. Besser ist es im Zwischendeck, wenngleich auch hier stickige Luft und tierische Mitbewohner das Wohlbefinden beeinträchtigen. Komfortabel residiert die 1. Klasse. Auf luftigen 5 qm, umgeben von schlichter Funktionalität und dem Charme einer Jugendherberge vor 30 Jahren. Ein Luxusschiff ist die Liemba nicht. Und dennoch – wer mit ihr gereist ist, will, dass sie erhalten bleibt. Ohne Designerinterieur und Gourmetküche. Schon komisch, oder?

„Immer weniger Menschen können sich ein Ticket leisten. Der Dieselverbrauch ist hoch. Man müsste die Preise erhöhen. Stattdessen fahren wir nur noch im Zwei-Wochen-Rhythmus“, sagt der Kapitän und berichtet dann von seinem Besuch am Bodensee, in Berlin und Papenburg gemeinsam mit drei Vertretern der Betreibergesellschaft Marine Service Company Limited. 2009 sei das gewesen. Auf Einladung des in Konstanz lebenden Historikers Michael Berg und der Aachener Franz und Elisabeth Hiss, die sich mit ihrer Initiative „Run Liemba“ für den Erhalt des Schiffes einsetzen.

Sowohl der Konstanzer als auch die Aachener nutzen die Bühne des parlamentarischen Abends, um in Wort und Bild für Ihr Anliegen zu werben und den anwesenden Gästen ihre persönliche Motivation darzulegen. Während das Ehepaar Hiss vier Jahre als Entwicklungshelfer in Kigoma tätig ist, wird Berg eher zufällig durch eine NDR-Reportage auf die Liemba aufmerksam und geht 2008 an Bord. Alle drei erkennen die Bedeutung des Schiffes. Als lokales Verkehrsmittel, das mangels befahrbarer Straßen für viele Anrainer unabdingbar ist. Aber auch als technisch-geschichtliches Kulturgut. Ein Museum jedoch soll die betagte Dame nicht werden und erst recht kein Luxusdampfer für betuchte Touristen. Vielmehr soll die Liemba vor Ort saniert werden und danach weiterhin an den Ufern des Sees ihren Dienst tun, für Einheimische und Fremde gleichermaßen. Finanziert mit deutschen Steuergeldern oder mit Hilfe eines Public Private Partnerships, wofür Franz Hiss in seiner Rede wirbt, um die Untiefen der gutachterlichen Sanierungskriterien zu umschiffen.

Einer, der dem parlamentarischen Stelldichein fern bleibt, ist Hermann Josef Averdung, Vorsitzender des Papenburger Wirtschafts- und Tourismusausschusses. Auch ihm liegt die Liemba am Herzen. Gern erzählt er vom Großvater, der 50 Jahre in der Meyer-Werft arbeitete und von der Geschichte des Schiffes, die ihn seit Jahren fasziniert. Unbedingt erhalten will er es, am liebsten zurückholen an den Ort seiner Taufe, als Touristenattraktion im hiesigen Museumshafen. Der von ihm gegründete Förderverein Graf Götzen Rückholung e.V. soll das auf rund 3,5 Mio. EUR geschätzte Vorhaben umsetzen, finanziert von privaten Sponsoren. Bei 300.000 Besuchern, die Papenburg jedes Jahr anziehe und 5 EUR Eintritt sei das realistisch, meint Averdung.

Zurück nach Berlin, zurück zum politischen Tauziehen. Um dabei nicht ausversehen auf Grund zu laufen, hat die niedersächsische Staatskanzlei das Bundeskanzleramt und das Verkehrsministerium involviert, immerhin zuständig für Binnenschifffahrt, berichtet Heinz Davidson und fasst die Ergebnisse der Konsultationen zusammen: „Es gibt keine zwingende Veranlassung für Schiffe auf dem Tanganjikasee die gleichen Anforderungen zu stellen wie für die hohe See. Es macht keinen Sinn, für 100 Jahre alte Schiffe die gleiche Sicherheitstechnik zu verlangen wie für neue. Das geschieht auch in Deutschland nicht“. Ferner habe die Meyer Werft zur Versachlichung beigetragen und ein Sanierungskonzept erarbeitet, dass der Gutachter nun auch aus sicherheitsrechtlichen Aspekten begrüße.

Damit hat Jochen Zerrahn das Wort. Seit seiner Pensionierung 2005 steht er der Meyer Werft für besondere Aufgaben zur Verfügung. Ein halbes Jahrhundert war er mit dem Unternehmen verheiratet, zuletzt als Mitglied der Geschäftsleitung, zuständig für Produktion, Logistik und Personal. Die Liemba ist eine besondere Aufgabe. Den Zustand der Patientin hat Zerrahn persönlich begutachtet. Die Stabilität des Schiffes und ihre kompetente Besatzung erwähnt er lobend. Eine Sanierung hält er für machbar. Im Hafen von Kigoma gebe es sogar eine Slipanlage um die Reparatur zu bewerkstelligen. Viel Arbeit zwar aber das sei nun mal so bei alten Damen. Da müsse hin und wieder nachgearbeitet werden. Etwa 6-8 Mio. EUR veranschlagt die Meyer Werft. Für die Generalüberholung von Maschinen- und Sicherheitsanlagen sowie für die Modernisierung von Kabinen und Bordrestaurant.

Auch Averdung, den einige gern als Provinzpolitiker und verträumten Nationalisten betiteln, weiß um die Bedeutung des Schiffes, erst recht um die Schaffung einer Alternative. Dennoch hält er dagegen. Wer soll die Sanierung vor Ort durchführen? Und vor allem wie, bei stundenweiser Stromversorgung. Unrealistisch sei das. „Rausgeschmissenes Geld“, sagt Averdung, sobald er gefragt wird und setzt noch einen drauf. „Wenn die Liemba in Kigoma bleibt, ist sie dem Verfall preisgegeben.“ Klare Worte, am Rande des Politisch-Unkorrekten? Tatsächlich kranken afrikanische Projekte am Thema Wartung. Auch die chinesischen Sponsoren der tansanisch-sambischen TAZARA Bahn müssen sieben Jahre nach Inbetriebnahme ihre Experten zurück ins Land schicken. Zuvor war die Strecke aufgrund fehlender Wartung wochenlang außer Betrieb. In Kisuaheli gibt es kein Wort für Wartung. Nomen est omen, möchte man unken.

Davon hält Michael Berg nichts. Die Instandsetzung der Liemba sei aufgrund der gemeinsamen deutsch-afrikanischen Geschichte ein einzigartiges Projekt. „Wenn dieses Projekt richtig durchgeführt und auch zukünftig engagiert betreut wird, kann man durchaus von einem Aushängeschild für die deutsche Entwicklungshilfe sprechen.“ Laut Berg habe das auch die Politik erkannt.

So weit so klar, ließe sich das monatelange Gerangel zusammenfassen. Wenn da nicht eine offene Flanke wäre. Weder ist die Liemba ein deutsches Schiff, noch verkehrt sie auf deutschem Boden. Das heißt, am Zug sind die MSCL Marine Service Company, als deren Betreiber und die tansanische Regierung. Zwar gibt es mittlerweile ein offizielles Hilfegesuch, Fragen nach der gewünschten Gestaltung der Fracht- und Passagierbereiche bleiben jedoch unbeantwortet. „Die MSCL muss endlich sagen, was sie will“, fordert Jochen Zerrahn ungeduldig und auch Heinz Davidson ist noch nicht restlos glücklich. Um den hiesigen Entwicklungshilfekriterien gerecht zu werden, wirbt er für den Einsatz deutscher Budgethilfe. Das bedeutet, die eingesetzten Mittel müssen nicht zweckbestimmt sein. Wenn, ja wenn die tansanische Regierung nur endlich zustimmen würde. Die jedoch hält sich bedeckt und rechnet derweil mit spitzem Bleistift. Denn die deutsche Budgethilfe ist kein Fass ohne Boden. Die jährlichen Zuwendungen an den tansanischen Haushalt sind begrenzt und, wie man sich vorstellen kann, auf Jahre hinaus verplant. Ohne die Liemba.

Ergo? Ein Schrecken ohne Ende? Im Jakob-Kaiser-Haus ist davon keine Rede. Aufgeräumt verlassen die Gäste den parlamentarischen Abend. Nicht zuletzt in guter Hoffnung auf eine geplante Reise des Bundespräsidenten nach Sambia, Burkina Faso und Tansania. In Fortsetzung des Köhlerschen Afrika-Engagements. Nun allerdings muss das Steuer übergeben werden. Erneut. „Hakuna matata“, würde man auf kisuaheli sagen. Und hierzulande: „Aller guten Dinge sind drei“.

Über Sarah Paulus

Ich bin freie Autorin mit Fokus auf Reportagen und aktuelle Themen rund um Reise, Politik, Menschen und Kultur. Meine Artikel und Reportagen wurden u.a. in der FAZ, der Süddeutschen Zeitung, der Morgenpost, dem Tagesspiegel, der Welt/Welt am Sonntag, bei Spiegel Online sowie in diversen Magazinen veröffentlicht. Sarah Paulus
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