Tansania (Teil 1): Eroberung einer Hundertjährigen

Vor etwa einem Jahr im August. Ein lauschiger Sommerabend. Ich sitze auf dem Balkon und lese: Von der Meyer-Werft im Jahre 1913. Von einer Fabriksirene, die zur Schiffstaufe ruft.  Von einem Schiff, dass zwar in Papenburg gebaut, hier aber nicht zu Wasser gelassen wird. Von drei Werftarbeitern, dem Schiffbaumeister Anton Rüter, dem Handwerker Hermann Wendt, und dem Nieter, Rudolf Tellmann, deren Aufgabe es sein wird, das in Einzelteile zerlegte und in fünftausend Holzkisten verpackte Schiff auf seinem Weg nach Deutsch-Ostafrika, am Tanganyikasee, zu begleiten und dort wieder zusammen zu setzen. Die Rede ist von der „Graf Götzen“, deren Geschichte Alex Capus unter dem Titel „Eine Frage der Zeit“ in einen Roman verwandelte, und die heute als „MV Liemba“ entlang der Ostküste des Tanganyikasees zwischen Kigoma in Tansania und Mpulungu in Sambia pendelt. Als Transportmittel für Einheimische und Touristen mit fast hundertjähriger Geschichte. Schon auf den letzten Seiten meiner Lektüre steht die Entscheidung fest. Im Licht der untergehenden Sonne schwöre ich feierlich, diesen Dinosaurier einmal persönlich zu streicheln

Zeit für eine Reise durch Tansania. Nicht, um teure Luxus-Safaris und Zootiere von Steiff zu erleben, sondern um irgendwann Kigoma zu erreichen. Kigoma, am nördlichen Ende des Tanganjikasees. Der Ort, wo Rüter, Wendt und Tellmann von 1914 an mehr als ein Jahr lang 800 Tonnen Einzelteile zu einem 67m langen und 10m breiten Dampfschiff fügten. Wo einst, im wenige Kilometer südlich gelegenen Vorort Ujiji, der amerikanische Journalist, Henry Morton Stanley, den berühmten Verschollenen 1871 unter einem Mangobaum sitzend mit den Worten begrüßte: „Dr. Livingstone, I presume.“

Vorfreude und Reisefieber wetteifern. Ambitionierte Reisepläne geistern durch den Kopf. Mit hinreichender Afrikaerfahrung sollte die Umsetzung kein Problem sein. Auch nicht mit Bussen und Bahnen vor Ort. Lokale Details wie Fahrpläne, Buchungen und Tickets erfragt man bei einheimischen Reisebüros. Das hat in Madagaskar funktioniert, warum also nicht in Tansania. So die Annahme.

In Folge dreht sich alles um den Fahrplan der Liemba: Abfahrt Kigoma immer mittwochs, Ankunft Mpulungu freitags, zurück freitags und Ankunft Kigoma zwei Tage später. Start- und Zielhafen lassen sich per Zug erreichen. Mit Central-Line von Dar es Salaam nach Kigoma oder nach Kasame in Sambia mit Tazara-Line und weiter mit dem Bus nach Mpulungu. So die Theorie. Aber stimmt das auch? Und wann fahren die Züge, wann Busse, wie bucht man Tickets? Ich schreibe drei Reisbüros an. Eines davon antwortet. Anfänglich euphorisch. Danach nimmermehr. Also weiter: Die MV Liemba wird von der tansanischen Marine Service Company betrieben. Zwei Stunden Untergrundrecherche später finde ich die Website nebst Email-Adresse. Große Freude und schnell die Email getippt: „Dear Sir or Madam, we are two people from Germany and would like…” Niemand antwortet. Central und Tazara Line haben auch eine Website. Die von Tazara funktioniert sogar. Fahrpläne, Preise – wunderbar. Tickets sollte man 1-2 Wochen vor Abreise kaufen. Bloß wie, wenn man am Vorabend einreist? Fragen kostet nichts, schon gar nicht per Mail. Antworten offensichtlich schon. Niemand meldet sich. Ein Hotel in Dar es Salaam antwortet immerhin. Wenn auch mit Unwissenheit: Keine Ahnung, wie das mit den Zügen funktioniert.

Aus Reisefieber wird Frust und die Routenplanerin steht kurz vor hysterischen Ohnmachtsanfällen. Der mitreisende Fotograf sieht‘s derweil gelassen. Wird schon. Afrika halt. Am Ende geht dann doch alles. Irgendwie. Von wegen irgendwie! Damals Madagaskar. Das war viel einfacher. Und jetzt? Nicht den Hauch eines Plans haben wir. Und überhaupt: Safari. Immer wieder Safari. Jeder will Safaris verkaufen. Fly-in und fly-out. Ich kann es nicht mehr hören. Gibt es in diesem Land nichts anderes als Safaris? Offensichtlich kaum. Wer keine Safari kaufen will, bekommt keine Antworten. Tansania ist Safari-Land. Dabei wären wir nicht einmal abgeneigt. Im Mahale Mountain Reservat beispielsweise, am Ufer des Tanganyikasess gelegen. Dort gibt es zwei Camps. Preise ab 400 USD pro Person und Tag! Nee doch, das tut weh. Ich will nicht mehr und studiere verzweifelt die Storno-Bedingungen bei Swiss-Air. Auch die machen nicht reicher. Lediglich an Erfahrung.

Also recherchiere ich weiter und treffe auf Chris. Chris ist südafrikanischer Abstammung und betreibt die Lake Shore Lodge in Kipili direkt am Ufer des Sees. Und er beantwortet Emails. Meinen Routenplan findet er toll, allerdings würde das Schiff nur noch alle zwei Wochen fahren. Spätestens jetzt werde ich wirklich ohnmächtig. Der Fotograf lacht. Soll er doch. Ich will auf dieses verdammte Schiff und finde Leidensgenossen im Lonely Planet Blog:

“I have been seeking up to date information about the trains to and from Kigoma and Dar es Salaam as well as information on the MV Liemba to and from Kigoma and Mpulungu (Zambia). What a job!”

“Sailing every two weeks is such a pain as one has to find out which week is which, and whether the schedule has gone out of kilter because of a problem. Arriving at the port in the wrong week would not be too amusing!

“It is so frustrating to get replies from people who talk of what was the case years ago. Up to date accurate information is what I want…or better still, where to get it.”

Jetzt also erst recht. Ich bastele einen neuen Routenplan, der Chris’ volle Zustimmung findet. So müsste es gehen. Aller Voraussicht nach und unter der Bedingung, dass wir die Strecke Mbeya – Kipili an einem Tag schaffen. Rund 470km. Über solche Entfernungen lächelt man in Deutschland müde. In Tansania eher angestrengt. Chris ist zuversichtlich. Er könne auch ein Auto mit Chauffeur anbieten. Für 630 USD! Die Suche nach Alternativen drängt sich gerade zu auf. Ein Tourist Information Centre in Mbeya mit Email Adresse ist schnell aufgetan. Mittlerweile Routine. Nach vier Tagen eine Antwort. Es habe Stromausfälle gegeben. Verständlich. Bei Stromausfall würde ich auch andere Prioritäten setzen. Abgesehen davon ist der Informationsgehalt der Antwort eher bescheiden. Man würde meine Fragen an Felix weiter leiten, der sich allerdings auf einer Bergtour befände. In wenigen Tagen sei er zurück.

Der berühmte Felix antwortet nicht. Nach einer Woche hake ich nach. Freundlich. Selbstverständlich.

Und Felix schreibt eine lange Mail in nahezu perfektem Englisch. Ich bin begeistert. Allerdings nicht vom Inhalt: Von Mbeya nach Kipili könne man per Bus nicht an einem Tag reisen. Zwischendurch, in Sumbawanga, sei Umsteigen angesagt. Anschlussbusse Fehlanzeige. Nicht am gleichen Tag.

Ich beschließe, dem Problem mit Ignoranz zu begegnen und wende mich anderen Themen zu. Zum Beispiel Kigoma. Wo kann man übernachten? Das Lake Tanganyika Hotel bietet sich an. Nahe der Stadt, am Ufer des Sees. Der Internetauftritt wirkt professionell. Also tippe ich los: „Dear Sir or Madam, we are two people from Germany and would like…” Und? Klar doch. Keine Antwort. Mittlerweile habe ich drei Mails geschrieben. Keine Antwort. Mittlerweile könnte man mich nachts wecken und ich würde als erstes sagen: „Dear Sir or Madam, we are two people from Germany and would like…” Auf der Internetseite des Hotels steht übrigens: „…please contact us and we would be more than happy talk to you about our great rates.”

Schluss des Vorhergehenden und ein Resumé:

In den vergangenen Wochen habe ich 25 Adressen in Tansania angeschrieben: Hotels, lokale Reiseveranstalter, Betreiber von Zug- und Bahnlinien. Gar nicht geantwortet haben acht. Wenig hilfreich bis nutzlos waren die Antworten von sechs. Aber ich habe jetzt einen Plan. Mit dem Zug von Dar nach Mbeya. Nach Kipili womit auch immer. Mit der Liemba von Kipili nach Kigoma. Durchatmen und weiter sehen. Vielleicht nach Bukoba am Victoriasee. Oder ins Selous Naturreservat. In jedem Fall nach Sansibar.

In Kürze fliegt uns Swiss Air nach Dar. Bis dahin werde noch ein paar Mails schreiben: An das kontaktfreudige Hotel am Tananyikasee. Die Betreibergesellschaft der Liemba und die Eisenbahngesellschaft. Nur so aus Spaß. Ob jemand antwortet? Wahrscheinlich nicht. Aber das wird schon. Afrika halt. Am Ende geht dann doch alles. Irgendwie. Und irgendwann an Bord der Liemba werde ich sagen: Dear Sir or Madam, we are two people from Germany and would like… to have two bottles of beer because we finally made it…”

PS: Kurz vor Abreise Eingang einer Mail von Felix, den ich gebeten hatte, sich nach einem Auto mit Chauffeur umzusehen, um von Mbeya über Sumbawanga nach Kipili zu kommen. Felix fragt zurück, … ob ich zufälligerweise wüsste, wie viele Kilometer es von Sumbawanga nach Kipili sind…

PS: Weitere Informationen, Daten und Fakten zur Liemba siehe: Tansania (Teil 2): Daten zur MV Liemba, früher SMS Graf GOETZEN.

Über Sarah Paulus

Ich bin freie Autorin mit Fokus auf Reportagen und aktuelle Themen rund um Reise, Politik, Menschen und Kultur. Meine Artikel und Reportagen wurden u.a. in der FAZ, der Süddeutschen Zeitung, der Morgenpost, dem Tagesspiegel, der Welt/Welt am Sonntag, bei Spiegel Online sowie in diversen Magazinen veröffentlicht. Sarah Paulus
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