Jordanien (Teil 5): Wadi Feynan – Welcome to the Moon

Es war einmal vor tausenden Jahren, da lebte ein König. Seine Untertanen nannten ihn Feynan, was in jener Zeit „langes schwarzes Haar“ bedeutete und dem Aussehen des Königs entsprach. Feynan trieb regen Handel mit dem benachbarten Königreich Kurnub, wo Obst, Gemüse und Kupfer gegen kostbare Seide eingetauscht wurden. Doch König Feynan hatte einen merkwürdigen Sinn für Humor. So ließ er eines Tages Melonen, die als Geschenk für den Kurnubschen König gedacht waren, aushöhlen und mit Exkrementen füllen. Natürlich empfand der auf diese Weise Beschenkte keinerlei Freude darüber und rüstete beleidigt zum Krieg.

Da aber ein Heer in der offenen Weite der Feynanschen Ebenen schnell entdeckt worden wäre, ließ er seine Krieger in großen Truhen verstecken, welche sonst nur für feinste Seide genutzt wurden. Nun war Feynans Tochter Farah mit Adleraugen gesegnet, konnte weit in die Ferne blicken und erspähte alsbald die Karawane. Sie gewahrte obendrein, dass die Kamele ungewöhnlich tief in den weichen Sand der Dünen einsanken und warnte vorsorglich den Vater. Dieser jedoch winkte arglos ab. Kurze Zeit später wurde sein Reich überrannt. König Feynan und Tochter verloren ihr Leben.

„Noch heute sprechen Beduinen von einem Kurnub-Geschenk, wenn sie ein falsches Geschenk erhalten“, schließt Ali seine Geschichte. Der junge Beduine arbeitet in der Feynan Lodge. Seine Familie lebt nur wenige Meter entfernt in traditionellen Ziegenhaarzelten. Ohne Strom, Fernseher und Facebook.

Während in der kleinen Moschee unten im Tal das Licht angeht, köchelt Schwarzer Tee auf der Feuerstelle, gewürzt mit Thymian und Salbei. Die Gäste der Lodge kommen aus England, Deutschland und der Schweiz. Sie haben sich zum allabendlichen Sunset-Hike auf einem Bergkamm zusammengefunden, lauschen andächtig Alis Geschichten und blicken versonnenen auf den untergehenden Feuerball, der die östliche Bergkette in rosa-rotes bis smaragd-grünes Licht eintaucht.

Das heutige Feynan befindet sich nördlich von Petra, am westlichen Ende des jordanischen Dana Biosphärenreservats in einem Irrgarten kleiner und großer Wadis. Diese ausgetrockneten Flussläufe liegen zwischen Gebirgszügen, die bis zu 1.500m hoch hinauf ragen können, und beheimaten etwa 800 verschiedene Pflanzen- sowie 450 Tierarten.

Die Feynan Lodge wurde 2005 errichtet, gehört der Royal Society for the Conservation of Nature (RSCN) und versteht sich als Aushängeschild ökologischer Hotellerie. Ausschließlich Beduinen der Region sind hier beschäftigt, auf dem Tisch des Hauses landen nur Produkte, die in der Gegend hergestellt oder geerntet wurden. Der umweltbewusste Westeuropäer realisiert aber erst nach einer Weile die vollen Konsequenzen beduinischer Ökologie: Quellwasser wird gefiltert und den Gästen in Tonkrügen serviert, täglich frisch auf jedes Zimmer. Ein kostenloser Service, versteht sich. Dafür aber keine Vertreter westlichen Wohlstandes wie Cola-Dosen, Alkohol oder Wasser in Plastikflaschen. Energie wird via Solarthermie und Photovoltaik gewonnen. Das Angebot bestimmt den Verbrauch, sparsamer Umgang mit den Ressourcen ist angesagt. Die Zimmer werden mit Kerzen illuminiert, gleiches gilt für die gesamte Lodge nach Einbruch der Dunkelheit. Lediglich im Badezimmer gibt es elektrisches Licht, moderne Kommunikationselektronik kann nur an der Rezeption aufgeladen werden.

„Mehr Menschen sollten unser Land besuchen“, sagt Ali gedankenverloren und bedauert die Zurückhaltung vieler Touristen seit Beginn des arabischen Frühlings. Er erzählt, dass Jordanien ein freies und tolerantes Land sei. Dass Menschen hier offen ihre Meinung sagen können. Weitestgehend. Dass es egal sei, ob jemand Christ oder Muslim sei. „No Problems?“, fragen die Gäste vorsichtig. „Nicht hier“, beruhigt Ali und ergänzt: „Gestern gab es wieder Tote in Syrien.” Auf die Frage, warum es in Jordanien keinen arabischen Frühling gäbe, erklärt er: “Wir sind zwar ein armes Land, haben aber nicht so viele Regeln und Einschränkungen wie in Syrien oder Ägypten. Und der König ist ganz in Ordnung.“ Ein Engländer fragt unvermittelt nach Saudi-Arabien. „Die sind zu reich.“, antwortet Ali. Kluger, kleiner Mann, denken die Zuhörer und schweigen nachdenklich.

Manche Gäste kommen zu Fuß nach Feynan. Etwa 4-5 Stunden läuft man vom an der Kings Road gelegenen Dana, einem kleinen Dörfchen, das wie ein Schwalbennest an einem Bergsattel klebt. Einige wenige Unterkunftsmöglichkeiten, wie auch das ebenfalls der RSCN gehörende Dana Guesthouse, schmiegen sich bescheiden in die grandiose Landschaft. Beschenkt von solch stimmungsvoller Kulisse lässt man sich entweder fallen oder begibt sich auf Wanderschaft in die benachbarte Schluchtenwelt von Rummana oder eben ins 16km südwestlich gelegene Feynan.

Wem das bei 40 Grad im Schatten zu anstrengend ist oder wer von Süden her nach Feynan reist, sollte lieber den PKW und die Passstraße von Petra oder die Dead Sea Road präferieren, eine endlos erscheinende Transferstrecke zwischen den nördlich gelegenen Salz- und Pottascheabbaustätten und dem südlichen Handelsstützpunkt Aqaba am Roten Meer. Zuerst erreicht man dann das Feynan Visitor Centre, rund 22km östlich der Ausfahrt der Dead Sea Road. Zur Lodge selbst geht es anschließend für weitere rund 8km per Allrad. Und so schaukelt der motorisiert Anreisende diese letzten off-road Kilometer mit einem in die Jahre gekommenen Pick-up durch die karstige Gebirgslandschaft, deren Einsamkeit nur unwesentlich von vereinzelten Beduinenzelten beeinträchtigt wird. Wie in einem Song der Eagles: “On a dark desert highway, cool wind in my hair, warm smell of colitas, rising up through the air”. Willkommen auf dem Mond.

Die ungewohnte Szenerie kann den Ankömmling durchaus verwirren. Eben noch auf dem Weg durch  flirrende Hitze und spärliche Natur, findet er sich plötzlich an einem kalten Getränk schlürfend im Empfangsbereich der Lodge wieder. Es schmeckt nach Birne, Zimt und einem Mix unbekannter Kräuter. Erneut melden sich die Eagles „My head grew heavy and my sight grew dim“. Während der Körper entspannt, versucht das Gehirn zu arbeiten. Nur verschwommen wird ein lächelnder Angestellter wahrgenommen, der eifrig über die Region referiert und sich am Ende für sein brüchiges Englisch entschuldigt. Er sei erst drei Monate hier und müsse noch viel lernen. Eine wirklich andere Welt.

Für den Weitgereisten beginnt der Tag mit einem Schauspiel. Noch weht ein kühler Windzug. Noch kämpfen Sonne und Schatten um die Vorherrschaft. Da erobern hunderte Ziegen das Gelände. Wie eine Horde Kleinkinder bolzen sie über das Anwesen, schieben Stühle beiseite, knabbern an Frühstücksresten und erklimmen schließlich den jeweiligen Lieblingsbaum. Die Mutigen balancieren kühn durchs Geäst, die Ungeschickten stürzen herunter, schütteln sich und versuchen es woanders erneut. Man sitzt beim Frühstück und folgt still dem Theater.

Ab und zu kommt auch Ali vorbei, erkundigt sich nach den bisherigen Reiseerlebnissen, was den Besucher ins Schwärmen geraten lässt. Über Amman, die weiße Stadt, und Petra, das Weltkulturerbe. Vom Wadi Rum, der Wüste und dem versalzenen Wunder Totes Meer. Von der Wasserwanderung im Wadi Mujib, von Kerak mit seiner Kreuzritterburg und Madaba, der Mosaikstadt. Doch auch Feynan ist noch längst nicht erkundet. Die Lodge bietet eine Reihe geführter Wanderungen an: Zu den alten Kupferminen, zu archäologischen Ausgrabungsstätten oder auch in die benachbarten Wadis.

Wir machen uns allein auf den Weg. Staubtrocken ist es in dieser Jahreszeit. Dennoch steht der Oleander in prächtiger Blüte. Ziegenherden wuseln über Stock und Stein. Zwei Dromedare käuen sich unbeaufsichtigt durch die Begrünung. Esel trotten versonnen durch die Nachmittagshitze. Unter einem knorrigen Baum sitzt ein einsamer Hirte. Eine Kanne Tee köchelt am Feuer und lädt zum Verweilen ein. Der Versuch einer Unterhaltung misslingt aufgrund beiderseits fehlender Sprachkenntnisse. Stattdessen friedvolles Schweigen vor lautloser Kulisse. Auch das kann schön sein. Und bis auf diese Begegnung kein Mensch weit und breit, selbst die vereinzelten Beduinenzelte künden nicht unbedingt vom Trubel großfamiliärer Betriebsamkeit. Siesta. Kein Wunder bei dieser Hitze.

Die Abende werden mit festlichen Buffets begangen. Vorsuppe, Salate und Nachspeise, Kaltes und Gesottenes – die beduinische Küche ist vielseitig und lässt sich vor der abendlichen Gebirgskulisse vorzüglich genießen. Fleischfans und Raucher seien dennoch gewarnt: Trotz der vielen Ziegen- und Schafherden gehört die ausschließlich vegetarische Kost hier ebenso zum ökologischen Gedanken wie auch die Tatsache, dass Rauchen lediglich auf der Dachterrasse erlaubt ist. Theoretisch. Denn wenn Cheffe nicht da ist, gibt es überall Aschenbecher. Und die Angestellten puffern fröhlich mit.

Zum finalen Tagesausklang wird auf die Dachterrasse geladen. Die Sonne ist seit einiger Zeit untergegangen und die blaue Stunde muss sich der Übermacht der Gestirne beugen. Die Gäste sitzen oder liegen auf weichen Matratzen. Plaudern entspannt oder lauschen dem Gemurmel der anderen, den Blick gen Firmament gerichtet, die Sternbilder der Kindheit suchend. Den Mond begrüßend, der soeben seine Aufwartung macht. Gedankenversunken. So schnell wird einen dieser Ort nicht los lassen. Beinahe wie in jenem Song: „You can check out any time you like, but you can never leave…“

Über Sarah Paulus

Ich bin freie Autorin mit Fokus auf Reportagen und aktuelle Themen rund um Reise, Politik, Menschen und Kultur. Meine Artikel und Reportagen wurden u.a. in der FAZ, der Süddeutschen Zeitung, der Morgenpost, dem Tagesspiegel, der Welt/Welt am Sonntag, bei Spiegel Online sowie in diversen Magazinen veröffentlicht. Sarah Paulus
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