Jordanien (Teil 4): The Dead Army is coming…

In der Biegung einer engen Felsschlucht zwischen riesigen Gesteinswänden. An die steilen Felswände gelehnt, den Blick ehrfürchtig nach oben gerichtet. Hin und wieder rieselt ein wenig Sand herab. Mehr nicht. Gott sei Dank. Es ist heiß. Die Mittagssonne hat jedes erdenkliche Fleckchen der engen Schlucht erobert. Viel Platz gibt es nicht. Mitten hindurch eilt das Wasser des Mujib, noch immer ganz aufgeregt von der letzten rauschenden Talfahrt gleich hinter der nächsten Biegung. Rolf verließ mich vor einer Stunde. Ich bin allein. Und denke an Clara.

Clara Gissler, die vor vielen Jahren der Leidenschaft ihres Mannes, August Gissler, folgte, um auf Cocos Island, der Mutter aller Schatzinseln, den Schatz von Lima, den Schatz aller Schätze zu finden. Weil der Proviant ausgegangen war, baute August ein Boot mit dem Ziel, die Küste Mittelamerikas zu erreichen. Seine Frau, die sich gerade den Arm gebrochen hatte, ließ er auf der einsamen Insel zurück und versprach, in spätestens sechs Wochen zurück zu sein. Aufgrund widriger Umstände kehrte er erst nach sechs Monaten zurück und fand seine Frau nicht nur bei bester Laune, sondern auch bester Gesundheit vor. Das war 1905.

Einhundertsechs Jahre später hocke ich nicht auf Claras einsamer Insel, sondern zivilisiert im jordanischen Wadi Mujib und sehe Rolf um die Ecke schlendern. Wichtig plaudernd mit einer Gruppe stämmiger Jungs. Kameras und Mikrofone im Anschlag. Was er wieder angestellt hat, ist mir vorerst egal. Hauptsache er ist zurück. Denn nun kann der Track endlich beginnen. Welcher Track? Tja, beginnen wir mit dem Anfang, das hat noch keiner Geschichte geschadet.

Am Anfang dieser Geschichte steht das Tote Meer. Hier logieren wir seit einigen Tagen. Nicht in einer der teuren und trotzdem, zumindest von außen, unansehnlichen Bettenburgen im Norden, sondern im Chalet Nr. 12 der Jordanischen Royal Society for the Conservation of Nature (RSCN) am südlichen Teil des Meeres. Spartanisch ist es, keine 10qm groß, mit gemeinschaftlich-sanitärem Vergnügen einige Schritte entfernt. Das RSCN propagiert eigentlich ein Konzept ökologischer Hotellerie, was den umweltbewusst Reisenden irritieren mag. Denn das winzige Chalet überzeugt neben überdachter Terrasse nebst Hängematte mit echten Stromfressern: einem alten, hart arbeitenden Kühlschrank sowie einer topmodernen Klimaanlage. Temperierte Nächte und kalte Biere beruhigen jedoch schnell das schlechte Gewissen. Am Toten Meer ist es wirklich heiß.

Und überhaupt ist das so eine Sache mit dem toten Gewässer. Etwa 400m unter dem Meeresspiegel liegt es, mit einer Tiefe von weiteren etwa 400m. Durch Verdunstung und drastische Reduzierung des Jordanzuflusses sinkt der Wasserspiegel jährlich um bis zu 1m. Entsprechend soll der Salzgehalt bei derzeit 33% liegen. Elemente wie Magnesium, Kalzium, Brom, Kalium und Schwefel runden den mineralischen Cocktail ab. Kaum zu glauben bis der eigene Körper in der lauwarmen Brühe mühelos schwebt und man kontemplativ vor sich hin dümpelt. Zudem entpuppt sich die Brühe als kristallklares Badewässerchen. Ölig fühlt es sich an. Hm, nein, eher sirupartig und weich, zugleich scharf schneidend in kleinsten Hautverletzungen. Bunte Steine, von dunkelrot bis schwarz, glänzen farbgewaltig im seichten Uferwasser.

Eine andere Sache mit dem Toten Meer ist die, dass es irgendwie nicht von dieser Welt zu sein scheint. Insbesondere am Nachmittag, wenn sich bei absoluter Windstille ein diesiger Schleier gen Westen ausbreitet. Die israelische Uferseite in eine diffuse Szenerie verwandelnd, während Richtung Osten die Moabberge ihr Antlitz gestochen scharf auf die spiegelglatten Wasseroberfläche projezieren. Steil fällt das Ufer gen Wasser. Dort, wo sich beide begegnen, entstand über Jahre eine Salzkruste. Ein dicker, ausgefranst weißer Pinselstrich entlang des Ufers. Soweit das Auge reicht. Fatamorgeske Unschärfe gen Osten. Messerscharfe Präzision Richtung Osten. Ein Bild, das man einfrieren möchte. Sei es im Kopf oder einem perfekten Foto.

So verbaumelt man bräsig die träge Stille der Nachmittage in der Hängematte und verträumt die mitgebrachte Lektüre. Doch selbst Alex Capus‘ Geschichte über Schatzinseln, über Robert Louis Stevenson, über Clara und August Gissler wird zur Nebensache. Weil sich der Blick immer wieder hebt und fragt, ob es immer noch so schön wie vor einigen Minuten ist? Ja, ist es, laut beseelt die Antwort, worauf die Aufmerksamkeit zurück in einen bromiden Rausch von Ruhe und latenter Müdigkeit sinkt. Mancher hält das tagelang aus.

Abends stehen Amerikaner staunend am Ufer. Bis etwa 300m ins Meer hinaus ist das Wasser noch immer spiegelglatt. Dann stößt der Blick auf so etwas wie einen dicken Strich, der sich über die gesamte Breite des Meeres zieht. An dieser Stelle bricht sich die untergehende Sonne zwei Mal. Und er bewegt sich. Der dicke Strich kommt näher. Dahinter mischt Wind die See auf. Offene Münder.

„What the hack is that?“, frage ich, ohne Antworten zu erwarten.

„The Dead Army is coming“, prophezeit ein Amerikaner düster.

Keine Riesenwellen, auch kein Tsunami. Der aufkommende Wind schiebt nur einfach das dickflüssige Wasser wie mit einer riesigen Schneeschaufel vor sich her. Die breite Miniwelle ist nur wenige Zentimeter hoch. Als sie das Ufer erreicht, beginnt ein unerwartet starker Wind um uns Publikum zu brausen, an den Habseligkeiten zu zerren und alle Geräusche zu übertönen. Jeden Abend das gleiche Schauspiel.

„Mir ist langweilig“, vermeldet Herr Rolf.

„Mir nicht“, gähne ich beunruhigt zurück.

Eine Stunde später brechen wir auf. Gleich über die Straße ist der Eingang zum Wadi Mujib. Hier kann man geführte Wanderungen unternehmen oder sich allein blamieren. Im Reiseführer wird empfohlen, alle Wertsachen daheim zu lassen. Stellenweise ginge es durch brusthohes Wasser. Brusthoch? Wo denn? Wasser? In dieser Jahreszeit?

Der Chalet-Chef begutachtet uns beim Abmarsch. Er fühle sich für die Sicherheit der Gäste verantwortlich. Die Klamotten seien o.k., die Schuhe auch. Ob denn die Kamera wasserdicht sei? Wertsachen? Mind your glasses! Wir stiefeln verwirrt von dannen.

„Etwa eine Stunde bis zum Wasserfall“, erklärt ein Wadi-Ranger. „Ungefähr 1-2km one-way. Take your time and see.” Dann schaut auch er prüfend und fragt strengen Blickes nach Wertsachen. Wir blicken streng zurück und trotten unbelehrbar los, entlang eines spärlichen Rinnsals. Ich denke bereits an den Wasserfall am Ende der Tour und den vergessenen Badeanzug im Chalet Nr. 12.

Doch schon nach wenigen hundert Metern hat sich das Rinnsal in ein munteres Bächlein verwandelt, mittlerweile bis zu den Knien reichend. Noch ruhen die Wertsachen trocken in höher gelegenen Taschen. Wenige hundert Meter weiter ist ein mächtiges Rauschen zu hören. Eine Flutwelle? Noch nicht. Nur lediglich die erste Herausforderung der Tour. Der kleine Wasserfall ist bescheidene 1,50m hoch. Wir schauen uns hilflos an und geben auf. Nichts kommt hier trockenen Fußes durch. Auch Wertgegenstände nicht. Einen Moment später verlässt mich Gentleman Rolf, um die Gegenstände westlichen Wohlstands in Sicherheit zu bringen und mit jordanischem TV-Team, das einen Marketing-Film über Jordanien drehen will, zurückzukehren.

Gemeinsam bewältigen wir die erste Herausforderung problemlos, um wenige Meter später, das Wasser steht mittlerweile brusthoch, einem 2m hohen Wasserfall gegenüberzustehen. Mein Fotograf lacht und knipst fröhlich mit dem einzig verbliebenen Wertgegenstand herum. Das wird schon. Ich nähere mich zaghaft dem Problem, das mir unbarmherzig von oben entgegenschießt. Im sprühenden Wasser suche ich nach dem richtigen Weg für meinen Aufstieg und Halt an einem Kletterseil. Vergeblich. Unmöglich. Zeit, um aufzugeben. Der Badeanzug kommt mir erneut in den Sinn. Was für ein Blödsinn.

Das Kamerateam hilft. Kräftige jordanische Männerhände ziehen von oben, während Rolf von unten schiebt. Der Aufstieg gelingt, mein Jubel durchbricht das Getöse. So geht es weiter und weiter. Über die nächsten Kaskaden gleichen Ausmaßes bis hin zum finalen großen Wasserfall, wo sich alle erschöpft und nass bis auf die Haut in die Arme fallen. Endlich im kleinen Wasserbecken vor dem Wasserfall baden. Mein Badeanzug? Ach, vergessen wir das.

Dann eine verdiente Zielziese paffen. Wenn die nur nicht nass geworden wäre. Doch meine neuen Kavaliere beweisen sich auch hier als Herren der Lage. Zigaretten und Feuerzeug wurden in leeren Wasserflaschen mit Schraubverschluss trockenen Fußes durch die Wassermassen gebracht. Der erste Zug. Ein Himmelreich.

Zurück in Chalet Nr. 12 mischen sich Glücksgefühle mit bromider Erschöpfung. Wieder einmal ist Nachmittag. Wieder einmal betört die absolute Windstille. Wieder schaukelt ein Buch verlockend in der Hängematte. Lesen, schauen und warten.

The Dead Army is coming. Bestimmt auch heute.

Über Sarah Paulus

Ich bin freie Autorin mit Fokus auf Reportagen und aktuelle Themen rund um Reise, Politik, Menschen und Kultur. Meine Artikel und Reportagen wurden u.a. in der FAZ, der Süddeutschen Zeitung, der Morgenpost, dem Tagesspiegel, der Welt/Welt am Sonntag, bei Spiegel Online sowie in diversen Magazinen veröffentlicht. Sarah Paulus
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