Jordanien (Teil 3): Die steinerne Mühle

Nach Wadi Rum. Dorthin wollte ich schon immer, sollte ich jemals nach Jordanien kommen. Warum eigentlich? Ich wusste nicht einmal, was es ist – dieses Wadi Rum. Vielleicht lediglich wegen des Namens. So wie einst in Marokko, als wir allein wegen des Namens einen Abstecher nach Tamtattouchte unternahmen. Mich trieb erneut die Überzeugung, dass auch hier der Name Programm sein könnte. Welches Programm? Ach irgendeins, das meine Sehnsucht nach Fernem und Unbekanntem zu stillen vermag.

Die Reiseplanung brachte erste Erkenntnisse. Wadi Rum ist eine Wüste. Wüstentouren und Übernachtungen in Beduinencamps rückten in den Fokus. Auf der Suche nach einem geeigneten Anbieter stieß ich auf Mohammed, dem Betreiber des Wadi Rum Sunset Camps. Nach wenigen Mails, in denen er in brillantem Englisch sein Angebot erklärte, war Eingung erzielt.

Jeden Morgen pünktlich um 06:15 Uhr fährt von Petra ein Frühaufsteherbus, der den Reisenden in 1,5 Stunden ans Ziel der Träume bringt. Die Wüste Wadi Rum beginnt etwa 100km südlich, am Ende einer Stichstraße, gleich hinter dem gleichnamigen Dorf. Etwa 6km vor dem Dorf, am Wadi Rum Visitor Centre, hält der Bus, damit die Fahrgäste 5 JD Eintritt für das Naturreservat, das Wadi Rum Protected Area löhnen können. Da ich den Busfahrer gemäß Mohammeds Instruktion unverzüglich über unser Reiseziel informierte, setzte er uns direkt vor dem Büro des Sunset Camps ab.

Das Dorf Wadi Rum ist eine Ansammlung bescheidener Anwesen, die sich entlang der jeweils 3-5 vertikal und horizontal verlaufenden Dorfstraßen im ewigen Kampf gegen die Sandwehen aufreihen. Wenngleich Wadi Rum eines der bekanntesten Ausflugsziele in Jordanien ist, sucht man hier jeglichen touristischen Schnickschnack vergebens. Keine Hotels. Keine Souvenirläden. Keine Einkaufsstraße. Gleich am Ortseingang thront ein größeres Restaurant. Bei unserer Ankunft trafen sich wichtige Honorationen des Ortes, um eine Gemeindeversammlung abzuhalten.

Darüber hinaus gibt es 2-3 kleinere Coffee-Shops, die jedoch weder Kaffee noch Cola, sondern lediglich Tee anbieten. Macht nix. Nach Wadi Rum kommt man nicht wegen des Ortes, schon gar nicht um Cola zu trinken, sondern wegen der Wüste, deren unmittelbare Nähe weder zu übersehen, noch zu überfühlen ist. Der beständig sandige Wind peelt die Haut porentief. Die Luft brennt 40 Grad heiß und hinterlässt ein staubtrockenes Gefühl in der Kehle. So sind sie und genau so müssen sie sein, die letzten menschlichen Bastionen am Dead End einer Stichstraße kurz vor der großen sandigen Hölle.

Entsprechend der dörflichen Szenerie ist das Büro des Sunset Camps keine schnieke Lokation in belebter Fußgängerzone, sondern Mohammeds Privathaus in einer kleinen, sandigen Nebenstraße. Immerhin baumelt am Eingang ein Schild. Es hat schon bessere Tage gesehen, wenngleich einzuräumen ist, dass die hiesige Witterung recht schnell zum Verlust der sogenannten besseren Tage führen mag. So führt uns Mohammed über sein staubiges Anwesen in den Empfangsraum, einem Anbau mit Blechdach, in der Mitte eine Feuerstelle, darum einige Matratzen, in der Ecke des Raumes ein altersschwacher Fernseher. Zur Begrüßung Tee. Mohammed spricht verständlich Englisch, im Vergleich zu den per Mail gesetzten Erwartungen jedoch recht dürftig. Bald solle es losgehen, man warte noch auf ein zweites Pärchen. Wir trinken endlos Tee, harren der Dinge, während Mohammed telefoniert und immer mal wieder verschwindet, um offensichtlich wichtige geschäftliche oder familiäre Dinge zu erledigen. Wohin sind wir geraten, frage ich mich. Auch Rolf von Arabien hat die Stirn in Falten gelegt.

„Da spricht jemand Deutsch.“ Im gleichen Moment erscheint eine blonde Frau und begrüßt uns freudig. Sie habe ein Jahr Sabbatical genommen, sei im Frühjahr 2011, genauer gesagt im April, vier Wochen durch Syrien gereist, um danach vier Wochen als Volontier in der Wüste Jordaniens zu arbeiteen und wolle daran anschließend weitere vier Wochen im Libanon verbringen. Barbara, geschätztes Alter Mitte 30, Lehrerin für sprach- und hörbehinderte Kinder in der Nähe von Koblenz. Ich bin beeindruckt, wir löchern uns gegenseitig mit Fragen, die Zweifel der vergangenen Minuten sind verweht. Das Camp sei toll, die Wüste faszinierend, ja, und der Mohammed. Der sei anfangs immer etwas verschlossen. Seine Mails lasse er von einer Bekannten im Dorf schreiben, die früher einmal als Übersetzerin gearbeitet habe. Das mache Eindruck, die potenziellen Kunden fänden die effiziente Kommunikation toll. Wohl, wohl.

Dann betritt Mohammed den Raum, an seiner Seite ein junger Beduine, Saleh, den er als unseren Fahrer vorstellt: „From now on you are Beduins. Relax and enjoy the desert.“

Na dann. Der Toyota Landcruiser steht bereit. Wie viele Jahre und Kilometer er auf dem Buckel hat und wo überall auf dieser Welt er seine Lebenserfahrung gesammelt haben mag, darüber ließen sich unnütze Gedanken verschwenden. Auch darüber, ob es nicht alternativ einen upper-class Anbieter mit Nobelkarosse gegeben hätte. Oder über jenes beschauliche Touristenpaar, das in der nächsten Dorfstraße behende versucht, einem Defender zu entsteigen, während der Fahrer von außen beherzt an der Tür herumreißt, einer Anstrengung, die zumindest solange erfolglos bleibt, bis wir den Wagen hinter einer dicken Staubwolke aus den Augen verloren haben.

Wer eine Tour durch die Wüste Wadi Rum bucht, hat mehrere Möglichkeiten: Mit Kamel oder 4×4. Über zwei Stunden, vier, sechs oder acht Stunden. Wir haben uns für die vierstündige motorisierte Variante entschieden.

Lawrence von Arabien, der hier zu Beginn des 20. Jahrhunderts seine Rebellen gegen alte und neue Besatzer versammelte, beschrieb Wadi Rum als „eine Prozessionsstraße mit riesigen Felsbauwerken zu beiden Seiten“. Sein Buch „Die sieben Säulen der Weisheit“ ist nicht nur eine Beschreibung seiner Erlebnisse, sondern auch eine Hommage an jene steinernen Wegbegleiter. Die Landschaft entstand vor 30 Mio. Jahren durch eine geologische Verwerfung, in deren Ergebnis das heutige sandige Wadi (Tal), das immerhin auf einer Höhe von etwa 1.000 m liegen soll, von bizarren Sandstein- und Granitfelsformationen gesäumt wird. Es gibt viel zu sehen und wie Saleh meint, nicht nur zu sehen, auch zu besteigen. Dösig durch die Wüste schunkeln? Von wegen. Ob nun zur Al Shalleh Quelle, aus der nur dürftig Wasser plätschert oder zur Lawrence Quelle, die nicht wirklich erkennbar ist, Saleh scheucht uns auf jede denkbare Anhöhe, auf die kleine Brücke, die Um Frouth Rock Brücke, zur roten und zur gelben Düne und schließlich zu einer Wasserstelle mitten im Sand. Zwischendurch Mittagspause im Schatten einer Felswand. Saleh breitet Decken aus, macht Feuer und kocht Tee. Eine Eselin mit Eseljungem schaut vorbei und beäugt uns Fremde neugierig. Saleh ist ein netter Mensch. Schade nur, dass er außer der Fähigkeit, die jeweilige „Sehenswürdigkeit“ zu benennen, über keinerlei Englischkenntnisse verfügt.

Gegen 15.30 Uhr treffen wir im Camp ein und fallen ermattet in den nächsten Schatten. Saleh kocht Tee. Was sonst. Zu dritt sind wir allein in unendlicher Weite von rotem Sand und Fels. Das Camp selbst liegt 12km südlich des Ortes Wadi Rum und besteht aus etwa acht Ziegenhaarzelten für zwei oder mehrere Personen, einer Küche, einem Gemeinschaftszelt und einem durchaus ansehnlichen sanitären Bereich unter freiem Himmel mit Duschen und europäisch anmutenden Toiletten. Von 20.00-22.00 Uhr verwandelt ein Solarmodul nebst Batterie den bei Tage generierten Strom in elektrisches Licht.

Am späteren Nachmittag treffen Barbara und der Koch sowie zwei weitere Gäste ein. „Soll ich Dir meinen Lieblingsschlafplatz zeigen?“, fragt Barbara und führt mich zu einem Felsvorsprung, der wie ein überdachter Balkon geformt ist und von dem man einen grandiosen Blick in die Weite hat. Heute sei Vollmond. Man könne den dicken alten Mann bewundern oder ein Spielchen machen. Ein Spielchen? Wie das? Tatsächlich gibt es im Felsboden eine Gravierung, die wie ein Schachbrett aussieht. Anbei liegen dunkle und helle Steine. Hier habe sie manche Nacht verbracht und auch tagsüber oft gesessen, so lange der Felsen Schatten bot, erzählt Barbara. Einfach so. Allein oder mit dem Koch nach getaner Arbeit. Manchmal sei der Kameltreiber mit seiner Herde vorbei gekommen. Auf eine Partie Mühle.

Die beiden Gäste heißen John und Rania. Sie leben in Jerusalem und arbeiten in Palestina. Er ist gebürtiger Kanadier, sie Belgierin mit marokkanischen Wurzeln. Beide sind Polizisten und im Auftrag der Europäischen Union beim Aufbau moderner Polizeistrukturen in Palestina behilflich. Eine Nacht unter dem Sternenhimmel des Wadi Rum sei schon immer ihr Traum gewesen. Darum sind sie hierher gekommen, mit dem Zug von Tel Aviv nach Aqaba und weiter mit dem Taxi nach Wadi Rum. „Die Juden in Israel behandeln Palestinenser menschenunwürdig, beinahe wie Tiere. Sie treten nach, wo immer sie können“, berichten beide übereinstimmend, resigniert.

Wir können das Gespräch nicht fortsetzen, aus der Dunkelheit tauchen dunkle Gestalten auf. Freunde von Saleh. „Lets not talk about politics“, meint einer. Schnell ist die Laute herbei geholt, die Jungs schrammeln bunte arabische Weisen, während Barbara und der Koch in der Küche schwitzen und in kürzester Zeit ein kleines bemerkenswertes Buffet zaubern.

So lümmeln, dösen und schwatzen wir unter jordanischem Wüstenhimmel bis plötzlich Wind aufkommt. Starker Wind, der uns in Windeseile zwingt, alle Habseligkeiten in Sicherheit zu bringen. Eine Nacht unter freiem Himmel auf Barbaras Felsbalkon – Fehlanzeige. Leider. Die Erinnerung an jenen faszinierenden Schlafplatz, an Barbara, an die steinerne Mühle wird bleiben. Wie Geschichten aus Tausend und einer Nacht.

Über Sarah Paulus

Ich bin freie Autorin mit Fokus auf Reportagen und aktuelle Themen rund um Reise, Politik, Menschen und Kultur. Meine Artikel und Reportagen wurden u.a. in der FAZ, der Süddeutschen Zeitung, der Morgenpost, dem Tagesspiegel, der Welt/Welt am Sonntag, bei Spiegel Online sowie in diversen Magazinen veröffentlicht. Sarah Paulus
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