Marokko (Teil 3): Höhe

Ab einem bestimmten Zeitpunkt während der Fahrt, ein Zeitpunkt der weder damals noch im nachherein fassbar war und ist, verstummt das Raunen der Welt. Plötzlich, hinter einer Felswand, vor der noch wenige Meter vorher dörfliches Treiben und touristischer Rummel miteinander rangen, regiert nun Stille und Andacht. Noch immer ragen hünenhafte Gesteinsformationen empor und man möchte sich ständig ducken vor der beengenden Macht der steinernen Mauern beidseits der Straße. Tatsächlich ist aus der flotten Dame ein schwindsüchtiges altes Muttchen geworden, das sich ausgemergelt vom allzeitlichen Kampf gegen die Naturgewalten ächzend gen Norden windet. Hier und da rinselt ein Bächlein respektlos über die alte Dame hinweg. Erste Zweifel werden wach. Ist diese Straße wirklich bis zum Ende befahrbar? Und vor allem: Was wird es sein, dieses Ende?

Mit jedem Meter Fahrt gewinnt die Strecke an Höhe und mit ihr wirken die Felswände weniger bedrohlich, weil sie dem Himmel Platz machen müssen. Die Lunge löst sich aus ihrer Beklemmung, holt ganz viel Luft und auch Mütterchen Straße scheint die Höhenfahrt Spaß zu machen. Höhe, Himmel, Höhenfahrt? Woran erinnert mich das nur? Weit kann es nicht mehr sein, doch noch immer düsen wir munter durch unzählige Haarnadelkurven, immer höher, dem Himmel noch näher, bei jeder Biegung beugen wir uns weit nach vorn, um ihn endlich zu sehen, diesen Ort, den wir vor einigen Tagen auf der Landkarte entdeckt haben – ein Ort mit dem wundervollen Namen Tamtattouchte.

In einem Ort mit einem solchen Namen kann es keine Menschen geben. Ganz bestimmt gibt es Dosenschildkröten und Mausebärchen, Breitmaullilien, Gürtelrosen, alizarinblaue Zwergenkinder und Dickhalstrolle. Manche spielen Räuber und Gendarm, andere mit dem Feuer, begegnen sich selbst oder gehen zu weit. „Mine is a long and sad ta(i)le“, sagt der Babyschwanzlurch zur Kichererbse und beide fallen schreiend vor Lachen auf ihre dicken Bäuche wie die Wolfskin-Welpen beim Zählen ihrer Tageseinnahmen, die mittlerweile in schwindelerregende Höhen steigen. Höhengewinn! Ist das die richtige Erinnerung?

Tatsächlich ist Tamtattouchte ein Berberdorf, das am Ende der Todraschlucht liegt. Sie ist eine gigantische Verwerfung im Gebirgsplateau, das den Hohen Atlas vom Jebel Sahro trennt. Und sie lässt jedes Geologenherz höher schlagen, doch nicht nur jene, sondern auch das vieler Touristen, die täglich erwartungsvoll den Ort Tinerhir, das Tor zu Todraschlucht, passieren, um von dort aus bis an die tiefste Stelle gefahren zu werden. Hier irgendwo entspringt ein Fluss und die Felswände sind bis zu 300m hoch. Kurz danach ist der Rummel vorbei, die besagte Ruhe tritt ein und wenn man die letzte Haarnadelkurve bezwungen hat, liegt die Hochebene vor einem und mit ihr das Berberdorf Tamtattouchte.

Es ist ein armes Dorf mit kleinteiligen Anwesen und Feldern, die in der Form der Bewirtschaftung an frühe menschliche Besiedelungen erinnern. Nicht alle Bewohner des Dorfes scheinen einen Stromanschluss zu haben. Esel, Maultiere und Pferde dienen als Lastentiere, manchmal auch Frauen, die unter dem Baldachin der abgeernteten Maispflanzen kaum zu erkennen sind und wie riesige Strohballen mit Beinen aussehen. Manche der Dorfbewohner ackern mühsam auf den Feldern, andere dösen in der Sonne, einige wenige gehen einem hoffentlich lukrativen Geschäft nach, der Bewirtschaftung einer Hotellerie in diesem Hochtal am Ende der Welt, von noch höheren Bergketten umsäumt, in den die Touristen doch so zahlreich kommen mögen. Dieser Tage sind es ganz wenige. Und man fragt sich, warum. Schönheit und Erwartung und die Erfüllung derselben mögen immer im Auge des Betrachters liegen. Mir hat dieser Ort das Herz geöffnet. Vom ersten Augenblick an fühlte ich mich erhaben und erleichtert, dem Himmel ein Stück näher.

Und in dieser beinahe trunkenen Begeisterung, klopfen wir an die Tür des Hotels Essalam, erhalten Einlass und sogleich Tee, danach eine Führung durch das relativ neue Haus im Berberstil und ein Zimmer, immer in Begleitung von Jamal, dem guten und einzigen Geist des Hauses. Das passt. Auch wir sind allein. Die einzigen Gäste. Am Abend wird die Küche angeschmissen. Mustafa kommt als Hilfskoch hinzu. Es gibt Harira, Tagine Poulet und Obst. Danach spielen wir Karneval. Mustafa trommelt. Jamal schmeißt sich den blauen Umhang um. Auch ich werde drapiert und Rolf zum Berber maskiert. Fotos!

Am nächsten Morgen stiefeln wir entlang der Felder und vorbei am ausgetrockneten Flussbett auf den nächstgelegenen Berg. Wenn wir unterwegs sind und auch sonst, steigen wir hin und wieder auf einen Berg. Wenn es nach Rolf ginge, könnten die Berge höher sein. Hier, an diesem Flecken, komme ich mir vor wie Mohammed, der alljährlich einen Monat auf dem Berg Hira in der Nähe von Mekka zu verbringen pflegte, um dort Buße zu tun. Weder bin ich Moslem, noch in Mekka, nicht einmal in der Nähe, schon gar nicht ist mir der Erzengel Gabriel erschienen und so möge man mir diesen blasphemischen Vergleich verzeihen, soweit das überhaupt geht. Auch anderen Vermutungen sollte ich an dieser Stelle entgegen treten: Weder bin ich Schläfer, noch Konvertit. Nichtsdergleichen bin, allenfalls kam mir der Gedanke an Buße, nicht wirklich wissend weshalb und wofür aber vielleicht gibt es Momente im Leben, in denen man das Bedürfnis hat, vor sich selbst und vor all jenen, deren Grenzen man überschritten hat, Abbitte zu leisten. Hier in Tamtattouchte, auf einem der umliegenden Berge, wo es keine Grenzen zu geben scheint, wo sich Mutter Straße beinahe verjüngt in die noch luftigeren Höhen des Atlas hinaufschlängelt, fliegen die Gedanken wie von selbst. Man möchte bleiben und gleichzeitig weiter durch die Verlassenheit des Hohen Atlas über Aït-Hani, Assoul, Amellago, durch all diese verheißungsvollen Orte, die manchem vielleicht wie armseelige Klitschen erscheinen, dem anderen wie eine Erleuchtung. Als wir Tage später durch Assoul kommen, ein Ort, in dem die Häuschen wie Schwalbennester an den Felswänden kleben, habe ich folgende Assoziation: Tal, Kleinwalstertal, Martin Walser. Finks Krieg.

Der hessische Ministerialbeamte Stefan Fink führt einen jahrelangen, und wie die Literaturkritik behauptet, beinahe kafkaesken Krieg, gegen die Administration, weil er sich zu Unrecht übergangen und versetzt fühlt. Tonnenweise füllt er Akten mit Beweisen, lanciert juristische Eilverfahren, Pressekampagnen und Intrigen bis ihn nur noch der Rechtsstreit, der Sieg, die Genugtuung interessiert. Jahrelang ist er tagtäglich mit dem Verfassen, Kopieren und Ablegen von Schriftsätzen beschäftigt. Verwandte und Bekannte mahnen, er solle das nun endlich lassen, werfen ihm vor, er betreibe Selbstzerstörung. An manchen Tagen will er sich am liebsten vor einen Zug werfen. Im letzten Kapital zieht sich Fink in ein Benediktinerkloster im Melchtal in der Schweiz zurück und er erkennt: „Nie, nie würden die nachgeben. Die müsste man niederkämpfen, ihnen Satz für Satz aus dem Behauptungsmaul reißen, wie man in einer vom Feind besetzten Stadt Haus für Haus zurückerobern muss. Auch wenn dabei die Häuser, die man zurückerobert, vernichtet werden.“ Und so beschließt Fink, die vielen Akten, die er gesammelt hat zu vernichten: „Lobe deine Feinde, Mann! So behandelt zu werden mit allgemeiner Billigung heißt keine Verpflichtung mehr zu haben. Freier als du jetzt bist, kann man nicht sein. Lobe deine Feinde, Mann. Dieses letzte Kapitel in Walsers Buch trägt den Titel: „Höhengewinn“.

Und ich glaube, es stimmt. Wer etwas zu vergeben hat, ob sich selbst oder anderen, sollte sich auf Abstand, auf Höhe, auf Weite begeben. Nur dort wird man unwichtig und klein, wie ein alizarinblaues Zwergenkind und man begegnet nur sich selbst.

Über Sarah Paulus

Ich bin freie Autorin mit Fokus auf Reportagen und aktuelle Themen rund um Reise, Politik, Menschen und Kultur. Meine Artikel und Reportagen wurden u.a. in der FAZ, der Süddeutschen Zeitung, der Morgenpost, dem Tagesspiegel, der Welt/Welt am Sonntag, bei Spiegel Online sowie in diversen Magazinen veröffentlicht. Sarah Paulus
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