Marokko (Teil 2): Sand

Kennen Sie das? Man fährt in ein unbekanntes Land. Zeit ist eine beschränkte Ressource. Was will man sehen, was nicht. Wie kommt man von A nach B? Wo ist es schön, wo nicht? Und woher soll man das vorher wissen? Also tüftelt man an der Reiseplanung und je nach Mentalität des Planenden kann die Angelegenheit zu einem logistisch-organisatorischen Projekt werden, das bitteschön auch allen modernen Anforderungen an Effizienz und Effektivität gerecht werden sollte. Und dann kommt Rozzo, der Sponti.

„Das passt schon“, pflegt er in der Regel zu sagen, weil er gelernt hat, dass Loben wichtig ist, zumindest als Einleitung, um dann hinzu zu fügen:

„Gib mir mal die Karte!“

Das ist der Moment, wo der Herzschlag der Planerin von buum-buum auf bumm-bumm-bumm übergeht, weil die akribische Excel-Planung kurz vor der Erosion steht. Rolfi-Rozzo nimmt sich also die Karte und schaut, während sich an der Stirn der Planerin Schweißperlen bilden. Dabei wäre das gar nicht nötig, denn schließlich kennt sie ihn seit Jahren. Da weiß man, was man hat, was kommt und vor allem wann und wie. Er wird also mit dem Finger auf einen Ort zeigen, in der Regel ist es ein irgendwie entfernter Ort und er wird sagen:

„Da will ich hin.“

Nach M’Hamid zu fahren, ist recht einfach. Von Marrakesch immer der Nase nach in Richtung Süden, auf der N 9 entlang. Kurz hinter Agdz beginnt das Draa-Tal mit seinen riesigen Palmenhainen, ein wallender grüner Schal, der die Straße nach Zagora  schmückt. Zagora selbst ist ein ambitioniertes Bauvorhaben der jüngeren Kolonialzeit, wenngleich ein Hauch architektonischer Postkommunismus durch die Luft wabert – Gedanken an Eisenhüttenstadt lassen sich nicht verdrängen. Obwohl die Stadt gerade einmal 35.000 Einwohner zählt, scheint die Hauptstraße, mit dem Charme einer Thilo-Schwierzina-Allee, für eine Millionenmetropole angelegt worden zu sein. Die erst jüngst erfolgte Palmenbepflanzung macht es nicht heimeliger aber vielleicht braucht es einen zweiten Anlauf, um diesen Ort würdigen zu können. Vielleicht auf dem Rückweg.

Kurz hinter Zagora haben die Palmenhaine dann endgültig den Kampf gegen die vordringende Wüste aufgegeben. Rechts und links der Piste weht die eine oder andere Sandhose versonnen vor sich hin. Die N 9 verwandelt sich in ein Sträßchen, umsäumt von gerölligem Ödland, den Erhebungen des Jebel Tadrart im Osten und des Jebel Bani im Süden. Schwarz, braun und rötlich schimmern die Hänge, obgleich nur ein Spiel von Licht und Schatten in der tief stehenden Sonne dieses Nachmittags. Wenn die ersten Baby-Sanddünen erscheinen, steigt die Spannung ganz mächtig. Mit jedem Kilometer, den wir vorankommen, wird die Stille lauter, die Einsamkeit greifbarer. Die letzten Orte mit ihren riesigen menschenleeren verstaubten Straßen wirken wie Geisterstädte. Sandiger heißer Wind fegt hindurch. Wie wird es sein ganz am Ende der N 9 in M’Hamid, Dead-End City – Sand, Sand nichts als Sand?

Die letzten Meter führen durch Palmenhaine rechts und links, so als habe man dem anspruchsvollen Touristen eine recht beschauliche Anfahrt bieten wollen, denn hier, außerhalb des eigentlichen Ortes, kann man in neu erbauten Hotels vergleichsweise gediegen übernachten. Kurz darauf erreichen wir Downtown M’Hamid und überqueren die erste Kreuzung.

Auf der staubigen Dorfstraße, gleich dahinter, springen wild gestikulierende dunkelhäutige Männer, die wie Touaregs aussehen wollen, mitten auf die Straße, bringen uns zum Stehen und schreien: „Stop!“ „Dessert!“ „Road Closed!“ So als würde sich wenige Meter weiter die Erde auftun oder Schlimmeres. Stadtguerilla? Delta Force? Weit gefehlt, man will uns eine Wüstentour verkaufen, offensichtlich die Hauptbeschäftigung der männlichen Bevölkerung im Ort. Dennoch haben die Jungs recht: Nur eine Fahrminute später ist die Straße tatsächlich zu Ende und geht in eine steinige Piste über. Die Wüste naht.

Also zurück zur ersten und wie sich herausstellt einzigen Kreuzung, die streng genommen gar keine Kreuzung ist, sondern lediglich ein Dreieck, wodurch sich die Orientierungsmöglichkeiten übersichtlich gestalten. Also kurzer Hand nach rechts orientiert, das ausgetrocknete Flussbett des Draa überquert und schon steht man vor dem „Camping Hammada du Draa“. Wer Holländer ist, stellt hier seinen Wohnwagen ab, andere können preiswert eine Art Lehmhütte mieten, sofern man mit Chefe Ali charmant verhandelt. Als Gegenleistung für den Preisnachlass beim Zimmer  buchen wir auch das Abendessen im Camp. Man bekommt dafür keinen Luxus, wird aber liebevoll und ein wenig zerstreut umsorgt von einer lustigen Männerwirtschaft: Ibrahim sorgt für Getränke, der namenlose Koch kocht deftige Tagine, Khalid, der Geist ist einfach da und Mbark gibt den Conferencier. Französisch und Englisch habe er in der Schule gelernt. Das weiß auch Chefe Ali zu schätzen und so brüllt er zu jeder Unzeit: „Mbarrrrrrrrrrrrrrrrrk!“ Es hört sich immer an, als sei er sauer, doch das täuscht, zumal sich Araber des öfteren so anhören, als würden sie streiten. Und so hat Ali meist nur ein Kommunikationsproblem oder sonst irgendeine ganz dringende Aufgabe und Mbark muss behilflich sein. Nicht nur Conferencier ist er, sondern auch Mädchen für alles. Und er hat durchaus ein solides Allgemeinwissen. Zwar war er nie in einem anderen Land, doch kennt er sich aus mit Libyen und Algerien. Wer wo Krieg geführt hat und wie das mit den Kolonialmächten war. „Mbarrrrrrrrrrrrk!“ Auch beim Thema Bildung kann er mithalten und bei den Wurzeln des marokkanischen Königshauses sowieso. „I don’t like the monarchy“, fasst er zusammen. Mehr will er dazu nicht sagen und so widmen wir uns der Erweiterung unseres arabischen Wortschatzes bis wir nach einigen Bieren akzentfrei „Fuck you“ sagen können, auf Arabisch natürlich. „Mbarrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrk!“

Tatsächlich ist M’Hamid ist das Tor zur Sahara, staubtrocken brennt die Luft in der Kehle. Ein Gefühl von Endlichkeit bleibt allgegenwärtig. Das Ende der Welt, der Zivilisation, des Lebens an sich. Schön ist er nicht dieser Ort, auch nicht seine Menschen, denen man Armut und karges Leben ansieht. Interessant bleibt er allemal, dieser staubige Flecken Erde mit seinem etwas verödeten Marktplatz, den ärmlichen Gassen, in denen einem die nach Bonbons schreienden Kinder wie eine Traube am Rockzipfel hängen. Nur wenige Touristen verirren sich hierher. Und das ist verständlich, wo man doch anderswo mit Glanz und Glamour verwöhnt wird, wo grüner Rasen und duftiges Geblüm die Sinne betören und die Postkartenidylle den Blick verwöhnt. M’Hamid ist herb, ungeschminkt und es passt auf keine Postkarte. Nicht auf eine Urlaubspostkarte aus dem Reiseland Marokko, in dem man so gerne übersehen möchte, dass der Lebensstandard nur einen Bruchteil des unseren beträgt, in dem viele Menschen nicht genug Geld für die wesentlichen Grundbedürfnisse des Lebens haben – für Essen und Kleidung. All diese Nöte kennen wir nicht mehr in Deutschland und deswegen fahren wir lieber nach Marrakesch oder Agadir, genießen den arabischen Budenzauber und verdrängen die Realität in schicken Riads und eingezäunten Hotelanlagen.

Ja nun, und was tut der Reisende hier in M‘Hamid?

Er strandet. Stromert herum. Trinkt Cola auf dem Marktplatz. Und schaut den Einheimischen bei ihren Verrichtungen zu. Stundenlang. Oder er kauft sich ein Kamel und reitet nach Timbuktu. Ganze 48 Tage soll es dauern, so die Schilder überall in der Stadt. Auf manchen sind es auch 49 Tage. So genau weiß das keiner. Und wem das zu langatmig ist, der kann bei Ali eine Schnuppertour buchen – motorisiert mit schickem 4×4 geht natürlich auch, mit Übernachtung oder ohne, zur kleinen Düne oder zur großen. Ali organisiert alles für jeden Geschmack und Geldbeutel. Teuer bleibt es trotzdem. Aber was soll der Geiz, wenn man schon einmal hier ist, dann auch richtig rein in das sandige Vergnügen.

Pünktlich um 14 Uhr steht Mohammed bereit, unser Fahrer, zusammen mit Alis 4×4. Der Kompass ist am Mann. Man weiß ja nie. Die erste Stunde bringt Enttäuschung, es geht schnurgerade nach Westen, nur Steine und Geröll und wenig Sand. Schon hier lässt Mohammed mehrmals unsportlich den Motor absaufen. „Das kann ICH ja besser“, flüstert Jemand an meiner Seite. Endlich führt die Piste nach Süden. Am Horizont wird eine Gebirgskette erkennbar. „Algerie“, erklärt Mohammed ehrfürchtig. Und nun bekommen wir endlich unsere Sanddünen. Auf einigen liegen Steinhaufen. Das seien die Gräber von Nomaden, erklärt Mohammed. Immer mal wieder sieht man einen vereinsamten Baum mit kleinen dicken sattgrünen Blättern. Einige hundert Meter weiter gibt es einen Brunnen, aus dem Mohammed frisches Wasser schöpft. Von wegen Ende des Lebens. Nach zwei Stunden ist Tee-Pause im Berberzelt neben einer ansehnlich hohen Sanddüne. Mit dem Sonnenuntergang im Rücken begeben wir uns auf den Heimweg und sind nun doch sehr verzückt von unserem Wüstenausflug. Man kann übrigens auch in Merzouga Dünen besteigen. Dort allerdings, wie man berichtet, im Tross mit mehreren hundert anderen Touristen. Nee, nee. Dead-End M’Hamid war schon der richtige Punkt auf der Landkarte, die Dünentour ebenfalls, vor allem wenn man die Wüste so sehr mag wie Sahara Paulus.

Über Sarah Paulus

Ich bin freie Autorin mit Fokus auf Reportagen und aktuelle Themen rund um Reise, Politik, Menschen und Kultur. Meine Artikel und Reportagen wurden u.a. in der FAZ, der Süddeutschen Zeitung, der Morgenpost, dem Tagesspiegel, der Welt/Welt am Sonntag, bei Spiegel Online sowie in diversen Magazinen veröffentlicht. Sarah Paulus
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