Marokko (Teil 1): Kopf oder Zahl

Mit quietschenden Reifen hält der Bus. Fahrgäste drängeln ins Freie und schauen sich um. Entlang der schnurgeraden Dorfstraße, die sich in der Ferne verliert und dort mächtig Staub aufwirbelt. Über die lädierte Bebauung links und rechts, die so aussieht, als sei sie Kulisse für die High Noon Szene in einem Latino-Western. Desperado. Für einen winzigen Moment. Dann entlädt sich ein Feuerwerk der Gastfreundschaft: „C̜a va? German, French, Holland? Where are you from?“ Jugendliche Akquisiteure bestürmen die Neuankömmlinge und wollen verkaufen: Hotelzimmer, Führungen, was auch immer. Willkommen in Marokko. Willkommen in Oualidia, einem Örtchen mit nicht mehr als 4.000 Einwohnern am Atlantik, zwischen Safi und Casablanca. Ein Kleinod soll es sein, ein Geheimtipp.

Vorschusslorbeeren, die auf den ersten Blick hoch hängen. Ziemlich hoch, so der zweite Eindruck nach einem schmallippigen Blick auf die lieblose Bebauung entlang der Straße, die sich hinunter zum Strand windet. Und Reue aufkommen lässt. Über die verpasste Gelegenheit, Essaouira, Stadt der Hippies und Künstler. Die ursprünglich auf dem Reiseplan stand und einem Münzwurf zum Opfer fiel. Nun will man am liebsten umkehren, trottet dann aber doch weiter. Auf der Suche nach jener Perle, die sich irgendwo versteckt, um die unter Kennern der Gegend so viel Aufhebens gemacht wird. Nach kurvenreichem Abstieg wird sie sichtbar. Endlich.

Die Lagune. Eine glitzernde, halbmondförmige Bucht. Landeinwärts umrahmt von kleinen Hotels und Restaurants. Karstige Felsen schützen sie vor dem Meer wie eine Festung und lassen nur an wenigen Stellen Wasser hindurch. Eine seichte Seenlandschaft, die je nach Gezeit mit kleinen Booten befahren oder bewandert werden kann. Eine Symbiose aus Land und Meer, die sich auf einer Anhöhe am Ende der Lagune in ihrer ganzen Vollkommenheit erschließt. Nie wieder fort von hier. Von dieser Küste, wo das Meer wütend gegen den Strand peitscht. Wo die Fischer Boote und Fang heimbringen. Am späten Nachmittag, wenn warme Farben strahlen, wenn Licht und Schatten miteinander flirten.

Zu acht schieben die Fischer schwere Holzkähne an Land, so als wollten sie eine perfekte Fotografie inszenieren. Und nicht nur das. Auch die Romantik des Moments haben sie erkannt und entlang der Wertschöpfungskette expandiert. Tagsüber Fischer, abends Grillmeister. So auch Said. Für jeden, der es will, wirft er Fisch und Krebs aufs Feuer. Die dicken Jungs müssen gut durch braten. Das braucht Zeit. Und so plaudert er über sein Dorf, in dem er aufwuchs und Fischer wurde wie schon sein Vater und Großvater. Schwer sei die Arbeit. Oft gefährlich. „Die Marokkaner behaupten, ein erfülltes Leben setze voraus, im Bewusstsein des Todes zu leben“, beobachtete der Schriftsteller Paul Bowles, der viele Jahre in Marokko lebte. Said nickt. Nachdenklich. Immerhin biete sie ein bescheidenes Auskommen, besonders in der Hauptsaison, wenn Oualidia aus allen Nähten platzt. „Viele Franzosen kommen, aber auch Einheimische“, berichtet er und lobt die Vorzüge des Ortes. Seine Austernbänke, die jährlich mehrere hundert Tonnen abwerfen. Ein Eldorado für Feinschmecker.

Es ist angerichtet. Kross gebraten liegen Fisch & Co. vor hungrigen Mäulern. Said hat an alles gedacht. Eine Flasche Chardonnay steht bereit. Sogar das Meer hat sich ausgetobt. Ruhe zieht ein. Am Horizont brennt ein roter Feuerball. Zeit für eine Frage: Was bietet Oualidia noch? Ein lebhaftes Dorfleben für jene, die sich jenseits von Austernbänken und Lagunenromantik ins arabische Milieu trauen. Oben an der Hauptstraße, die von kleinen Läden und einfacher Gastronomie gesäumt ist. Wo gen Abend mächtig gekocht wird. Tagines natürlich und deftige Fleischspieße mit viel Tomate und Knoblauch. „Und die Ruinen der Kasbah“, ergänzt Said. Mit ihrem unvergesslichen Blick über Land und Meer. Erbaut im 17. Jahrhundert von Sultan El Oualid, nach dem der Ort später benannt wurde, als trotzige Antwort auf die portugiesischen Befestigungsanlagen in El Jadida. „Dorthin müsst ihr als nächstes reisen“, empfiehlt er. Erst die kleine Festung hier, dann die große dort. Nachdenklich schlürft der Reisende am Wein und denkt wehmütig an Essaouira. Zückt den Reiseführer, wandert mit dem Finger entlang der Küste und wirft erneut die Münze. Voilà. Zufall sticht Künstlerhochburg. Wieder einmal.

El Jadida, die Neue, die 1513 von den Portugiesen unter dem Namen Mazagan gegründet wurde, liegt auf einer Landzunge, die Richtung Norden in den Atlantik hinein ragt. Rund 144.000 Einwohner leben hier. Ohne viel Rummel, zumindest außerhalb der Saison. Entsprechend unspektakulär empfängt der Ort seine Gäste. Kein lästiges Verkaufsfeuerwerk. Dermaßen ignoriert verzieht sich der Neuankömmling beinahe schmollend in die nächste Teestube und beobachtet. Fliegende Händler, die in Scharen auf und ab laufen, aber offenbar nur eins im Sinn haben. Die heimische Kundschaft. Und nun Hamid. Ende 20 ist er. Hochgewachsen, schmuck gekleidet in blütenweißem Hemd und dunkelblauer Jeans. Gerade noch saß er am Nachbartisch. Jetzt ist er aufgestanden, verhandelt aufgeregt gestikulierend um ein glitzerndes Etwas und erhält schließlich den Zuschlag.

Glücklich trägt er die kostbare Errungenschaft zum Tisch. Eine Rolex. Die Teetrinker haben den Straßenhandel verfolgt und spenden Beifall. Die Stimmung ist aufgeräumt. Der Laden gut besucht. Wie viel er bezahlt habe, will einer wissen. Der Käufer schweigt. Immer noch stolz. Auch wenn nicht alles Gold ist, was glänzt. In Marokko sei das öfter so, sagt Hamid. Fez beispielsweise. Alle wollen nach Fez. Aber Fez sei dreckig und stinke. Rabat langweilig. Agadir überlaufen. Und Casablanca? „In Marokko sagen wir Casa“, berichtigt Hamid und lacht über die Reiseplanung per Münzwurf. „Fez ist natürlich toll, auch wenn es tatsächlich stinkt.“ Marrakesch, die Künstlerin an sich. Ein absolutes Muss. Casa eher nicht. Spricht’s, wirft einen hektischen Blick auf das glitzernde Imitat und verabschiedet sich wortreich. Nicht ohne den Reisenden ein glückliches Händchen zu wünschen.

Die trollen sich nun ebenfalls. In Richtung Altstadt, der Cité Portugaise. Sie ist eine aus dem 16. Jahrhundert stammende Hafenfestung, die von den Portugiesen auf den Überresten einer Ansiedlung der Almohaden-Sultane aus dem 12. Jahrhundert errichtet wurde. Damals sollte sie den Seeweg nach Indien sichern. Heute ist sie UNESCO Weltkulturerbe und ein angemessener Ort, um zu flanieren und zu nächtigen. Beispielsweise im „Maison d’Hotes de la Cité Portugaise, das mit schmucken Zimmern und Dachterrasse besticht. Dort gibt es Frühstück und Panoramablick über alte Gemäuer und wilde See. Innerhalb der Cité, keine drei Minuten vom Gästehaus entfernt, befindet sich die Citerne Portugaise. „Einst diente sie als Waffenlager, später als Wasserspeicher“, erklärt Aziz, während er durch das stille unterirdische Gemäuer führt. Nur ein einziger Lichtstrahl dringt hinein, direkt auf einen dünnen Wasserfilm auf dem Boden, in dem sich das Deckengewölbe und seine Säulen spiegeln. Ausgangs der Citerne verweist Aziz auf die Porte de la Mer. Früher sei sie tatsächlich das Tor zum Meer gewesen, als die Cité noch auf Meeresspiegelniveau lag und man das Mini-Venedig mit dem Boot befahren konnte. „Die Franzosen schütteten Sand auf“, sinniert er. Die Zisterne verschwand und wurde lediglich zufällig wiederentdeckt.

Unweit der Altstadt beginnt der kilometerlange Stadtstrand, der dieser Tage lediglich von jugendlichen Sportskanonen belagert wird, die ihr tägliches Trainingsprogramm absolvieren. Fußball, Surfen, Leichtathletik. Stundenlang lässt es sich zuschauen und die Zeit vertrödeln. Später einen Marsch zum Schiffswrack unternehmen, etwa 3-4km vom Zentrum entfernt. Hier hat man dann wirklich den Strand für sich allein. „Die Stille, die Sonne, das Nichts“, so Paul Bowles, der gern kokettierte, über seine Wahlheimat.

Am späten Nachmittag, wenn die Gluthitze eine Verschnaufpause einlegt, lädt der Hafen zu einem Schauspiel der besonderen Art. Bunte Holzkähne schippern rein und raus. Grimmig drein schauende Fischer spießen Köder auf ein Gewirr von Angelhaken. Ganze Familien sitzen in Bootsschuppen und flicken Netze, während eine Eismaschine Gefrorenes speit, um den Fang zu kühlen. Hummer, Thunfisch und Kabeljau, wohin man schaut. Es wird geschlachtet und gesäbelt. Blut rinnt über die Verkaufstische. Gefräßige Möwen verwerten Abfälle. Tobende Kinder üben Kopfsprünge in die Hafenplörre.

Gen Abend, wenn das Treiben im Hafen zu Ende geht, erwacht das urbane Leben anderswo. Nicht weit entfernt, im Bereich der Rue Mohammed V, die mit ihren imposanten Bauwerken aus kolonialer Zeit das kommerzielle Zentrum der Stadt darstellt, flaniert ein nicht enden wollender Menschenstrom auf und ab. Wohin sie gehen und woher sie wohl kommen, fragt sich der Zuschauer des Freilufttheaters, der in einer der vielen Gaststätten entlang des Boulevards Platz genommen hat und die Vorführung genießt. Bei marokkanischen Gerichten wie Harira und Couscous oder einem knusprigen Hähnchen an einem der vielen Bratstände. Spirituelle Lebensmittel bekommt man in der „Epicerie“, westlich vom Place Mohammed V. Gegenüber hat sich eine Teestube positioniert. Von hier aus lässt sich den Einheimischen beim Kaufrausch zugucken. Beim Hamstern von Bieren und Schnäpsen, die in schwarzen Plastiktüten konspirativ von dannen geschleppt werden. Öffentliches Trinken findet anderswo statt. Im Le Tit, auf der Avenue Mohammed VI.

In deutschen Kleinstädten beginnt die Nachtruhe gegen 22 Uhr, nicht jedoch hier. Auf dem Markt unweit der Rue Zerktouni wird fleißig gehandelt. In einem Park nahe der Altstadt ist Freizeit angesagt. Bei Spiel und Spaß. Oder ernsten Gesprächen. Im Schatten der großen Festung tummeln sich Generationen. Gedanken an Familienbande drängen sich auf. An Sultan El Oualids Minibollwerk, den Sprößling aus gemeinsamer portugiesischer Historie. Kleine Schwester, großer Bruder. Beide hat das Meer geformt. Oualidia dort, eine Perle, die sich hinter der rauen Schale eines arabischen Straßendorfes verbirgt. Hier in El Jadida, eine moderne Strandstadt vor kolonialer Kulisse. Weise hat die Münze entschieden. Die zum atlantischen Maghreb führte. Zu Lagunen und Festungsanlagen. Fischern und Fritzen. Irgendwohin in den nächsten Tagen. So die Münze will. Doch davon ein anderes Mal.

Über Sarah Paulus

Ich bin freie Autorin mit Fokus auf Reportagen und aktuelle Themen rund um Reise, Politik, Menschen und Kultur. Meine Artikel und Reportagen wurden u.a. in der FAZ, der Süddeutschen Zeitung, der Morgenpost, dem Tagesspiegel, der Welt/Welt am Sonntag, bei Spiegel Online sowie in diversen Magazinen veröffentlicht. Sarah Paulus
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