Syrien (Teil 3): Time is big

Manchmal kann man voraus buchen, wie man will, am Ende guckt man trotzdem in die Röhre. Oder sagen wir besser, in ein leeres Gesicht. „Okey, okey, welcome!“, ist die einzige Reaktion des Hotelangestellten. Dann folgt offensives Schweigen. Wir sind in Dair az-Zur, wollen nach Aleppo und wie sich herausstellt, haben wir kein Auto und keinen Fahrer. Natürlich könnte man Bus fahren. Allerdings fiele dann der Abstecher zum Assad-Staudamm flach. Außerdem wollen wir unbedingt Auto fahren. Das haben wir uns in den Kopf gesetzt. In Syrien kann man weitestgehend nur Autos mit Fahrer mieten, zumindest ist es fast genauso teuer. Also haken wir beim Hotelangestellten nach, denn schließlich hatten wir vorbestellt. „Okey, okey, no problem.“ Ja, diese Antwort kennt man. Auf keinen Fall heißt sie, dass es kein Problem gibt. Das hat wohl auch der Hotelangestellte erkannt. Wilder Aktionismus bricht aus. Hyperaktives Telefonieren.

Nach einer Weile stehen zwei Fahrer vor uns. Noch bevor wir einschreiten können, entbrennt ein Streit um die europäische Kundschaft. Da wird gezetert und gedroht, der arme Hotelangestellte muss erneut telefonieren. Zwar sind wir einen langen Moment potentieller Kunde, aber nicht unbedingt König. Bis sich einer der beiden, Mahmud, durch gezielte Intervention davon überzeugen lässt, mit dem Geschrei aufzuhören und loszufahren.

Sagen wir treffender, er brettert los. Hup, hup. Einige Fußgänger flüchten von der Straße. Hup, hup. „Fifty kilometer nothing left and right“, erläutert Mahmud die bevorstehende Tour und hupt was die Tröte hergibt. Es geht vorbei an staubigen, gesichtslosen Straßendörfern. Scharen von Menschen sind am Wegesrand unterwegs, offensichtlich auf dem Weg von oder zu ihren Feldern. Hup, hup. Das Licht scheint seltsam gelblich. Wir fahren durch einen Sandsturm. Hup, hup. Am Straßenrand tobt der Wind den Menschen durch die Kleider, die sich jedoch kaum beirren lassen, geschweige denn ablenken von ihrem täglichen Einerlei. „Time is big“, philosophiert Mahmud. Hup, hup. Wir nicken zustimmend. „I speak English something“, fährt er fort und stellt seinen Wortschatz sofort unter Beweis: „Damascus, Palmyra, Airport…“. Wir sind beeindruckt und lassen ihn wissen: „You are a very good driver.“ Mahmud lächelt stolz in den Rückspiegel. Huuuuup.

Den Assadstausee und die dazugehörige Burg Quala’at Djabr erreichen wir über den Ort ath-Thaura. Vor der Überfahrt des Damms gibt es eine Polizeisperre. Na klar: Pässe vorzeigen. Wieder einmal. Burg und See sind im Sandsturm kaum zu erkennen. Wir besichtigen sie dennoch, wobei es nur ein halber Besuch wird, da uns der Wind beinahe über die völlig ungesicherten Abgründe weht. Währenddessen trifft Mahmud einen Bekannten, der ein französisches Pärchen nach Aleppo kutschieren soll. Das trifft sich gut, muss er sich gedacht haben, sollen doch die Deutschen mit den Franzosen mitfahren. Feierabend. Time is big. Enthusiastisch versucht er, seine Idee zu vermarkten, derweil sich die Nutznießer des Deals eher unbeeindruckt zeigen. Die Franzosen tranchieren versonnen ihren Fisch, wir kauen am Hühnerbein. Nun beginnt der Bekannte seine Charme-Offensive. Wenigstens spricht er ganz gut Französisch, wenngleich das den Deal nicht wesentlich vereinfacht. Zumindest nicht wirtschaftlich. Wir haben Alleinbelegung gebucht und werden jetzt kaum zu viert in der Kutsche schwitzen – für den gleichen Preis. Während Mahmud erlahmt in der Sonne sitzt, macht nun der Bekannte ein Angebot. Allerdings verheddern wir uns im Kauderwelsch der französischen Zahlenwelt und so führt auch dieser Vorstoß ins Leere. Dann erhebt sich der Herr Franzose. Er hat seinen Fisch vertilgt, den Kaffee geschlürft und ist nun ausreichend gestärkt für die Eröffnung des Datenraums. Auf einer Serviette werden die Eckdaten der Transaktion dahin gekritzelt. Wer hat was vereinbart und wer bezahlt nun welchem Fahrer wie viel. Mit der Schriftform geht das relativ fix, sogar in Französisch. Na dann: Announcement, Signing, Deal-done. Mahmud schaut zwar ein wenig bedrückt. Aber so ist das Leben. Und sowieso: Time is big. Money auch.

Manchmal. Einige Tage später soll es von Aleppo über Sirdjilla und Hama nach Qala’at al-Hosn (Krac des Chevaliers) gehen. Per Mietwagen und Fahrer. Auch im Hotel in Aleppo kann man sich unserer Buchung per e-mail nicht mehr erinnern. No problem. Dieses Mal stimmt das. Am nächsten Morgen steht Mohamed nebst Auto pünktlich bereit. Mohamed ist schweigsam. Und er hupt kein einziges Mal. Am Nachmittag erreichen wir unser Hotel al-Wadi – im Burgimitat-Stil changierend mit sozialistischer Plastikprotzbaukunst. Von unserem Zimmer schaut man direkt auf die Burg. Mohamed fragt, ob er uns noch schnell hochfahren soll. Wir lehnen dankend ab. Soweit kann das schließlich nicht sein. Dann stehen wir unschlüssig in unserem abartig großen Zimmer herum. Vom Fenster bis zum Bett sind es locker zehn Meter. Kein Mensch nutzt die riesige, etwas abgehalfterte, Poolanlage, auf die wir von unserer x-ten Etage hinabschauen. Wer auch? Es ist 15 Uhr. Die Touristengruppen, für die dieses Riesenhotel mit Sicherheit hergerichtet wurde, sind entweder im Krak oder noch im Bus. Gen Abend erst werden sie eintreffen, um an großen Tischreihen mit Mensaessen ruhig gestellt zu werden und um 22 Uhr in ihren Zimmern verschwinden.

Rolf blickt verträumt durchs Fenster hinauf zur Burg. Ich ahne Verhängnisvolles. Die paar Kilometer. Stunde vielleicht! Mehr nicht. Ja, ja – time is big. An der Rezeption fragen wir nach dem besten Fußweg zur Burg. Die Angestellten gucken verstört. Das hätte noch keiner versucht. Man wisse es nicht. Also die Straße entlang – den Daumen gereckt auf vorbei fahrende Autos hoffend. Eigentlich bin ich ziemlich gut im Trampen. Allerdings fährt auf dieser Straße kein einziges Auto und ich denke wehmütig an Mohamed zurück, während Rollos Blick in die Ferne gleitet. Das bedeutet nichts Gutes. Meist bedeutet es, dass er eine Idee hat, was auf dasselbe hinausläuft. Nach einigen Metern gebietet er Halt. Hier sei ein Weg. Er könne ihn bis zur Burg verfolgen. Eine echte Abkürzung. Ein Kinderspiel. Ich maule nachdrücklich mit dem Ergebnis, dass wir weiter auf der Straße entlang gehen. Nach einigen Metern wiederholt Rolf seinen Vorschlag. Und nach weiteren zehn Sekunden nochmal. Es ist zum verrückt werden. Also wie immer. Wanderwege und Straßen seien etwas für alte Leute. Man müsse auch mal etwas anderes wagen. Laber. Quengel. Laber. So gehen wir auch dieses Mal den kürzeren Weg, die Klügere gibt nach.

„Hast Du auch die richtigen Schuhe an?“ fragt Rolf mütterlich. „Die Frage kommt ziemlich spät“ schnauze ich zurück.

Und richtig, der Weg verschwindet und wir latschen über ein Feld. Die Burg fest im Blick. Dann ist auch das Feld zu Ende und vor uns breitet sich der städtische Müllplatz aus. In der Nachmittagssonne silbrig glitzernd versperrt uns der Limes den Weg. Umgehen? Ausgeschlossen, viel zu groß. Dann eben zurück, oder? Aber einer läuft weiter und weiter. In diesem Moment hasse ich ihn aufrichtig und stolpere wutentbrannt hinterher. Zwischen allerlei Hausrat liegen mächtige Knochen herum. Tierknochen? Ganz bestimmt. Hoffentlich. Und weitergestolpert. Über Knochen und Stein. Immer Rolf hinterher. Möglichst schnell durchkommen lautet die Devise. Ich habe das Ziel aus den Augen verloren. Wo wollten wir hin? Plötzlich stehen wir vor einem modrig stinkenden Bach mit einer wirklich großen Hecke und unzähligen Disteln am anderen Ufer. Ein undurchdringbarer biologischer Schutzwall. Dann eben zurück, oder? „Dornröschen, hierlang!“, werde ich eingewiesen. Ich hasse ihn. Schlangen, denke ich plötzlich und könnte heulen. Bloß keine Schlangen und streunende Hunde. Hier ist keine Menschenseele, die einen retten könnte. Ein Weg, ein Königreich für einen richtigen Weg. Wir kommen zu einer Bauruine. Die habe Rolf der Späher von der Straße aus gesehen. No problem. Hier müsse irgendwo ein Weg langführen. Du mich auch. Und wirklich. Da ist der Weg. Ein steiler Weg. Viel zu steil. Nach nur wenigen Metern schnaufe ich wie eine Dampflock. Rolf macht ein Foto und nun bin ich mir ganz sicher. Den bringe ich um. Ganz bestimmt. Wenn ich wieder Luft kriege. So erreichen wir das Dorf, das sich direkt an den Krac des Chevaliers schmiegt und treffen auf tobende Kinder. Sie haben diese altmodischen Katschis dabei und hüpfen schreiend um uns herum. Auch das noch. „Hello, hello. Where are you from?“ Ich dampfwalze weiter. „Water!“, schreit einer der Jungen. Was will er nur? Wild gestikulierend zeigt er auf einen größeren Wassertrog mit echtem Wasserhahn. Ich halte meinen Kopf ins eiskalte Wasser. Unbeschreiblich. Guter Junge.

Während Rolf später durch die Ruinen kriecht, schlürfe ich köstliche Ananasbrause im Burgrestaurant. Am Eingang lese ich die Werbung eines Reisebüros: ‚Rosetta reizen‘. Fast falle ich vom Stuhl. Schön wars dann doch irgendwie. Ehrlich. Zurück fahren wir übrigens per Anhalter. Das erste Auto kam und hielt an. Pathfinder und Supertramp.

Über Sarah Paulus

Ich bin freie Autorin mit Fokus auf Reportagen und aktuelle Themen rund um Reise, Politik, Menschen und Kultur. Meine Artikel und Reportagen wurden u.a. in der FAZ, der Süddeutschen Zeitung, der Morgenpost, dem Tagesspiegel, der Welt/Welt am Sonntag, bei Spiegel Online sowie in diversen Magazinen veröffentlicht. Sarah Paulus
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