Syrien (Teil 1): Von Menschen und Moscheen

Sengend heiß bricht die Nachmittagssonne in den weiten Innenhof. Mächtige Säulengänge umschließen ihn vollständig und spenden einem Teil des Hofes ein wenig Schatten. Hier kichern, kreischen und toben Jungen und Mädchen in farbenfrohen Outfits über den spiegelglatten Boden, während die Gläubigen am Brunnen andächtig ihre rituellen Waschungen vornehmen. An die Schatten spendenden Säulen gelehnt, verharren Männer und Frauen. Manchen unterhalten sich in kleinen Gruppen, andere meditieren in sich gekehrt, lesen ein Buch oder schreiben eine wichtige sms. Dies scheint kein Ort zu sein, den man besucht, sondern ein Ort, an dem man verweilt – auf dem Boden liegend oder sitzend oder durch die Säulengänge wandelnd. Stühle oder sonstige europäische Verweilmöbel gibt es nicht, nicht hier, in der Umayyaden-Moschee von Damaskus, eine der ältesten der Welt.

Auch ich sitze auf dem Boden an einer dieser imposanten Säulen und denke immer wieder: „Wow, was für eine bunte, illustre und dennoch befremdliche Welt“. Nervös zupfe und zerre ich an meiner schwarzen Kutte herum, die Pflichtbekleidung für westliche Besucherinnen. Ist auch alles ordentlich bedeckt? Rutscht da nicht schon wieder eine Haarsträhne unter der Kapuze hervor? Fasziniert schaue ich einer Gruppe Frauen nach, die von Kopf bis Fuß in schwarze wallende Gewänder gehüllt sind und wie ein Schwarm Dornenvögel an mir vorbei wehen. Ich weiß nicht, ob Dornenvögel wirklich schwarz sind, wahrscheinlich eher nicht aber ich wollte sie nicht mit einem Krähenschwarm vergleichen, zumal insbesondere die Jüngeren unter ihnen durchaus eine majestätische Anmut ausstrahlen. Und während ich so vor mich hin träume, kommt eine der schwarzen Frauen direkt auf mich zu, zeigt aufgeregt auf den Fußboden und überschüttet mich mit einem Schwall fremder Laute. Endlich begreife ich. Meine Schuhe! Bevor man eine Moschee betritt, zieht man die Schuhe aus und stellt sie am Eingang ab. Ich habe meine Schuhe zwar ausgezogen, dann jedoch mitgenommen und achtlos auf den Boden des Innenhofes gelegt.

Endlich ist Rolf wieder da, Rolf von Arabien, der sich hier sofort wie zuhause fühlt. Ich hingegen will weg, raus, einen Tee trinken, irgendwo, wo ich nicht ständig irgendwelche Regeln beachten muss.

„Komm, ich zeig Dir die Gebetshalle.“

Lieber nicht. Wahrscheinlich darf ich gar nicht rein. Ganz bestimmt mache ich wieder irgendwas falsch. Die Gebetshalle ist mehr als 100m lang und mit einer 45m hohen Adlerkuppel versehen. Dieser Raum, in dem sich Frauen und Männer in getrennten Bereichen aufhalten, wirkt wie ein riesiges Wohnzimmer. Auf dicken Teppichen liegen, lümmeln oder sitzen Gläubige. Sie beten, lesen oder schlafen. Gedämpftes Murmeln berauscht die Sinne. Linkerhand, in einem mit grünem Glas versehenen Grabmal sollen die Gebeine, manche sagen auch nur das Haupt, von Johannes dem Täufer liegen, der von Christen wie Muslimen als Prophet verehrt wird.

Schon wieder kommt eine Frau auf mich zu. Ohne etwas zu sagen, nimmt sie meine Hand und führt mich zu einem anderen Raum, der den Kopf des Prophetenenkels Husain beherbergt, einer der wichtigsten schiitischen Märtyrer. Die Luft ist erfüllt vom Raunen und Murmeln und von den inbrünstigen Lauten der vielen betenden schwarz verhüllten Frauen, die sich um das Heiligtum drängen. Ursprünglich soll sich der Kopf des Prophetenenkels in der benachbarten Ruqqaya-Moschee befunden haben. Sie ist relativ neu und nach dem Vorbild der Moscheen in Isfahan mit Geldern des Irans erbaut. Auch diese Moschee kann man als Nicht-Gläubiger besichtigen. Frauen erhalten ebenfalls eine Kutte, dieses Mal in modischem Grau. Die Ruqqaya-Moschee ist ein wichtiges schiitisches Pilgerziel und seit dem Umzug des Kopfes des Prophetenenkels ist es auch die altehrwürdige Umayyaden-Moschee.

Von den Amerikanern auf die Axe des Bösen abgeschoben und auch in deutschen Zeitungen als Polizeistaat verschrien, wird Syrien von vielen als ein Land gesehen, dass man besser nicht bereisen sollte.

„Syrien? Um Himmels Willen!“

„Wieso?“

„Sind da letztens nicht welche entführt worden?“

„Keine Ahnung.“

„Ach egal, Hauptsache ihr kommt lebend zurück.“

So oder so ähnlich verlief hierzulande, kurz vor unserer Abreise im letzten Jahr, jedes zweite Gespräch zum Thema Syrien. Freunde und Bekannte ängstigen sich, Verwandte verstummen ehrfürchtig. Gibt es in Syrien Meinungsfreiheit? Ganz bestimmt nicht. Demokratie? Fehlanzeige! Polizeigewalt? Mit Sicherheit. Kann man sich in Syrien als Ausländer frei bewegen? Klar doch. Ist es sicher? Ja, ist es und groteskerweise wahrscheinlich gerade deshalb, weil es ein diktatorisch geführtes Land ist, in dem mit Polizeigewalt für Ordnung gesorgt wird. In jeglicher Hinsicht. Sollte man deswegen nicht nach Syrien reisen? Reisen wir nicht auch nach China und kaufen gerne die preiswerten T-Shirts? Würden wir nicht auch nach Nordkorea reisen, wenn man uns ließe?

In Schwarzafrika geht man bei Anbruch der Dunkelheit besser nicht auf die Straßen. Hier beginnt das Leben, wenn die Sonne untergeht und die Hitze des Tages ein wenig aus den engen Gassen weicht. Alt und Jung, ganze Familien mit kleinen und großen Kindern flanieren, schwatzen, spaßen und spielen in den Parks und auf den Plätzen der Städte. Ausländer werden von den Einheimischen überaus höflich und zuvorkommend behandelt. Kommt es einmal vor, dass man von Bettlern belagert wird, ist sofort ein Syrer zur Stelle, der den Wegelagerer in die Schranken weist. Sie sind ein stolzes Volk! Stolz auf ihre jahrhundertelange reiche Historie. Gedemütigt von der Moderne, in der sie als Schurkenstaat gelten mit dem abstrusen Flair eines beinahe niedlichen Spätsowjetismus, als verarmte Diktatur mit einer Wirtschaftsleistung pro Einwohner von gerade mal 4.800 USD, weniger als in Tunesien, weniger als in Ägypten, in Jordanien und Marokko.

Bunt ist die syrische Gesellschaft dennoch. Die anmutigen Dornenvögel sieht man nur selten im Stadtbild. Vielmehr ist es geprägt von Leben und Betriebsamkeit, von Handel und Wandel in den Suqs, von arabisch-modischem Design. Ein Großteil der erwachsenen Frauen ist verschleiert, mit bunten oder farbigen Tüchern, immer jedoch in Kombination mit längeren bis teilweise bodenlangen Jacken oder Mänteln. Je älter und religiöser desto dunkler. Männer je nach Alter tragen Stoffhosen und Hemd, nicht selten den kurdisch anmutenden Oberlippenbart, die jüngeren eher Jeans und T-Shirt. Die Mädchen hingegen unterscheiden sich kaum von ihren Geschlechtsgenossinnen in der westlichen Welt. Ohne Kopftuch und quietschebunt tollen sie ausgelassen auf Spielplätzen, schwatzen, toben und stehen ihren Brüdern in nichts nach.  Warum dürfen die das? Ab wann gilt die allgemeine Helmpflicht, wie Rolf es ausdrückt? Wir finden es leider nicht heraus.

„Der Mensch kann nur ein Paradies haben und meines ist im Himmel“, soll der Prophet Muhammad ausgerufen und sich geweigert haben, Damaskus, die Stadt mit dem Beinamen Djannat al-Ard, das Paradies auf Erden, zu betreten. Sie gilt als die älteste durchgehend bewohnte Stadt der Welt, der Ort an dem Kain den Abel erschlagen haben soll und Saulus zum Paulus wurde.

Vom Madrileno zum Damascener wurde José. Er ist Barkeeper im „After Seven“, eine kleine Kneipe in der Sh. Bab Sharq Nr. 7. Viele junge Leute tummeln sich hier, drinnen wie draußen vor der Tür, wo die Raucher auch auf diesem Flecken Erde ihr letztes Asyl finden. Wir kommen gerade von einer anderen Empfehlung, der Bar Al-Azariya, wo man gesellig ein Bierchen trinken könne, auch mit Einheimischen, hieß es. Zumindest an diesem Abend trifft die Beschreibung nicht zu. Ein verlorenes Touristenpärchen zahlt gerade. Dann sind wir allein. Die Leere ist gähnend. Das steckt an, auch die Kellner. Und so trübe wie die Stimmung ist dann auch das syrische Flaschenbier. Ein Blick aufs Etikett verrät, die offizielle Haltbarkeit ist abgelaufen. Nicht so im „After Seven“. José hat alle Hände voll zu tun und dennoch den Überblick. Beim Wein-Nachholen spricht er mich an. Auf Deutsch. Und man glaubt es kaum, mit niedlichem sächsischem Akzent. Kurz nach seiner Geburt seien seine Eltern nach Deutschland gezogen. Nach der Wende habe es ihn dann für mehrere Jahre nach Leipzig verschlagen. Die Welt ist klein, auch im paradiesischen Damaskus.

Bescheidener gibt sich Halab, die Graue, heutzutage Aleppo, mitnichten grau, eher quirlig und orientalisch. Sie ist die größte Stadt Syriens und gilt als die schönste im ganzen Land. Bunter ist es hier und sauberer. Etwa 30% der Einwohner sind Christen, dreimal so viel wie in Damaskus, viele von ihnen Armenier, die 1920 auf der Flucht vor Verfolgung in ihrer Heimat nach Aleppo kamen und heutzutage das bezaubernde christlich geprägte Djudaide Viertel bewohnen.

Eine weitere Attraktion in Aleppo ist das legendäre Hotel Baron. Echte Berühmtheiten von Agatha Christie bis Lawrence von Arabien sollen hier genächtigt haben. Die Hotelbar sei ein unbedingtes Muss – auch heute noch, heißt es und so machen wir uns auf den Weg. Der Stadtplan hilft bei der Suche. Es ist heiß. Die Ananasbrause macht lediglich Durst nach mehr. Verschnaufen. Aufstehen. Weitersuchen. Finden. Enttäuschung.

Schon als ich eintrete, schleicht sich ein griesgrämiger Kellner misstrauisch von hinten heran. „Restaurant closed“. Erschrocken drehe ich mich um. „The restaurant is closed“, wiederholt er mit stolzem Gestus. Ich gebe mich unbeeindruckt. „The restaurant is…“, und wage einen Blick um die Ecke, wo eine ältere Dame in ihrem Essen herumpickt. „…closed“, vollendet er erneut. Ob er noch einen anderen Satz kann? „Closed!“ Gilt das als Satz? Unsicher kommt er auf mich zu. Zwei Arme fuchteln vor mir herum. Ob ich mir das Hotel ansehen kann? „No, restaurant closed.“ Dafür könne er mir eine Tagestour in die Umgebung organisieren, nach Hama zum Beispiel. So ein Mistkerl, denke ich und mime die Harmlose, so als würde ich gehen. Augenblicklich lässt er von mir ab und schleicht in eine andere Richtung davon. So schnell ich kann, renne ich nun in die Bar. Und herrje, was für ein Anblick. Ein vergammelter Raum. Brackig, morbide, hinfällig. Dazu passend ein räudiger Hund, eine dieser übellaunig dreinschauenden Riesendoggen. Hechelnd liegt er in der Ecke. Schleim tropft aus dem Maul. Lieber kein Bier als hier.

Dann doch lieber ins Beroea, wo man standesgemäß auf der Terrasse mit Blick zur Zitadelle speisen kann. Das Essen ist Spitze. Allein in den Vorspeisen, in Mutabbal und Tabbule, könnte man ewig schwelgen, käme da nicht noch gegrilltes Huhn und nochmal Salat und Fladenbrot sowieso bis man schließlich restlos genudelt ist und vor lauter Sattsein nur noch gleichmäßig vor sich hin starren kann. Die Verdauung nimmt jedoch ein abruptes Ende, als die Hintergrundmusik wechselt. Etwa für uns? Anstelle der sinnlichen orientalischen Weisen, quillt nun europäischer Dudelpop unablässig aus den Boxen. Erst eine Coverversion von ‚Stranger‘ dann ‚Time to say goodbye‘. Was uns das wohl sagen soll?

(Anm.: Der Text entstand Ende letzten Jahres und wurde im Wesentlichen nicht verändert.)

Über Sarah Paulus

Ich bin freie Autorin mit Fokus auf Reportagen und aktuelle Themen rund um Reise, Politik, Menschen und Kultur. Meine Artikel und Reportagen wurden u.a. in der FAZ, der Süddeutschen Zeitung, der Morgenpost, dem Tagesspiegel, der Welt/Welt am Sonntag, bei Spiegel Online sowie in diversen Magazinen veröffentlicht. Sarah Paulus
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