Madagaskar (Teil 4): Mora, mora

Es ist Donnerstag, 4.10 Uhr am Morgen. Der Wecker klingelt zehn Minuten zu spät. Jemand hätte die Uhrzeit richtig einstellen sollen.

Der Plan lautet wie folgt: Mit der Pirogue von Nosy Nato rüber zur großen Schwester, Nosy Boraha. Mit dem Taxi zur Inselhauptstadt, Ambodifotatra, um von dort mit dem Boot Soanierana Ivongo auf der Hauptinsel zu erreichen. Weiter mit dem Bus nach Mahambo. Übernachtung. Dann mit Auto und Chauffeur nach Tana und Abflug in die Heimat am späten Abend. Nichts leichter als das und schon in 15 Minuten soll ein Begleiter da sein, der beim Gepäcktragen vom Hotel zur Pirogue-Station helfen soll. Monsieur le Patron achtet auf Service, auch am letzten Tag.

Selbstverständlich ist es dunkel und es gibt noch keinen Strom. Wenigstens auch keinen Regen. Die bereit gelegten Kerzen sind nicht auffindbar, die Zahnbürste auch nicht, wie so vieles andere. Leichte Hektik kommt auf. Schon mal Ausschau halten nach dem Helferlein. Neben dem Bungalow steht eine dunkle Gestalt. Das muss er sein. Aufbruch 4.25 Uhr. Der Begleiter lässt sich bereitwillig einen Rucksack überhelfen, spricht aber kein Wort. Wir stiefeln durch die dunkle Nacht, den Strand entlang, vorbei an der Pirogue-Station. Wo will er hin? Keine Antwort. Wo ist der Pirogue-Fahrer? Keine Antwort. Ansätze von Hysterie machen sich bereit. Der dunkle schweigende Begleiter bleibt unbeeindruckt.

So geht das nicht weiter. Ich scheuche ihn zum Hotel zurück. Rolfi bleibt bei den Sachen. Wir müssen den Patron finden. Keine Ahnung, wo er sein Nachlager hält. Der dunkle Begleiter ist mittlerweile in der immer noch dunklen Nacht verloren gegangen.

„Monsieur le Patron, Monsieur le Patron“, rufe ich und haste hysterisch durch die Hotelanlage.

Endlich. Da ist er. Monsieur le Patron stürzt in halber Hose gekleidet aus einem der Bungalows. Hinter einem Baum erscheint der dunkle Begleiter, neben ihm eine weitere dunkle Gestalt. Aufgeregte Erläuterungen in noch aufgeregterem Französisch schwirren durch das Morgengrauen. Wenn ich diese Sprache nur besser beherrschen würde aber eines begreife ich dennoch: Wir sind mit dem Nachwächter mitgelaufen. Der eigentliche Begleiter (die weitere dunkle Gestalt) sei zwei Minuten zu spät gewesen. Der Pirogue-Fahrer würde auch schon nach uns suchen. Also zurück zur Pirogue-Station, nunmehr mit zwei dunklen Begleitern. Auf Anweisung des Patrons nehmen wir die Abkürzung. Das Lauftempo hält sich nach wie vor in Grenzen. Die haben echt die Ruhe weg, ich dagegen Schweiß auf der Stirn und nicht nur da.

Es ist 4.45 Uhr. Rolfi behütet brav unsere Sachen. Der Pirogue-Fahrer sei da gewesen aber wieder verschwunden. Ich glaube, ich werde wahnsinnig. Unsere Begleiter lehnen es kategorisch ab, uns nach Nosy Boraha zu staken. Das Wetter sei zu schlecht. Rolfi ist kurz davor, das Ruder nicht nur sprichwörtlich in die Hand zu nehmen, als der Pirogue-Fahrer wieder auftaucht. Gott sei Dank. Nun aber los. Hoffentlich ist der Taxifahrer auf der anderen Seite noch da. Ist er. Ankunft am Boot pünktlich 5.30. Wenn das so weiter geht, bekomme ich noch vor dem Fliegen einen Herzinfarkt.

Am Hafen von Ambodifototra stehen mehrere Boote zur Überfahrt bereit. Vor einigen warten überwiegend Vazahas. Vor unserem überwiegend Einheimische. Bei einigen Booten werden bereits die Schwimmwesten verteilt. Bei uns nicht. Andere Boote legen ab. Wir noch nicht…, dafür überholen wir später alle anderen und Schwimmwesten gibt’s auch.

Ankunft in Soanierana Ivongo gegen 7.30 Uhr. Regen. Die Bootsanlegestelle ist ein Konglomerat von verrotteten Holzstegen, brüchigen Hütten, Matsch, gackernden Hühnern und vielen Menschen. Noch vor zwei Wochen hätte mich ein solcher Ort in eine mittelschwere Depression gestürzt. Der Bus erweist sich als Transporter, als Taxi-Brousse, wie man auf einheimisch sagt, in den 14 Reisende gedrängt werden plus einiger Hühner und Gepäck, welches traditionell auf dem Dach Platz finden muss. Der Fahrer schmeißt die Stereoanlage an: „If tomorrow never comes“. Rolfi ist glücklich und singt laut mit. Die, die es verstehen, sind begeistert.

Bis Mahambo sind es rund 60 km und eine reichliche Stunde Fahrzeit. An der Dorfstraße werden wir abgesetzt. Kein Hotel in Sicht und auch kein Schild. Irgendwo am Strand soll es sein, etwa 20 Minuten Laufzeit. Es regnet gleichmäßig vor sich hin. Durch den Monsum. Willkommen im Tokio Hotel. Ein schöner großer Bungalow direkt am Strand und ein deftiges Frühstück mit Omelett, Baguette, Marmelade und viel Kaffee lassen auf einen guten Aufenthalt hoffen.

Wir hatten über dieses Hotel auch einen Chauffeur zur Rückkehr nach Tana gebucht. Kein Problem, war die letzte Nachricht per Mail nach Deutschland gewesen. Wir fragen bei den Hoteldamen nach, ob neben der Zimmerreservierung auch das geklappt habe. Leichte Unsicherheit. Aber wir sollten uns keine Sorgen machen…

Gegen 19 Uhr hat die Sorglosigkeit ein Ende. Chefe erscheint und erläutert wortreich seine Unschuld. Ersatzweise bietet er einen Chauffeur an, der das Doppelte kosten soll. Ganz bestimmt hält er uns für blöde. Sein dicker Landrover steht nebenan. Ob er uns nicht wenigstens nach Tamatave fahren könne? Non, Madame. Gegen Bezahlung? Auch nicht. Großzügig bietet er einen Transfer ins 20 km entfernte Fenerive an, wo es eine Taxi Brousse Station gebe. Von dort würden wir nach Tamatave fahren, dort in ein anderes Taxi Brousse umsteigen und weiter nach Tana. Schließlich würde unser Flieger erst gegen Mitternacht starten; das sei überhaupt kein Problem; er kenne diesen Flieger nach Paris und er sei letztens gegen 15 Uhr in Mahambo aufgebrochen…. Was bleibt uns übrig: Bis Tana sind es etwa 350 km. Das sollte an einem Tag zu schaffen sein, auch mit 30km/h, auch in Madagaskar.

Frühstück um 6 Uhr. Monsieur le Patron nebst Auto stehen verabredungsgemäß bereit. Während der Fahrt zeigt er uns Fotos seiner Finca in Frankreich und berichtet wortreich von seinen Charity Projekten. Sackgesicht! Gegen 7 Uhr Ankunft in Fenerive bei einem Taxi-Brousse. Monsieur le Patron erklärt, wo wir hin müssen, warum und wie schnell. Alles kein Problem. Dann verschwindet er schleunigst und wir warten auf Kundschaft. Jedes Taxi-Brousse in Madagaskar, somit auch dieses, wird erst losfahren, wenn alle Plätze verkauft sind. Bis jetzt dümpelt der Akquisitionserfolg bei ganzen fünf Tickets. Gegen 7.30 ist die Fahrt noch immer kein Kassenschlager und wir beschließen, das ganze Taxi aufzukaufen, sofern man denn non-Stopp bis Tamatave durchfahren würde.

Gesagt, getan. Dass mit dem Non-Stop war natürlich ein leeres Versprechen. Unterwegs werden Schulkinder, Erwachsene, Korbmöbel, Hühner und Obststiegen fröhlich ein und aus geladen, Pinkelpausen inklusive. Nach komplexer Passage einer Brücke-über-Fluß-Baustelle erreichen wir Tamatave rund 100 km später gegen 9.30 Uhr.

Kaum ausgestiegen, umringen uns scharenweise Menschen, die uns SOFORT nach Tana bringen wollen. Aber wir wissen – Taxi Brousse gibt es viele. Solche, die fast voll sind und WIRKLICH SOFORT los fahren, eher wenige. Etwa 30 Minuten lang versuchen wir uns zu orientieren, immer umringt von einer Menschentraube, die ohne Unterlass auf uns einredet. Plötzlich steht ein ziemlich gut besetztes Taxi-Brousse vor uns. Man sei bis auf drei Plätze voll. Wir sollten doch einzusteigen, damit man endlich los fahren könne. Also rein. Das Taxi fährt sofort los, allerdings erst einmal auf einen anderen Parkplatz. Dort steigen die Insassen des Gefährts aus. Fehlt nur noch, dass sie sich schreiend vor Lachen auf die Schenkel klopfen. Die Nummer mit dem gut besetzten Taxi-Brousse klappt halt immer wieder. In aller Ruhe werden nun die Tickets ausgestellt, handschriftlich, versteht sich, was gefühlte 30 Minuten dauert. Nun müsse man nur noch auf die letzten drei Fahrgäste warten. Gegen 12 Uhr geht es tatsächlich los, wenngleich noch nicht ganz, denn drei Straßen weiter sollen noch zwei Fahrgäste aufgelesen werden. Dann passiert es. Der Fahrer begeht einen folgenschweren Verstoß gegen die madagassische Straßenverkehrsordnung, worin das Vergehen besteht, bleibt unklar. Immerhin scheint die Angelegenheit so schwerwiegend zu sein, dass die polizeiliche Klärung eine weitere Stunde kostet.

Es ist 13 Uhr. Nun muss man wissen, dass die Straße zwischen Tamatave und Tana eine vom Hafen kommende und somit eine insbesondere mit Tankwagen und sonstigen LKWs recht viel befahrene Straße ist. Zudem recht kurvenreich. Also brettern wir vorbei an all dem schweren Gerät und erklimmen schon jetzt röchelnd die ersten Anstiege. Das eigentliche Bergland liegt noch weit vor uns. Gefühlt jeden Kilometer steigen Fahrgäste ein und aus. Auch Schulkinder. Manchmal wissen sie nicht, ob sie nun einsteigen oder doch laufen wollen. Manchmal steigen sie nach 300m wieder aus und manchmal muss einige 100m zurückgesetzt werden, weil der Schulfreund, der eigentlich laufen wollte nun doch mitfahren will. Ich verbringe die Zeit sinnvoll und rechne noch einmal die Fahrkilometer nach. Von Tamatave nach Tana sind es nicht 250, sondern 350km. Au weia!

Dann saufen wir ab. Mitten im Nichts. Mehrere Neustarts bleiben erfolglos. Bei jedem Versuch gurgeln die Eingeweide des altersschwachen Geräts erbärmlich. Anschieben. Männer an die Front. Frauen verharren in ihren historischen Rollen. Selbst der Himmel weint in Strömen und die Uhr tickt gnadenlos voran. Aber es geht weiter und zwei Stunden später erreichen wir das 130km entfernte Brickaville. Es ist 15 Uhr. Pause. Nicht mal eben nur kurze Pinkelpause. Sondern richtig Pause, mit Restaurant und Essen.

Das geht so nicht weiter, zumindest nicht mit uns. Zeit für einen kühlen Kopf,  THB und eine Zigarette. Wir sind an einer gut befahrenen Straße direkt nach Tana. Es muss wenigstens einen mit einem halbwegs vernünftigen Auto geben, der uns mitnimmt. Die erste Ansprache schlägt fehl. Man sei schon voll. Ich deute an, dass wir bezahlen würden und sehe ein kurzes Aufflackern, sozusagen das Dollarzeichen, in den Augen. Aber nur kurz. Der Wagen ist wirklich voll. Hilfsweise werden wir an das gegenüberliegende Restaurant verwiesen. Dort könne man bestimmt ein Auto auftreiben. Nicht jedoch, wenn man völlig im Wald steht. Also zurück zur Straße und den Daumen raus. Das nächste Auto hält und zwei Chinesen blicken mich freundlich an. Ich erkläre das dringendes Anliegen und man muss vielleicht noch ergänzen, in welcher Verfassung ich die besagte Erklärung abgebe: Ziemlich abgerissen und schmuddelig, Zigarette in der rechten, die halbvolle THB Flasche in der linken Hand. Die Chinesen gucken weiterhin gleichmäßig freundlich und sagen: „Madame, natürlich. Kein Problem!“

Madame? Ich? Wow! Offensichtlich haben wir ein Auto. Noch dazu einen passablen kleinen Flitzer nebst beherztem Fahrer, sodass die Überholmanöver spannend wie bisher bleiben. Plötzlich Pause. Wir erfahren, dass der Fahrer ein kurzes Nickerchen machen müsse. Man sei schon den ganzen Tag unterwegs. Schon recht. Besser so als beim Überholen. Im Pausengespräch stellt sich heraus, dass wir es mit Vater und Sohn zu tun haben. Beide leben schon seit einigen Jahren in Madagaskar. Händler seien sie, wofür auch immer. Gefallen täte es ihnen überhaupt nicht. Alles sei so schwierig, die Straßen, die Infrastruktur und überhaupt. Wohl, wohl. Nach etwa 30 Minuten ist Papa wieder frisch und munter und es geht weiter durch die Hochebene von Tana. Enge Kurven reihen sich in endlosen Serpentinen. Auf der Gegenfahrbahn rollt tonnenweise schweres Gerät, eines nach dem anderen, wie auf einer Perlenkette. Es regnet, es ist neblig, es ist dunkel. Gut, dass Papa ausgeschlafen ist. Ich zumindest sehe nichts mehr. Was bleibt in Momenten wie diesen? Nicht viel. Nur man selbst. Wenn man Glück hat, die Hand des Liebsten und die Erinnerung an daheim. Und so bin ich ganz ruhig,  schließe die Augen in der tiefen Überzeugung, dass ich weitestgehend ein guter Mensch war und dass mir nichts passieren wird.

Nach 220km und vier Stunden im Chinesenmobil kommen wir gegen 20 Uhr in Tana an. Überglücklich liegen wir uns alle in den Armen. Auch unsere chinesischen Highway-Kapitäne scheinen erleichtert. Zu gern wüsste ich, wie es unserem Taxi-Brousse ergangen ist. Hätten wir unser Flugzeug auch ohne Umsteigen erreicht? Diesen Ochsen vom Tokyo Hotel in Mahambo sollte man verfluchen. Sei‘s drum! Zurück in der Heimat werden wir huldvoll Chinesisch essen gehen und einen Reisschnaps auf Papa und Sohn trinken.

Au revoir, Madagaskar.

Über Sarah Paulus

Ich bin freie Autorin mit Fokus auf Reportagen und aktuelle Themen rund um Reise, Politik, Menschen und Kultur. Meine Artikel und Reportagen wurden u.a. in der FAZ, der Süddeutschen Zeitung, der Morgenpost, dem Tagesspiegel, der Welt/Welt am Sonntag, bei Spiegel Online sowie in diversen Magazinen veröffentlicht. Sarah Paulus
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