Madagaskar (Teil 3): LOST

Nach einem Flugzeugabsturz stranden die Überlebenden des Fluges Oceanic 815 auf einer Insel im Pazifik. Die Geschichte ist eine Mischung aus „Herr der Fliegen“ und „Robinson Crusoe“, spannender allerdings, mysteriöser und ergreifender. Gedreht wurde auf der hawaiianischen Insel O’ahu. Sie ist ein magischer Ort, der die Gestrandeten nie mehr loslassen wird, nicht physisch, schon gar nicht emotional. Die erste Episode sah ich auf DVD. Unmittelbar danach war ich ein LOST-Junkey. Die dosierte wöchentliche Darreichungsform der Abenteuer von Kate, Sawyer, Jack und deren Freunden auf den gängigen privaten Fernsehkanälen hätte sich schwerlich mit meinem Suchtprofil vertragen und so stürzte ich mich wie ein Quartalssäufer auf jede neue DVD-Staffel unmittelbar bei Erscheinen und vertilgte sie übers Wochenende am Stück. Zwischenzeitlich hätte die Welt unter gehen können, ich wäre nicht dabei gewesen. Nach der letzten Episode habe ich herzzerreißend geheult. Eigentlich bin ich noch immer traurig.

Was hat LOST mit Madagaskar zu tun? Nichts.

Wir sind Gäste des Fluges Air Madagaskar MD 0530 von Tana nach St. Marie. Es ist ein sonniger Tag. Die Stewardessen tragen adrette rote Kostüme, es gibt Getränke und Sandwich, jeder hat einen Sitzplatz, das Gepäck scheint am richtigen Ort zu sein und überhaupt macht das Flugzeug, zumindest auf den Laien, einen passablen Eindruck. Nichts Selbstverständliches in einem der ärmsten Länder der Welt. Wie immer habe ich Flugangst und das bedeutet: Ich bin überzeugt, dass wir bestimmt gleich abstürzen werden. Ergo starre ich vor mich hin, verkrampfe bei jedem Geräusch, bei jeder Windböe und erst recht bei jeder Turbulenz. Nicht einmal Lesen funktioniert als Ablenkung, da ich mich auf keinen einzigen Satz konzentrieren kann. Also langweile ich mich fürchterlich und gehe zweimal aufs Klo, um wenigstens irgendwie die Zeit todzuschlagen und natürlich, um das viele Bier loszuwerden. Es ist nicht mein erster Flug in Madagaskar aber ich weiß jetzt, wie es geht.

Mit einem Geländewagen kamen wir von Bekopaka. Hinter der Avenue des Baobabs mehren sich die Schlaglöcher. Kurz vor Morondava sucht man den Asphalt beinahe vergeblich. Etwas später zweigt der Schweizer Käse nach rechts ab: Es geht zum Airport und nach wenigen 100m steht man vor einer Baracke, dem Flughafengebäude. Wie schon erwähnt, habe ich Flugangst, nicht nur hier, selbst in einem Lufthansa-Flug von Berlin nach Frankfurt. Hier stehe ich vor einem Drittewelt-Flughafen und soll ein Drittewelt-Flugzeug besteigen. Meine Gedanken kreisen um marode Holzpritschen, Stehplätze, heraushängende Kabel, mitreisende Hühner, Chaos, und Schotterpisten, die als Landebahn dienen. Schweiß bricht aus sämtlichen Poren. Was zur Hölle hat mich nur geritten? Einer kennt das schon und schaut mich besorgt an. Was ist denn los? Sieht doch ganz ok hier aus. Da haben wir schon schlimmere Ecken gesehen. Man kann sich viel einreden. „Wir holperten und ruckelten wild über die Warmluftströmungen…“, schrieb Mark Eveleigh in seinem Buch „Madagaskar- der sechste Kontinent“. Oh, mein Gott. Ich will weder reden noch sehen, noch weniger denken. Am liebsten wäre mir eine kontrollierte dreistündige Ohnmacht und so beschließe ich zum ersten Mal in meinem Leben bereits um 7 Uhr morgens zügellos Alkohol zu konsumieren. Eins muss man den Madagassen lassen. Überall im Land und zu jeder Tageszeit gibt es THB, selbst in der Baracke eines Provinzflughafens kurz nach Sonnenaufgang. Nach der ersten Pulle tagträume ich von Überlebenstraining im madagassischen Dschungel. Nach der zweiten starre ich wohlwollend den vorbei rollenden Propellermaschinen hinterher. Nach der dritten grinse ich die vorbei schwankenden Mitreisenden dümmlich an. Allerdings sind es nicht sie, die schwanken, sondern mein Oberkörper, der leicht um den Mittelpunkt osziliert. Super! Mann, geht es mir gut. Andere scheinen weniger entspannt und werfen mir strenge Blicke zu.

Zurück zu Flug MD 0530. Nach 45 Minuten wird das Korallenriff sichtbar, dahinter Nosy Boraha, wie die Insel in der Landessprache heißt, und ihre kleine Schwester Nosy Nato. Die Landebahn reicht von Meerseite West bis Meerseite Ost, was nicht mehr als ein Katzensprung ist. Der Flughafen selbst hat den Charme eines Gartenlokals, dennoch herrscht Ordnung: „Nix Foto“. Nicht das Flugzeug, nicht die Landebahn, nicht das Gebäude. Na gut, dann halt später. Schließlich braucht man nur um die Flughafenbaracke herumlaufen. Dort mündet das nördliche Ende der Landebahn in die Straße nach Ambodifotatra, der Hauptstadt von Nosy Boraha. Nix Zaun. Nix Polizei. Man kann genügend Fotos machen oder sich auf die Landebahn legen und den dicken Vögeln am Bauch krabbeln.

Wenn alle Reisenden ihr Gepäck eingesammelt haben, öffnen sich die Tore des Gartenlokals und davor warten die Abholer. Wir haben im Hotel Maningory auf der kleinen Schwesterinsel gebucht. Vom Flughafen sind es wenige Gehminuten bis zum Strand und schon tuckern wir per Motorboot zu unserem Domizil. Die Bungalows sind einfach und traditionell. Strom gibt es erst gegen Abend. Wer Glück hat, logiert in der ersten Reihe, zehn Meter vom Strand entfernt mit direktem Blick auf die See. Und wenn der rote Feuerball am späten Nachmittag gen Horizont eilt, gibt es keinen perfekteren Ort als die kleine Bar gleich nebenan. Unter einem riesigen Palmenwedel spinnt man versonnen den Blick gen Westen, den Sundowner in der rechten, das Glück in der linken Hand. Hier könnte die Welt zu Ende sein. Hier möchte man bleiben bis zum jüngsten Tag.

Am Morgen eben jenes jüngsten Tages, als der Alte in seinem tausendjährigen Bart noch nicht so recht wusste, was er mit sich anfangen und vor allem, was daraus werden sollte, tauchte er seine Hände in diese riesige Wasserschüssel und formte darin selbstvergessen ein Eiland, so klein, dass er es bequem in wenigen Stunden umwandern konnte. Dann nahm er einen Pinsel und malte riesige Kokospalmen mit schwingenden Fächern, die sich wie Baldachine über das Ufer wölben. Das sah schon mal ganz gut aus. Aber der Alte, der nun wirklich kein junger Mann mehr war, hatte arge Schwierigkeiten bei seinem all morgentlichen Bad. Immer wieder rutschte er auf den glitschigen Steinen aus und plumpste, von diesen riesigen Wellen mitgerissen, ins Wasser, bevor er auch nur sein Gebet verrichten konnte. Das ging nicht an. Also schüttete er feinen weißen Sand auf und umgab das Eiland mit einem Riff, auf dass sich das wütende Wasser woanders austoben möge. Schon viel besser. Aber nicht vollkommen. „Try this“, sagte eine innere Stimme und da er diese öfter hörte, gehorchte er sofort und griff in die Falten seines wallenden Mantels, wo er drei kleine Fläschchen fand. „Try this first“, meldet sich die Stimme erneut. Er tat wie geheißen und gab drei blaue Tropfen um sein Eiland. Und wie von Gotteshand berührt, wurde das Wasser so kristallklar, auf dass dieser ständig blaue Himmel dort von nun an sein Antlitz bestaunen konnte. Schön, schön, philosophierte der Alte und betrachtete sein Werk bis es Mittag wurde, bis ihn nicht nur die Langeweile sondern auch ein Hüngerchen plagte. Hilflos sah er sich um. Niemand hatte vorgekocht. Niemand kümmerte sich um ihn. Also baute er im Innern des Eilands das Dorf Aniribe, stellte eine Handvoll Menschlein hinzu und hieß sie, Reis, Obst und Gemüse anbauen. Irgendwie würden sie schon zurechtkommen. Taten sie aber nicht. Jeden Tag kamen diese Menschlein und klagten mal über dieses und mal über jenes. Dem Alten wurde es leid und er grübelte tagelang. Eines Nachts gedachte er der unendlichen Wallungen seines Gewandes und ergriff wie von Gotteshand geführt das zweite der drei Fläschchen von einst. Er öffnete es, ließ den Inhalt entweichen und es passierte… nichts.

Griesgrämig erwachte er am nächsten Morgen. Doch kaum hatte er ein wenig geblinzelt, glaubte seinen trüben Augen kaum zu trauen. Noch grüner grünten die Palmen und Reisfelder, noch samtiger fühlte sich der Sand unter seinen Füßen an, noch blauer erschien dieser Himmel, beinahe trunken. Auf dem Weg ins Dorf kamen ihm seine Menschlein entgegen. Schon erwartete er die üblichen Nörgeleien, doch sie grüßten ihn freundlich, einige trällerten ein Liedchen, andere trugen geschnitzte Palmen und Boote, die sie ihm feilboten. „Mein Gott, was soll man mit diesem Zeug“, dachte er zunächst streng. Das kauft kein Mensch, nicht einmal aus moralischen Gründen. Doch er merkte alsbald, dass etwas anders geworden war, auch bei ihm. Es war diese innere, nie zuvor gekannte Ruhe und Gleichmut, das Gefühl der Unsterblichkeit, das nur die Toten im Himmel kennen. So soll es denn sein, gab sich der Alte zufrieden.

Glück ist ein Moment, maximal ein Zustand. Zustände ändern sich. Sorgenvoll saß nun der Alte auf seinem Turm im Süden des Eilands, den er vor vielen Jahren errichtet hatte. Das war eine spitzenmäßige Idee gewesen. So konnte er seine Menschlein beobachten und die vorbei fahrenden Schiffe, denn die Kunde einer geheimnisvollen Insel der Glückseeligkeit hatte sich über alle Weltmeere verbreitet. Dem Alten gefiel das gar nicht. Sein war das Eiland, mit niemandem wollte er teilen, was er geschaffen hatte. Also sandte er Blitz und Donner, wann immer sich eins dieser schwimmenden Ungetüme am Horizont näherte. Für viele blieb das Eiland unerreichbar. Einmal jedoch, alles er wieder einmal zu viel von diesem Zeugs genommen hatte, gingen die Ersten an Land. Fortan wurden es immer mehr. Heerscharen von neumodischen Fremdlingen fielen über das Eiland her, bauten Straßen und kleisterten die Strände mit Unterkünften zu.

Das geht so nicht weiter, beschloss der Alte. In einer sternenklaren Nacht erhob er sich aus seinem tausendjährigen Bart. Das dritte Fläschchen von einst, noch immer bewahrte er es in den unendlichen Falten seines Gewandes auf. Nun würde es sein Schicksal besiegeln. Gen Osten gewandt ließ er den Inhalt entweichen. Das Riff auf dieser Seite des Eilands wurde für immer zerstört. Fortan war der Weg frei für seinen Halbbruder Zyklon, der nun, wann immer ihm der Sinn danach stand, seinen Jähzorn austoben konnte. Paradies und Hölle sollten von nun an das Bild des Eilands prägen, ein Spiegelbild der Vergänglichkeit und eine Mahnung an die Menschheit, diesem Ort fern zu bleiben. Glück ist lediglich ein Moment, vielleicht ein Zustand, niemals jedoch ein Ort.

So ist es bis heute geblieben. Die Patrones mit ihren kleinen Hotelanlagen gruppieren sich bescheiden an den West- und Nordküsten mit ihren noch immer idyllischen Schöpfungen. Von Süden aus kann man den alten Leuchtturm bestaunen und die Verwegenheit der Ostküste mit ihren rauen Winden und zerzausten Palmen. Die Bewohner von Aniribe scheinen glücklicher zu sein als anderswo. Wovon sie leben ist unklar, abgesehen von Reis, Gemüse, Federvieh und dem Verkauf von naivem Schnitzwerk.

Am letzten Abend sitzen wir mit Daniel zusammen. Wind ist aufgekommen und es regnet ganz mächtig. Daniel ist Franzose, lebt auf La Réunion, wo er als Journalist arbeitet. Er spricht ausgezeichnet Deutsch und Englisch. Querbeet durch alle Sprachen haben wir an den vergangenen Abenden über Globalisierung und Kolonialismus, Musik und Film, Arbeit und Freizeit, Finanzkrise und Bescheidenheit und über seinen Lieblingsfilm „Good bye, Lenin“ diskutiert. Daniel war wie ein Komet am südlichen Sternenhimmel des Indischen Ozeans. Der Kontakt zu ihm ist abgebrochen. Manchmal denke ich, ihn und diese Insel kann es eigentlich nie gegeben haben.

Über Sarah Paulus

Ich bin freie Autorin mit Fokus auf Reportagen und aktuelle Themen rund um Reise, Politik, Menschen und Kultur. Meine Artikel und Reportagen wurden u.a. in der FAZ, der Süddeutschen Zeitung, der Morgenpost, dem Tagesspiegel, der Welt/Welt am Sonntag, bei Spiegel Online sowie in diversen Magazinen veröffentlicht. Sarah Paulus
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