Madagaskar (Teil 2): Mit dem Zug

Im CIA World Factbook erfährt man, dass Madagaskar über ein 854km langes Schienennetz verfügt. Tatsächlich wurden bis vor einigen Jahren lediglich 670km betrieben, davon drei Strecken im Norden, die die Hauptstadt mit Antsirabe, Tamatave und Ambatrasoratra verbinden sowie eine im Süden zwischen Fianarantsoa und Manakara. Aktuell wird nur die südliche Linie befahren. An der Wiedereröffnung der nördlichen Strecken soll gearbeitet werden aber so genau weiß das keiner, auch nicht die CIA.

Seit zehn Tagen sind wir in Madagaskar unterwegs. Wir brachten über 1.800km hinter uns, über Landstraßen und Buckelpisten, per Boot und Fähre, selbst der einheimischen Fluggesellschaft haben wir uns anvertraut. Jetzt geht es auf die Schiene. In einem Land mit nur einer befahrbaren Bahnlinie ist das ein Muss, mehr noch: Wer sich diesem Abenteuer nicht stellt, erlebt nicht wirklich Madagaskar. Die Strecke zwischen Fianarantsoa und Manakara am Indischen Ozean ist etwa 160km lang. Die Fahrzeit auf den antiken Anlagen beträgt 8-10 Stunden. Der Zug fährt täglich, jedoch immer nur in eine Richtung. Selbst mancher lokale Touranbieter ist unsicher, an welchem Tag nun welche Richtung befahren wird. Ob überhaupt, bleibt sowieso eine spannende Frage bis zur letzten Minute. Wir haben die Ostrichtung gebucht, für einen Mittwoch im Oktober 2008.

Fianarantsoa, den Ausgangspunkt dieser Tour erreicht man auf der RN7 entweder von Tana, der Hauptstadt, kommend oder von Tulear aus südwestlicher Richtung. Am späten Nachmittag treffen wir mit Erie, unserem Fahrer, im Lac Hotel ein. Es liegt etwa 25km außerhalb von Fianarantsoa, in Sahambavy, inmitten einer malerischen Landschaft zwischen Reis- und Teeplantagen und wie der Name schon suggeriert, an einem See. Das Anwesen gehört einem Chinesen, der die liebliche Botanik mit einer recht eigenartigen Melange seiner Baukünste konfrontiert, besser gesagt erschreckt. Ein Haus erinnert an Hexe Baba Yaga, die Holzhütte daneben an Disneyland, der Unterschlupf gegenüber an Sylt. Die auf Holzbohlen in den See hineingebauten Hütten wecken Assoziationen mit Kanada aber nur kurz, denn gleich nebenan kann man durch allerlei Hecken, Rosenstöcke und anderes Geblüm irren und wandeln. Willkommen im Fantasialand. Afrikanisch ist das nicht, eher quietschig und dropsig. Kunta Kinte würde sich im Grabe umdrehen. Unser eigenes Pfefferkuchenhaus befindet sich im sogenannten Extension-Bereich, etwa 800m vom Haupthaus entfernt. An der Rezeption bekommen wir nicht nur den Schlüssel nebst stullenbrettgroßem Anhänger ausgehändigt sondern auch den Katalog der Serviceleistungen mit einem nicht enden wollenden Lächeln erläutert. Einen großen Vorteil hat das Hotel dann doch: Die Bahnstation Sahambavy liegt nur wenige Meter gegenüber.

Auch Erie ist ganz auf Service eingestellt. Wie auch schon an den Tagen zuvor, während unserer gemeinsamen Fahrt von Tulear über Ranohira nach Fianarantsoa, möchte er uns am liebsten den ganzen Tag bemuttern und keinen Schritt von der Seite weichen. So ist es denn auch völlig undenkbar, dass wir den weiten Weg von unserem Pfefferkuchenhaus bis zum Haupthaus, wo gegen 20 Uhr das Abendessen serviert wird, zu Fuß zurücklegen. Noch dazu allein. Und erst recht im Dunkeln. Erie ist entsetzt, beinahe außer sich. Nicht einmal der gepriesene freie Abend ohne die nervigen Deutschen lässt ihn seine Pflichterfüllung vergessen. Er könne doch fünf Meter hinter uns fahren. Wir würden das gar nicht merken. Erst später wird uns klar, in Ländern wie Madagaskar gehen nur die Armen zu Fuß. Wer diesen Status überwunden hat, fährt. Wer nur so zum Spaß oder weil es gesund ist, weite Strecken zu Fuß zurücklegt, läuft nicht ganz rund im Kopf. Höchstwahrscheinlich stimmt das und ganz bestimmt haben Psychiater in der westlichen Welt ein besseres Auskommen als in Madagaskar. Na jedenfalls dürfen wir nach langem Gezeter und vielen Rolfschen Beteuerungen allein ausgehen. Was für ein Etappensieg.

Noch ganz euphorisiert sitzen wir erwartungsfroh vor unserem Drei-Gang-Menue. Der erste Schluck Bier brandet gerade schäumend gen Magen, als die nächste Service-Attacke in Stellung geht: „Everything o.k.? Do you need anything else?“ „No thank you.“ Die Soupe Legume ist da und der zweite Löffel gerade im Schlund verschwunden. „Do you like the soupe? Do you need any spices?” “No thank you, its fine.” So geht das die ganze Zeit bis zur Rechnung. Rolf der Besonnene steht kurz vor der Explosion. Soviel Aufmerksamkeit macht selbst den service-entwöhnten Westeuropäer fertig. Wir flüchten aus dem Lokal, hinaus in die Nacht, der Mond scheint und unsere Körper werfen Schatten. Endlich allein. Auf halbem Weg blitzen Scheinwerfer in der Ferne auf. Ein Auto kommt näher. Es wird langsamer und hält direkt vor uns an. Es ist Erie. Ob alles in Ordnung ist. Ob er uns zum Haus fahren soll…

Am nächsten Morgen zwischen 7 und 8 Uhr soll das Abenteuer starten. Abenteuer? Natürlich ist Bahnfahren generell im 21. Jahrhundert kein Abenteuer mehr. In einem Land mit der Größe Madagaskars und nur einer funktionierende Bahnlinie schon. Kommt er oder kommt er nicht und vor allem kommt er an? Wir sind früh auf den Beinen. Freudig eilen wir zum Bahnhof. Nichts wollen wir verpassen, nicht einmal die Ungewissheit des Wartens. So scheint es auch den Einheimischen zu gehen. Wer nichts anderes zu tun hat, und dieser Beschäftigung gehen hier offensichtlich viele nach, tummelt sich auf dem Bahnsteig, um das wichtigste Tagesereignis mitzuerleben. Als gegen 8 Uhr der Zug tatsächlich aus der richtigen Richtung einfährt, ist die Freude kaum zu zügeln. An der Lok hängen vier Waggons. Zwei für Reisende mit Platzkarten, also in der Regel für Vazahas. Zwei etwas weniger geputzte für die Leutchen ohne Reservierung. Eine Angestellte des Hotels ruft Namen auf und verteilt Platzkarten. Auch wir sind dabei. Beide bekommen wir die Platznummer 11 und besteigen siegestrunken die wilde Kreatur. Uns gegenüber sitzt ein französisches Pärchen, das wir bereits in Miandrivazo kennengelernt haben. Es ist eng. Die Knie werden im Reisverschlussprinzip eingefädelt. Ça va? Gegenseitiges Lächeln. Bien! Eine halbe Stunde später geht es los.

Die nächsten 160km führen durch einen Landstrich, der anderweitig kaum zu erreichen ist. Vorbei an unzähligen kleinen Siedlungen, in einem unglaublichen Meer von grünen Bergen, Tälern, Feldern und Gärten. Was anderswo ärmlich wirkt, erscheint hier betörend reizvoll. Der Zug fährt über 67 Brücken, durch 48 Tunnel und hält in 17 Dörfern. Und er kann noch mehr. Er transportiert nicht nur Menschen, sondern auch Waren, die bei jedem Stopp ein- oder ausgeladen werden. Häufig müssen ganze Waggons hin- und her rangiert, ab- und wieder angekoppelt werden. Das dauert, bedeutet aber auch höchste Abwechslung. Neugierige und Gelangweilte, Händler und Bettler, Kinder und Greise – alle versammeln sich auf dem Bahnhof. Viele haben Stände aufgebaute oder bieten ihre Produkte in üppig beladenen Körben an: Gesottenes und Gebratenes, Früchte und Gemüse, gekochte Eier und Getränke. Für die Einheimischen ist der Zug eine wichtige Einnahmequelle und wer sich traut, kann getrost ohne Proviant reisen. Andere stehen oder sitzen herum und beobachten die Fremden. Die wiederum staunen zurück. Ein Doppelzooeffekt. Zeit spielt keine Rolle. Mancherorten dauert es eine Stunde, bis das dreifache Posaunen der Lok ertönt und die Reisenden in ihre Waggons zurück eilen.

Auf einem der Bahnhöfe haben die Bewohner einen alten Fahrradreifen zu einer Art Glücksrad umfunktioniert. Unzählige Dorfbewohner umlagern den vermeintlichen Glücksbringer und verlieren Kleinstbeträge im Sekundentakt. Ein mitreisendes Filmteam mit breitem amerikanischem Akzent steht neben uns mitten im Gemenge. Eine Dokumentation nach BBC-Vorbild wolle man drehen und diese nach Fertigstellung diversen kanadischen Fernsehanstalten anbieten. Nein, um Gottes Willen, sie seien keine Amerikaner. Kanadier. Man müsse sich heutzutage doch als US-Bürger schämen. Bush gehöre unbedingt weg, ereifern sie sich einmütig und lautstark. Dann ist die Glücksradszene abgedreht, der Kameramann kauft noch schnell ein paar Hühner, die während der restlichen Zugfahrt für hysterisches Gegacker sorgen. Ob der liebe Gott ihr Zetern erhört, bleibt zu bezweifeln, das der Kanadier hat er ganz sicher.

Rechnet man die vielen Aufenthalte heraus, fährt der Zug gar nicht so langsam. Um die 30km/h und mehr auf gerader Strecke werden durchaus erreicht und man muss gut aufpassen, um nicht von vorbeihuschenden Bananenstauden böse gebackpfeifft zu werden, während man offenen Mundes und mit dem Auge immer wieder am Sucher des Fotoapparats diesen Garten Eden für die Ewigkeit festzuhalten versucht. Gärten und Felder werden mit archaischem Gerät bewirtschaftet. Kinder toben in zerschlissenen T-Shirts mit Aufschriften vergangener Events der westlichen Welt fröhlich zwischen gackernden Hühnern und friedlich grasenden Zicklein. Kärgliche Hütten stehen neben riesigen Bananenbäumen mit prallen Fruchtstauden. Dass dieses Land eines der ärmsten der Welt ist, verschwindet hinter einem Nebel von beinahe surrealistischer Idylle, in der die Teeplantagen noch grüner, das Dorfleben noch friedlicher und die Obstgärten noch appetitlicher kaum sein können. Man weiß, dass man irrt und will es nicht wahr haben. Nicht hier, nicht jetzt. Nach zehn Stunden ohne eine einzige Minute Langeweile erreichen wir pünktlich Manakara.

Wie nicht anders erwartet, ist auch Erie zur Stelle. Er ist die Straßenroute gefahren und bringt uns in unser Hotel Ampilao Beach direkt am Indischen Ozean. Der Besitzer ist ein gestrandeter Franzose, der so aussieht als spräche er vielerlei Laster zu. Und wie der Herr, so offenbaren auch die Bungalows trotz ihrer 1A Lage ein trauriges Inneres, in dem sich lediglich Schwärme gefräßiger Moskitos wohl fühlen. Entsprechend lieblos ist das Essen. Es gibt eine ungenießbare Melange aus Kohlrabi und Huhn, in der die Knochen eine deutliche Mehrheit erobert haben. Auch der Tee schmeckt nicht weniger brackig und wenn man den Kellner mimenden Koch anschaut, dann wundert einen gar nichts. Er gleicht seiner rußigen Küche und die Berufskleidung scheint er seit 1786 nicht gewaschen geschweige denn gewechselt zu haben. Allein gelassen sitzen wir im Plastikmobilar auf der Restaurantterrasse. Kein anderer Gast hat sich hierher verirrt. Der Blick auf den nächtlichen Ozean macht die Sache auch nicht besser. Aus der Konserve knarzt „Desperado“ Doch selbst wenn alle Stränge reißen, auf eines kann man sich in Madagaskar immer verlassen: Es gibt THB.

Später am Abend taucht Erie auf. Es geht ihm nicht gut. Hals und Kopf tun weh. Er war in der Apotheke, um sich Medikamente zu holen. Stolz zeigt er seine Errungenschaften. Es sind bräunlich gefärbte ovale Pillen, die so aussehen wie Fisherman’s Friend. Ich muss kichern. Rolf versucht zu erklären. Ich kichere immer noch, wie man halt so kichert nach einigen Bieren. Erie ist verunsichert. Ich hole ihm zwei Aspirin, was ihn noch mehr verunsichert, weil er es für irgendwelches westliches Zeugs hält, von dem man entweder willenlos, abhängig oder noch schlimmeres wird. Da wir aber nun schon ein paar Tage zusammen unterwegs sind, vertraut er uns dann doch, bedankt sich überschwänglich und verspricht, den Bayer vor dem Schlafengehen einzuwerfen. Und dann halten wir uns gemeinsam ganz mächtig an die schweren Glasflaschen und als Johnny Cash mit seinem Desperado zum gefühlt hundertsten Mal aus der Anlage plärrt, brechen wir in haltloses Gelächter aus. Was für ein Tag, was für ein Kontrast. Da kann der Ozean noch so gigantisch tosen, dieses Nirgendwo kann man einfach nur an die Wand saufen.

(PS: Erie ging es am nächsten Tag blendend, uns nicht.)

Über Sarah Paulus

Ich bin freie Autorin mit Fokus auf Reportagen und aktuelle Themen rund um Reise, Politik, Menschen und Kultur. Meine Artikel und Reportagen wurden u.a. in der FAZ, der Süddeutschen Zeitung, der Morgenpost, dem Tagesspiegel, der Welt/Welt am Sonntag, bei Spiegel Online sowie in diversen Magazinen veröffentlicht. Sarah Paulus
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