Madagaskar (Teil 1): Die Verschiffung der Langsamkeit

Bunt bemalte Kähne schaukeln am Ufer. Drum herum Dorfkinder, die in brackigem Flusswasser toben und die ankommenden Fremden neugierig beäugen. „Bonjour Vazaha“, tönt es fröhlich. Willkommen in Masekampy, einer Ansammlung bescheidener Lehmhütten direkt am sandigen Flussufer des Tsiribihina. Ganz im Westen Madagaskars, wo die Menschen sich selbst begegnen – fernab von städtischem Trubel. Alle paar Tage jedoch erhöht sich hier das Verkehrsaufkommen. Immer dann, wenn Fremde auftauchen, um sich auf eine Bootstour in das noch fernere Belo zu begeben.

Für die etwa 160 km lange Strecke kann man zwischen zwei Alternativen wählen. Piroguen beispielsweise für bis zu vier Personen. Originell bei kurzen Fahrten. Beinahe tödlich bei langen, da der Reisende tagelang verkrampft auf dem eigenen Rucksack in der prallen Sonne brät. Ein Höllentrip, wie ein Pärchen aus Madrid später bestätigt, dessen Fernando einen Sonnenstich erlitt und tagelang reiseunfähig dahin vegetierte. Mehr Beinfreiheit bieten hingegen motorisierten Kähne für bis zu sechs Passagiere, die die Strecke in zwei Tagen bewältigen.

La Mission nennt sich unser etwa 12 m langer Kahn. Überdacht, mit Tisch und Sitzbank, einem kleinen Oberdeck nebst winziger Kombüse. Andere Kähne protzen mit frischer Farbe und Sonnenliegen. Unser betagtes Gefährt wirkt etwas lädiert und scheint in seinem Schiffsleben schon einige Missionen erfüllt zu haben. So auch Kapitän Jacques. Groß und hager ist er. Das T-Shirt schlottert am Körper. Der Hose wie auch einigen Zähnen fehlt es an Haltung. Kein Jack Sparrow, wenngleich mit piratischen Zügen. Kein Habitus, den ich auf Anhieb ins Herz schließe. Dazu ein fülliger Skipper, drei übermütige Bootsjungen und zwei ungleiche Köchinnen. Sieben auf einen Streich. Mein Fotograf und ich sind die einzigen Passagiere. Wir fremdeln ein wenig inmitten der übermächtigen Entourage. Doch während anderswo noch Proviant und Rucksäcke herumgeräumt werden, schmeißt La Mission bereits den Motor an. Wir tuckern von dannen. Mitgehangen. Gefangen.

Vieles ist fremd, exotisch, schlichtweg anders auf dem sechsten Kontinent, der weltweit viertgrößten Insel an der Straße von Mosambik, die bei uns deutschen Reiseweltmeistern als Urlaubsziel eher weniger gefragt ist. Und das, obwohl die Lemureninsel nicht nur die putzigen Sonderlinge mit den drolligen Gesichtern sondern ein ganzes Raritätenkabinett mit 180.000 Tier- und 13.000 Pflanzenarten zu bieten hat. Etwa 85% endemisch. Ein Bilderbuch mit Regenwäldern im Osten bis hin zu Trockensavannen im Westen. Auf einer Fläche, so groß wie Spanien und Portugal zusammen. Mit einer in weiten Teilen rudimentären Infrastruktur. 88% der Straßen sind nicht asphaltiert. Der Rest hat das Verfallsdatum lange überschritten. Kein Wunder, dass Autos nur mit Fahrer vermietet werden, öffentliche Verkehrsmittel zu Lande fast vollständig fehlen und Reisende überwiegend auf klapprige Sammeltaxis angewiesen sind. Ein zeitaufwendiges Erlebnis für geduldige Gemüter und all jene, die das Credo der madagassischen Gesellschaft „Mora, Mora“ verinnerlichen wollen. Langsam, langsam.

Obwohl wir nicht zu den Geduldigen gehören, reisen wir häufig nach Afrika. Pauschales Reiseambiente ist uns eher fremd. Dergleichen Sternehotels, es sei denn zum Entstauben und Wäschewaschen. Von hundertjährigen Schiffen, greisen Zügen und barocken Bussen können wir hingegen nicht genug bekommen. Wenn, ja wenn da nicht manchmal der Zeitdruck wäre, der uns wie hier zu Mietwagen und Chauffeur zwingt. Aber auch der braucht Zeit, um von Antananarivo kommend oder Tana, wie die Hauptstadt auch ohne Zungenbruch genannt werden kann, 440 km holpriger Pisten zu bewältigen. Doch was macht das schon. „Gott gab den Menschen Zeit, von Eile hat er nichts gesagt“, denke ich, im Polster des verbeulten Peugeot schaukelnd, während am Fenster rote Hügel, terrassenförmige Reisfelder und immergrüne Flussniederungen vorbei ziehen. Auf halber Strecke das Städtchen Antsirabe, wo wir übernachten und schließlich Miandrivazo, der wohl heißeste Flecken Madagaskars, wo sich bereits 1822 König Radama I in Geduld üben musste. „Miandry vazo aho – Ich warte auf eine Frau“, seufzte er in Erwartung eines Boten, der ihm seine Auserkorene, die Sakalava Prinzessin Rasalimo, bringen sollte. Heute ist der etwa 20 km von der Bootsanlegestelle in Masekampy entfernte Ort zentraler Anlaufpunkt einer kleinen nicht minder internationalen Weltenbummlerschaft. Von Briten, Spaniern und Franzosen, die allesamt zu einer Bootstour ins madagassische Outback aufbrechen wollen.

Obwohl die Insel recht spät, etwa um das Jahr 350 v. Chr., besiedelt wurde und die Bevölkerungsdichte mit 34 Bewohnern pro km2 bis heute vergleichsweise dünn ist, menschelt es selbst hier entlang des Flussufers. Frauen, die Wäsche waschen. Kinder beim Spielen. Drahtige Bootsmänner, die mit ihren Einbäumen umher staken oder fangfrischen Fisch feilbieten. Jene, die mit Gepäck auf dem Kopf durch knietiefes Wasser waten oder nach einer Mitfahrgelegenheit fragen. Wenn Captain Jack gnädig nickt, haben sie Erfolg. Dann wird ein Tramper ins nächste Dorf mitgenommen oder über ein halbes Dutzend Fische für das bevorstehende Mittagessen verhandelt.

Wenige Flusskilometer später fällt der Vorhang. Ende der Vorstellung. Einschläfernd plätschert der Fluss. Hitze flirrt über dem Wasser. Nichts passiert. Mir ist langweilig. Gerade erst losgefahren, denke ich und schon jetzt schmerzt der Rücken. Der Körper braucht Bewegung. Ich möchte etwas tun, irgendetwas. Wenigstens lesen, doch die Holzbank drückt. Wo bleibt das Abenteuer? Wo die Zerstreuung? Dann tuckert La Mission in Richtung Ufer.

Wir legen bei einem Dorf an und sind sofort von unzähligen Bewohnern umringt. Einer von ihnen, Lalak, führt uns herum. „Hier in der Gegend wird Tabak angebaut“, übersetzt Jacques, während wir in einer halbleeren Lagerhalle stehen. Gleich nebenan das Relikt einer weiterer, dem bis auf das Gerüst so ziemlich alles fehlt. Wände, Fenster, Türen, das Dach sowieso. Mittendrin lagern ausgediente Gerätschaften, die wacker dem kompletten Zerfall trotzen. „Ersatzteile sind teuer und schwer zu bekommen“, erläutert Lalak, während wir das Dorf weiter erkunden. Vorbei an strohgedeckten Lehmhütten, in denen es weder Strom noch fließendes Wasser gibt. Überall jedoch freundliche Gesichter aufgeschlossener Menschen, die uns Fremden fröhlich winken und nach  „Stylos“ fragen. Anderswo soll es Siedlungen geben, in denen Kinder schreiend davon laufen, weil sie noch nie Weiße zu Gesicht bekommen haben. Hier gehören die Besucher vom Mars zum Alltag, der seit Zeiten einen unveränderten Lauf zu nehmen scheint. Eine traute Gemeinsamkeit der Generationen und Arten. Kinder, Eltern, Greise. Gackernde Hühner, Enten und Ziegen. Bräsige Zebus und dösige Hunde. Ohne Fernseher, Apps und Facebook. Ein Idyll, wenn nicht die harten Fakten des ärmlichen Alltags eine andere Sprache sprächen.

Madagaskar ist eines der ärmsten Länder der Welt. Die Menschen sterben früher als anderswo. Dennoch wächst die Bevölkerung jährlich um 3%. Wie in vielen Ländern Afrikas, während sich westliche Gesellschaften reich schrumpfen. Um Besitzstände, Rezession und Inflation sorgen. Hier allesamt zahnloser Tiger, weil die Menschen ohnehin nichts haben. Nichts kann man nicht verlieren. Eine wohl zynische Logik, angesichts derer ich mich frage, warum wir nach Afrika reisen? Auf maroden Straßen mit museumsreifen Verkehrsmitteln. Warum wir zwei Tage auf einem alten Kahn verbringen, dem es an touristischen Annehmlichkeiten weitestgehend fehlt?

Antworten müssen zunächst einmal warten. Denn während wir unsere Fahrt fortsetzen, zeigt der Fluss seine Tücken. Unterm Kiel knarzt es ganz mächtig. Immer dann, wenn die Yacht auf Grund läuft. Zwar ist der Tsiribihina stellenweise bis zu 200m breit, in dieser Jahreszeit aber auch extrem flach. Alle Mann über Bord und schieben, heißt es nun. Ambitioniert springen wir hinterdrein. Erfreut über die Abwechslung. „Krokodile!“, ruft Jacques plötzlich und winkt energisch. Die Bootsjungen lachen, weil sie glauben, dass Krokodile nur Menschen fressen, die vorher einen ihrer Artgenossen getötet haben. Und weil überhaupt keine Langmäuler in Sicht sind. Die Abenteuerlust ist dennoch verflogen. Beschämt klettern wir in die Arche. Behütet von der todesmutigen Mannschaft, die das Schiff nun durch die Untiefen bringt. Immer wieder ziehend und schiebend. Bis zum Abend. Bis La Mission erneut das Ufer ansteuert, an dem sich nur wenige Meter landeinwärts ein malerischer Wasserfall verbirgt. La Douche Naturelle, die uns die Hitze der Trockensavanne ausgiebig vom Körper spült, während die Crew trockenen Leibes bleibt, neugierig zuschaut und verschämt kichert.

Später wird das Zeltlager auf einer Sandbank errichtet. In der winzigen Kombüse brutzeln Zebu Steaks neben brodelndem Reis. Drei Mal täglich wird ausgiebig gekocht. Morgens, mittags, abends. So auch jetzt. Françoise la Cuisinière hat das Sagen und rührt energisch im Topf. Die zweite Köchin, von der Mannschaft Madame Comédie genannt, macht ihrem Namen alle Ehre und kämpft sich unaufhörlich gackernd durch Berge von Möhren, Zwiebeln und Tomaten. Schließlich ist der Tisch gedeckt: Salat, Reis, Fleisch, Gemüse, Obst als Nachtisch – eine wahre Gaumenfreude.

Gegessen wird nach Rangordnung. Zuerst wir Gäste mit Jacques und Françoise. Dann der Skipper mit der albernen Zweitköchin, wohl seine Frau. Zu guter Letzt die hungrigen Bootsjungen. Was soll das Reihenfolgeessen, frage ich mich? Warum die Hierarchie? Nach einem Anflug von Entrüstung jedoch wird klar: Auch anderswo speisen Matrosen nicht mit Offizieren, schon gar nicht mit Passagieren. Nur der Kapitän macht das manchmal. Jacques nickt. So in etwa sei das auch hier. Später am Lagerfeuer gilt dann wieder Liberté, Égalité, Fraternity. Alle liegen gleichzeitig drum herum. Jacques spendiert ein Fläschchen Selbstgebrannten. In der Ferne wummern Trommeln. „Vielleicht ein Dorffest“, frage ich. „Eher eine Hochzeit“, vermutet Jacques. Und weil die fremden Sprachen wenig Konversation zulassen, singen wir uns Lieder aus der Heimat vor. Das Fremdeln des ersten Tages verfliegt ganz plötzlich. Macht Platz für einen großen inneren Frieden. Vom Nachthimmel schaut ein pummliger Mond neidisch zu. So, als wäre er auch gerne Teil dieser kleinen Familie.

Wohlbefinden jenseits von touristischem Einerlei. Mit einfachsten Mitteln werden wir liebevoll bekocht und umsorgt. Das allein verbindet. Nicht sofort, eher nachhaltig. Die Natur tut ihr Übriges. Immerfort zeigt Françoise auf Pflanzen und Tiere. Den Kopf würdevoll erhoben, auf den Lippen ein entrücktes Lächeln, als müsse sie uns für ihr Land einnehmen. Aber das sind wir schon längst. Im Sturm erobert von all den urigen Gestalten. Von Flaschenbäumen, Baobabs und Moringas. Schildkröten, Zwergmausmakis. Fossas und Fingertieren. Von Martin Pecheur dem Kingfisher, einem blau-gelb gefiederten Wicht, der hektisch auf der Reling hüpft, weil er von „Mora, Mora“ noch nichts gehört hat. Einmal erspäht Françoise tatsächlich ein Krokodil, was die Mannschaft schier aus dem Häuschen geraten lässt. Hektisch wird das Boot in Position gebracht. Alle, wir auch, starren in die gleiche Richtung, wo Schnappi herzallerliebst gähnt und die scharfen Beißerchen präsentiert. Nicht umsonst bedeutet Tsiribihina „Wo man nicht baden soll“. Nicht umsonst die Fürsorge des Kapitäns.

Tage und Stunden fließen dahin. Selbst Madame Comédie hat aufgehört zu plappern. Captain Jack macht ein Nickerchen, während Ery, der jüngste der Bootsjungen, hinten beim Motor hockt und das Boot mit den Füßen lenkt. Wachsam oder dösend, wen interessiert das, wenn Landschaft und Mannschaft miteinander verschwimmen und auch wir einen neuen Gemütszustand erreichen. Abschalten fällt plötzlich leicht, weil es nichts zum Abschalten gibt. Zeit kann man nicht todschlagen, weil sie als stummer Begleiter mitreist. Immer. Auf jeder Reise. Diese Fahrt lehrt Genügsamkeit und erzeugt Nähe. Zwangsläufig. Ohne Tamtam und viele Worte. Dennoch bleibt Fremde das, was sie sein sollte. Ungewohnt und unzugänglich. Jenseits von heimischen Routinen, die es hin und wieder zu durchbrechen gilt, weil man am Ende des Tages weiß, was Heimat ist und wo man hingehört. Oft ist das anstrengend und zugegeben – man muss es wollen und zulassen.

Kurz bevor ich das Gefühl habe, ewig auf diesem Fluss dahin gleiten zu können, erreichen wir das Ende der Bootstour. Schnell noch ein gemeinsames Mittagessen. Geschwind werden Abschiedsfotos geknipst, unsere Rucksäcke die Böschung hinauf gehievt. Die Crew winkt überschwänglich und verschwindet im Dunst der Flussbiegung. In Gedanken an die nächste Kreuzfahrt mit Weltenbummlern, die ihre Kaufkraft hoffentlich hier verausgaben und einen wichtigen Beitrag zum Lebensunterhalt leisten. Für Menschen wie Jacques, Francoise, Lalak und Ery. Wir hingegen warten am staubigen Ufer Belos. Mora, Mora. Auf eine Mitfahrgelegenheit und die Staubwolke des Wagens am Horizont.

Über Sarah Paulus

Ich bin freie Autorin mit Fokus auf Reportagen und aktuelle Themen rund um Reise, Politik, Menschen und Kultur. Meine Artikel und Reportagen wurden u.a. in der FAZ, der Süddeutschen Zeitung, der Morgenpost, dem Tagesspiegel, der Welt/Welt am Sonntag, bei Spiegel Online sowie in diversen Magazinen veröffentlicht. Sarah Paulus
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