Namibia (Teil 4): Aus

Ein Abstecher in die Touristenhochburg Soussousvlei, hinterlässt die Sehnsucht nach Einsamkeit, Leere und Nichts. Wir überschlagen die noch verbleibenden Tage und diskutieren die weitere Tour. Na ja, eigentlich bin ich es, die die möglichen Alternativen erklärt, während Rolf versonnen in den Himmel glotzt. Trotz der nicht geplanten Tour nach Etosha und vor allem wegen des verkürzten Atlantikaufenthaltes, haben wir mehr Tage im Gepäck, als ursprünglich gedacht.

Weiter im Süden lockt eine Fahrt durch das Tirasgebirge, entlang der D707, eine der schönsten Straßen Namibias, wie es heißt. Das Gebirgsmassiv ereicht eine Höhe von etwa 2.000m und erstreckt sich am östlichen Rand der Namib. Die Piste ist sandig, ausgefahren und lässt lediglich ein bräsiges Cruisen zu. Man mag aber auch gar nicht schneller vorankommen, viel lieber möchte man ewig bleiben in dieser flirrenden Hitze, die diesen menschenleeren Flecken mit seinem unendlichen Meer aus silbrig schimmerndem Wüstengras und den farbenprächtigen Fels- und Sandformationen im Hintergrund eine beinahe übernatürliche Schönheit verleiht.

Plötzlich entdecken wir in der Ferne Staubwolken. Das Fernglas wird herbeigeholt. Ein Auto. Uns entgegenkommend. Einige hundert Meter von uns entfernt scheint es abbiegen zu wollen, wendet dann aber wieder, um nun langsam auf uns zu zurollen. Vorsichtshalber steigen wir ins Auto. Man weiß ja nie. Der Wagen hält direkt neben uns. Im Pick-up drei weiße Männer. Ein Mann mit blutigem Gesicht in der Mitte. Mörder! Keine Frage. Für ein Testament ist es jetzt leider zu spät.

“Is everything ok with you?“

„Yep. Thank ya. Everything’s fine“, antworteten wir zögerlich und Rolfi fragt mit dem Anschein eines befreiten Lächelns zurück: „Who was the hunter?“

„Me“, antwortete das Blutgesicht.

Auf der Ladefläche liegt ein geschossener Oryx mit heraushängender Zunge und wir Greenhorns dürfen einen genaueren Blick auf den armen Bock werfen. Ein kurzes Gespräch, dann wendet der Wagen wieder. Zum Abschied erklärt der Fahrer beinahe entschuldigend:

„We just wanted to see if everything is fine with you. Cause the road is very bad and, to be honest, it’s getting even worse.”

Diese Info ist zwar lieb gemeint, aber nicht sehr ermutigend, trotz der nur noch 40km bis zu dem Punkt, an dem die D707 wieder auf eine vernünftige Straße trifft und wo das Neisip Restcamp liegen soll, dass wir zum Endpunkt der heutigen Tagesetappe erkoren haben. Mit jedem durchsandeten Kilometer wächst die Vorfreude. Endlich ankommen. Kein Autofahren mehr. Die Seele im Wüstenwind baumeln lassen. Keine anderen Aktivitäten. Einfach nur rumgammeln. Vielleicht ein bisschen lesen…

Leider nur ist das Camp nicht auffindbar! Jedenfalls nicht für uns. Wir befahren die beschriebene Stelle zwei Mal. Hoch und runter. Nix da. Kein Camp weit und breit.

Also Plan B. Weiterfahrt Richtung Klein-Aus Vista, weitere 57km in sengender Sonne. Wir kommen gegen 16.30 Uhr an und stolpern müde zur Rezeption. Ob wir eine Reservierung haben? Nein. Der Campingplatz sei voll, erklären uns zwei Damen. Nichts zu machen. Traurige Blicke unserseits. Und plötzlich erscheint Piet. Sankt Piet. Der Camp-Chef gibt ein paar Anweisungen in Afrikaans und die Damen bieten uns den Overflow an, einen einsamen Platz hinter den eigentlichen Camp Sites. Sogar mit Rabatt, weil die Dusche weite 200m Fußweg entfernt sei. So weit? Unfassbar. Die Damen versuchen, die genaue Lage des Platzes zu beschreiben. Wir nicken gehorsam ohne zu verstehen. Daraufhin greift seine Heiligkeit erneut ein und ruft einen Angestellten, der persönlich wenig später vor uns her fährt und den Weg zeigt. Der Platz befindet sich am Ende eines kleinen Tales, umgeben von mehreren Hügeln. Niemand außer uns. Dies sei eigentlich der schönste Platz, sagt unser Begleiter. Ganz sicher der Schönste, da hat er wohl recht.

Wir verbringen hier mehrere Tage ohne einen einzigen Menschen zu sehen. Der Gang zur Dusche erscheint uns unangemessen, schließlich haben wir Wasser im Tank. Erst recht der Weg zur Rezeption des Camps in 2km Entfernung. Wozu? Warum mit seinesgleichen an Tischen mit weißen Decken hocken, wenn der Kühlschrank gut gefüllt ist. Dennoch sind wir in bester Gesellschaft. Zum Frühstück schaut regelmäßig eine Meute hungriger Siedelweber vorbei, kleine Vögel, die riesige Gemeinschaftsnester bauen, in denen sie zu Hunderten wohnen. Schneller als gedacht ist das Frühstücksbrot aufgefuttert. Kleine graue Wüstenmäuschen, die zwischen dornigen Büschen umher huschen, hätten auch gerne ein paar Krumen, gegen die Dreistigkeit der Flugmonster haben sie jedoch keine Chance.

Später am frühen Nachmittag, immer zur selben Zeit, flaniert ein Trupp Wildpferde auf ihrem offensichtlich alltäglichen Spaziergang vorbei. Gelassen schreiten sie in ihrem gleichmütigen Rhythmus, bleiben in unmittelbarer Nähe stehen, schauen herüber und begutachten minutenlang unser Nichtstun, schnaufen verdrossen, dabei hier und da ein Bündel trockenen Grases kauend und schreiten schließlich von dannen.

Springböcke und Oryxe zeigen sich regelmäßig auf den umliegenden Hügeln, jene mittleren Erhebungen, die Rolf der Eroberer, nacheinander jeden Vormittag bevor die große Hitze in den Tag bricht, mutig besteigt. Ich und der Haushalt bleiben traditionell zurück. Die Frau ist hier eher faul, als dass sie in ihrer Entwicklung weiterkommen und eine Führungsrolle anstreben wolle. Keine gläsernen Decken, schon gar nicht hier in Namibias Afrika, wo dem Reisenden ein Gefühl unendlicher Freiheit suggeriert wird. Und so winke ich dem Bergsteiger treusorgend beim Abschied, immer darauf achtend, dass er eine Wasserflasche dabei hat, winke dem winzigen Menschlein, wenn es auf dem nächstgelegenen Berg angekommen ist und laufe ihm freudig entgegen, wenn er verschwitzt und glücklich von seiner alltäglichen kleinen Abenteuertour heimkehrt. Während er weg ist, erlebe ich die Abenteuer von Henno Martin und Hermann Korn, zwei deutsche Geologen, die 1935 nach Südwest-Afrika kommen und aus Furcht vor der drohenden Internierung in den Wirren des 2. Weltkrieges in die Namib Wüste flüchten, um dort zwei Jahre lang um das nackte physische und psychische Überleben zu kämpfen. Gern wäre ich ein kleines bisschen wie sie. Gern hätte ich nur einen Bruchteil dieses Pfadfinderwissens. Gern könnte ich etwas mehr als nur ein Abendessen aus beschränkten Ressourcen in einem einzigen Kochtopf zu zaubern und die Nacht mit Erdlichtern zu verschönern.

Der Leser ahnt, was nun kommt und mag sich gleichzeitig wundern oder auch lediglich gähnend hinterfragen, warum Afrika-Geschichten immer mit dieser kitschigen Abendstimmung enden müssen. Dazu kann ich nur eines sagen: Fahrt in dieses faszinierende Land. Sucht einen dieser entrückten einsamen Plätze. Seid euch selbst überlassen. Genießt diese sternenklaren afrikanischen Nächte. Lasst Mozarts Klarinetten, Beethovens Geigen oder Wagners pastorale Gesänge erklingen und den guten alten Tassenberg in Euch hinein fließen. Nur dieser dicke fette uralte Mond wird Zeuge sein, wenn Eure Körper inmitten der Nacht ihre eigenen Schatten werfen.

Sarah Paulus

Über Sarah Paulus

Ich bin freie Autorin mit Fokus auf Reportagen und aktuelle Themen rund um Reise, Politik, Menschen und Kultur. Meine Artikel und Reportagen wurden u.a. in der FAZ, der Süddeutschen Zeitung, der Morgenpost, dem Tagesspiegel, der Welt/Welt am Sonntag, bei Spiegel Online sowie in diversen Magazinen veröffentlicht. Sarah Paulus
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