Namibia (Teil 3): Eine deutsche Kleinstadt

Eigentlich wollte ich über Spitzkoppe schreiben. Aber Spitzkoppe ist so schön, dass man nicht darüber schreiben kann, ohne dass es für den neutralen Außenstehenden zwangsläufig kitschig, dropsig und langweilig klingt. Also schreibe ich lieber über eine deutsche Kleinstadt in Schwarzafrika. Doch bevor ich dazu komme, muss ich doch noch ein paar Worte über Spitzkoppe loswerden, weil mich die Nostalgie überkommt und weil Spitzkoppe sowieso mehr oder weniger auf dem Weg liegt.

Dieser führt vom Camp Xaragu kommend, entlang einer Kulisse verschieden farbiger Berge und Felsen und man möchte am liebsten permanent anhalten und bleiben. Mal eine Nacht so richtig wild und ungezügelt campieren. Ohne an marodierende Wildelefanten zu denken. Oder an das deutsche Ehepaar, dass vor einigen Monaten im Khomasgebirge westlich von Windhuk überfallen und dessen Mann erschossen wurde. Man kann in Namibia grundsätzlich wild campen. In der Realität ist das aber nur eingeschränkt möglich, da der überwiegende Teil der Gebiete jenseits der Straßen eingezäunt ist. Nicht so im Damaraland, wo wir uns gerade befinden. Hier ist freies Land und Rolf der Freischärler befindet sich gerade in einem mentalen Zustand zwischen Daktari und Daniel Boon. Er, der wegen eines Dackels normalerweise die Straßenseite wechselt, ist hier zum Bändiger wilder Tiere geworden. Im Xaragu Camp gab es so eine räudige herrenlose Töle, die uns ständig knurrend und zähnefletschend am Hosenbein hing. Angstschweiß floss literweise und dann legte sich das Getier auch noch direkt unter unseren Tisch. Hechelnd genoss es seine Überlegenheit, Sabber tropfte auf Rolfs Schuh.

„Ey Scheiße man“, stöhnte der, erinnerte sich jedoch verdrossen seiner Wehrpflicht und ließ eine Rute mit Schmackes auf den Tisch klatschen. Ja, ja, liebe Tierschützer, auf den Tisch, nicht auf das Getier, welches aber trotzdem pfeilschnell davon schoss. Die beiden trafen sich später noch öfter und es brauchte immer nur einen winzigen Moment des Begreifen, einen kurzen Blick des Getiers auf die Rute in Rolfs Hand, die er nur ein ganz klein wenig bewegte und schon ging das Großmaul betreten in die Knie und begab sich demütig auf Abstand. Herrchen Rolf, hatte die Fronten geklärt. Ein für alle Mal. Und nun will er in der Wildnis campieren. Ich nicht. Ich bin ein Angsthase.

„Spitzkoppe“, sage ich kleinlaut.

Rolf mault und so cruisen wir verdrossen weiter in Richtung Süden. Vorbei am Brandberg und über Uis. Früher wurden hier Zinn und Wolfram gefördert. Geblieben sind ein Supermarkt, der wie gewohnt sonntags geöffnet ist, eine Tankstelle, eine Gaststätte, ein trostloses Hotel und viele, sich langweilende Jugendliche. In diesem ehemaligen, heute von Arbeitslosigkeit gezeichneten Bergwerksort, muss man nicht verweilen. Logischerweise ist man auf einer Namibiafahrt immer sofort als Tourist erkennbar. Und die Mehrheit der schwarzen Bevölkerung ist leider arm. Ein Zwischenstopp bedeutet daher fast immer, in ein spontanes Gespräch verwickelt zu werden. Wo man denn so herkommt und wie man denn so heißt. Einer will Geld für den Schulbesuch, ein nächster das Auto bewachen, wieder ein anderer kunstvoll verzierte Kerne der Makalani Palme an den Mann bringen. Nie auch nur annähernd so aggressiv wie z.B. in Ägypten oder der Türkei. Aber eben doch immer wieder, wie auch hier in Uis.

Der letzte Streckenabschnitt zur Spitzkoppe führt berg- und talbahnartig in Richtung Plateau auf etwa 900m Höhe. Von dort ragt die Spitzkoppe weitere 800m in die Höhe. Unmittelbar am Fuße des Berges gibt es ein Camp. Es ist riesig. Wir finden einen Platz etwa fünf Autominuten vom Eingang entfernt! An einer Felswand. Von hier kann man das gesamte Plateau überblicken. Beeindruckend. Rolf schwankt zwischen Nörgeln und Faszination. Errungenschaften der Zivilisation gibt es hier nicht. Kein Wasser, kein Licht. Toiletten lediglich über einen ausgedehnten Spaziergang zu erreichen, Duschen nur am Eingang. Buschmann-Paradies. Hier haben sie gelebt, vor vielen Jahren. Felszeichnungen zeugen von früher Besiedelung. Heutzutage ist man allein, der nächste Camp-Nachbar nur mit Mühe in weiter Ferne zu erspähen. Rolf hat aufgehört zu nörgeln und baut nun verbissen am Sonnenschutz, der bei der nächsten Windböe in sich zusammenfällt. Ansonsten ist Selbstversorgung angesagt. Und wir haben alles, was wir brauchen. Uns! Kalte Getränke, Rotwein, Brot, Butter, den Propangaskocher, eine Auswahl guter Erasco Büchsen. Nicht zu vergessen Klassik. Einen Wassertank mit Schlauch und Dusche – und so wäscht Rolf Redford der Sarah Streep die Haare, während der taube Beethoven seine 2. Sinfonie aus der Konserve schmettert. Nur der dicke fette Mond ist Zeuge…

Bevor ich jetzt anfange zu weinen, schreibe ich ganz schnell, und nun endlich, über die deutsche Kleinstadt in Schwarzafrika.

Swakopmund liegt am Atlantik, südöstlich von Spitzkoppe am Ende einer passablen Piste durch flaches, ödes Niemandsland, umrahmt von flirrenden Bildern in weiter Ferne, die sich in Nichts auflösen, sobald man näherkommt. Etwa 40km vor der Küste wird die Luft spürbar kälter. Und mit jedem Kilometer fällt die Temperatur bis irgendwann Hentjesbay, 60km nördlich von Swakopmund, im Nebel erscheint. Einfamilienhäuschen liegen wie bunte Holzbausteine verstreut in einem Meer aus Sand. Dieser Ort ist leer und scheint generell eher etwas für die Erfrischung des Inlandsafrikaners im Hochsommer zu sein. Wir haben gerademal Frühlingsanfang und so ist der Atlantik wild und eisekalt, was die Alternativen einschränkt und einen Abstecher zum nördlich gelegenen Cape Cross ermöglicht. Wenn es eine Steigerungsform für Verlassenheit gibt, dann beginnt sie auf dieser Straße. Die Fahrt gleicht einer Reise nach Sibirien. Cape Cross selbst wirkt wie eine verlassene Ölbohrinsel und besteht aus einem einsamen Strand, einem beinahe verwehten Soldatenfriedhof, einer teuren Lodge sowie einer Robbenkolonie und der dazugehörigen, unvermeidlichen Permitstation mit zwei uninteressierten Mitarbeitern. Er lehnt dösend an der Hauswand. Sie schlurft immerhin heran, um den Permit für die Robbenkolonie zu kassieren, nicht jedoch bevor wir die in Afrika allseits beliebten Formulare zu unserer Herkunft ausgefüllt haben. Rolf übernimmt den administrativen Teil, während ich noch einmal erkläre, dass wir eigentlich gar nicht zur Robbenkolonie sondern nur zum Strand wollen. Kaugummi katschend und an einer Dose Fanta schlürfend, winkt uns die Herrin der Bürokratie lässig von dannen und lässt uns passieren. Ohne Permit. Und Rolf hüpft freudig neben mir her.

„Worüber freust Du Dich denn so?“

„Ach nichts.“

„Sag doch mal!“

„Mauz und Hoppel.“

„Wie, Mauz und Hoppel?“

„Na, so heißen wir.“

„Hast Du das ins Formular geschrieben?“

„Hmh.“

Am heutigen Kreuzkap errichtete Diego Cao, der wohl erste Europäer, der im Jahre 1486 die südwestafrikanische Küste erreichte, ein Kreuz zu Ehren von Johannes von Portugal. Diego Cao war auf der Suche nach einem Seeweg nach Indien und zu den Gewürzinseln. An Bord befanden sich Steinkreuze, die die Mannschaft an besonders markanten Punkten aufstellen sollte, um die Besitznahme durch die portugiesische Krone zu manifestieren. Während der deutschen Kolonialzeit, wurde das Steinkreuz nach Berlin verbracht und durch ein schlichtes Holzkreuz ersetzt, welches kurze Zeit später durch eine Nachbildung aus Stein ersetzt wurde. Zum Ende des 20. Jahrhundert ermöglichten private Spenden die Errichtung eines weiteren Steinkreuzes, das dem Original mehr entsprechen sollte. Also findet man heutzutage am Kreuzkap zwei steinerne Kreuze.

Einige Kilometer weiter nördlich beginnt Skeleton Coast, der nach Meinung vieler Experten größte Schiffsfriedhof der Welt. Hier haben die dichten Nebel über dem kalten Benguela-Strom und die peitschenden Sturmfluten des Südatlantik einen Pakt mit dem Teufel geschlossen. Und selbst wenn es den Schiffbrüchigen gelang, der stürmischen See zu trotzen und das rettende Ufer zu erreichen, so verschlug es sie an den Rand der Namib Wüste, wo sie auf ihrem Weg ins Landesinnere, in der Hoffnung auf fruchtbare Gebiete hinter den Küstendünen, elendig in zugrunde gingen.

Reichlich 100km südlich lässt die Natur Milde walten. Ein Fluss mündet in den Atlantik, der Weg ins Landesinnere ist verhältnismäßig günstig. So sahen es auch die Deutschen, als sie 1892 den Grundstein von Swakopmund legten, nachdem Hauptmann Curt von Francois mit dem Kanonenboot „Hyäne“ nördlich der Swakop-Mündung an Land gegangen war.

Heute ist Swakopmund noch immer architektonisch wie kulturell durch die deutsche Kolonialzeit geprägt. Rund 37% der etwa 22.000 Einwohner sind Weiße, davon wiederum 80% deutscher Abstammung. Man hat die Wahl zwischen Hotel Eberwein, Hotel-Pension Adler, Deutsches Haus oder ähnlich teutonisch klingenden Unterkünften. Wir neigen eher zu einer der Fischerhütten, wie sie von der Swakopmund Municipality angeboten werden und schwelgen übermütig in Vorfreude auf eine romantische Nacht am endlos rauschenden Meer. Tatsächlich sind die vermeintlich romantischen Fischerhütten eine Ansammlung von Bungalows im Ferienlagerstil. Der schützende meterhohe Stacheldraht um die Anlage herum lässt auch andere Assoziationen zu.

Der grau verhangene Himmel und die feucht-kalte salzige Luft changieren perfekt zur Unterkunft und so bleibt denn auch die Frage nach Sonne unbeantwortet. Petrus scheint wohl noch im Urlaub zu sein. Überhaupt ist Swakopmund aufgrund des kalten Benguela-Stroms von einem gemäßigt-kühlen Klima geprägt, so dass die Temperaturen hier wenig afrikanisch ausfallen. Wenig afrikanisch wirkt die Stadt auch sonst. Die Straßen sind breit angelegt und trugen bis vor kurzem überwiegend deutsche Namen. Seit 2002 werden sie nach und nach durch afrikanische ersetzt. Noch immer gibt es die Bismarckstraße, die Hafen- oder die Werftstraße. Wen es nach Kultur dürstet, der besichtigt das Prinzessin Rupprecht-Heim, das Woermann-Haus, die Evangelisch-Lutherische-Kirche oder sonstige Überreste des deutschen Kolonialerbes. Wer shoppen will, der findet alles, was das einfache Touristenherz begehrt: Bücher, Souvenirs, Kunstgewerbe und jegliches Safarigedöns. Und wem nach so viel Weltkulturerbe nach körperlicher Erbauung gelüstet, dem sei ein dickes fettes Stück Schwarzwälder Kirschtorte im Café Anton empfohlen. Fast könnte man sagen, die Stadt besäße einen grotesken Charme, wenn da nicht die vielen stacheldraht-umzäunten Anwesen wären, der obligatorische schwarze Gärtner inklusive und die Ladenbesitzer, die ihre Geschäfte lieber nach jedem Kunden abschließen. Kücki’s Pub Restaurant soll ein beliebter Treffpunkt der Einheimischen sein. Wir erwarten multi-kulti und müssen uns dann doch eines Besseren belehren lassen, denn auch hier widerspiegelt sich die gesellschaftliche Spaltung des Landes. Die weiße Minderheit lümmelt am Tresen und genießt den unschlagbar preiswerten King Klip, während der schwarze Gärtner in Ermanglung dieses für ihn unerschwinglichen Luxus seine Abende wohlweislich in den Townships am Rande der Stadt verbringt.

Apropos Shoppen: Wer sich für Literatur interessiert, kann in den diversen Buchläden von Swakopmund jegliche Schriften jedweder Epoche deutscher Geschichte seit 1870 erwerben – ob rühmlich oder unrühmlich – im Zweifel im versteckten Hinterzimmer. Ich entscheide mich für Henno Martin: „Wenn es Krieg gibt, gehen wir in die Wüste“. Es erscheint mir angemessen – für einen Angsthasen.

Sarah Paulus

Über Sarah Paulus

Ich bin freie Autorin mit Fokus auf Reportagen und aktuelle Themen rund um Reise, Politik, Menschen und Kultur. Meine Artikel und Reportagen wurden u.a. in der FAZ, der Süddeutschen Zeitung, der Morgenpost, dem Tagesspiegel, der Welt/Welt am Sonntag, bei Spiegel Online sowie in diversen Magazinen veröffentlicht. Sarah Paulus
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