Namibia (Teil 2): Auf Augenhöhe

Auf keinen Fall wollten wir nach Etosha. Bloß nicht in diesen Tierpark, wo alle hinfahren. Schließlich sind wir nicht alle, nicht wir – Individualisten und Eigenbrötler. Aber wie es so ist in einem großen Land. Wenn man einmal da ist, will man überall hin. Die Neugier frisst einen schier auf. Man könnte ja etwas verpassen. Wir waren also doch in Etosha und sind nun auf der Weiterfahrt, zunächst über 200km Schotter- und Sandpiste quer durch Etosha in südwestlicher Richtung. Die Piste erfordert Ausdauer und bietet allerlei Herausforderungen: Sand, Steinschlag, Fahrrillen, Berg und Tal, spannende Kurven, Tiere über Tiere. Nicht alle sind sofort erkennbar. Der unscheinbare Sandhügel ganz in der Nähe kann sich ganz plötzlich in einen zottligen König der Wildnis verwandeln. Also Augen auf beim Pinkeln und beim Fotografieren.

Wir fahren weiter über Outjo und Khorixas. Die beiden Orte sind als bessere Straßendörfer überraschend gut mit kleinen Läden, Tankstellen, Supermarkt und Banken ausgestattet. Hier kann man aussteigen und eine Brise afrikanischen Dorflebens schnuppern, dabei eine eiskalte Ananasbrause schlürfen und es den einheimischen Männern, Frauen und Kindern gleichtun, die vor dem Supermarkt sitzen und im Schatten eines Wellblechdaches schnatternd oder dösend kostbare Tageszeit verstreichen lassen.

Gleich hinter Khorixas hört die schöne Teerstraße abrupt auf zu existieren. Ab jetzt geht es Berg und Tal über Schotter und durch trockene Flussläufe hinein ins bergige Land der Damara. Das ewige Hin- und her Schlingern verleitet mich alsbald zu einigen deftigen Wutausbrüchen und Rolf muss das Steuer übernehmen. Die Beifahrerin genießt nun für beide die einmalige Aussicht und denkt zurück an Etosha und an John.

John ist Student und arbeitet in seiner Freizeit als Guide im Etoscha Nationalpark. Ich denke, es ist nicht sein richtiger Name aber John klingt eingängig und für multilingual-gebildete Weltreisende rasch einprägsam. Egal, wie er nun wirklich heißt, John steht pünktlich bei Morgengrauen mit seinem entkernten Freiluft-Jeep am vereinbarten Platz bereit und lässt in den kommenden Stunden all jene ihre Aufwartung machen, die in dieser Gegend Rang und Namen haben: Eine Löwenfamilie beim Wassertrinken, Giraffen beim Kauen, Elefanten beim Flanieren, Nashörner beim Glotzen. Wir freuen uns wie kleine Kinder im Tierpark und zum Dank für so viel Begeisterung dürfen wir ihn ausfragen. John ist im Damaraland geboren.

Sein Volk hat eine jahrhundertealte Kultur und gehört neben den San zu den ältesten Einwohnern dieser Region. Sie selbst bezeichnen sich als Nu-Khoi (schwarze Menschen). Ihre absolut schwarze Hautfarbe sowie geringe Sprachreste lassen einige Forscher den Sudan als Urheimat vermuten. Später wurden sie von überlegenen Nomadenvölkern, wie den Herero und den Nama, deren Sprache sie annahmen, unterworfen. Obwohl sie in der Kunst des Eisen- und Kupferschmelzens bewandert gewesen sein sollen und für ihre Herren Äxte und Speerspitzen schmieden mussten, begegnete man ihnen mit Verachtung. Ihr Stammesgebiet erhielten sie 1906 von den Deutschen als Belohnung für die während der Aufstände erwiesene Treue. Im Zuge des Odendaal-Planes 1962 wurde ihr Reservatsgebiet aus dem staatlichen Aufkauf und der Neuverteilung von Farmen weißer Siedler von reichlich 6.000 qm auf ungefähr 48.000 qm vergrößert. Von den 97.000 Damara leben heute nur 25% in den ehemaligen Homelands, der größte Teil arbeitet auf Farmen Weißer, in Minen oder in den Städten. John ist ein ehrgeiziger junger Mann mit vielen Plänen: Das Studium beenden, eine Firma gründen, im Tourismus arbeiten.

„Jetzt sind wir in seinem Homeland“, bringt die Beifahrerin ihren Gedankenausflug zu Ende, während Rolf zielsicher das Gefährt durch die Spurrinnen lenkt.

Eigentlich wollen wir im Aba Huab Camp campieren, nur 5km von Twyfelfontein entfernt, sofern man den Abzweig bei Georges Shop beachtet hat. Das haben wir aber es hilft uns nicht wirklich weiter. Als wir gegen 17 Uhr recht verschwitzt eintreffen, befindet sich das Camp gerade im Zentrum eines Sandsturmes. Traurige Gestalten hängen an einer versandeten Bar herum, die Zelte dümpeln in einer Art Sandmarinade. Hübsch. Afrikanisch. Bei schönem Wetter vielleicht. Doch bei aller Liebe, nicht hier und heute. Also zurück zu Georges Shop, nur wenige Kilometer weiter soll es das Camp Xaragu geben, das wir, hinreichend erschöpft, gegen 18:00 Uhr erreichen.

Gott sei Dank, freie Plätze und allerliebstes Umfeld mit Pool, Bar, kleinem Restaurant und entzückenden Mitbewohnern. Rolfi ist in seiner Euphorie nicht zu bremsen und schafft sofort am Dachzelt.

„Sarah, kommst Du mal schnell.“

Das mache ich und gemeinsam starren wir in Augenhöhe auf ein Wesen mit lustigen großen Ohren und ebenso beeindruckenden rehbraunen Knopfaugen. In seinem Gefolge defilieren ein Strauß (nicht mehr auf Augenhöhe) und zwei Springböcke. Das Großohr und seine Begleiter betrachten eingängig Rolfs Dachzelt und flanieren dann unbeeindruckt weiter. Wenig später macht der Xaragu seine Aufwartung. Er sieht aus wie eine Mischung aus Eichhörnchen und Ratte und  wurde von der Campdirektion als Komiker eingestellt. Seine Lieblingsbeschäftigung: Buddeln, Schuhe und Rucksäcke besteigen, Männchen sowie einen auf ganz, ganz niedlich machen. Am liebsten natürlich vor Publikum. Dann rekelt er sich auf einer Liege am Pool oder sitzt, wie ein altes Muttchen aus dem fernen Russland, an einen Pfahl gelehnt, die Pfötchen in den Schoß gelegt. Ganz klar, Xaragu ist unser Held.

Der Aufenthalt im Damaraland steht im Zeichen der aktiven Erholung. Eine Wanderung soll uns über schöne Hügel und durch trockene Flußläufe der Gegend führen. Wanderwege? Fehlanzeige! Wegweiser? Erst recht. Na und, wir haben einen Kompass, denkt sich Rolf. Mit dem können wir zwar nicht umgehen, nehmen ihn aber trotzdem mit und üben auf dem Weg ganz mächtig damit herum. Kann ja alles nicht so schwer sein, den nächsten Berg angepeilt, los geht’s, zurück findet man immer, denkt sich der Kosmopolit. Aber soweit kommt es nicht.

„Hast Du was bemerkt?“

„Was denn?“

„Jemand folgt uns“

„Wer denn?“

„Da.“

„Ich seh nichts.“

„Na, da.“

„Was ist das?“

„Ein Strauß.“

„Na und?“

Wenig später finden wir uns nach kurzer aber vergeblicher Flucht auf einem großen Stein wieder, mit Stock und aufgeklappten Taschenmesser bewaffnet. Belagert von einem vielleicht einsamen, ganz sicher aber verwirrten Strauß, der uns von oben in die Augen starrt. Auge um Auge. Zahn um Zahn. Nach gefühlten unendlichen Minuten gegenseitigen Abschätzens sehen wir Einheimische am Horizont. Mir gelingt es, einen jugendlichen Ersthelfer herbeizuwinken, der beim Näherkommen seltsame Laute von sich gibt und unseren Störenfried verjagt. Gerettet. Umarmungen. Danke. Fotos.

Der Sinn nach weiteren Erkundungen, mit oder ohne Kompass, ist uns zunächst gründlich vergangen und wir kehren glücklich in den bereits erwähnten Shop von Georg ein. Eiskalte Cola für diese „stupid white tourists“, wenngleich George in erster Linie Alkohol verkauft, was den glasigen Augen der einheimischen Gäste deutlich ins Gesicht geschrieben steht und auch der Veranda der Bar, die aus unzähligen, einzementierten Bierflaschen besteht. Schöner Wohnen. Man kann hier auch Reifen reparieren lassen und Propangasflaschen auftanken. Nach jedem Verkaufsakt wird die Tür zum eigentlichen Shop mit diversen Vorhängeschlössern verriegelt. Es ist so ca. 14 Uhr und wir versuchen ein Gespräch über die Schönheit des Damaralandes. Das ist allerdings nur begrenzt möglich, da unser Pärchen am anderen Ende des Tisches schon stark dem Black Label zugesprochen hat und nur noch bedingt folgen kann. Eine Freirunde dieses Bierchens schmeißen wir dann doch – Weiße haben schon früher den Alkohol gebracht – und machen uns wenig später auf den Fußweg zurück nach Xaragu.

Zu Abend speisen wir im Restaurant des Camps. Es gibt eine Gemüsesuppe, ein kleines Buffet aus Salat, Nudeln, Kartoffeln, Kudusteak und Huhn sowie Dessert. An unserem Tisch sitzen Franzosen, die nicht nur ausschließlich französisch, sondern auch nur ausschließlich miteinander sprechen wollen und an den Lippen eines legionärsgesichtigen Ich-hab-schon-alles-von-der-Welt-gesehen-Typs sowie dessen, scheinbar aus Polen stammenden, Freundes hängen. Auf der anderen Seite: Jutta, Herbert und Gisela – sechzigjährige Deutsche mit dem Wolfgang als Geburtstagskind in ihrer Mitte. Der Herbert erklärt der Gisela unermüdlich und den ganzen Abend lang die Welt. Jutta ist sichtlich stolz auf ihren prahlenden Mann, während Gisela interessiertes Zuhören heuchelt. Wolfgang würde gern gefeiert werden aber es gelingt ihm nicht.

Ein wenig Blues macht sich am Tisch breit. Die Mondsichel erklimmt den Nachthimmel und wir entdecken das Sternbild Strauß. Nur in der südlichen Hemisphäre ist es wahrnehmbar und auch dort nur in seltenen Konstellationen. Ein Scherz? Eine Halluzination? Eine Projektion? Wenn ja, wovon? Des eigenen Ichs oder des Über-Ichs? Ist nicht das, was wir erleben und wie wir es für unsere Zwecke interpretieren sowieso ein Stück weit Halluzination? Eine Art Schönfärbung des Seins, dieses Seins, dass wir in Meinungen, Fragen und Äußerungen in die Umwelt projezieren? Und wenn ja, ist das schlimm? Bringt es etwas, gegen das eigene Ich anzukämpfen? Was kommt danach? Der Kampf gegen das Über-Ich? Zu viele Fragen? Stimmt!

Sarah Paulus

Über Sarah Paulus

Ich bin freie Autorin mit Fokus auf Reportagen und aktuelle Themen rund um Reise, Politik, Menschen und Kultur. Meine Artikel und Reportagen wurden u.a. in der FAZ, der Süddeutschen Zeitung, der Morgenpost, dem Tagesspiegel, der Welt/Welt am Sonntag, bei Spiegel Online sowie in diversen Magazinen veröffentlicht. Sarah Paulus
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