Namibia (Teil 1): Annäherung

Afrika! Zum ersten Mal in Afrika. Und ich meine in diesem Fall nicht Tunesien, nicht Ägypten, nicht Marokko sondern das richtige Afrika, für mich Schwarzafrika, auch wenn die Bezeichnung politisch unkorrekt sein sollte. Skepsis und Zweifel bestimmen den Gemütszustand der ersten Stunden. Träume ich? Kneif mich mal. Bin ich wirklich hier? Auch in Namibia ist dieses Gefühl recht ausgeprägt. Die Landschaft zwischen Flughafen und Windhoek mutet wenig afrikanisch an, wenngleich man sicher zugestehen muss, dass Anmut kaum zu den wesentlichen Eigenschaften von Flughafenstraßen irgendwo auf der Welt gehört. Still sitze ich im Auto und suche verzweifelt nach diesem Afrikagefühl, zumindest nach jenem, das gemeinhin die Vorstellungskraft innerkontinental reiseerfahrener Westeuropäer prägt, nicht wirklich wissend, was es ist, dieses Gefühl von Afrika.

Koloniale Buschromantik am Fuße der Ngong-Berge? „Das Grauen! Das Grauen!“ im Herzen der Finsternis? Resignation und Offenbarung zwischen Kairo und Kapstadt? Überlebenskampf und Menschwerdung in der kargen Schönheit der Namib-Wüste? Der vergessene Kontinent? Blutdiamanten, die erst den Gewaltrausch marodierender Söldnerschergen finanzieren und heutzutage an Brüsten von Topmodels baumeln?

Wer nach Afrika reist, sollte nicht nur im TUI Katalog gelesen haben, wenngleich die Wirklichkeit immer im Auge des Betrachters liegt. Afrika ist nicht gleich Afrika und Namibia ist nicht gleich Kongo, nicht gleich Tansania. Namibia ist bis heute eines der wenigen afrikanischen Länder mit einem stabilen politischen System und einer praktikablen Infrastruktur. Beides ermöglicht individuelles Reisen nahezu problemlos. Namibia ist Afrika für Anfänger.

Anfängeraugen blinzeln an einem Sonntag im September gegen 7 Uhr nach zehn Stunden reichhaltigem Schlaf in einer kleinen Pension in Windhoek erwartungsvoll aus dem Schlafsack. Offensichtlich bin ich in Afrika! Wir haben einen Camper mit Dachzelt gebucht – our home our castle für die nächsten Wochen. Gen Norden, entlang der B1 soll es gehen, zunächst ins 280km entfernte Waterberg, das Waterloo der Herero von einst.

Nach 60km bietet sich ein erster Stopp in Okahandja an. Genauer gesagt, ist es nicht nur ein Angebot sondern ein unbedingtes Muss, denn wir hatten unser rollendes Eigenheim in Windhoeks Industrial Area wie Friseure bestiegen. Beide Gehirnhälften waren sich einig und wollten nur eins: Losfahren, losfahren, losfahren und endlich rein ins wahre Afrika. Ohne Proviant, ohne Wasser. Das tut man nicht, doch manchmal folgt das Glück den Arglosen und so finden wir in einer Seitenstraße einen großen SPAR-Supermarkt, in dem man nach Herzens Lust shoppen kann: Brot, Marmelade, Butter, Wurst, Obst, Milch, Nudeln, Kartoffeln, Cola, Bier, Wein, Wasser und jede Menge Dosenzeugs. Sonst noch Wünsche? Na klar. Dem Camper und Weinliebhaber seien die 1 oder 5 Liter Pappboxen der Marke Tassenberg empfohlen. Die haben einen äußerst praktischen Hahn, können so jederzeit wieder verschlossen und transportiert werden. Noch dazu erspart man sich das nervige Flaschengeklapper. Bezahlt wird mit Kreditkarte. Ja, sind wir denn wirklich in Afrika? Aber ja doch.

Mittendrin im Herero-Land sind wir. Okahandjia ist ein wichtiges Stammeszentrum und heißt auf einheimisch „große sandige Ebene“ Es liegt auf 1.400m Höhe und hat 14.000 Einwohner. Im Ort findet man die Gräber früherer Häuptlinge direkt neben der Kirche, die 1872 von der Rheinischen Missionsgesellschaft errichtet wurde. Die Ortsgründung fiel in das Jahr 1894, als die Deutschen ein Fort bauten und einen militärischen Stützpunkt einrichteten. 1901 war der Ort über eine Schmalspurbahn mit Swakopmund und der Küste verbunden. Das Bahnhofsgebäude steht noch immer. Als 1904 der Krieg mit den Herero ausbrach, suchten die Ortsbewohner im Fort Schutz, während ihre Häuser und Geschäfte geplündert und zerstört wurden. Zum Gedenken an die verstorbenen Herero-Häuptlinge und die verheerende Schlacht am Waterberg findet jedes Jahr am ersten Sonntag nach dem 23.08. ein großes Herero Treffen statt.

Leider kommen wir zu spät und so geht es weiter Richtung Norden, bis kurz vor Otjiwarongo, wo wir die Hauptstraße verlassen und nach wenigen Kilometern die erste Schotterpiste erreichen. Absitzen und Umschalten auf Allrad. Vorsichtshalber. Man weiß ja nie. Als Stadtcruiser mit Ralley-Erfahrung in staubgeschützter TV Umgebung sowieso nicht. Vor uns liegt weites trockenes Savannenland, das Waterberg Plateau flimmert wie eine Fata Morgana am Horizont. Es ist heiß, staubig und die Hitze flirrt ganz mächtig. Oh ja, das fühlt sich an wie Afrika.

Mit elf ethnischen Hauptgruppen, elf traditionellen Sprachen und 26 Dialekten ist die kulturelle und sprachliche Vielfalt in Namibia recht ausgeprägt. Die meisten Einwohner identifizieren sich bis heute mit einer der größeren Kultur- und Sprachgemeinschaften. Zu den ältesten und heutzutage nahezu ausgelöschten zählen die san (buschleute). In der modernen Gesellschaft verankert sind die Dama, Herero, die Ovambo-, Okavango- und Caprivi-Stämme, die Tswana, Rehobother Baster, Nama und natürlich Weiße. Letztere vertreten lediglich 5% der Gesamtbevölkerung, noch weniger die Tswana, gegenüber den Ovambo mit dem höchsten, nämlich 50% Bevölkerungsanteil. Die Rehobother Baster sind übrigens Einwanderer aus der nordwestlichen Kappprovinz, hervorgegangen aus Ehen weißer Grenzfarmer und Handwerker mit einheimischen Khoi-Frauen. Der Terminus Baster gilt als Ehrenname.

Am Fuße des Waterberg Plateaus befindet sich das Bernabé-de-la-Bat Restcamp. Das Empfangspersonal versprüht den schläfrigen Charme einer westfälischen KFZ-Zulassungsbehörde der ausgehenden 70er Jahre und beglückt mit den üblichen afrikanisch-namibischen Einreiseformalitäten. Wichtige Formular sind mit Vor- und Nachname, Zielort, Datum, KFZ-Kennzeichen auszufüllen. Kontrolliert wird mehr oder weniger sorglos. Rolf beobachtet das Prozedere amüsiert und denkt sich seinen Teil.

Das Camp bietet alles, auch die Dinge, die man nicht unbedingt braucht. Jeder Stellplatz verfügt über Wasser, Licht und Grillmöglichkeit. Die sanitären Einrichtungen sind extrem sauber. Bei Bedarf kann man Bungalows mieten. Es gibt einen kleinen Shop sowie einen Pool mit herrlicher Bar. Was für ein Luxus, mitten in diesem trockenen Land. Das denkt sich auch ein Rudel „kleiner Scheißer“, das am Nachmittag quietschvergnügt über den Pool herfällt. Einer der kleinen, wie sich herausstellt, sind es Mungos, trinkt gierig das teure Poolwasser.

Der Tag in einem Camp in Afrika beginnt bei Sonnenaufgang, ohne Hektik mit ein wenig Frühstück und bräsigem Nichtstun vor der Kulisse der afrikanischen Savanne und den Teilnehmern des Castings: Wilde Tiere! Miniaturausgaben von Rehen, kleine zierliche Damara dik-diks, drücken sich in unmittelbarer Nähe unseres Campers herum, werfen scheue Blicke in Richtung der Bewohner und zupfen zittrig ausgesuchte Öko-Grashälmchen vom Hersteller ihres Vertrauens. Unmengen Erdhörnchen flitzen von Erdloch zu Erdloch und spielen Versteck voreinander und vor ambitionierten aber dennoch erfolglosen Fotografen. Marodierende Paviane, die BSR von Namibia, sind weniger eitel, schon gar nicht ängstlich, und kümmern sich energisch um Essensreste in Mülltonnen oder im Zweifel um das Abräumen gut gedeckter Frühstückstische.

Der Waterberg ist ein frei stehendes Massiv von 1.900m Höhe, 48km Länge und einem Plateau von 8-16km Breite. In der sonst flachen Savannenlandschaft fängt er den Regen ab und lässt eine vegetationsreiche Landschaft gedeihen – beliebtes Weideland der Herero von einst. Als nomadisierendes Bantu-Volk betrieben sie extensive Viehwirtschaft und wanderten von Norden her in das Gebiet zwischen Grootfontein, Swakopmund, Windhoek und Gobabis ein. Im Kampf um Weideland, Nahrung und Überleben wurden die dort lebenden Damara vertrieben, versklavt und getötet. Als klassisches Viehzüchtervolk kreist das Denken der Herero um die Herde, die Anzahl und den Zustand der Tiere. Ansehen und Einfluss hängen vom Viehbesitz ab und so genießen die Ahnen große Achtung, da man von ihnen die Herde erbt. Die Herero-Sprache ist außerordentlich melodisch und vokalreich, Ortsnamen wie Otjiwarongo und Okahandja sind ein typisches Beispiel.

Rolf muss immer Berge besteigen. In der Camp-Zentrale lese ich ihm die Warnhinweise vor, die ihn lediglich marginal interessieren. Auch diesen wird er besteigen. Immerhin gibt es den Mountain View Walk. Es waren also schon andere da. Sicher sind sie unbeschadet zurückgekommen. Aber so genau weiß das keiner. Egal! Mein erster Afrika-Berg. Los geht’s, begleitet von zwei Hessinnen, die wir schon beim Hinflug kennengelernt haben und vom Schreien der Paviane, die dazu beitragen, sich dem Afrika-Gefühl ein weiteres Stück zu nähern. Dieses Gefühl hält jedoch nicht lange an und schon nach wenigen 100 Metern überfällt mich diese ‚ich habs ja gleich gesagt Mentalität‘. Verängstigt will ich, auf nicht einmal halbem Wege umkehren und auch die beiden Hessinnen zetern hysterisch mit. Rolf hält eine kurze energische Ansprache, wir Damen werden mit je einem Knüppel bewaffnet und ausreichend wehrfähig gemacht. Scheiß auf Schwerter zu Dingens, oder wie das heißt. Gleich auf dem ersten Touripfad die Hosen voll und die Moral begraben.

Unbeschadet erreichen wir das Plateau und genießen einen bombastischen  Blick über die ewige Weite der Savanne. Ob wir wirklich auf knapp 2.000m Höhe sind? Ganz klein wie Lego kann man den Friedhof gleich neben dem Camp ausmachen. Hier in dieser Ebene, die man von hier oben überblickt, fand die größte und entscheidende Schlacht im Aufstand der Herero gegen die deutsche Schutztruppe in der ehemaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika statt. Auf deutscher Seite wurde die Schlacht von Generalleutnant Lothar von Trotha geführt. Seine Truppe stand einem mehrfach überlegenen Gegner gegenüber. Schätzungsweise hatten sich im Gebiet um den Waterberg 25.000 bis 50.000 Herero, davon 3.000 bis 6.000 Krieger versammelt. Die Geschütze und Maschinengewehre der Deutschen waren im unübersichtlichen Savannenland nur wenig hilfreich, schon gar nicht konnten sie die zahlenmäßige Überlegenheit der Hereros ausgleichen. Darüber hinaus waren die Herero mit dem Kampf in diesem Buschgelände vertraut und das Klima gewohnt. Sie verfügten über genaue Ortskenntnisse und waren im Besitz der Wasserstellen. Dennoch gelang es von Trotha im Verlaufe der Schlacht, die Versorgungswege der Herero abzuschneiden. 80% der Herero verloren ihr Leben, verhungerten und verdursteten.

Heinrich Schnee, Anhänger der deutschen Kolonialpolitik und letzter Gouverneur von Deutsch-Ostafrika konstatierte: „Trotha führte den Krieg rein militärisch in rücksichtslosester Weise durch, das Ergebnis war äußerst übel; viele Menschen wurden unsinnigerweise unter bedauernswerten Umständen vernichtet.“

Wer vom View Point weiter auf das Plateau vordringen will, muss mit Nashörnern und vielem mehr rechnen. Mein Bester will. Klar doch. Das Weibsvolk protestiert und dieses Mal hat der Bergsteiger keine Chance. Also zurück. Unterwegs treffen wir eine XXL-Pavianfamilie bei der Mittagspause sowie zwei Oryxe. Die hektisch geschossenen Fotos sind leider nichts geworden. Tiere wollen nicht immer so, wie wir Amateurpaparazzis. Auch im Camp herrscht Mittagsruhe. Die Abreisenden sind abgereist und die Neuankömmlinge noch nicht angereist. Zeit zum Dösen.

Später am Nachmittag heißt es, Neue kucken: Wie sie den schönsten Platz ergattern wollen, ihre Sachen hin und her räumen und am Dachzelt schier verzweifeln. Wir kennen das inzwischen. Im Dachzelt zu schlafen ist fantastisch, der Aufbau zwar handhabbar, jedoch nicht ganz so selbstgängig, wie man anfangs meint. Einen kräftigen Mann braucht es schon: Rolf der Baumeister, ich der Handlanger. Schnell passt man sich dem Lauf der Natur an. Am Abend werden die Feuerstellen angefacht und wer tagsüber fleißig gesammelt hat, kann mithalten bis die Funken sprühen und die morschen Hölzchen friedlich knistern. Mmmmh, dieser Duft! Von leckerem Gegrillten und holzig-harzigem Rauch. Man möchte gar nichts anderes machen, nur einfach da sein, hier und da einen Blick in die glänzenden Gesicherter im Feuerschein erhaschen und das leise Schwingen ihrer namenlosen Gespräche erahnen. Dem guten alten Wagner, zwar nicht aus dem Grammophon aber immerhin aus der Konserve nachschweigen, das eine oder andere Tässchen roten Tassenberg in die Seele fließen lassen und in den sternenklaren Nachthimmel seufzen.

Man sagt, Glück sei lediglich ein Moment. Dieser ist bestimmt ein solcher, ein ganz großer.

Sarah Paulus

Über Sarah Paulus

Ich bin freie Autorin mit Fokus auf Reportagen und aktuelle Themen rund um Reise, Politik, Menschen und Kultur. Meine Artikel und Reportagen wurden u.a. in der FAZ, der Süddeutschen Zeitung, der Morgenpost, dem Tagesspiegel, der Welt/Welt am Sonntag, bei Spiegel Online sowie in diversen Magazinen veröffentlicht. Sarah Paulus
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